What’s your poison?

Die Kaputtheit des Literaturbetriebs wird immer wieder gern behauptet. Wie es zu derartigen Verformungen kommt, erfährt man aber seltener. Ein paar dieser Prozesse ließen sich letzten Freitag im Literarischen Quartett beobachten. Ich weiß nicht, inwiefern die Gäste bereits als damaged goods in die Aufzeichnung gingen. Ich wurde aber den Eindruck nicht los, dass sie die Sendung auf jeden Fall zerstörter verließen.

Eingeladen war diesmal der Schriftsteller Thomas Glavinic, bei dem man nie genau wusste, ob er nun seine Aufgeregtheit überspielt, den Zuschauern das Privileg erteilt, einen Romancier beim Verfertigen seiner sehr unfertigen Gedanken beobachten zu können oder einfach nur ein kompletter Arsch ist. Das ist natürlich keine Kategorie des Literarischen, aber auf die komme ich später nochmal zurück. Männerproblem: Die Unsicherheit wird durch aggressive Selbstsicherheit überspielt. Die gelegentlichen Blickwechsel zwischen Biller und Glavinic signalisierten diesbezüglich testikuläre Übereinstimmung.

Biller gab dann auch– so weit, so bekannt – von Anfang an den Ton an. Den beiden ersten Büchern sprach er die Buchpreiswürdigkeit ab. Sowohl Thomas Melles Die Welt im Rücken, ein literarischer Bericht über die bipolare Störung des Autors, als auch André Kubiczeks Skizze eines Sommers, das Jugenderinnerungen an die und in der DDR thematisiert, seien auf sprachlicher Ebene absolute Katastrophen. Bei Melle fehle zudem der dramatische Spannungsbogen. Dass Ijoma Mangold Melle in der Zeit auf eine Stufe mit Rainald Goetz stellte, konnte Biller natürlich nicht gelten lassen. Der Autor von Irre wurde gleich zweimal von ihm ins Spiel gebracht, stets zum Nachteil der in der Sendung diskutierten Autoren. Bei Kubiczek komme erschwerend eine heute nicht mehr zu rechtfertigende verklärende Sicht auf das SED-Regime hinzu. Genauer: Das Regime kommt im Buch kaum vor, stattdessen schaltet und waltet eine überzuckerte Sehnsucht nach dem Leben damals, das doch vor allem in Ordnung war. Beide Bücher hätten niemals veröffentlicht werden sollen.

Volker Weidermann schien angesichts dieser Tiraden zunächst wie in einem Schockzustand. Er war sichtlich bemüht, seinen Affekthaushalt zu kontrollieren, aber darüber drohte ihm kurzzeitig die Kontrolle über die Sendung zu entgleiten. Nein, so stimmt das auch wieder nicht. Vielleicht war es sogar einer seiner besten Aufritte. Als Glavinic jämmerlich daran scheitert, den Inhalt von John Burnsides Wie alle anderen kurz anzureißen, geschweige denn zusammenzufassen, springt Weidermann ein und löst die Aufgabe souverän. Zum allerersten Mal wehrt er sich zudem so erfolgreich wie vehement gegen Billers ständige Unterbrechungen. Irgendwann verbietet er ihm schlicht das Wort. Schließlich der eigentliche Glanzpunkt. Literaturkritik im Fernsehen ist eine Frage des Erzählens und der Pointen. Darin ist Biller den anderen Teilnehmern haushoch überlegen. Alles andere sind Protokolle über die eigenen Gefühlzustände beim Lesen oder deplatzierte Anwandlungen aus dem Germanistikseminar.

Konfrontiert mit Billers Tendenz, nicht nur ein Buch, sondern stets auch die Psyche des Autors zu verreißen, sah sich Weidermann zu ein paar Klarstellungen gezwungen. Eine derart hämische Poppsychologie taugt sicher für ein paar provokante Formulierungen, aber den Texten, selbst den schlechten, wird sie nicht gerecht. Doch plötzlich schlug es bei Weidermann um, nach der Zurückweisung von Billers Gestus schließt er sich dessen Urteil in der Sache an: Kubiczek habe ein miserables Buch geschrieben. Ein unerwartetes Überraschungsmoment. Biller lächelt zufrieden.

