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Pour Rainald Goetz

Es könnten durchaus 300 Croissants sein, die ich mittlerweile bei Pierre Hermé gegessen habe. Anlass ist der Besuch im V. und VI. Arrondissement. Dort ist die Uni, also Arbeit. Man muss es sich schön machen, weil diese Pariser Stadtteile nicht schön sind. Man sieht vor allem Studenten, Reiche und Alte. Es ist die Zone der schiefgegangenen Schönheitsoperationen. Nur manchmal, wenn ich am Panthéon vorbeigehe, bin ich eingeschüchtert und muss lächeln. Das Panthéon will natürlich einschüchtern, schließlich werden dort diejenigen aufgebahrt, denen die wohl einzige Unsterblichkeit, die Sinn macht, beschieden ist, die republikanische nämlich. Rousseau wusste, dass es eine Zivilreligion braucht, Robespierre träumte gleich vom „culte de l’Être suprême“. Bevölkert wird der republikanische Himmel überwiegend von Männern. Dieser Olymp ist ein ziemlicher Sackhaarberg.

Sonst wüsste ich aber nicht, warum man sich im V. oder VI. Arrondissement aufhalten sollte. Nur manchmal kommt Tilman Krause von der Welt und ist traurig, dass Paris auch nicht mehr das ist, was es mal war. Noch immer gibt es viele Leute aus der Modebranche, die englischen Zeitungen ihr Paris zeigen wollen und den Lesern empfehlen, unbedingt ins Café de Flore oder ins danebenliegende Les Deux Magots zu gehen. Diesen Leuten sage ich: Ich will Euch nicht pathologisieren, aber ihr seid krank. (mehr …)

Veranstaltungshinweis: Schreibweisen der Gegenwart

Am kommenden Montag, dem 13.7., veranstaltet unser Popkolumnist Eckhard Schumacher gemeinsam mit Elias Kreuzmair am Wissenschaftskolleg in Greifswald einen Workshop zum Thema „Schreibweisen der Gegenwart: Pop, Blogs, Social Media“. Mit dabei sind unter anderen Kathrin Passig und Thomas Meinecke. Alles weitere hier.

Indigene Stammeskulturen

Vor kurzem stellte Giuseppe Bianco in Paris sein Buch Après Bergson. Portrait de groupe avec philosophe vor. Es wird, davon ist auszugehen, die Art und Weise ändern, wie in Frankreich über die Rezeption und Aneignung von Bergsons Denken gesprochen wird. Aber diese Veränderungen brauchen Zeit. Im Augenblick staune ich noch über Giuseppes neuen Look, während er seine Recherchen dem Publikum im Saal erläutert. Die Haare sind länger geworden und werden jetzt nach hinten gegelt. Ich weiß gar nicht, wie man die Farbe seines Hemdes nennen sollte: ein ganz blasses Pink, eigentlich fast schon weiß. Steht ihm. Später will ich wissen, woher er es hat, Acne, A.P.C., Sandro? Er schaut etwas erstaunt, weist derartige Unterstellungen zurück und antwortet: Zara.

Nach der Präsentation gab es einen kleinen Empfang im Untergeschoss der philosophischen Fakultät der École normale supérieure. Es ist eine Art Aufenthaltsraum. Ich bin froh, dass sich die Tür zum Hof nach zwei Versuchen recht leicht öffnen lässt. Den französischen Unis, selbst den grandes écoles, fehlt es an Geld. Die Canapés werden zwar kleiner, aber das Essen deshalb nicht schlechter. Und es wird immer rosbif geben, dazu wird Estragonmayonnaise serviert, Weinflaschen werden geöffnet. Ich stehe eine Stunde am Buffet, esse still vor mich hin und bin zufrieden. (mehr …)

Das Juliheft

Das Juliheft: Hier die Übersicht mit Kaufoptionen. Hier das Editorial.

Zum Inhalt:

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: die Romane Leo Tolstois mit den Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des deutschen Fernsehens zu vergleichen. Wolfgang Kemp ist auf diese fast frivole Idee gekommen, und er hat in seinem Essay „Sie schon wieder“ ein überzeugendes tertium comparationis gefunden, nämlich die Frage nach Wiederholungsstrukturen beim Erzählen. Erstaunlich ähnlich ist der Spagat, den Helmut Müller-Sievers unternimmt, wenngleich die Nähe zwischen den einander historisch eher fern stehenden Phänomenen hier schon eher auf der Hand liegt. Was genau, so seine Frage, haben die neueren US-amerikanischen Serienformate mit der Erzählökonomie des Fortsetzungsromans, der im 19. Jahrhundert seine Blüte erlebte, zu tun. Aus anderer Richtung geht der Schriftsteller David Wagner auf ähnliche Problemlagen zu. Erzählend denkt er über das Schreiben und das Erzählen nach, und zwar nicht zuletzt sein eigenes.

Abseits dieses nicht durch redaktionelle Planung, sondern durch glückliche Fügung und Heftkomposition entstandenen kleinen Schwerpunkts: Michael Rutschky berichtet – online frei lesbar – über sein Jahr als Redakteur des Merkur – das war im Jahr 1977. Wie bei diesem großen zeitdiagnostischen Essayisten nicht anders zu erwarten, ist das kein nostalgieseliges Erinnerungsstück, sondern das lakonische Porträt einer anderen Zeit und nicht zuletzt des damaligen Merkur-Herausgebers Hans Schwab-Felisch. Auch eher rückblickend: Eckhard Schmumachers Lektüren neuerer Musikerautobiografien von Johnny Rotten bis Westbam. Ganz gegenwärtig dagegen: Thomas E. Schmidts zwischen Habermas und Luhmann hin- und hergespielte Überlegungen zu „Lügenpresse“ und vierter Gewalt. Der Zukunft zugewandt dann: Christoph Menke, der in seiner Philosophiekolumne über die „Möglichkeit der Revolution“ nachdenkt – das ist der zweite von uns freigeschaltete Text.

Warum ökonomische Prognosen gar nicht funktionieren können, erklärt Tobias Schmidt. Paul Ford hat gerade mit seinem epischen und extrem lesenswerten, eine ganze Sonderausgabe der Bloomberg Businessweek füllenden Text „What is Code?“ (hier die Online-Version) richtig Furore gemacht. Bei uns ist ein kleiner böser Essay über „Höflichkeit“ von ihm zu lesen. Der Schriftsteller Philipp Schönthaler porträtiert mit Dieter Zetsche und Steve Jobs zwei Manager sehr unterschiedlichen Typs. Außerdem: Christian Schröder über Superschurken. Günter Hack über den Grünfinken. Stephan Herczeg sucht eine Wohnung, fährt Zug und gibt sich Kultur.

Merkur-Gespräche: So war’s

vorbereitungAm 25. Juni diskutierten Hanna Engelmeier, Nacim Ghanbari, Beate Söntgen, Armen Avanessian und Remigius Bunia über die „Lage der Universität„. Der Saal war mehr als voll, das Publikum diskutierte angeregt mit. Eine Besucherin hat tolle Fotos gemacht, die finden sich hier. Sehr eindringlich setzt sich Lukas Latz im Freitag mit einigen der diskutierten Probleme auseinander und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Student: „An meinem Institut – ich studiere Komparatistik an der FU – fühle ich mich oft wie ein Autodidakt; in der Literatur zu Recht eine Witzfigur. Durch geistige Isolation werden wir zu prätentiösen Narzissten und Knilchen, die Professoren für Götter halten.“

In der Welt gibt es einen Text von Mara Delius über den Abend: „Beim Diskussionsabend nun trat mit Diskutierenden, die zwischen 1973 und 1983 geboren wurden, ein anderes Phänomen auf – die Generation Postdoc. Es handelt sich dabei um eine Zwischengeneration, akademisch aufgewachsen im Vor-Bologna-Zeitalter, und jetzt, nach der Promotion, vor der Professur, unbehaust zu Hause in einem System, das zwischen der Reform und der Reform der Reform hin und her trudelt. „

Über Loops

Der folgende Text ist eine kurze Einführung zu Tilman Baumgärtels Buch Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops, das soeben bei Kadmos erschienen ist. Das letzte Kapitel daraus – Im Rhythmus bleiben. Loops und die Homöostase der Moderne – gibt es hier als Leseprobe. Das Buch hat auch eine Website.

1983 kaufte ich von unserem Nachbarn einen Commodore 64, den bis heute meistverkauften Computer der Welt. Der Nachbar wollte sich ein neueres Modell anschaffen, und so kam ich für hundert Mark Gymnasiasten-Taschengeld an meinen ersten Rechner samt einem Handbuch für die Programmiersprache BASIC. Zu dieser Zeit hatten Computer nur rudimentäre graphische Interfaces, und um sie bedienen zu können, musste man eine Programmiersprache beherrschen. So machte ich mich – nach einigen Runden der mitgelieferten Spiele Donkey Kong und Scramble – daran, die ersten BASIC-Befehle in den Rechner ein zu geben.

In dem Handbuch war das erste Programm, das man ausprobieren sollte, das folgende:

100 PRINT „HALLO“
200 GOTO 100
RUN

Der Vorteil von BASIC besteht darin, dass seine Befehle im Gegensatz zu anderen Programmiersprachen eine gewisse Nähe zur Umgangssprache haben. Sie sind in einer durchnummerierten Liste angeordnet, die der Computer nacheinander abarbeitet. Das RUN befahl dem Computer, mit der Ausführung des Programms zu beginnen. Der Befehl PRINT „HALLO“ sagt dem Rechner, dass er das Wort „HALLO“ auf den Monitor zeigen soll. Der zweite, GOTO, ordnet an, dass das Programm wieder zum ersten Befehl in der Liste zurückspringen soll, also zu PRINT „HALLO“. Was das kleine Programm tat, war daher nichts weiter, als immer wieder das Wort „HALLO“ einen Buchstaben nach dem anderen in Versalien auf den Monitor zu schreiben. (mehr …)