Jörg Dünne über das „Weltnetzwerke“-Projekt

„Weltnetzwerke“ ist eines der ungewöhnlichsten kulturwissenschaftlichen Projekte der jüngeren Zeit. Eine Gruppe von Forschern „reist“ mit Phileas Phogg durch Jules Vernes gleichnamigen Roman in achtzig Tagen um die Welt. Alle zwei Tage werden neue Essays und Artikel veröffentlicht, geschrieben von einem Verbund von Forschern unterschiedlicher Disziplinen, der eine für die aktuelle akademische Landschaft fast singuläre Eigenschaft hat: Er ist nicht drittmittelunterstützt  oder gar -getrieben, sondern motiviert von der Leidenschaft für die gemeinsame Sache. Jörg Dünne, Romanist an der Universität Erfurt, erklärt im Gespräch Entstehung und Hintergründe der Weltnetzwerke.

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Hinter dem Projekt steckt eine Forschergruppe, die sich – nach dem Diener in „Reise in 80 Tagen“ – Passepartout nennt. Wie ist sie zusammengesetzt? Wie funktioniert die Organisation, die interdisziplinäre Zusammenarbeit? Wie unterscheidet sich diese Art von Projektkooperation von anderen Formen wissenschaftlicher Forschergruppen, Verbünde etc.?

Die Gruppe ist hervorgegangen aus der seit 2002 bestehenden informellen Arbeitsgruppe „Raum – Körper – Medium“, einem losen Netzwerk ehemaliger Münchener Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler, die mittlerweile an verschiedensten Orten in Deutschland und darüber hinaus arbeiten. Die Gruppe stellt, so könnte man sagen, die Fortsetzung eines ehemaligen Münchener Oberseminars mit anderen Mitteln dar. Der „harte Kern“ besteht aus 10-12 Leuten, dazu kommen je nach Thema noch andere Interessenten. Für das Verne-Projekt, an dem fast 40 Personen aus verschiedenen Disziplinen beteiligt sind, haben wir unsere bisher größte Gruppenstärke erreicht, was uns logistisch allerdings auch an die Grenzen dessen bringt, was wir ohne größere Infrastruktur noch koordinieren können. Das wichtigste Merkmal, das die Gruppe von anderen Projektgruppen und Forschungsverbünden unterscheidet, ist, dass sie nicht über Drittmittel finanziert wird und ohne Zeit- sowie Ergebnisdruck über die übliche Laufzeit von Projekten hinaus aktiv sein kann und will. So haben wir uns für das Verne-Projekt seit 2009 Zeit gelassen, um zunächst einmal auf verschiedenen kleinen Workshops in Erfurt, Kiel und Heidelberg Texte zum Rahmenthema „Literatur und Globalisierung“ zu diskutieren, von dem wir ausgegangen waren. Die Konzentration auf die Netzwerk- bzw. Spielthematik hat sich dann aus der näheren Beschäftigung mit Jules Verne ergeben. Zunächst einmal haben wir versucht, den finanziellen Aufwand für unsere Treffen so gering wie möglich zu halten, um die Workshops mit unseren „Bordmitteln“ realisieren zu können und uns nicht von Drittmittelanträgen abhängig zu machen; sehr willkommen war darüber hinaus für die Umsetzung der Publikation aber die Unterstützung des Konstanzer Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“, über den auch der Kontakt zu unserem Spiele-Entwickler Steffen Bogen zustande kam.

Insgesamt versuchen wir mit unserem Netzwerk, das hochzuhalten, was in der Projektlogik der derzeitigen Forschungslandschaft ein wenig unterzugehen droht: die längerfristige Zusammenarbeit unabhängig von der Förderdauer eine bestimmten Projekts – wir hoffen so auf eine Art von Entschleunigung von Forschung in den Nischen der Drittmittellogik.

Verstehe ich das richtig, dass es bei der Wahl Jules Vernes (und insbesondere dieses Romans) einerseits um Globalisierung von Ökonomie, Verkehr etc. geht, aber auch um einen Moment, in dem im Rahmen dieser Globalisierung noch blinde Flecken – und in diesen blinden Flecken Platz für „Abenteuer“ – bleiben? Anders gefragt: Worin sehen Sie die singuläre Position Jules Vernes? 