Es fällt dem Literarischen Quartett unendlich schwer, einen eingeschlagenen Diskussionspfad wieder zu verlassen, was sich schon in der vorangegangen Sendung zeigte, als niemand auf die Ablehnung, die Elena Ferrantes Meine geniale Freundin entgegenschlug, etwas Kohärentes zu erwidern wusste. Ähnlich erging es nun Melles Roman. Keiner der Teilnehmer ging auf eine wichtige Besonderheit des Buches ein. Der Erzähler kämpft schreibend darum, sich seine Erinnerungen zurückzuholen, sie sich zu vergegenwärtigen. Melle selbst betont diesen Aspekt in einem Interview, das der Tagesspiegel heute veröffentlichte: „Es ist doch so mit der Erinnerung: Sie kommt allmählich, sie ist selektiv, sie hat fiktive Anteile, auch bei Gesunden, um die jetzt mal so zu nennen. Bei mir als Manisch-Depressivem liegt der Fall nochmal anders, ich glaube, ich bin da in so einer Mittelposition. Ein Chefarzt in der Psychiatrie meinte zu mir, Maniker würden sich an alles erinnern. Eine Kollegin von ihm wiederum, die selbst an der Krankheit leidet, sagt, die Manie sei eine gnädige Krankheit, die kaum Erinnerungen produziere.“ Melles Literarizität beginnt dort, wo Pathologie und Erinnerung sich treffen, mischen, neutralisieren oder gegenseitig ausschalten.

Was nun die Arbeit mit literarischen Kategorien angeht, hatte ich als Zuschauer während der gesamten knapp fünfzig Minuten Sendezeit eigentlich nur die Wahl zwischen Begriffskitsch und radikal reflexiver oder auf das Gegenüber gerichteter Skepsis. Glavinic suggerierte an einer Stelle, dass Christine Westermann ein Recht auf Geschmack habe, aber dieses nicht mit einem innerliterarisch begründeten ästhetischen Urteil verwechseln sollte. Er selbst hantierte – darauf wies Weidermann dankenswerterweise hin – allerdings mit Wendungen, die kaum größere Präzision im Umgang mit dem Gegenstand für sich beanspruchen dürfen. Gute Literatur „macht etwas mit mir“, der Autor stelle den Leser in eine Art Käfig, usw. In einem fort sonderte Glavinic derart existenzialistisch aufgedunsenen Stuss ab.

Es wird nach mittlerweile acht Sendungen in neuer Besetzung immer deutlicher, dass Westermanns Einlassungen die ohnehin etwas schräge Genderdynamik vollends umkippen lassen. Ihr binäres, nur durch Textstellen zu untermauerndes Mantra – gern gelesen/nicht gern gelesen – bestätigt Biller und Glavinic in ihrer herablassenden Haltung. Als Glavinic nach einer von Westermann vorgetragenen Passage einwarf, er habe den Übergang zwischen ihrem Redebeitrag und dem eigentlichen Text überhaupt nicht bemerkt, fiel das zunächst auf Skizze eines Sommers zurück. Aber da waren Untertöne, so als wollte Glavinic Westermann und Kubiczek auf demselben Beschissenheitskontinuum verorten. Es gab viele solcher Momente am Freitag.

Gegen Ende der Sendung geriet Biller, ausgehend von Ismail Kandares Die Dämmerung der Steppengötter, noch in geschichtsphilosophische Abendstimmung. Er schwadronierte von Totalitarismen und war sich so sicher wie meine Oma, dass ein neuer Krieg kommt. Um in diesem Kampf zu bestehen, ließ er die Zuschauer wissen, sollte man besser nicht auf die feigen Nieten und Opportunisten im Literaturbetrieb zählen. So wirr war das wirklich.

Addierte man die Einzelbeobachtungen zusammen, wäre damit die Atmosphäre dieser Ausgabe keineswegs zutreffend beschrieben. Über dem gesamten Gespräch hing eine Giftwolke, die zwischenzeitlich kurz davor stand, die Diskussionen völlig einzuhüllen. Der Verachtungsstress kontaminierte die Interaktionen, das Nachsehen hatte die Literatur.


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