Wilhelm Hennis (1923-2012)

Am vergangenen Samstag ist der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis gestorben. Im Merkur sind – nur, muss man bei einem Autor und auch Essayisten seines Formats sagen – drei Texte von ihm erschienen. Alle haben sie Grundsatzcharakter und sind von ungewöhnlicher Länge, jeweils knapp zwanzig Druckseiten. Der erste stammt aus dem Februar 1969 und befasst sich unter dem Titel Die deutsche Unruhe mit den Studentenprotesten, denen Hennis allerdings eine lange Vorgeschichte bescheinigt:

Ich glaube, „es sei mit Leichtigkeit die These vertretbar, daß es in der deutschen Geschichte bisher noch nie zwei Jahrzehnte rapiden tiefgreifenden Wandels, solch überfließender Mobilität gegeben hat, wie die Jahre von 1948 bis 1968. Und das ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne Zwang. Nur ganz junge Menschen mit einem minimalen historischen Horizont, die sich nur in Wochen und Monaten der Rückerinnerung bewegen können, außerstande, aus eigener Anschauung heutige Vorgänge und Erscheinungen von den entsprechenden vor fünf oder zehn Jahren abzuheben, können auf die kuriose Idee kommen, unsere Gesellschaft sei durch Immobilität und Stagnation gekennzeichnet. Noch nie hat es – und das gilt für alle Gebiete der deutschen Politik, der Wirtschaftspolitik, der Kulturpolitik, des ganzen Bereichs der Gesellschaftspolitik, der Art und Weise wie die Menschen leben, lieben, wohnen, sich ernähren etc. etc., was und wieviel sie lesen usw. usw., solch gewaltige Veränderungen in so kurzer Zeit gegeben wie in den Zwei Nachkriegsjahrzehnten.“ Seine Kritik am Sonderweg der deutschen Protestbewegung fällt dabei durchaus scharf aus: Es erscheint mir „für die Möglichkeiten, die in der gegenwärtigen deutschen Unruhe stecken, überaus kennzeichnend zu sein, daß das quietistische Element, wie es in allen anderen Industriestaaten  – wenn ich es recht sehe – durch die Hippiebewegung repräsentiert wird, in der deutschen Protestbewegung so gut wie völlig fehlt. Bei uns, und das unterscheidet die deutsche Lage radikal von der amerikanischen studentischen Bewegung, dominiert einseitig das aktivistische Protestelement, das die Gesellschaft à tout prix verändern will, einen bestimmten, privat vielleicht schönen und ehrenwerten Lebensstil der Gesellschaft als ganzem oktroyieren möchte… Die intolerante Unduldsamkeit, die Unfähigkeit, miteinander zu diskutieren, das Alles-schon-so-genau-Wissen, die Irrationalität trotz ständigen Zitierens der Rationalität – ich glaube, man kann vor ihnen nicht mehr die Augen verschließen. Ich bin außerstande, in der deutschen Unruhe eine Hoffnung zu sehen.“

Die beiden anderen Texte – Ende der Politik? (Juni 1971) und Legitimität (Januar 1976) – kreisen um die Frage, wie weit „Herrschaft“ in der Moderne auf rein rationale, und das hieße im Prinzip technokratische Grundlagen zu stellen wäre. Dieser Diagnose (oder Vision) steht Hennis mit großer Skepsis gegenüber. In seinem großen und bis heute sehr lesenswerten (und aktuellen) Essay Legitimität argumentiert er in teils expliziter, teils impliziter Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas‘ Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Niklas Luhmanns Legitimation durch Verfahren und Claus Offes Strukturprobleme des kapitalistischen Staates. Wir haben diesen Text für eine Woche freigeschaltet, das PDF ist unter diesem Link bis dahin gratis abrufbar.

Der Blick in die Briefwechsel mit den Herausgebern des Merkur ergibt übrigens eine Antwort auf die Frage, warum nach 1976 kein weiterer Text von Wilhelm Hennis in der Zeitschrift erschien. Es gab weitere Kontakte in den Jahren 1981 und 1997-99, sie führten jedoch trotz freundschaftlichen Tons zu keiner Publikation. Alles endet dann aber in einem handschriftlichen Brief vom 7.12. 1999 von Hennis an Kurt Scheel. Kurzer Auszug: „Mit dem ‚Merkur‘ bin ich nie warm geworden. Das liegt aber nicht an mir. Schon Herrn Paeschkes Manier, immer einer Meinung partout eine andere dagegenzusetzen, fand ich unsouverän. Immer in Angst vor dem ‚Beifall von der falschen Seite‘. Ich passe nicht in dieses System der ‚kommunikativen Ordentlichkeit‘ – & will es auch nicht!“

Sehr lesenswert sind die Nachrufe von Patrick Bahners in der FAZ und von Thomas Schmid in der Welt. Hingewiesen sei auch auf Stephan Schlaks Dissertation, die unter dem Titel Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik 2008 bei C.H. Beck erschienen ist. Im Januar 2013 erscheint der von Andreas Anter herausgegebene Band Wilhelm Hennis‘ Politische Wissenschaft: Fragestellungen und Diagnosen bei Mohr Siebeck.

 ek


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