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Das Juliheft

Das Juliheft: Hier die Übersicht mit Kaufoptionen. Hier das Editorial.

Zum Inhalt:

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: die Romane Leo Tolstois mit den Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des deutschen Fernsehens zu vergleichen. Wolfgang Kemp ist auf diese fast frivole Idee gekommen, und er hat in seinem Essay „Sie schon wieder“ ein überzeugendes tertium comparationis gefunden, nämlich die Frage nach Wiederholungsstrukturen beim Erzählen. Erstaunlich ähnlich ist der Spagat, den Helmut Müller-Sievers unternimmt, wenngleich die Nähe zwischen den einander historisch eher fern stehenden Phänomenen hier schon eher auf der Hand liegt. Was genau, so seine Frage, haben die neueren US-amerikanischen Serienformate mit der Erzählökonomie des Fortsetzungsromans, der im 19. Jahrhundert seine Blüte erlebte, zu tun. Aus anderer Richtung geht der Schriftsteller David Wagner auf ähnliche Problemlagen zu. Erzählend denkt er über das Schreiben und das Erzählen nach, und zwar nicht zuletzt sein eigenes.

Abseits dieses nicht durch redaktionelle Planung, sondern durch glückliche Fügung und Heftkomposition entstandenen kleinen Schwerpunkts: Michael Rutschky berichtet – online frei lesbar – über sein Jahr als Redakteur des Merkur – das war im Jahr 1979. Wie bei diesem großen zeitdiagnostischen Essayisten nicht anders zu erwarten, ist das kein nostalgieseliges Erinnerungsstück, sondern das lakonische Porträt einer anderen Zeit und nicht zuletzt des damaligen Merkur-Herausgebers Hans Schwab-Felisch. Auch eher rückblickend: Eckhard Schmumachers Lektüren neuerer Musikerautobiografien von Johnny Rotten bis Westbam. Ganz gegenwärtig dagegen: Thomas E. Schmidts zwischen Habermas und Luhmann hin- und hergespielte Überlegungen zu „Lügenpresse“ und vierter Gewalt. Der Zukunft zugewandt dann: Christoph Menke, der in seiner Philosophiekolumne über die „Möglichkeit der Revolution“ nachdenkt – das ist der zweite von uns freigeschaltete Text.

Warum ökonomische Prognosen gar nicht funktionieren können, erklärt Tobias Schmidt. Paul Ford hat gerade mit seinem epischen und extrem lesenswerten, eine ganze Sonderausgabe der Bloomberg Businessweek füllenden Text „What is Code?“ (hier die Online-Version) richtig Furore gemacht. Bei uns ist ein kleiner böser Essay über „Höflichkeit“ von ihm zu lesen. Der Schriftsteller Philipp Schönthaler porträtiert mit Dieter Zetsche und Steve Jobs zwei Manager sehr unterschiedlichen Typs. Außerdem: Christian Schröder über Superschurken. Günter Hack über den Grünfinken. Stephan Herczeg sucht eine Wohnung, fährt Zug und gibt sich Kultur.

Merkur-Gespräche: So war’s

vorbereitungAm 25. Juni diskutierten Hanna Engelmeier, Nacim Ghanbari, Beate Söntgen, Armen Avanessian und Remigius Bunia über die „Lage der Universität„. Der Saal war mehr als voll, das Publikum diskutierte angeregt mit. Eine Besucherin hat tolle Fotos gemacht, die finden sich hier. Sehr eindringlich setzt sich Lukas Latz im Freitag mit einigen der diskutierten Probleme auseinander und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Student: „An meinem Institut – ich studiere Komparatistik an der FU – fühle ich mich oft wie ein Autodidakt; in der Literatur zu Recht eine Witzfigur. Durch geistige Isolation werden wir zu prätentiösen Narzissten und Knilchen, die Professoren für Götter halten.“

In der Welt gibt es einen Text von Mara Delius über den Abend: „Beim Diskussionsabend nun trat mit Diskutierenden, die zwischen 1973 und 1983 geboren wurden, ein anderes Phänomen auf – die Generation Postdoc. Es handelt sich dabei um eine Zwischengeneration, akademisch aufgewachsen im Vor-Bologna-Zeitalter, und jetzt, nach der Promotion, vor der Professur, unbehaust zu Hause in einem System, das zwischen der Reform und der Reform der Reform hin und her trudelt. „

Über Loops

Der folgende Text ist eine kurze Einführung zu Tilman Baumgärtels Buch Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops, das soeben bei Kadmos erschienen ist. Das letzte Kapitel daraus – Im Rhythmus bleiben. Loops und die Homöostase der Moderne – gibt es hier als Leseprobe. Das Buch hat auch eine Website.

1983 kaufte ich von unserem Nachbarn einen Commodore 64, den bis heute meistverkauften Computer der Welt. Der Nachbar wollte sich ein neueres Modell anschaffen, und so kam ich für hundert Mark Gymnasiasten-Taschengeld an meinen ersten Rechner samt einem Handbuch für die Programmiersprache BASIC. Zu dieser Zeit hatten Computer nur rudimentäre graphische Interfaces, und um sie bedienen zu können, musste man eine Programmiersprache beherrschen. So machte ich mich – nach einigen Runden der mitgelieferten Spiele Donkey Kong und Scramble – daran, die ersten BASIC-Befehle in den Rechner ein zu geben.

In dem Handbuch war das erste Programm, das man ausprobieren sollte, das folgende:

100 PRINT „HALLO“
200 GOTO 100
RUN

Der Vorteil von BASIC besteht darin, dass seine Befehle im Gegensatz zu anderen Programmiersprachen eine gewisse Nähe zur Umgangssprache haben. Sie sind in einer durchnummerierten Liste angeordnet, die der Computer nacheinander abarbeitet. Das RUN befahl dem Computer, mit der Ausführung des Programms zu beginnen. Der Befehl PRINT „HALLO“ sagt dem Rechner, dass er das Wort „HALLO“ auf den Monitor zeigen soll. Der zweite, GOTO, ordnet an, dass das Programm wieder zum ersten Befehl in der Liste zurückspringen soll, also zu PRINT „HALLO“. Was das kleine Programm tat, war daher nichts weiter, als immer wieder das Wort „HALLO“ einen Buchstaben nach dem anderen in Versalien auf den Monitor zu schreiben. (mehr …)

Undertheorized: Ein Workshop mit Kenneth Goldsmith

An der Schule, wo ich Abitur gemacht habe, wurde in der Oberstufe der Grundkurs „Darstellendes Spiel“ angeboten. Um die fürs gemeinsame Theaterspiel notwendige Lockerheit herzustellen, wurden dort alle Teilnehmer, so hatte ich gehört, zu Beginn des Semesters aufgefordert, ihre Hosen auszuziehen. Für mein Teenager-Ich keine schöne Vorstellung, weshalb ich statt „Darstellendes Spiel“ lieber „Kunst“ belegt habe. Als Kenneth Goldsmith an einem kühlen Juni-Samstag im Berliner HKW seinen Workshop Wasting Time on the Internet abhält – eine Kurzversion jenes Schreib-Seminars, das er im vergangenen Winter an der University of Pennsylvania unterrichtet hat, mehr dazu hier und hier –, gibt es einen ähnlichen Alle-ziehen-ihre-Hosen-aus-Moment, nur ist er gewissermaßen ins Digitale verschoben: Stellt Eure Laptops ab, sagt Goldsmith, jede/r kann jetzt an jeden Computer gehen und beliebige Dateien oder Programme öffnen. Einzige Regel: nichts löschen, nichts hinzufügen. Alarmiert gehe ich im Kopf alle meine intimen Dokumente durch, finde Beruhigung in der Tatsache, dass die derart in den Tiefen labyrinthartiger Dateistrukturen versunken sind, dass sie wohl keiner finden wird. Zögerlich verlasse ich mein MacBook Pro und steuere wahllos den nächsten Computer an, öffne hastig und zufällig irgendeine Bilddatei auf dem Desktop,  ein grünes Kleid, Zalando, glaube ich. Ich wechsle zum nächsten Gerät, registriere den individualisierten Bildschirmhintergrund, tippe ein Icon an und weiter – jeder Laptop eine Welt für sich, mit eigener Ästhetik und eigener Systematik, die auf die Schnelle kaum zu durchschauen ist. (mehr …)

Lehrauftrag

Lehraufträge kommen und gehen, wie ihre Beauftragten. Sie beginnen mit einem Werkvertrag, der per Post zugestellt oder in einem halbvertrauten Sekretariat der Verwaltung unterschrieben wird; sie enden mit einem Seminarraumschlüssel, der zusammen mit einigen Listen in einen Briefumschlag gesteckt und in einem Postkastenschlitz verstaut wird, weil diejenigen, die vor Ort arbeiten, zum Zeitpunkt des Seminarendes bereits außer Haus sind.

Die Universität stimmt die anwesende Abwesenheit der Lehrbeauftragten mulmig, weil sie eine Stellenlosigkeit bloßstellen. Die Verwaltung empfindet ihre spontanen Auftritte und systemunvertrauten Anfragen nicht selten als Störung. Im Unterschied zu Gastvorlesenden sind Lehrbeauftragte keine Gäste. Sie werden nicht eingeladen, begrüßt oder verabschiedet, sondern beauftragt, wie Handwerker, nur ohne Kostenvoranschlag. Ihre Lehre machen sie selbstständig. Erfahrungsstufen klettern sie nicht hinauf. Lehraufträge sind Auftragsarbeiten akademischer Lehre. (mehr …)