Das deutsche Europa im Spiegel

Der Spiegel auf Englisch, ein Problem der Sprache. Dazu kommt: The Spiegel style doesn’t travel well. Das Nüchtern-Verstockt-De-Facto-Hafte* (aber immer dicht dran an den Menschen) wirkt im Englischen noch seltsamer. Luftballons der Ernsthaftigkeit steigen aus diesen aufgepumpten Texten auf und eigentlich möchte man sie als Leser der Reihe nach zum Platzen bringen. Tut man natürlich nicht. Viel zu schnell gerät man in den Sog der Artikel, denn das Problem erweist sich ja bei genauerem Hinsehen als große Stärke und eigentliches Erkennungszeichen des Spiegels: absolute Distanzlosigkeit gegenüber der Wirklichkeit.

Ich lese die englischen Sachen schon allein deshalb, weil sie die größeren Geschichten aus dem Heft, auch die Titelstory, online kostenlos verfügbar machen. Die englische Spiegel-Online-Seite könnte ein internationales Aushängeschild sein, aber man zögert, die Artikel zu teilen. Es gibt da zu viele hölzerne und peinliche Sätze („Since 2010, the ECB has had little resemblance more to the Bundesbank…“; „With the selection of his coalition partner, Tsipras has charted a course…“). Manchmal kamen Rückfragen: Who translated that?

Journalisten lesen die großen internationalen Tageszeitungen. Als Adressat des eigenen Schreibens tauchen sie allerdings höchst selten auf. Man liest international, schreibt aber national. Auf Spiegel Online finden sich zwar regemäßig Pressereaktionen aus dem Ausland, aber irgendwie verpufft das ohne jeden Effekt. Da war der Internationale Frühschoppen in den fünfziger Jahren schon weiter. Klar, es gibt eine Leserschaft und die ist deutsch. Aber ich finde es hochgradig verstörend, mit welcher Selbstverständlichkeit mancher Leitartikel über die Dummheit der Argumente und die Provinzialität der geistigen Welt der Pegida-Demonstranten herzog, obwohl Journalisten sich doch selbst oft genug mit teutonischen Verengungen zufriedengeben. Mehr Welt reinlassen: Diese Forderung sollte immer reflexiv sein, sie richtet sich an das eigene Ich.

Diese Woche dreht sich beim Spiegel alles um den Wahlsieg von Syriza. Niemand erwartet weltbewegende Neologismen, aber „Der Wutgrieche“ als Titel ist in seiner Dürftigkeit schon wieder beeindruckend. Auf dem Cover: „Der Geisterfahrer: Europas Albtraum Alexis Tsipras“. Der neue griechische Premierminister wird dann auch nicht nur ein- oder zweimal, sondern gleich dreimal als „schrill“ charakterisiert. Glauben die Spiegel-Redakteure ernsthaft, dass ganz Europa aufgrund der griechischen Wahlergebnisse nicht mehr ruhig schlafen kann? Ließe sich nicht genauso plausibel von einem Aufatmen reden? Das schien mir der Tenor in Guardian und Observer (bis hin zu Helena Smiths „Barricades down, ties off: welcome to Greece’s style revolution“, einem bizarren Text, der als Reportage angekündigt wird, sich aber streckenweise liest wie eine Bewerbung um das Amt der Regierungssprecherin) in der FT, Le Monde, bei der Libération war es Jubel. Was übrigens nicht heißt, dass die Annäherung an Russland oder die Koalition mit den Unabhängigen Griechen nicht thematisiert wurde: Diese Entwicklungen sind besorgniserregend und werden auch genauso dargestellt.

Das Europa des Spiegels scheint mir sehr klein zu sein und hauptsächlich aus der deutschen Politik, der EU-Kommission und den eigenen Lesern zu bestehen. Alles kein Problem. Bloß sollte man das dann auch so aufschreiben. Sympathisch wäre jetzt zu viel gesagt, aber ich finde es zumindest redlich, wenn jemand wie Jan Fleischhauer offen sagt, dass in seinen Texten natürlich deutsche Interessen verteidigt werden. Wie steht denn der Spiegel zu Deutschland in Europa?

Der Artikel zu Griechenland ist nuancierter, als es das Titelbild erahnen lässt. „Tsipras und Syriza haben“, so die Autoren, „bei ihrem Sieg von den Auswirkungen der Sparmaßnahmen profitiert, die Griechenland in den vergangenen Jahren umsetzen musste: Einkommensverluste von 30 Prozent, eine Arbeitslosigkeit von offiziell 26 Prozent, bei 15- bis 25-Jährigen von 51 Prozent, lange Schlangen an den Suppen- und Armenküchen, geschlossene Geschäfte in den Nobelvierteln, auffallend viele Bettler in den Straßen.“ Andere Länder – Spanien, Portugal, Irland – zogen sich besser aus der Affäre und konnten den Rettungsschirm verlassen. Die englische Übersetzung ist sogar noch optimistischer. Die besagten drei Staaten „managed to put the crisis behind them“. Eine Realitätsverweigerung, wie sie wohl nur im international auftretenden Deutschland möglich ist.

