Mitakuye Oyasin

Schreibschulen, etwa der in Hildesheim, wo ich vier Jahre lang viele Seminare besucht habe und an vielen Projekten teilhaben durfte, wünsche ich eine durch und durch wertschätzende und inspirierende Atmosphäre voll mit mitfühlenden Menschen, die dort lernen und lehren, und die auf ihrem Weg eine Liebe zur Vielfalt von Stoffen und Worten mitbringen; und das Gefühl einer Gemeinschaft, wo alle ein Plätzchen haben und an ihrem Plätzchen an dem arbeiten können, an dem sie arbeiten möchten, und das Kritikbewusstsein ist so, dass alle sich in ihren Potenzialen erkennen können, sich selber fördern und gefördert werden; wo’s zwar auch mal rappelt im Karton, aber bloß weil’s dann ein Signal dafür ist, aus den Kartons rauszukommen, so wie Geschenke.

Ich bin Sebastian und verstehe mich aufgrund meiner Erfahrungen mit meiner Art in der Welt zu sein und auf meinem Lebensweg als vorübergehend. Das bedeutet, dass ich meinen jetzigen Körper als eine Entscheidung von mir verstehe, Erfahrungen zu sammeln auf der schönen Erde, eben weil ich in diesem Körper bin, mit allen Irritationen und Geschenken, die damit verbunden sind.

In meiner Zeit in Hildesheim, wie an vielen Orten auf der Welt, gibt es Machtstrukturen, ich nehme sie manchmal wie letzte Atemzüge eines Jahrtausende währenden patriarchalen Systems wahr. Wenn solche alten Sachen nochmal aufploppen, kann es Egozentrik und Asozialität und Groll  geben. Dann leuchtet das Herz nicht. Dazu sind die Herzen aber da. Ich rede oft mit meinem Herz wie mit einem Freund, und bevor ich einschlafe, lege ich oft die Hände drauf und sage: „Danke, mein Herz.“

Ich glaube, dass wir uns in Qualitäten wie Mitgefühl und Balance und Verbundenheit wieder hineinführen können, Schritt für Schritt, und die Vergangenheit hinter uns lassen, ohne Wahrheiten auszulöschen und Probleme zu ignorieren. Wir setzen bloß den Fokus anders, wie der Engel der Geschichte bei Walter Benjamin, der den Kopf umdreht und nach vorne guckt. Ich glaube nämlich, dass das alles in uns selber anfängt, bei allen auf eine ureigene Weise, und dass das alles auch schon da ist und es nicht um Schuld geht bei sowas, sondern um Verantwortung und da, wo’s ansteht, um Verzeihen.

Es gibt ein Gruß- und Schlüsselwort bei den Lakota-Indianern, „Mitakuye Oyasin“, was soviel meint, wie: „Alles ist miteinander verbunden.“ Ich selber bin in einer Familie aufgewachsen, die eine indigene Lebensart prägt, mein Urgroßvater väterlicherseits zum Beispiel war ein Rosenliebhaber und Naturheilkundler und hat Holzschuhe geschnitzt, meine Großmutter mütterlicherseits ist 94 Jahre alt und hellwach und fit. Jeden Abend und jeden Morgen betet sie leise für eine große Liste von Menschen, auch für solche, die sie eigentlich blöd findet. Manchmal machen wir’s auch gemeinsam.

Ich liebe mich und meinen Körper und die Erde mit allem, was ist, Blumen, Bäume, Menschen wie du und ich. Wenn ich sowas sage, fragen manche mich schon mal, ob ich von einem anderen Stern komme. Dann nicke ich meistens.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch traurig und wütend sein kann und mich selber auch schon mal anderen gegenüber blöd verhalten habe oder dass ich Sachen hässlich finde und wie andere Menschen sich verhalten. Ich hasse sie dann aber nicht.

Wenn ich mich in Debatten positioniere, ist es meistens für etwas, für etwas ganz anderes, nicht gegen etwas. Das Für-Sein kann am Anfang und zwischendurch auf jeden Fall schwierig sein, weil’s dazu auch ein Vertrauen ins Ungewisse braucht, in etwas, was es noch gar nicht gibt.

Rückschauend auf meine Zeit in Hildesheim bin ich wesentlich dankbar und gar nicht mehr traurig, weil ich an einem Ort war, der mir viele Angebote für Erfahrungen machte, sodass Sachen aufbrechen und ich weiterwachsen konnte, und da war und ist niemand, den ich nicht auf irgendeine stille und unaufgeregte Weise für die Kunst und Gedanken, die da kamen, bestaunte. Auch wenn ich „kritisch“ sein kann, liegt das Staunen in meiner Natur, es ist, glaube ich, ähnlich so, wie wenn Kinder staunen, und ich setze meinen Fokus gerne auf die Lösungswege, so wie bei den Ernten neulich im Garten, wo ich die paar faulen Kartoffeln auf den Kompost schmeiße, wo sie sich wieder in schöne Erde verwandeln.

Ich habe auf der Erde schon unterschiedliche Erfahrungen von Dualität gemacht, beobachtet und empfunden, etwa die Dualität von Männlichem und Weiblichem. Für mich kann ich sagen, dass ich auf meine Weise beides in mir fühle, seit ich klein bin. Ich habe dafür keinen Namen und suche auch keinen und wenn ich anderen Menschen, die Angst haben, Mut machen möchte, dann dazu, dass im Grunde alles gut ist und dass das innige Verbinden scheinbar disparater Qualitäten im Grunde ein ganz natürliches Empfinden und ein Prozess ist.

Einen klaren Abgleich zu solchen Dingen finde ich meistens in der Natur und wenn ich mit Menschen zusammenkomme, mit denen ich über derlei schlicht und offen sprechen kann. Einen weiteren Abgleich finde ich in unsichtbaren Dingen, von denen viele, vielleicht ein paar sagen würden, die gibt es gar nicht. So ein Verhalten klingt für manche dann eventuell esoterisch. Und ist es auch. „Esoterik“ kommt vom altgriechischen Wort „esōterikós“ und bedeutet, dem inneren, sozusagen kernigen Bereich zugehörend.

Momentan leite ich an einer Grundschule die „Fröhlich-Sein-AG“. Wir machen öfters Empowerment-Spiele, um dieses Kernige zu entfalten, jenen inneren Abgleich, mit selbstgemachten Liedern, in denen wir etwa singen:

„Wir sind einfach toll,
und genauso haben wir’s gewollt.
Wir sind wunderschön,
so wie wir sind und wie wir aussehen.“

Diesen Satz zu sagen, fällt nicht allen Kindern leicht. Wenn wir singen, ist es leichter.

Manchmal beschimpfen sich die Kinder, Worte fallen, wie „Bitch“, „Hurensohn“ oder in der letzten Stunde etwa „fette Schlampe“. Ich habe gelernt, die Kinder zu fragen, was die Worte, die sie sagen, bedeuten, beispielsweise was eine Bitch ist und eine Schlampe, und wie Wörter verletzen und dass ihr Schimpfen auf andere immer irgendwas mit ihnen selbst zu tun hat.

Manche Kinder sind im ersten Moment aggressiv, verlegen oder im Widerstand, bekommen sie etwas gespiegelt wie eine Verletztheit oder ein egozentrisches, asoziales Verhalten. Ich sage den Kindern dann, dass wir in der AG gemeinsam lernen können, warum wir was tun und sagen, wenn wir was tun und sagen. An der Arbeit mit Kindern schätze ich die Einfachheit und das hohe intellektuelle Niveau, weil Intellektualität für mich auf meinem Entwicklungsweg mittlerweile bedeutet, einfache, rasche Lösungswege zu finden.

Wenn die Kinder mal ausrasten, entscheide ich kurzfristig und nach Gefühl, ob ich sie einen Moment lang ausrasten laste, oder, so läuft‘s meistens, ob ich sie eine Weile festhalte, so wie Löwen ihre Jungen manchmal mit der Pfote halten, um ihnen Grenzen zu zeigen und damit sie sich spüren können.

Manchmal sind manche Kinder auch sehr traurig, zum Beispiel kürzlich, als wir beim Spazieren einige tote Jungvögel fanden. Dann reden wir und trösten uns. Wir reden im Grunde über alles, auch über Sexismus. Als ein Junge etwa das Schimpfwort „Bitch“ verwendete, haben wir über das Thema „Prostitution“ gesprochen und kamen darüber auf das Thema „Sex“ und dass „Sex“ eine im Grunde wunderbare Erfahrung ist, die Menschen auch „Liebe machen“ nennen, weil’s das noch besser beschreibt, und die sie miteinander teilen können und ohne die es uns alle auch gar nicht gäbe.

Neulich sangen wir in der Fröhlich-Sein-AG ein weiteres Lied. Es geht so:

„Namasté, ich kann Dich sehen.
Namasté, alles ok.
The god in me greets the god in you.
Namasté, alles ist gut.“

Danke fürs Lesen,

Sebastian

Sebastian Polmans studierte von 2007 bis 2011 in Hildesheim, er ist Musiker, Illustrator und schreibt an seinem zweiten Roman „Kleine Palme“.

 

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2 Kommentare

  1. Sebastian sagt:

    Ps.: Wer reinhören möchte, hier ein Link zu einem Mitschnitt des zitierten Songs aus der „Fröhlich Sein-AG“:

    https://soundcloud.com/leo-the-lillytree/namaste-alles-oke-frohlich-sein-ag-session-am-1472017

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