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Unter Palmen

 

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I)

In der Mittagssonne laufe ich an der neuen BND-Zentrale in der Chausseestraße vorbei und muss daran denken, wie Alexander von Humboldt an die Palmen im Palmenhaus der Pfaueninsel denkt. Man sieht, wenn man zweimal hinsieht, nämlich neben unzähligen Fenstern vor dem Gebäude, zwei eiserne Palmen, grün angestrichen, 22 Meter hoch, ein Werk des Künstlers Ulrich Brüschke. Diese geheimnisvollen “Fürsten der Pflanzenwelt” stehen, wie der Ritter von Linné sie nannte, in der Wüsten-Mitte Berlins, im kalten Frühling, regungslos.

Der idyllische Terrassenbereich vor dem Gebäude soll wie ein “Bühnenraum” wirken, die Palmen, so die Begründung der Preisjury, unterstreichen dabei “die seltsame Ortlosigkeit, die irgendwo im Niemandsland zwischen Wüste und Shopping Mall einen Moment der Verschiebung und Dislozierung schafft”. Shangheidelberg an der Spree. (mehr …)

Männlicher und weiblicher Geist?

Ein Kommentar zu Manfred Schneiders in der NZZ vom 21. April veröffentlichtem “Kommentar zur Gleichstellung”.

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Manfred Schneider, selbst Literaturwissenschaftler, scheint sich Sorgen um die Geisteswissenschaften zu machen. Um die Wahl der Forschungsgebiete, die mehr und mehr von Drittmittelsuche als von Forschergeist oder Leidenschaft an den Inhalten des Faches getrieben werde. Um die Diskussionskultur, die sich in zunehmend seichtem Fahrwasser bewege. Um ein seltsames Anbiedern an die Neurowissenschaften, das philosophische Begriffe, Fragestellungen und Erörterungen auf farbenfrohe Neuro-Imaging-Daten zu reduzieren suche.  Was den Geisteswissenschaften mehr und mehr abhanden komme, sei “das Agonale”,  will wohl meinen, die ebenso leidenschaftlich wie ernsthaft betriebene inhaltliche Auseinandersetzung, die auch den Konflikt und den Widerspruch nicht scheut.

Dies alles sind ernstzunehmende und wichtige Bedenken, die diskutiert werden müssen – zusammen mit der zunehmend prekären Stellensituation im Wissenschaftsbereich, die sich sicherlich gerade bei Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforschern ablenkend und hinderlich auf die leidenschaftlich agonale Positionierung und Gegenpositionierung auswirkt und das Schielen auf die nächste Drittmittelfinanzierung oder die Hoffnung auf eine Beteiligung an den “prallgefüllten Geldtöpfen der Hirnforscher” nötig macht. Dass diese Entwicklungen zu kritisieren sind, steht wohl außer Frage.

Die Frage, die sich im Hinblick auf Schneiders Kommentar allerdings stellt, ist jedoch, was all diese beklagenswerten und zu diskutierenden Missstände mit dem Thema der Gleichstellung zu tun haben. Hier wird Schneiders Argumentation vage, ganz entgegen seiner Forderung nach Entzweiung, Dialektik, Widerstreit, nach “kultiviertem Zwist”, was doch die Formulierung klar formulierter Thesen als Voraussetzung haben sollte. (mehr …)

Sehr geehrter Herr Marquard

Als vorgestern die Nachricht vom Tod Odo Marquards kam, fragte ich mich, warum er – der dafür doch eigentlich prädestiniert gewesen wäre – nie im Merkur veröffentlicht hat. Im folgenden Auszüge aus dem Redaktionsbriefwechsel, die zeigen, dass man ihn durchaus als Autor zu gewinnen versuchte. Mit Dank an Kurt Scheel für die Genehmigung zur Veröffentlichung seiner Anfragen.

16.7.1982

Sehr geehrter Herr Marquard,

Sie haben noch nie im MERKUR veröffentlicht – das finde ich bedauerlich. Ich möchte mit der Tür ins Haus fallen (die Endlichkeit des Lebens…) und Sie fragen, ob Sie Lust (und Zeit) haben, für uns die Bücher von Karl Heinz Bohrer (Plötzlichkeit) und Manfred Frank (Der kommende Gott. Vorlesungen zur Neuen Mythologie) zu rezensieren.

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort,
mit freundlichen Grüßen,
Redaktion MERKUR
(Kurt Scheel)

15.11.1982

Sehr geehrter Herr Marquard,

ich hoffe, Sie haben sich gut im Wissenschaftskolleg eingelebt und festgestellt, daß Sie gar nicht so viele Verpflichtungen vor sich haben, demzufolge für eine Rezension der avisierten Bohrer-Bücher (Plötzlichkeit, Moderne und Mythos) – und eventuell des Buches von Frank (Der kommende Gott) – Zeit und Lust hätten… (mehr …)

Zur Charlie-Hebdo-Debatte

In Amerika wird gerade wieder heftig über Charlie Hebdo gestritten. Vergangenen Mittwoch wurde dem Magazin in New York der PEN Award für “Freedom of Expression Courage” verliehen, inzwischen haben aber über zweihundert PEN-Mitglieder, darunter Michael Ondaatje, Teju Cole und der n+1-Mitherausgeber Keith Gessen, einen offenen Protestbrief gegen die Preisvergabe gezeichnet, was ihnen wiederum heftige Kritik (u.a. von Salman Rushdie) eingebracht hat. Coles kurze Stellungnahme ist hier zu lesen (mit einem Briefwechsel zwischen Protestinitiatorin Deborah Eisenberg und PEN-Präsidentin Suzanne Nossel), Gessens ausführliche hier. “Pro-Charlie” und “Anti-Charlie”-Positionen erscheinen seit einer Woche in einer Frequenz, die dem Heißlaufen der Diskussion im Januar in nichts nachsteht.