Natürlich lässt sich ein kollektives Projekt nur schwer auf eine Grundannahme reduzieren, und so verstehen wir den Roman von Jules Verne zunächst einmal als einen offenen Ausgangspunkt für eine sowohl historische als auch literatur- und medienwissenschaftliche Beschäftigung mit Globalisierungsfragen, an dem sich verschiedenste Fragestellungen bündeln lassen. Dennoch gibt es, so denke ich, durchaus einen spezifischen Grund, warum Vernes Roman hierfür besonders aufschlussreich ist: Er passt in einer – auch im Vergleich zu Vernes anderen Romanen – erstaunlichen Weise sein Erzählen an die Logik der Weltnetzwerke an: Er erfindet mit dem Protagonisten Phileas Fogg den Kursbuch-Reisenden par excellence, der keine Abenteuer außerhalb der Netzwerke sucht, sondern wie ein lebendes Uhrwerk die Erfüllung des Fahrplans als allein hinreichendes Abenteuer versteht; der gesamte Text entwirft dementsprechend ein Techno-Imaginäres, das in erster Linie im Dienst der Erfüllung von ganz normalen Fahrplänen steht. Insofern bricht der Roman mit der traditionellen Logik des Abenteuers, für das die Reise meist nur die Ermöglichungsstruktur ist und das bis dahin selbst im Zentrum eines Romans steht, anstatt nur im Vorübergehen „mitgenommen“ zu werden. Gleichzeitig ermöglicht aber eine solche erzählerische Anpassung an die Spielregeln des Weltverkehrs auch die Beobachtung der Punkte, in der die Netzwerklogik an ihre Grenzen kommt, wie etwa die Rückkehr von Wind und Wetter, die aus der Transportlogik der Dampfschiffe und Eisenbahnlinien zunächst ausgeschlossen scheint, oder die Bedeutung einer indischen Witwe, die zunächst nur gleichsam nebenbei gerettet, dann aber zunehmend zu einer aktiven, die Handlung beeinflussenden Person wird.

Eigentliches Thema des Romans ist somit möglicherweise die Frage, nach welchen Regeln sich in Netzwerken der Globalisierung eine Abschließung gegenüber all dem, was nicht Teil der Netze ist, vollzieht, wie aber genau diese Abschließung immer wieder in Frage gestellt wird. Dass sich Verne mit seinem Roman zu einer erfolgreichen Beendigung des Spiels mit dem Kursbuch durchs Britische Empire entschieden hat, heißt nicht, dass er nicht auch auf die möglichen Bruchstellen verweist, die einer solchen Schließung im Weg stehen.

Es handelt sich nicht nur um eine „typische“ wissenschaftliche Untersuchung, sondern um eine, die sich selbst sozusagen Metafragen stellt: Wie „kartographiere“ ich nicht nur die Bewegung des Romans, sondern auch die interdisziplinären Denkbewegungen, mit denen ich ihm nachstelle? Auf welche Schwierigkeiten und Lösungen sind Sie dabei gekommen? Und wird das, wenn Sie es in Buchform bringen, auch dafür formale Konsequenzen haben?

Die Hauptfrage, die sich bei der Umsetzung des Projekts gestellt hat, war, bis zu welchem Punkt es produktiv und sinnvoll ist, sich in unserer eigenen wissenschaftlichen Arbeit auf die Spiel- und Reiselogik des Romans selbst einzulassen und inwieweit es gilt, Distanz dazu zu gewinnen, um den Nachvollzug nicht einfach zu einer Paraphrase des Textes zu machen. Der Versuch, den wir für den Textteil unserer Publikation unternommen haben, besteht letztlich darin, die Kartierung der Bewegung der Protagonisten mit einem im Grunde philologischen Vorgehen zusammenzuschließen, d.h. einen Kommentar zu einzelnen „Stellen“ des Romans zu schreiben, denen in der Regel auch Orte der fiktiven Reise entsprechen. Unser Projekt ist insofern ein wissenschaftlicher Kommentarapparat mit Geoindex.

Zur Anpassung unserer wissenschaftlichen Überlegungen an die Erzähl- und Publikationsstrategie des Romans gehört auch, dass wir unsere Texte zunächst nach und nach veröffentlichen, so wie die einzelnen Kapitel des Romans ursprünglich im Feuilleton veröffentlicht wurden: Für diese Nachempfindung einer Feuilleton-Publikation nutzen wir das Internet. Für die Buchpublikation, die gerade in Vorbereitung ist und im ersten Halbjahr 2013 beim Verlag konstanz university press erscheinen soll, haben wir den Ehrgeiz, unter Einbeziehung von einigen, teils aus dem Französischen übersetzten Zusatztexten und historischen Materialien insgesamt auf 80 Kapitel zu kommen, also für jeden Tag der Reise ein Kapitel.