Viel größere Sorgen macht man sich ohnehin um etwas ganz anderes, denn würde sich „Tsipras mit seiner Forderung nach einem Schuldenschnitt durchsetzen, drohte dem Bundeshaushalt ein Loch in Milliardenhöhe“. Wenn der Spiegel Europa schreibt, meint er eigentlich die BRD: Es wäre nämlich „ein Albtraum für die Deutschen“ in einem Europa der Nachfragepolitik isoliert dazustehen. Nicht zufällig werden aus Sparmaßnahmen und -auflagen im Englischen „savings measure“. Ist aus hiesiger Sicht wahrscheinlich sogar richtig: Their cuts are our savings. Sprache macht Politik. Und die Frage nach der psychischen Konstitution der südeuropäischen Nachbarn bereitet den Hamburgern ordentlich Kopfzerbrechen. Tsipras sei „das Ergebnis einer Realitätsverweigerung, wie sie so wohl nur in Griechenland möglich ist“. Auch da wird im Englischen noch eine Schippe draufgelegt und personalisiert: „Tsipras is the product of the Greeks’ unique ability to refuse to look reality in the face.“

Wenn Dirk Kurbjuweit in seinem Leitartikel Verständnis für die griechischen Wähler signalisiert und dafür plädiert, Nord- und Südeuropa mögen doch bitte aufeinander zugehen, dann tut er das nicht zuletzt aus herablassender Nachsicht gegenüber einem Volk, das Tatsachen verdrängt und dem Politik nur im Modus des Affekts zugänglich ist. Als historisches Vorbild für das neue, auf Interessenausgleich bedachte Miteinander in Europa dient ihm ausgerechnet der Wiener Kongress, auf dem die Großmächte den Kontinent nach dem Fall Napoleons neu ordneten. Dort ging es um alles Mögliche, aber nicht um griechische Selbstbestimmung. Die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpften sich die Griechen selbst. Doch zunächst verurteilten Vertreter der Heiligen Allianz die griechische Revolution im Dezember 1822. Dann scherte die britische Regierung aus, sicherte den Griechen schließlich ihre Unterstützung zu und versuchte zwischen den kriegführenden Parteien zu vermitteln. (Die beiden Außenminister Castlereagh (1812-1822) und Canning (1822-27) verkörperten einen Tory cosmopolitanism, der auch heute noch fortwirkt, so zum Beispiel in den Artikeln des Guardian-Journalisten Simon Jenkins.) Um sich beim Konzert der Großmächte Gehör zu verschaffen, genügte es also nicht, diplomatische Gepflogenheiten zu respektieren. Es weht ein erinnerungsloser Hauch von Restauration durch Kurbjuweits Leitartikel: Man sehnt sich nach der Stabilität des Systems Metternich, den der Philhellene Byron mal als „power’s foremost parasite“ bezeichnete, und vergisst darüber, dass es nicht zuletzt die Griechen waren, die entscheidend dazu beitrugen, diese autoritäre Konsensdiplomatie zu schwächen, indem sie es wagten, nicht länger Spielball, sondern politischer Akteur zu sein.

Jetzt, wo die sogenannten internen Querelen beim Spiegel vorerst ein Ende gefunden zu haben scheinen, wünsche ich mir, dass die eigentliche Debatte erst richtig losgeht. Matthias Dell leistet dazu in der Februar-Ausgabe des Merkur einen wichtigen Beitrag. Sein Essay Besondere Lautstärke – über das Selbstverständnis des Journalismus (hier die erste Seite) geht von der einleuchtenden Prämisse aus, dass sich die derzeitigen Schwierigkeiten des deutschen Printjournalismus beim Spiegel in ihrer konzentriertesten Form beobachten lassen. „Es mag anmaßend oder pfennigfuchserisch klingen“, so Dell, „sich die Gedanken zu machen, für die eines Tages eine Beratungsfirma dem Spiegel womöglich ansprechende Honorare in Rechnung stellen wird. Aber wenn die Schwierigkeiten des Erlösmodells ‚Printjournalismus‘ … einen positiven Nebeneffekt haben, dann ist das die Frage nach dem Selbstverständnis, dem Warum von Journalismus –  zumindest wenn man ihn so hehr und aufklärerisch denkt, wie das in Hamburger Corporate Bonmots (‚Sturmgeschütz der Demokratie‘, ‚Sagen, was ist‘) geschieht. Wenn man also das Geld und das Personal, das der Spiegel zur Produktion von Neuigkeiten aufwenden kann, tatsächlich als größere Verantwortung für so etwas wie die ‚vierte Gewalt‘ betrachtet.“

Mit „Lügenpresse“ hat das alles natürlich überhaupt nichts zu tun. Eher mit einer Form von Journalismus, die mit den Ressentiments spielt, über die man sich bei anderer Gelegenheit empört.

* Das findet man an sich selbst und an Angela Merkel großartig: „Im Gegensatz zu Tsipras wirkt sie wie eine Vernunftmaschine. Wenn sie im kleinen Kreis über die Eurokrise spricht, dann geht es um Lohnstückkosten, Zinssätze und Schuldenstände. Merkel ist da von unerbittlicher Sachlichkeit.“ Merkel ist nicht populistisch, sie hat, daran erinnert Dirk Kurbjuweit noch einmal, lediglich ein „sagenhaftes Gespür für das Volk“.


1 Kommentare

  1. Sehr richtig, mir ist der unsägliche Nationalmerkelismus des Artikels auch aufgefallen. Mein Kommentar.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *