Der Pflegekrieg

Als Emanuel Macron sich Mitte März in einer Fernsehansprache an die französische Nation wandte, erklärte er einem Virus den Krieg. Innerhalb weniger Minuten wiederholte der Präsident das Wort „Krieg“ sechs Mal[1] und etablierte damit die offizielle Rahmenerzählung für die unheimlichen Vorgänge der Covid-19-Pandemie.

Macrons Rückgriff auf die Sprache des Krieges war keineswegs originell. Auch Donald Trump präsentierte sich als „wartime president“[2]. In aller Welt griffen Politiker, Medien und Bürger intuitiv auf dieses Deutungsmuster zurück und schöpften es im Verlauf der Pandemie weiter aus. Denn die Kriegserzählung bietet ein reiches Reservoir von Figuren und Schauplätzen, Affekten und Gesten, die im Normalbetrieb einer „postheroischen Gesellschaft“ (Herfried Münkler) freilich außer Kurs gesetzt sind. Doch diese Gesellschaften regredierten nun mit schlafwandlerischer Sicherheit in die archaischen Vorstellungswelten des Krieges, die offenbar als latentes Wissen im kollektiven Gedächtnis fortleben. Die Rede von Heldentum und Frontlinien gehören ebenso in den Umkreis dieser Vorstellungswelt, wie feierlicher Ernst und Gemeinschaftsemphase. Auch die Pose des markigen Entscheiders passt gut ins Bild, weshalb Vergleiche von Markus Söder mit Winston Churchill nicht ausblieben.[3]

Das Framing der Covid-19-Pandemie als Krieg unterstreicht die Bedrohung für Leib und Leben, die Dringlichkeit der Situation und die Größe der Herausforderung, der die Gesellschaft entgegensieht. Bei näherem Hinsehen wird aber deutlich, dass die Kriegsmetaphorik nur um den Preis grotesker Verzerrungen auf die gegenwärtige Situation angewandt werden kann.

Der Krieg ist ein Mittel zur gewaltsamen Austragung von Interessenkonflikten zwischen verschiedenen Kollektivsubjekten. Im Kontext der modernen Ordnung der Welt in Nationalstaaten wird Krieg als ultima ratio verstanden, mit dem der Staat seine Bürger gegen einen bedrohlichen äußeren Feind schützen kann. Die gezielte (Drohung mit der) Anwendung tödlicher Gewalt dient dabei der Bezwingung eines feindlichen Willens. Die Covid-19-Pandemie ist dagegen zunächst eine Gesundheitskrise, die dann rasch weitere ökonomische und soziale Verwerfungen nach sich zog. In ihr gibt es weder einen feindlichen Willen, der bezwungen werden müsste, noch ist die Anwendung von Gewalt ein probates Mittel, um das Leben der Erkrankten zu retten und Menschen vor Ansteckung zu schützen. Genau darum sollte es jedoch in einer Pandemie gehen.

Die Heldinnen

Immer wieder kommt nun die Rede auf die „Corona-Front“, an der „gekämpft“ werde.[4] Supermarktkassiererinnen und Pflegekräfte im Krankenhaus sind die neuen „Heldinnen“, deren Kampf am meisten Aufmerksamkeit erhielt. Die idealtypischen Subjekte dieses sogenannten Krieges sind Frauen, deren Tätigkeiten zudem als typisch weiblich gelten.

Auch in ihren Kriegen untereinander haben moderne Staaten die Bedeutung weiblicher Opferbereitschaft für das Überleben der Nation propagandistisch ausgestellt. Im Zuge des Krimkriegs (1853-1855) wurde die Gesundheitsreformerin Florence Nightingale in Großbritannien zur Ikone. Wie Claudia Mäder jüngst anlässlich Nightingales 200. Geburtstag in der NZZ erinnerte, präsentierten zeitgenössische Medien die großbürgerliche Krankenschwester als „perfekte Heldenfigur“, Nightingale galt als „heilbringender mütterlicher Engel“[5]. Die Krankenschwester im Feldlazarett verkörperte fortan einen legitimen Entwurf weiblicher Berufstätigkeit außerhalb der häuslichen Sphäre, auf die sittsame bürgerliche Frauen sonst beschränkt waren. Zugleich steht die sorgende Tätigkeit der Schwestern in Kontinuität mit hergebrachten Weiblichkeitsbildern: Pflege und Anteilnahme für die Patienten und eine dienende Rolle gegenüber der langen Zeit exklusiv bzw. vorwiegend männlichen Ärzteschaft. Insofern hier die Subsumtion der Individuen unter die hergebrachte geschlechtliche Teilung der Arbeit intakt blieb, handelt es sich bei der von Nightingale vorangetriebenen Modernisierung um einen Formwechsel der Magdschaft.

In den Kriegen der Staaten diente die pflegerische Tätigkeit in der Etappe folglich der Aufrechterhaltung soldatischer Wehrkraft an der Front. In der aktuellen Pandemie gibt es aber keine Armee tapferer Männer, die die Sache der Gemeinschaft eigentlich ausficht und dabei von sorgenden Frauen hinter den Linien lediglich „unterstützt“ würde. In der Covid-19-Pandemie sind die sorgenden Frauen von Unterstützerinnen zu Protagonistinnen eines Krieges avanciert.

Es ist bemerkenswert, dass ihre sorgende Arbeit in der Sprache des Krieges erzählt, denn „Militär und Krieg sind nach wie vor männlich bestimmt“, wie der der Sozialpsychologe Rolf Pohl erklärt. Armeen sind nicht nur immer noch von Männern dominiert und geführt. In ihrer Traditionspflege erschaffen Armeen auch rein männliche Ahnenreihen, etwa durch die Benennung von Kasernen nach verehrten Feldherren der Vergangenheit, deren Vorbildcharakter so bekräftigt wird. Armeen erziehen Soldaten einseitig zu typisch männlichen Werten und Verhaltensformen.

Die Einberufung junger Männer zum Wehrdienst ist in Deutschland seit 2011 ausgesetzt. Über Generationen war der Einzug in die homosoziale Welt des Militärs jedoch ein wichtiges Initiationsritual im männlichen Lebenszyklus. Durch die erzwungene Trennung von der „verweichlichten“ (lies: verweiblichten) Welt der Zivilisten und die Austreibung aller „weiblichen“ Selbstanteile formt das Militär aus Knaben Männer: „Militär und Krieg tragen den Charakter einer hypervirilen mann-männlichen Wiedergeburt“ (Rolf Pohl).[6] Sie sind somit traditionell wichtige Produktionsstätten von Männlichkeit, deren sozialpsychologischer Gehalt mit der feministischen Psychoanalytikerin Jessica Benjamin als „Versuch Abhängigkeit zu leugnen“ bestimmt werden kann.[7]

Die Erfahrungen, die Gesellschaften derzeit mit Covid-19 machen, passen nicht zu dieser kriegerisch-virilen Mentalität. Die Pandemie erinnert Menschen gerade an ihre Verletzlichkeit und die fortwährende Abhängigkeit von der Zuwendung und Pflege anderer Menschen.[8] Auch die Tätigkeiten und Fähigkeiten, auf die es an der „Corona-Front“ ankommt, entsprechen nicht dem militärischen Repertoire. Im Krieg verletzen Soldaten den Leib der Anderen, um eigene Zwecke durchzusetzen. In der Sorge behandeln caregiver die leibliche und seelische Integrität des Anderen als Zweck an sich. In der Pandemie gilt es niemanden zu unterwerfen, niemanden zu töten. Es gilt Schmerzen zu lindern, Medikamente zu dosieren, Menschen zu beatmen, zu betten, zu kleiden, zu säubern, zu nähren, zu beruhigen, zu trösten, zu versorgen.

Mit der Rede vom Heldentum wird nicht nur Anerkennung für diese Tätigkeiten ausgedrückt. Die Anrufung als Heldin ist keine harmlose Schmeichelei, sondern transportiert enorme Erwartungen: Held ist, wer bereit ist, sein Leben für die Gemeinschaft zu geben. Sie zwingt die Heldinnen so in ein Schuldverhältnis. Sie müssen den Beweis erst noch erbringen, dass sie der prospektiven Auszeichnung würdig sind. Wer dieser Erwartung nicht entspricht, enttäuscht die Gemeinschaft und zieht als „falscher Held“ die Aggression der vermeintlich Betrogenen auf sich.

Doch das medizinische Personal stirbt in den Hotspots der Pandemie nicht auf der Suche nach Ruhm und Heldentod, sondern an politischen Entscheidungen und fehlender Schutzausrüstung. Wenn ausreichend Mittel in Prävention und Ausstattung geflossen wären, müssten heute weniger Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen.[9] Stattdessen kommt es zu obszönen Szenen. In London und New York, den zwei wichtigsten Finanzplätzen des globalen Kapitalismus, hüllen sich Krankenschwestern in Plastik-Müllsäcke, um sich gegen Infektionen zu schützen – vergebens.[10]

Es gilt also auch hinsichtlich der Art des Sterbens die Differenz zum Soldatentod festzuhalten. Das Sterben des Kriegers lässt sich am Modell der Dialektik von Herr und Knecht erfassen, wie Hegel sie in seiner Phänomenologie des Geistes schildert.[11] Beide setzten das eigene Leben daran, um ihr Gegenüber zur Anerkennung ihrer eigenen Freiheit zu zwingen, sie müssen sich „durch den Kampf auf Leben und Tod bewähren“. Der Tod wird in Kauf genommen, um zu dominieren. In Hegels Auflösung unterwirft sich schließlich einer der Antagonisten aus Furcht um das eigene Leben und dient dem anderen, dem freien Herrn, fortan als Knecht.

In der medizinischen Behandlung von Covid-19-Patienten wird dagegen das eigene Leben darangegeben, um das Leben des Anderen zu retten. Während im Krieg der Schwächere dem stärkeren Sieger dient, dient in der Pflege der Stärkere dem Schwächeren – beides kann tödlich enden uns bleibt doch grundverschieden. Die reaktivierte Sprache des Krieges läuft angesichts der konkreten Herausforderungen der Wirklichkeit ins Leere.

Wirklichkeit als Beute

Mit Roland Barthes kann die Funktionsweise dieser Sprache in der aktuellen Situation als Mythos bestimmt werden. Eine sinnliche Wirklichkeit des Pflegens kranker Körper wird mit Bedeutungen aus einer ganz anderen Wirklichkeitssphäre überfrachtet. Die sinnliche Realität wird Barthes zufolge im Mythos gerade nicht verschwiegen, sondern deformiert.[12] Der Mythos „erbeutet“ die Wirklichkeit, indem er das Geschehen in einen Sinnzusammenhang einflicht, der „die kleinbürgerliche Kultur in universelle Natur verwandelt“.[13] Es vollzieht sich eine Art Kompromissbildung: Der Mythos macht die Wirklichkeit sichtbar, aber nur um den Preis der Mystifikation.

Der deformierende Mythos übersetzt die gelebte Erfahrung traditionell „weiblicher“ Tätigkeiten in eine genuin „männliche“ Symbolik. Eine androzentrische Gesellschaft misst einer Fähigkeit, Tätigkeit oder Eigenschaft höchsten Wert bei, wenn sie männlich codiert ist. Wie Luce Irigaray feststellt, hat das männliche Geschlecht in der patriarchalischen Gesellschaft „kulturell den Wert monopolisiert“[14], das Weibliche dagegen existiert nur in Beziehung darauf: als Mangel und Kehrseite, als Nicht-Männliches. Irigaray schließt daraus, „dass nicht wirklich zwei Geschlechter existieren, sondern nur ein einziges.“

In diesem Sinne gelang die nationale Anerkennung der Pflegerinnen nur durch die Mystifikation der Sorgetätigkeit, durch die Behauptung, sie sei etwas anderes, Männliches: Kriegswerk. Implizit eröffnet dies auch die erschreckende Einsicht, dass die „männliche“ Kunst, Leben zu nehmen, in der androzentrischen Wertskala höher rangiert, als die „weibliche“ Kunst, Leben zu geben und zu erhalten.

Gegen diese Mystifikation plädiert die spanische Philosophin Nantu Arroyo für ein Beharren auf der Eigentümlichkeit der Gesundheitskrise, die als solche hinreichende Dringlichkeit besitzt und ohne falsche Pathosformeln auskommen sollte: „Sie alle sind, was sie sind: überarbeitete Gesundheitsarbeiterinnen, die die gleichen Arbeitsrechte und die gleiche Fürsorge wie der Rest der Bevölkerung brauchen und verdienen, Menschen, die würdige Arbeitsbedingungen und Schutzausrüstungen fordern, um ihre Arbeit ohne übermäßige Krankheitsgefährdung ausführen zu können.“[15]

Während Arroyo ihre Kritik an der Kriegsmetaphorik ausgehend von der Arbeitsrealität der Pflegerinnen formuliert, wählt Lars Straehler-Pohl im Tagesspiegel einen anderen Ausgangspunkt. Er löst die Spezifik der Gesundheitskrise in die Abstraktion „komplexer Aufgabenstellungen“ auf, in der „Überlegenheit und Information“ die wichtigsten Tugenden seien. Statt der „Hitzigkeit des Krieges“ sei nun also „die Kühle der Vernunft“ gefragt[16]. Nicht der Krieger, sondern der Wissenschaftler wird hier als Subjektideal nahegelegt.

Geschlechterpolitisch ist damit indes nichts gewonnen. Mit Raewyn Connell lässt sich diese technokratische Kritik des Kriegertums vielmehr als Hinweis auf „Spaltungen innerhalb der hegemonialen Männlichkeit“ lesen, die im Zuge der Modernisierung patriarchaler Geschlechterverhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft auftreten: „Innerhalb der hegemonialen Männlichkeit entwickelte sich also eine Polarität zwischen Dominanz und technischem Expertentum. Aber keiner Seite ist es gelungen, die andere zu verdrängen. Sie koexistieren zurzeit als Varianten geschlechtsstrukturierter Praktiken, manchmal in Konkurrenz zueinander und manchmal in einer Mischform.“[17] Straehler-Pohls Einwurf ist eine weitere Stimme zugunsten der „männlichen Expertendämmerung“, die Jana Hensel in der Zeit beobachtet hat.[18]

Doch das Männliche gilt in patriarchalen Ordnung nicht nur als höherwertig, es ist auch die selbstverständliche, allgemeine Norm, während das Weibliche die besondere Ausnahme ist, die als solche markiert wird. So gibt es beispielsweise eine Fußballweltmeisterschaft und eine Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Erstere geht „uns alle“ an, letztere ist Frauensache. Aufgrund dieser kulturellen Verschmelzung von Männlichkeit und Allgemeinheit liegt eine Verständigung über Ereignisse von allgemeiner Bedeutung in einer hypermännlichen Erzählung nahe. Es ist jedoch ein Zeichen der Verkümmerung des kulturellen Repertoires, wenn aus einer gemeinsam erlebten Bedrohung von Leib und Leben, aus einer kollektiven Anstrengung, aus einer dringlichen Situation automatisch ein „Krieg“ wird.

Mit Blick auf die Reaktionsweisen der extremen Rechten auf die Pandemie schrieb Natascha Strobl im Freitag treffend: „Die extreme Rechte hat keine Sprache für diese Situation“, weshalb sie sei zunächst in ein Schweigen verfallen sei, „in einem Krieg, der kein Krieg, sondern eine Pandemie ist“[19]. Doch die Sprache fehlte auch der „Mitte“, was sie gleichwohl nicht vom Reden abhielt. Wie Emanuel Macron griffen viele auf das zurück, was sie eben hatten, auch wenn es nicht zur Situation passte.

Der Feind

Die Kriegsmetaphorik imaginiert die Krankheit als Attacke eines äußeren Feindes, die das Zusammenrücken der Gesellschaft zur Schicksalsgemeinschaft erzwingt. Die australische Politikwissenschaftlerin Federica Caso bemerkt dazu lakonisch: „wenn du mit jemandem einen Konflikt hast, der davon gar nichts weiß, dann hast du einen inneren Konflikt.“[20] Die Rede vom Krieg mit dem Virus verdecke die Tatsache, dass wir uns mit unseren eigenen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Systemen auf Kriegsfuß befinden. Denn es ist die immanente Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft, die eine effektive Eindämmung des Virus hintertreibt und an einer angemessenen Versorgung Aller mit Medizin und lebensnotwendigen Gütern scheitert. Die Vernachlässigung hat System.

Theoretikerinnen an der Schnittstelle von Marxismus und Feminismus analysieren diese Zusammenhänge seit Jahrzehnten. Vertreterinnen der „Social Repdroduction Theory“ wie Tithi Bhattacharya sehen einen zentralen Widerspruch des Kapitalismus darin, dass er die Produktion des Lebens der Produktion von Profiten unterordnet, erstere für letztere instrumentalisiert.

Die Produktion von Profiten ist zwar Motor und Ziel der kapitalistischen Produktionsweise, doch das Kapital bleibt dabei stets auf die Existenz menschlicher Arbeitskräfte angewiesen, aus denen es Mehrarbeit pressen kann. Die auszubeutenden Menschen sind aber ihrerseits nicht einfach da und können vom Kapital auch nicht selbst produziert werden. Sie müssen fortwährend von den Lohnabhängigen neu hervorgebracht, am Leben und wohlauf erhalten werden: Gebären und Nähren, Betreuen und Erziehen, Kleiden und Waschen, Hegen und Pflegen – Tätigkeiten zur „Erzeugung von Menschen selbst“[21] (Friedrich Engels).

Der Kapitalismus beruht zwar auf der kontinuierlichen Verrichtung dieser Tätigkeiten, doch handelt es sich dabei um ein Verhältnis „widerwilliger Abhängigkeit“ (Bhattacharya).[22] Das Kapital versucht, die Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft niedrig zu halten, da sie von seinen Profiten abgehen. Das betrifft nicht nur die Löhne, sondern auch die sogenannten Arbeitgeberanteile an Sozialversicherungsleistungen und andere Steuerabgaben zur Finanzierung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Die Sorgetätigkeiten müssen verrichtet werden, dürfen aber nichts kosten. Am besten wäre es da, Sorgetätigkeiten stünden als „Gratisnaturkraft des Kapitals“[23] (Marx) einfach kostenlos zur Verfügung, wie etwa Luft und Regenwasser. Auf diesen Konnex von Naturalisierung und unbezahlter Aneignung weiblicher Arbeitskraft hat Silvia Federici im Rahmen der Lohn für Hausarbeit-Kampagne bereits in den frühen 1970er Jahren hingewiesen.[24]

Während Produktion und Erhalt gesunder Arbeitskräfte gratis von statten gehen soll, machen kapitalistische Arbeits- und Lebensbedingungen zugleich krank und sorgen so für zusätzlichen Pflegebedarf. Wie Wolfgang Hien in seiner Studie Die Arbeit des Körpers eindrücklich zeigt, durchzieht der massenhafte, einkalkulierte körperliche und seelische Verschleiß der Arbeitskräfte die Geschichte des Kapitalismus und hält bis in unsere Tage an.[25] Wer alt und krank ist, wird vom Kapital ausgespuckt und unterfinanzierten Heimen oder mehrfachbelasteten Familien zur Pflege überlassen.

Ganz gleich, ob es sich um die Natur oder die Arbeiter handelt, das Kapital pumpt die Springquellen des Reichtums bis zur Erschöpfung aus und ist „rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird. (Marx)[26]. Es eignet sich den daraus erzielten Reichtum privat an und versucht zugleich, die desaströsen Folgen zu externalisieren: Abgase in die Atmosphäre, ausgelaugte Arbeitskräfte aufs Pflaster. In der gegenwärtigen Pandemie sorgen wirtschaftsfreundliche Stimmen, die schon im März auf „Öffnung“ und Normalbetrieb drängten, für einen permanenten Nachschub an Erkrankten auf den Intensivstationen.[27] Die „Heldinnen“ müssen hinterherlaufen und die Scherben zusammenkehren.

In der Pandemie hat sich die Krise der sozialen Reproduktion zugespitzt, menschliche Grundbedürfnisse konnten teilweise gar nicht mehr, teilweise nur unter extremen Arbeitsbelastungen befriedigt werden.[28] Die unzureichende Ausstattung medizinischer und pflegerischer Einrichtungen führte in einigen Ländern zur Anwendung der Triage und tödlichen Ansteckungswellen unter Personal und Patientinnen, während gleichzeitig private Haushalte unter dem backsourcing von Sorge- und Betreuungsarbeit ächzen, die freilich zum Großteil von Frauen abgefangen werden. Ganz selbstverständlich wurde die unbezahlte häusliche Vollzeitversorgung der Kinder wiedereingeführt, natürlich parallel zur Lohnarbeit.

Symbole und Politik

Die Sprache des Krieges ist hinderlich für die gesellschaftliche Verständigung über diese Krise, doch daraus folgt nicht, dass die Antwort auf diese Krise auf die Entwicklung eines neuen Imaginären beschränkt werden könnte. Die Ersetzung einer Sprache des Krieges durch eine Sprache der Sorge ist eine bessere Interpretation, jedoch noch keine Veränderung der Wirklichkeit.

Generell ist es ein guter Zeitpunkt auf die Fallstricke symbolischer Politik zu reflektieren. So wurde in den letzten Monaten ungezählte Male hervorgehoben, dass die Pandemie dieses oder jenes „sichtbar gemacht“ habe. Ironischerweise hat dieser Prozess der Sichtbarwerdung jedoch zugleich die Grenzen eines politischen Denkens verdeutlicht, das sich gesellschaftliche Sichtbarkeit als letztes Ziel setzt. Die Pflegerinnen waren ja sichtbar, nur wollte die Gesellschaft sie eben als Heldinnen sehen. Das sehende Auge kann alle möglichen Phantasien in seinen Gegenstand projizieren, wer „gesehen wird“ ohne selbst zu sprechen und zu handeln, verbleibt in einer Objektposition. Anerkennung erfahren die Sichtbaren, wenn sie jenen Phantasien gerecht werden.

Was passiert, wenn Heldinnen das stumme Selbstopfer verweigern und zum Subjekt ihrer eigenen Geschichte werden wollen, hat sich indes am 1. Mai in Zürich gezeigt. Eine Intensivpflegerin, die zuletzt in 13-Stunden-Schichten Covid-19-Patienten versorgte, protestierte mit Kolleginnen vor dem Rathaus für bessere Arbeitsbedingungen. Nach Berichten der Schweizer Republik verhaftete ein Großaufgebot der Polizei sie nach fünf Minuten. Die Bilder des Polizisten ohne Maske, der eine eigensinnige Krankenpflegerin im Namen des Gesundheitsschutzes abführt, brachten die Verlogenheit offizieller Anerkennungsphrasen zur Kenntlichkeit.[29] Eine wirkliche Wertschätzung des Lebens witd notwendig mit den Interessen der Verwertung in Konflikt geraten.

Ich danke Katharina Lux für wichtige Diskussionen und Hinweise.

 

[1] Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/corona-krise-in-frankreich-macron-erklaert-virus-den-krieg-16682743.html

[2] Quelle: https://www.nytimes.com/2020/03/22/us/politics/coronavirus-trump-wartime-president.html

[3] Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/markus-soeder-in-corona-zeiten-churchill-waere-stolz-auf-ihn-16682718.html

[4] Quelle, eines von vielen Beispielen: https://www.oberpfalzecho.de/2020/04/corona-krankenhaus-alltag-sie-kaempfen-an-der-front/

[5] Claudia Mäder: Von Schnapsdrosseln zu rettenden Engeln: Wie Florence Nightingale das Bild der Krankenpflegerinnen veränderte. In NZZ, 12. Mai 2020: https://www.nzz.ch/feuilleton/florence-nightingale-zum-200-geburtstag-der-krankenpflegerin-ld.1555877

[6] Rolf Pohl: Die Zerstörung der Frau als Subjekt. Macht und Sexualität als Antriebskräfte männlicher Vergewaltigungsstrategien im Krieg. In: In: Meier-Arendt, David / Schmitt, Christiane / Heß, Julian / Schäfer, Jan / Beisswanger, Marcus (Hsg). Geschlecht, Differenz und Identität. Darmstadt: TU PRINTS 2018, S. 93.

[7] Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Frankfurt a.M.: 1993, S.64.

[8] Vgl. Abigail H. Neely and Patricia J. Lopez: Care in theTime of Covid-19. In Antipode online, 4. April 2020: https://antipodeonline.org/2020/04/04/care-in-the-time-of-covid-19/

[9] Ingar Solty: Covid-19 and the Western Working Classes. Auf Rosa-Luxemburg-Stiftung, März 2020 https://www.rosalux.de/en/publication/id/41800/covid-19-and-the-western-working-classes

[10] Belege: https://www.bbc.com/news/health-52145140

https://www.businessinsider.com/kious-kelly-hospital-nurse-dies-trash-bags-2020-3?r=DE&IR=T

[11] Georg W.F. Hegel: Die Phänomenologie des Geistes. Hamburg: 2006, S. 130.

[12] Roland Barthes: Mythen des Alltags. Vollständige Ausgabe. Frankfurt a.M.: 2012, S. 267ff.

[13] Ebd., S. 9.

[14] Luce Irigaray: Cosi fan tutti. In: dies.: Das Geschlecht das nicht eins ist. Berlin: 1977, 89.

[15] Nantu Arroyo: Efectos secundarios del uso de la metáfora bélica en la crisis del coronavirus. In El rumor de las multitudes (El Salto), 3. April 2020. https://www.elsaltodiario.com/el-rumor-de-las-multitudes/efectos-secundarios-del-uso-de-la-metafora-belica-en-la-crisis-del-coronavirus

[16] Lars-Straehler Pohl: Die Welt befindet sich im Kampf gegen ein Virus – aber nicht im Krieg. In Der Tagesspiegel, 13. April 2020. https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-und-rhetorik-die-welt-befindet-sich-im-kampf-gegen-ein-virus-aber-nicht-im-krieg/25725856.html

[17] Raewyn Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Vierte, durchgesehene und erweiterte Auflage. Wiesbaden 2015, S. 257

[18] Jana Hensel: Die Krise der Männer. In Zeit online, 13. April 2020: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/gleichberechtigung-coronavirus-maenner-frauen-wissenschaftler-politiker-systemrelevante-berufe

[19] Natascha Strobl: Der Hass auf alles Schwache. In Der Freitag, 30. April 2020: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-hass-auf-alles-schwache

[20] Federica Caso: Are We at War? The Rhetoric of War in the Coronavirus Pandemic. Auf The Disorder of Things, 7. April 2020: https://thedisorderofthings.com/2020/04/10/are-we-at-war-the-rhetoric-of-war-in-the-coronavirus-pandemic/

[21] Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats in: Marx-Engels-Werke, Band 21, S. 27.

[22] http://www.tithibhattacharya.net/new-blog; Siehe auch ihr aktuelles Interview im Dissent Magazine: https://www.dissentmagazine.org/online_articles/social-reproduction-and-the-pandemic-with-tithi-bhattacharya

[23] Karl Marx: Das Kapital. Band 3. In: Marx-Engels-Werke. Band 25, S. 753.

[24] Vgl. Silvia Federici: Lohn gegen Hausarbeit. Herausgegeben von den Lohn-für-Hausarbeits-Gruppen Berlin und Bremen. Berlin 1977.

[25] Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers. Eine kritische Arbeitsgeschichte von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart. Wien 2018.

[26] Karl Marx: Das Kapital. Band 1. In: Marx-Engels-Werke. Band 23, S. 285f.

[27] https://www.riffreporter.de/corona-virus/corona-streeck-heinsberg-pandemie-exit-laschet/

[28] Liza Featherstone: The pandemic is a family emergency. In: The New Republic, 7. Mai: https://newrepublic.com/article/157528/coronavirus-pandemic-family-care-work-crisis-social-reproduction-theory

[29] Daniel Ryser: „Die Corona-Krise wurde direkt auf uns abgewälzt“. In Republik, 6. Mai 2020:  https://www.republik.ch/2020/05/06/die-corona-krise-wurde-direkt-auf-uns-abgewaelzt


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