Ein ganz wesentlicher – und wohl auch im Hinblick auf unser erwartetes Publikum ungewöhnlicher – Zusatz des Buchs wird aber ein Brettspiel mit 80 Feldern, das es erlauben wird, den Zusammenhang von Spielen und Netzwerken noch einmal auf andere Art und Weise erfahrbar zu machen. In diesem Spiel schlüpfen alle Mitspieler in verschiedene Rollen, mit denen sie die Reisegruppe durch geschicktes Ausspielen von Karten zu einer schnelleren oder langsameren Fortbewegung bringen können, je nach ihren eigenen Interessen; zudem wetten sie auf den Spielausgang. Auch hier ist es also unser Prinzip, so weit wie möglich mit den Mitteln des Romans selbst zu operieren, jedoch nunmehr nicht in einer wissenschaftlichen, sondern in einer genuinen Spiellogik.

Wir sind keineswegs die ersten, die auf die Idee kommen, aus Vernes Roman ein Spiel zu machen – die ersten Verne-Spiele entstehen noch im 19. Jahrhundert, also sehr bald nach der Publikation des Romans; bisher ohne Vorbild ist aber meines Wissens unser Versuch, ein Brettspiel mit einer wissenschaftlichen Publikation zu kombinieren. Welche Folgen das haben wird, bleibt abzuwarten: Werden Akademikerfamilien in Zukunft abends am Wohnzimmertisch auf Phileas Foggs rechtzeitige Rückkehr wetten, werden vielleicht sogar mündliche Prüfungen zu Jules Verne an der Uni in Zukunft in Form einer Partie gegen den Dozenten absolviert?

Sie sind ja seit Jahren wissenschaftlich im Netz aktiv, zeitweilig mit einem Weblog und später als Betreiber des Internetportals romanistik.de. Wie sind Ihre Erfahrungen  mit Wissenschaft im Netz? Hat sich da etwas entwickelt – oder fremdelt das Fach da noch immer? 

Meinen Erfahrungen nach ist die Nutzung von netzbasierten wissenschaftlichen Angeboten auch in einer vergleichsweise konservativen Disziplin wie der Romanistik inzwischen zumindest in einem bestimmten Bereich selbstverständlich geworden – dort nämlich, wo es um eilige Informationen wie Stellenausschreibungen, Call for Papers, Veranstaltungsprogramme oder Ähnliches geht. Auch da gibt es zwar teilweise noch Nachholbedarf – so vermisse ich z.B. in meiner Disziplin immer noch ein profiliertes Rezensionsjournal im Netz –, aber diejenigen, die sich an einem solchen Austausch beteiligen wollen, haben verschiedene funktionierende Möglichkeiten dazu (wobei aber die sozialen Netzwerke im engeren Sinn zumindest in meiner Disziplin bisher noch kaum Fuß gefasst haben).

Sehr viel größer sind die Widerstände dagegen nach wie vor beim elektronischen Publizieren, wo gerade in meinem Fach, aber nicht nur dort, die Angst umgeht, frei zugängliche Online-Angebote würden etwa den traditionellen Fachzeitschriften und auch den Wissenschaftsverlagen das Wasser abgraben. Ich glaube dagegen, dass es da eine Komplementarität zu entdecken gibt, die der Wissenschaft eher nützt als schadet – ein Forschungsweblog, wie es z.B. die französische Plattform www.hypotheses.org für sich vernetzende Gruppen anbietet, oder ein Ort, an dem, wie etwa auf www.romanistik.de, Exposés laufender Qualifikationsschriften und anderer Projekte bekannt gemacht werden können, erfüllt für die Forschungspraxis doch eine ganz andere Funktion als ein Zeitschriftenartikel, in dem ein einzelner Forscher in einem renommierten Fachorgan über seine Ergebnisse berichtet.

Wissenschaft im Netz kann meines Erachtens ein Werkzeug sein, durch das nicht nur in Konkurrenz zu Printmedien Ergebnisse dokumentiert werden, sondern mit dessen Hilfe die Projekte selbst weiter entwickelt werden – es geht also um eine Komplementarität von Printmedien und Internet, die der Merkur-Blog auf seine Weise ebenso zu nutzen versucht wie wir mit unserem Verne-Projekt.

Die Fragen stellte Ekkehard Knörer.


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