Der MERKUR feiert seinen 75. Jahrgang mit einem Streifzug durch das Archiv von 1947 bis heute. Seit Gründung der Zeitschrift schrieben und schreiben hier einige der klügsten Köpfe zu den Themen der Zeit, und eine verblüffende Vielzahl der Texte lässt sich auch Jahre und Jahrzehnte später noch mit großem Gewinn lesen.

Schon allein wegen dieser Fülle stellt die Auswahl der hier versammelten Texte keine repräsentative Chronik des MERKUR dar, sondern versteht sich als Sammlung von Leseempfehlungen, die Neugier wecken und zu eigenen Erkundungen anregen soll.

Jede Woche schalten wir auf dieser Seite neue Texte frei, die kostenlos zu lesen sind.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Ihre

Redaktion MERKUR

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1972 | Georg Picht: Wissenschaftliche Politikberatung und Umweltschutz

Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik — seit Platon eines der großen Themen der politischen Theorie — wird durch die Bedrohung unserer natürlichen Umwelt in ein neues und unheimliches Licht gerückt. Wir sind im Begriff, unsere eigene Biosphäre zu zerstören, weil Politik und Wirtschaft bedenkenlos mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung spielen, und weil (…lesen)

1973 | Iring Fetscher: Konservative Reflexionen eines Nicht-Konservativen

Im politischen Leben pflegt man diejenigen als »konservativ« zu bezeichnen, die die Verhältnisse »konservieren« wollen, weil sie mit dem Status Quo, der sie oder ihre Gruppe mehr oder minder privilegiert, zufrieden sind. Nimmt man zugleich an, daß mit der industriellen Entwicklung der modernen Gesellschaften wachsende Bildung und mit (…lesen)

1974 | Hans Schuster: Diese gelungene Republik

Der Titel mag provokant erscheinen. Soll man, darf man wirklich von einer gelungenen Bundesrepublik sprechen? Das Jubiläumsjahr 1974 begann in einem Stimmungstief. Die Ausblicke vor dem fast idyllischen Hintergrund der autofreien Sonntage um die Jahreswende waren düster eingestimmt, einige fatalistisch bis apokalyptisch. Krisenfurcht, Unsicherheit, (…lesen)

1975 | Jörg Drews: Wider einen neuen Realismus

»Die Lage wird dadurch kompliziert, daß weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. (…lesen)

1976 | Jean Améry: Hand an sich legen

Ein Wort, von der Sprache der Realität abgezogen, dann von ihr weitergeführt, zuletzt wieder vernachlässigt, so daß es heute schon fast archaischen Charakter hat: Hand an sich legen. Mir ist es freilich immer so überaus eindringend erschienen, durchdringend auch, daß ich es immer noch zu gebrauchen aufgelegt bin, wie abgelebt es auch klinge. Hand an sich legen. (…lesen)

1977 | Dagmar Barnouw: »Wofern du Emma heißest …«

Bei Angriffen auf den status quo zu Vorsicht und Umsicht zu mahnen, ist eine mißliche Angelegenheit; man wird genau dort mißverstanden, wo man Mißverständnisse verhüten helfen will. Sei’s drum: die Sache ist zu wichtig. Der Name EMMA für die neueste »Zeitschrift für Frauen von Frauen« erinnert an Biedermeierbürgertöchter, Tanten und Dienstmädchen um die Jahrhundertwende, (…lesen)

1978 | Michael Rutschky: Unsere Agni. Ein ethnologisches Vexierbild

Man kennt das zur Genüge, es hat sich immer wieder herausgestellt: die Berichte, die Ethnologen über »Wilde«, »Primitive«, »Naturvölker« vorlegen — inzwischen gibt es kaum noch ein Prädikat, das man ohne Skrupel niederschreiben könnte — diese Berichte erweisen sich oft genug als Projektionen. Die Ethnologen haben nicht die fremde Kultur beschrieben, sondern (…lesen)

1979 | Rainals Goetz: Alter ohne Revolte. Max Frischs neue Erzählung

Ein junger Mann liest das Buch, das ein alternder Schriftsteller über einen alten Mann geschrieben hat: Max Frischs neue Erzählung, »Der Mensch erscheint im Holozän«1. Ich bin der Leser, mit meinen 25 Jahren nicht einmal sicher, ob ich bereits zu den Erwachsenen gehöre. Wenn ich, wie an Sonntagen üblich, ins Haus der Eltern komme, (…lesen)

1980 | Zbigniew Herbert: Der Tulpen bitterer Duft

Dies ist die Geschichte einer der menschlichen Irrsinnigkeiten. Es gibt darin keine Feuersbrunst, die eine große Stadt am Fluß verzehrt, keinen Massenmord an Wehrlosen und keine von Morgenlicht übergossene weite Ebene, wo bewaffnete Reiter auf andere Reiter treffen, damit sich am Ende des Tages, nach einer mörderischen Schlacht herausstellt, welcher der beiden (…lesen)

1981 | Georg Jappe: Ende der Avantgarde? Nein danke

Dies wird kein Diskurs. Ein paar lose Gedanken, Positionsüberlegungen, da die Sackgasse der Moderne, das Ende der Avantgarde, die Trans- und Post-Avantgarde die Runde macht. Der Begriff Avantgarde hat sich als zu linear erwiesen, zu eng verquickt mit »Fortschritt«. Wir haben noch immer ein magisches Verhältnis zu Wörtern. Würden wir statt Fortschritt (…lesen)

1982 | Jürgen Habermas: Tod in Jerusalem

Es war am 22. Februar in Jerusalem, eine Stunde nach Mittag. Mitten auf dem Platz vor der Akademie der Wis­senschaften, deren Präsident Scholem ein Jahrzehnt gewesen war, stand, zunächst etwas verlassen, die schmale Tragbahre mit dem am Tage zuvor Ge­storbenen — sarglos, eingehüllt in ein blaues Tuch mit den weißen Schriftzei­chen der Universität Jerusalem. (…lesen)

1983 | Christa Bürger: Arbeit am Ich. Zu Rahel Varnhagens Schreibprojekt

»Also klagen wir nur, Golda, klagen wir, wenn wir nichts tun können und leiden, rein leiden […] klagen Sie mir, sagen Sie mir alles; ich verstehe das meiste, und vom Leiden und allem Menschlichen sehr viel, werde es, sobald es dies wirklich ist, nie überdrüssig, nie zu gut dazu. Ach! Und einen Zeugen unseres Lebens, des Fadens, der innen gesponnen, ununterbrochen, wenn auch nicht immer (…lesen)

1984 | Karl Heinz Bohrer: Die Unschuld an die Macht! 1. Folge: Die Schaden vom Volke wenden

Louis Philippe, der Bürgerkönig der Franzosen von 1830 bis 1848, wurde historisch erinnert durch zwei Merkmale: eine birnenförmige Erscheinung und einen an die Bourgeoisie gerichteten Ausspruch: »Enrichissez-vous!« – Bereichert euch! Die »Birne« und das Juste-milieu des sich liberal nennenden Vormärz sind als Inbild einer unrühmlichen Prosperität in der historischen (…lesen)

1984 | Karl Heinz Bohrr: Die Unschuld an die Macht! 2. Folge: Die Zombies

Der Name Zombie stammt aus der Voodoo-Sprache. Zu uns kam er weniger durch populär gewordene Gelehrsamkeit westindische Rituale betreffend, als vielmehr durch eine bestimmte Unterabteilung des Horrorfilms. Seitdem weiß man, was Zombies sind: »Untote«, aus dem Grab Zurückgekehrte, zu einem marionettenhaften Leben erweckte Leichen, die wie Roboter zu allen (…lesen)

1984 | Karl Heinz Bohrer: Die Unschuld an die Macht! 3. Folge: Die guten Hirten

Es war bei Beginn nicht absehbar, in welch scheußlicher Form der Titel dieser Typologie veranschaulicht werden würde: die dumme Unschuld vom Lande und der schlaue Zombie – ein geradezu unerschöpflicher Stoff für die politische Moritat! Inzwischen spielt jedermann die Lächerlichkeiten von Bonn nach. Der Provinzialismus, das Zurück in das geistige Schunkelmilieu ist deshalb (…lesen)

1985 | Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit

Seit dem späten 18. Jahrhundert bildet sich in der westlichen Kultur ein neues Zeitbewußtsein aus, wird die Geschichte als ein weltumgreifender, problemerzeugender Prozeß begriffen. In ihm gilt Zeit als knappe Ressource für die zukunftsorientierte Bewältigung von Problemen, die uns die Vergangenheit hinterläßt. Exemplarische Vergangenheiten, an denen sich die Gegenwart unbedenklich (…lesen)

1986 | Peter Bürger: Der Alltag, die Allegorie und die Avantgarde

Universalisierung des Zitats, Allegorie ohne Verweisung, Verselbständigung des Signifikanten, Aufgehen der Kunst im total ästhetisierten Alltag – all diese Versuche der Bestimmung der Postmoderne haben eins gemein: sie behaupten die Einebnung von Oppositionen, die für die Moderne Geltung hatten. Der Vorgang ist nicht mit dem zu verwechseln, der in der Dialektik »Aufhebung« heißt. (…lesen)

1987 | Kurt Scheel: Das Prinzip Bayern

Bayern ist anders, man versteht es nicht; und wenn man es versteht, nützt es nichts: Was im nichtbayerischen Restdeutschland zu öffentlicher Empörung, wenn nicht gar zu einem politischen Skandal führen würde, gilt hierzulande als normal – in Bayern gehen eben die Uhren anders. Als dieser Satz populär wurde, zu Zeiten der sozialliberalen Koalition, trug er den Gestus (…lesen)

1988 | Adam Krzemiński: Eine Konföderation in der Mitte Europas?

Die Zeiten, die jetzt anbrechen, sind gleichermaßen günstig für Pragmatiker wie für Visionäre. Zu dieser Ansicht kann man gelangen, wenn man der raschen Annäherung zwischen Russen und Amerikanern zusieht und Gorbatschows Buch1 über Perestroika und »Neues Denken« liest, das seit vielen Monaten Spitzenpositionen auf westlichen Bestsellerlisten einnimmt (…lesen)

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