Was ich bisher gelesen habe, fügt den Argumenten, die schon vor vier Monaten ausgetauscht wurden, wenig Neues hinzu. Deshalb hier ein paar Punkte, die meiner Ansicht nach in der Debatte noch immer nicht richtig gesehen werden:

1 Ästhetik/Humor vs. Politik

Die meisten Beiträger arbeiten sich an der Frage ab, was oder wie Charlie Hebdo eigentlich ist – ist sein Humor lustig oder einfach nur deplatziert, ist das Magazin rassistisch oder anti-rassistisch, progressiv oder reaktionär, etc. (Ein ins Unfreiwillig-Komische kippendes Beispiel für diese Charaktercheck liefert Jeann-Marie Jackson ebenfalls bei n+1 – abgesehen davon erkennt sie die kritische Frage, ob man lokale Kommunikation nach ihrer globalen Wirkung beurteilen sollte, und beantwortet sie, wie ich finde falsch, mit nein.) Läuft dieser Charlie-Check nicht auf die simple moralisch-ästhetische Unterscheidung Charlie-gut/Charlie-böse, Charlie-lustig/Charlie-blöd hinaus? Als ob sich das so leicht sagen ließe! Und als ob das überhaupt die wichtige Frage wäre. (mehr …)

Jetzt neu: Merkur 792, Mai 2015

MerkurIm Maiheft des Merkur nimmt Friedrich Wilhelm Graf kein Blatt vor den Mund: “Die beiden großen deutschen Volkskirchen sind nur noch erschreckend geistlose Organisationen.”In Grafs Essay geht es dabei um ein schlagendes Beispiel: die strikte Ablehnung des ärztlich assistierten Suizids. Diese ist auch theologisch falsch, erklärt Graf, und warum das so ist, kann man nicht nur im Heft, sondern auch frei online nachlesen. Uns hat Grafs fundierter Furor so überzeugt, dass wir für ihn die Heftarchitektur umgestürzt haben: Was als Kolumne geplant war, ist nun der Aufmachertext.

Der 1996 verstorbene Philosoph Hans Blumenberg – der übrigens nie im Merkurveröffentlicht hat – hat postum weiter Hochkonjunktur. Auf einige Texte in jüngerer Zeit folgt ein Doppel, das weniger die Redaktion als der Zufall der Angebotslage gefügt hat. Birgit Recki, selbst Blumenberg-Schülerin, porträtiert den Denker und Lehrer so leidenschaftlich wie kenntnisreich. Im zweiten Artikel, einem Rezensionsessay, geht es um Blumenbergs zunächst positive, dann kritische Haltung zu Hannah Arendt; eine Entwicklung, die Hannes Bajohr auch anhand unveröffentlichter Dokumente aus dem Literaturarchiv in Marbach sehr präzise nachzeichnen kann.

Im Januar hatten wir einen Schwerpunkt zur Gegenwart des Digitalen. Dass wir das Thema weiter verfolgen, versteht sich von selbst. So gibt es auch im Mai drei Essays, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Internet blicken. Günter Hack ist nicht nur einer der vielseitigsten Intellektuellen, die sich mit diesen Fragen befassen – er ist auch gelernter Schriftsetzer. (Von den großartigen Vogelvignetten, die er für uns regelmäßig verfasst, ganz zu schweigen.) Diese Fachkunde ist in seinem spannenden Text über die Entwicklung der Typografie hin zur Gegenwart des Responsive Design nicht zu übersehen. Daneben zeigt Michael Esders, wie im Netz Wörter und Sprache zum Gegenstand von Ranking- und Kapitalisierungsinteressen geworden sind. Und Max-Otto Baumann diagnostiziert ein weit reichendes Datenschutzversagen der deutschen Politik – dies ist der zweite online freigeschaltete Text aus dem Heft.

Der Überblick über das Maiheft findet sich hier.

Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust

Lieber Merkurblog,

heute habe ich Dir einmal aufgeschrieben, was ich alles an Berlin so mag.

Berlin ist die Stadt der Jugend und der Künstler! Die Künstler, die aus aller Welt nach Berlin kommen, sind so jung, dass man in dieser Stadt mit 50 Jahren als Kulturpolitiker schon zu alt ist. Sie sind so erfüllt von Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust, dass ihre Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust die ganze Stadt ergriffen haben. Berlin ist die Stadt der Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust. Die Stadt des Aufbruchs. Ja, es ist Frühling in Berlin!

Und jetzt, in der Zeit der Kirschblüte, bittet Berlin die letzten Intendantengreise, ihre Sessel zu räumen. Liebevoll, in Dankbarkeit, aber auch entschlossen. 50 ist das neue Rentenalter für Intendanten in Berlin. Adieu, Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. Das muss so sein. Die Künste müssen die Gegenwart packen und umarmen, ganz ganz fest. Das können nur Künstler, die voll in der Gegenwart leben, weil sie wissen, dass sie noch Zukunft vor sich haben. “Na klar”, sagen Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. “Das verstehen wir. Wir gehen gern und in Frieden.” Und aus Wilmersdorf ruft Thomas Ostermeier: “Ich bin zwar erst 46, aber auch schon viel zu lange im Amt. Ich gehe auch. Ich bin so gespannt, was nach mir kommt!” Die Neugier auf die Kraft und Lust der Jugend hat sie alle gepackt. Die unbändige Lust auf Veränderung! (mehr …)