An uns scheitert es nicht, wenn du dich ausziehen willst. Ausflug zu einer ganz normalen Uni

Ich studiere nicht an einer Schreibschule, das habe ich mir selbst so ausgesucht. Stattdessen hänge ich irgendwo zwischen Philosophie und etlichen Naturwissenschaften an einer ganz normalen Universität in einer ganz normalen deutschen Stadt. Die Antwort auf die Frage, ob ich unbedingt zu dem Ganzen meinen Senf dazugeben muss: ganz sicher nicht. Ob ich das möchte: ich denke schon. Viele, mit denen ich über die Debatte geredet habe, waren überrascht, dass es „vor allem in der Literatur“ überhaupt noch Thema ist. Der Gedanke dahinter ist wohl: Sie (die Literatur) und alles, was mit ihr zu tun hat (also auch Schreibschulen), haben  den Anspruch, zumindest nach außen, solche Dinge im Griff zu haben beziehungsweise auf dem besten Weg dorthin zu sein.

Im normalen universitären Umfeld ist es fast schon zu erwarten, dass dort ein Stillstand der Umstände herrscht, an denen niemand etwas ändern will und muss. Es gab ein paar halbherzige Hinweise eines Dozenten darauf, dass wir nicht davon ausgehen sollen, die Autor*innen eines wissenschaftlichen Artikels seien männlich. Das führte zu Verwirrung beim Reden über den Artikel, sodass das bald wieder aufgegeben wurde; übrig geblieben ist nur ein dünnes grünes Häkchen in meinem Essay am Ende des Semesters hinter meinem improvisiert gegenderten Plural „Konnektionist*innen“. In den Seminaren zur analytischen Philosophie sitze ich vor einem der männlichen Professoren zwischen zum sehr großen Teil männlichen Studierenden, der Anteil der Frauen sinkt drei Wochen ins Semester hinein noch einmal drastisch. In meiner Erinnerung an das zweite Semester erwische ich mich selbst dabei, wie ich damals mit etwas mulmigem Gefühl in das Seminar einer unserer zwei Philosophie-Dozentinnen gegangen bin, weil ich dachte, sie müsse als Frau im akademischen Umfeld ja besonders gnadenlos sein. So sieht es an der Fakultät für Humanwissenschaften aus.

Letztes Semester besuchte ich eine einführende Informatik-Vorlesung (für Nicht-Informatikstudierende). Alle verzweifelten auf ihre Art an den Programmieraufgaben: die Männer im Stillen, wenn überhaupt; die Frauen sehr laut, öffentlich, aber immer mit einem Lachen und dem Satz, dass sie es eben einfach nicht können.
In der Game-Design-Vorlesung konnten sich die vereinzelten Frauen nicht mehr beklagen. Sie waren ja wirklich nur aus Interesse da, die Veranstaltung war für niemanden Pflicht. Der Dozent hat dafür umso lauter gelacht, als er uns Daten zu bevorzugten Spielthemen nach Geschlecht zeigte. Bei Spielerinnen: Emotionen, reale Welt, Erziehung und Aufzucht. Bei Spielern: Meisterschaft, Wettkampf, Zerstörung. Dann der verschmitzte Kommentar: Er möchte hier niemanden beleidigen, er gebe nur statistische Erhebungen wieder. Wenige Wochen später dann: der Hinweis, bei der Wahl der Hautfarbe der Spielcharaktere vorsichtig zu sein, das werde schnell als politisch interpretiert, auch wenn wir das ja gar nicht so meinen. Die Veranstaltung habe ich abgebrochen.
In einer Vorlesung in diesem Semester versäumte es der Dozent nicht, Woche für Woche damit zu prahlen, welche Leute/Männer er kannte, welche Forschungspreise sie bekommen hatten, welche Forschungspreise er bekommen hatte, bis er persönlich zu einer Preisverleihung nach Barcelona fuhr, auf der sich alte weiße Männer besagte Preise gegenseitig in die Hand drückten. Als sein Computer einmal nicht richtig funktionierte, grummelte er, das komme davon, dass „diese Inderin“ da gestern dran war. „Diese Inderin“ war eine Professorin einer indischen Universität, die am Abend zuvor einen wissenschaftlichen Vortrag im Hörsaal mit eben jenem Computer gehalten hatte. So sieht es an der Fakultät für Informatik aus.

Das Sportangebot meiner Uni ist nicht optimal, aber vorhanden, also finde ich mich jeden Donnerstagabend an der dürftig, aber liebevoll zusammengezimmerten Kletterwand in Sporthalle 3 ein. Das Verhältnis Frauen zu Männern brauche ich nicht zu erwähnen. Nachdem mich jemand freundlich darauf hingewiesen hat, dass sich die Männer nicht deshalb eine Kletterroute von mir (und den anderen Frauen, falls vorhanden) zeigen lassen, weil ich besser klettern kann als sie, sondern weil man mich dabei von hinten sieht, habe ich aufgehört, bequeme enge Sporthosen zu tragen und klettere jetzt in schlabberigen, viel zu warmen Jogginghosen. Die Männer sind sehr freundlich, sie geben mir Tipps: Am Anfang vom Boden abspringen gilt nicht, das ist für Mädchen. Ich springe nicht ab, weil ich kein Mädchen sein möchte. Sie schauen dabei zu, wie ich etwas mache, was sie nicht können. Sie sagen: Du bist so klein und leicht, natürlich ist das viel einfacher für dich. Wir, mit unseren Muskeln, haben es viel schwerer.
Ein Sommertag, draußen sind 30 Grad, in der Halle 35, am und unter dem Basketballkorb machen drei oberkörperfreie Männer Klimmzüge und Liegestütze, ich sage dem Mann neben mir, ich würde das auch gern, mir ist warm in meiner Jogginghose und überhaupt, er sagt: An uns scheitert es nicht, wenn du dich ausziehen willst. Ich schwitze.
So sieht es unter Studierenden außerhalb von akademischen Lehrveranstaltungen aus.

Das ist alles sehr weit weg von Leipzig, Hildesheim, sehr weit weg vom Literaturbetrieb. Das Gute an all dem Schlechten, was in den anderen Texten dazu gesagt wurde, ist: Es wurde gesagt. Es gibt die Diskussion, und wer sich dem nicht stellen möchte, muss es trotzdem. An meiner ganz normalen Universität in der ganz normalen deutschen Stadt gibt es das nicht. Keine Debatte, keine Forderungen, keine Stellungnahmen, kein Bewusstsein, dass es ein sehr tiefliegendes Problem gibt, das nicht durch das gelegentliche Gendern im Sprachgebrauch einzelner Dozent*innen behoben wird. Was die Schreibschulen im Moment haben, fehlt an allen anderen Schulen. Dafür braucht es Menschen, Studierende, die ihre Meinung sagen, überhaupt erst einmal eine Meinung haben, die sie sagen können. Das zeigt, das Ganze hier ist vielleicht nur ein Anfang, aber immerhin ein Anfang. Es ist wünschenswert, dass woanders auch ein solcher gefunden wird.

Joceline Ziegler studiert Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition in Magdeburg.

 

roter punkt_20px Bleiben Sie auf dem Laufenden. Abonnieren Sie jetzt den Merkur-Newsletter.


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *