Zurück in die Gegenwart – Geschlechterbeziehungen an der Kunsthochschule

Endlich eine Diskussion zum Sexismus an Kunsthochschulen. Kunst zu studieren, heißt ja leider eine Zeitreise in die 50er Jahre zu machen.

Die Kunsthochschule stellt man sich zunächst als ein freies, offenes Experimentierfeld für neue Ästhetiken und Inhalte vor, ein Labor für Utopien, queere Gedanken und vielfältige Ideen und Gestaltungskonzepte.

Leider muss man dort angekommen feststellen, dass konservierte Wertvorstellungen und traditionelle Geschlechterstereotype, altbackene Misogynie und viriles Machtgebaren an so einer Kunsthochschule in voller Blüte stehen. Hier feiert der Sexismus fröhliche Feste und gebärdet sich, wie man ihn von Oma über die Zeit vor 70 Jahren erzählt bekommen hat. So eine Kunsthochschule ist also so ein verwunschener Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist in einer Art Adenauer-Ära und dort kann man sich live anschauen, wie es damals wohl zugegangen sein muss.

Das alte und lange tradierte Netz des Sexismus, das uns Kunststudentinnen einzuspannen versucht, ist aus tausend Fäden gesponnen, deren Ent- und Aufwicklung ich eigentlich nur in Buchlänge darstellen könnte – stattdessen habe ich mich entschieden, anhand von fünf prägnanten Aspekten aus meiner eigenen Erfahrung einen Abriss über die sexistischen Strukturen an Kunsthochschulen zu geben, die einen leider auch nach dem Abschluss ungebrochen im künstlerischen Berufsfeld weiter verfolgen.

  1. Verbrüderung und Kunststudentinnen als Dummerchen

Sowohl in vielen Werkstätten als auch in meinen Klassen merkte ich, dass die angehenden Künstlerinnen gern Organisationsaufgaben bekommen. Dass wir irgendetwas besorgen, regeln, nachfragen sollen. Auf uns kann man sich verlassen, auf die Kommilitonen anscheinend nicht – darum müssen wir die Mehr-Aufgaben erledigen und uns auch noch darüber freuen. Denn hier sind wir kompetent. Wie schön! Leider sind wir selten kompetent in fachlichen und technischen Fragen jedweder Couleur. Nach zwei Jahren selbständiger Arbeit in der Druckwerkstatt bietet sich zur Verdeutlichung folgendes Erlebnis an: Mein Freund holt mich dort ab und platzt in eine Diskussion mit dem Werkstattleiter. Plötzlich bin ich für diesen nicht mehr existent. Es wird ausschließlich mit meinem Freund über meine Arbeiten und die von mir konzipierte Druckvorlage, ihre Belichtungs- und Tonwerte diskutiert. Was hält er davon und soll es hier heller oder dunkler sein? Wie soll es sein? Sowohl ich als auch mein Freund versuchen vergeblich mich wieder ins Gespräch über meine Arbeit zu bringen. Es nützt nicht einmal etwas, dass mein Freund mehrfach explizit deutlich macht, dass er gar nicht weiß, worum es geht, was er hier soll, dass er hier nichts entscheiden kann und auch nicht entscheiden will. Warum es dabei eigentlich geht, ist zu zeigen, dass nur Männer (fachlich) kompetent sind und zu demonstrieren, dass man hier von Fachmann zu Fachmann über den Kopf der Kunststudentin hinweg ihre Arbeit entscheiden kann und sie kommt nicht einmal zu Wort. So kann sie schon gleich zu spüren kriegen, dass sie ein ohnmächtig nebendran stehendes Dummerchen ist, das in der Welt der Kenner und Künstler Luft ist und nicht adressiert wird – egal was sie macht. Das funktioniert auch in anderen Varianten.

Ein Kommilitone macht eine Arbeitsbesprechung in der Klasse und zeigt uns seine Zeichnungen: Darauf zu sehen ist u.a. eine an einen Gynäkologenstuhl gefesselte Lehrerin, die brutal von ihren männlichen Schülern vergewaltigt wird und ähnliche Gewaltexzesse. Er habe das Gefühl, dass Frauen in der Gesellschaft überrepräsentiert seien und mittlerweile viel zu viel Macht hätten – darum sei es an der Zeit, da zeichnerisch ein Konzept zu präsentieren, gewissermaßen ein Korrektiv zu zeigen, das zum kritischen Umdenken im Geschlechter-Machtverhältnis anregt. Als Philosophen, der ihn dazu inspiriert habe, nennt er ausgerechnet Foucault (der v.a. die Queer- und Gender-Theorie anregen konnte). Zwei Frauen in der Klasse, die beide über Foucault ihre Universitätsabschlussarbeiten (Bachelor, Magister) verfasst haben – und denen beim Anblick der Zeichnungen die Haare zu Berge stehen –, melden sich zu Wort und äußern sich kritisch, in dem Sinne, dass sie das vor ihrem Foucault-Hintergrund nicht so richtig nachvollziehen können, wo in den Zeichnungen das Revolutionär-Andere und der Aufbruch aus den Geschlechterrollen gezeigt wird und sie sich fragen, wie genau diese Form von Gewalt mit Foucault begründet werden soll. Brüsk unterbricht der Professor die Studentinnen und wirft sich auf die Seite des kritisch Befragten. Das hier sei ja eine Klassenbesprechung und kein Philosophentreff. Es gäbe keinen Grund hier arrogant herumzuklugscheißern, denn in der Kunst, da gebe es keine Tabus. Das seien doch Super-Zeichnungen. Und wer hier political correctness wolle, sei in der Kunst ganz falsch. Es gibt unter den beiden noch eine kurze Diskussion darüber, warum die Gewaltdarstellung ein Tabubruch sein soll und welches Tabu genau gebrochen werde bzw. die Anmerkung, dass es merkwürdig sei, dass die Verherrlichung von sexistischer Gewalt eine legitime Meinung und künstlerische Haltung ist; die Kritik der Gewalt aber als illegitime Haltung und oberflächliche political correctness diffamiert wird. Aber diese Anmerkungen bleiben in der Luft hängen und unbeantwortet. Diese Luft ist jetzt sowieso schon dick und alle Anderen halten den Mund. Entweder finden sie PC auch schlimm oder sie haben Bedenken, dass sie sonst genau wie die beiden Philosophie- und Kunststudentinnen nicht mehr in der Vorschlagsliste der Professoren für Ausstellungen, Stipendien und Preise vorkommen werden.

  1. Die Künstlerin als Sex-Objekt

Offenbar verhilft professionelle Expertise Kunststudentinnen und Künstlerinnen nicht oder kaum zur Anerkennung (weder in technischer noch theoretischer Hinsicht). Ein weiterer Aspekt, der Künstlerinnen das Leben an der Kunsthochschule und auch später die ‚Kunst als Beruf‘ erschwert, ist die Kategorisierung als Sex-Objekt. Künstlerinnen, die etwa von Kunstwissenschaftsprofessoren eingeladen und gezeigt werden, machen meist Kunst, die Körperlichkeit und Sexualität verhandelt. Das geschieht dann mittels oder über ihren Körper. Der ist dann nackt und kann selbst bei kritischer Absicht noch voyeuristische Haltungen bedienen. Oder man zeichnet und malt sich in sexuellen Posen, fotografiert Mädchen mit verrutschten Schlüpfern oder macht Bilder über Orgien. Zu allen anderen Themen werden gemeinhin männliche Künstler eingeladen, sich und ihre Werke vorzustellen. Die Künstlerinnen dürfen nur über Kunst und Lust sprechen. Dieser Sexismus, der sich auf den Körper der Frau bezieht, findet sich auch in der Interaktion mit Journalisten, Kuratoren, Galeristen. Man wird anzüglich angesprochen, deutlich angebaggert oder auch einfach sexuell belästigt. Aber das darf man nicht so sehen und muss man anders verstehen… Aber wie? Als mich ein Künstler, für den ich im Studium gearbeitet habe, seinem Galeristen vorstellen will, nimmt er mich kurz vorher zur Seite und sagt, er müsse mich warnen, eigentlich sei das künstlerische Feld natürlich egalitär, aber eben gerade dieser Galerist sei ein bisschen sexistisch. Das Programm kenne ich schon, aber über den folgenden Tipp bin ich relativ erstaunt: Der Künstler schlägt vor, dass ich, wenn es mir zu viel wird, in die Atelierküche gehen und da Kaffee trinken könne, bis der Galerist weg ist. Und er würde dann das Gespräch alleine zu Ende führen. Ich sage, das sei doch etwas nutzlos, weil der Plan doch war, dass ich den auch mal kennenlernen sollte und bei der Ausstellungsbesprechung mitwirken wollte. Und sage, dass ich bleibe – so schlimm kann es ja nicht sein. Als der etwas sexistische Galerist dann erscheint, denke ich allerdings für einen kurzen Moment tatsächlich über die Küche nach und wie schön ruhig es dort ist. Denn es ist völlig egal, dass ich als Assistentin vorgestellt werde; völlig egal, dass der Künstler sagt, ich hätte ein paar tolle Kritikpunkte und Vorschläge zur Ausstellung – der Galerist vergleicht zuerst meine Augen mit der Frau auf dem Bild, mein Gesicht, das findet er ganz schön, meine Figur, die findet er auch super, aber wenn er uns vergleicht, also da ist die auf dem Bild ein bisschen schlanker, aber ihm wäre das ja mittlerweile auch fast schon zu viel bei den Modellen. Netterweise versucht der Künstler mit mir zusammen immer wieder das Gespräch auf eine professionelle Ebene zu ziehen und erzählt, wo ich studiere und gibt mir Raum von meinen Arbeiten zu erzählen. Das ist aber ganz sinnlos, weil der Galerist leider aus dem Anbaggerungsmodus nicht herausfindet. Nach dem Gespräch rede ich mit dem Künstler darüber, was das für eine krass eklige Situation war. Das fand er auch und meint ich hätte mich dem nicht aussetzen sollen. Sich dem nicht auszusetzen heißt dann allerdings nicht teilzuhaben. Sich dem auszusetzen, heißt allerdings ignoriert zu werden und ebenfalls nicht teilzuhaben. Eine Pattsituation.

Besonders kurios fand ich immer, dass zumeist von männlichen Künstlern permanent geleugnet wird, dass im künstlerischen Feld überhaupt so etwas wie Sexismus existiert. Gleichzeitig habe ich aber oft erlebt, dass man mich vor dem Sexismus der Anderen warnte. Und so bildet sich dann die Kette: Ich bin kein Sexist und das künstlerische Feld ist vollkommen egalitär; es kommt nur auf gute Arbeiten an, auf Ausdauer, Fleiß und die intensive Beschäftigung mit einem Thema. Aber gleich kommt ein Galerist, der etwas sexistisch ist – der wird deine Arbeiten nicht gut finden; oder: Aber dieser Kurator ist speziell und vielleicht nichts für angehende Künstlerinnen; aber gerade dieser Redakteur ist manchmal doch etwas misogyn usw. usf. Irgendwann habe ich mich gefragt, wenn von der Kunsthochschule bis in die Galerien keiner sexistische Anschauungen hat und das künstlerische Feld so offen und frei ist, warum begegnen wir Kunststudentinnen dann immer und ständig diesen Anderen?

  1. Die Künstlerin in der Reproduktionsschleife bzw. die Mutter ist kein Genie

Wer es sich völlig unmöglich machen will als Künstlerin tätig zu sein, wird Mutter. Während es mindestens neutral oder sogar positiv gesehen wird, als Kunststudent Vater zu werden (bravo, so früh übernimmt der junge Mann schon Verantwortung und muss darum besonders gefördert werden), gilt bei Kunststudentinnen, die Mutter werden, das Gegenteil. Ihnen werden keine HiWi-Jobs und keine Aushilfsstellen zugeschachert, denn sie haben ja sicherlich nicht die nötige Aufmerksamkeit, um überhaupt irgendetwas noch gut zu machen. Auch werden Kunststudentinnen, die Kinder haben, regelmäßig – und wie ich es mehrfach in meinem Beisein gehört habe – in absolut nervtötend kurzen Intervallen danach gefragt, wo ihre Kinder sind. Egal, ob sie im Atelier arbeiten, auf eine Exkursion fahren oder eine Ausstellung vorbereiten, immer wieder ist abzuklären, ob es sich bei diesem Exemplar nicht vielleicht um eine Rabenmutter handeln könnte. Wer meint, dass das eine private Entscheidung sei, Mutter und Kunststudentin/Künstlerin zu sein, geht fehl. In meinem Umfeld versuch(t)en alle Künstlerinnen mit Kind(ern) diese aus ihrem Lebenslauf herauszuretuschieren. Denn wer Mutter ist, ist anscheinend keine ernstzunehmende Künstlerin mehr, als würde mit der Mutterschaft jede künstlerische Auseinandersetzung zum Erliegen kommen. Bei einem Hochschulvortrag hörte ich einen Kurator völlig unwidersprochen sagen, dass er nicht mit Künstlerinnen arbeitet, die Mütter sind und generell auch einen Bogen um Künstlerinnen macht, die in einem Alter sind, in dem sie Mütter werden könnten (also 20-40 Jahre), weil ihre Arbeiten dann zerstreut und schlecht werden. Eine Kommilitonin fragt nach, ob es denn nicht auf die Kinderbetreuung ankomme. Wenn die Kinder betreut seien, z.B. im Kindergarten sind oder vom Vater betreut werden, dann könne die Künstlerin doch die Ausstellung voll durchziehen. Aber das ist für den Kurator gar nicht der springende Punkt. Er habe das nicht herausgefunden, aber das sei ganz unabhängig von der Kinderbetreuung, das müsse wohl etwas Biologisches sein. Ich frage mich, wie viele Frauen mit ihm Ausstellungen gemacht haben, die ihre Kinder retuschiert haben und er hat es wahrscheinlich gar nicht gemerkt…oder aber er, Mitte 50, hat tatsächlich nie eine Ausstellung mit Künstlerinnen gemacht? Ob wir denn erfolgreiche Künstlerinnen, die Mütter sind, kennen? Bevor wir antworten können, beantwortet der Mann die Frage selbst mit nein und beendet den Vortrag unter Applaus. Katharina Sieverding oder Yoko Ono fallen mir zu spät ein – ob er die auch nicht im Programm haben wollte, wenn er könnte? Oder geht es ihm in erster Linie darum, sich durch den Ausschluss der 20-40jährigen Kunststudentinnen und Künstlerinnen sein eigenes sexistisches Weltbild in einer self-fulfilling prophecy zu kreieren und zu bestätigen?

  1. Es gibt in der Geschichte keine Künstlerinnen – die guten Künstler sind weiß und männlich

Leider werden die Künstlerinnen, die berühmt sind, an den Kunsthochschulen nicht tradiert. Es gab drei Überblickveranstaltungen zur Kunst im 19. und im 20. Jahrhundert. In allen Überblickveranstaltungen wurden nur männliche, weiße Künstler präsentiert. Besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo wir an Performance-Künstlerinnen, Installationskünstlerinnen, Fotografinnen und Videokünstlerinnen kaum vorbei kommen, bin ich absolut erstaunt, dass es dem Professor gelungen ist, sie alle zu ignorieren und eine riesige Auswahl ausschließlich an männlichen weißen Künstlern zusammenzustellen. Besonders seltsam ist, dass sogar Marina Abramovic als absolute Berühmtheit in der Performancekunst und bis vor kurzem selbst noch an eben dieser Kunsthochschule tätig, nicht seine Aufmerksamkeit verdienen konnte. Wie ist das möglich, möchte man wissen? Das weiß der Mann selbst nicht, er hat das Seminar so aus dem Bauch heraus zusammengestellt. Dieses aus-dem-Bauch-heraus ist das Problem im Betrieb der Kunsthochschule und auch später im künstlerischen Feld. Die wesentlichen Posten sind in der absoluten Mehrzahl von weißen Männern besetzt und deren Bauch sucht weiße und männliche Kunst aus. Habituell bedingt, also implizit und unbewusst. Und ich beobachte das sogar an mir selbst. Wenn ich meine Vorbilder in der Kunst durchgehe, dann handelt es sich dabei fast ausnahmslos um weiße Frauen. Künstlerinnen wie ich, mit denen ich eine ähnliche Weltanschauung, vermutlich ähnliche Erfahrungen und Erlebnisse teile und deren künstlerischen Themen, Anschauungen und ästhetischen Herangehensweisen ich sicher näher stehe als denen männlicher Künstler oder auch dunkelhäutiger Künstlerinnen. Klar, so funktioniert der Bauch. Was ich aber problematisch und absolut kritikwürdig finde, ist folgender Punkt: Bin ich auf dem Posten eines Professors, dann ist meiner Berufsbeschreibung doch inhärent, dass ich mehr als ein Bauch bin bzw. sein sollte, schon weil vor mir so viele verschiedenen Bäuche sitzen. Denn sollte der Anspruch eines Grundlagenseminars nicht sein, einen Überblick zu geben und also einen möglichst breiten Bogen über unterschiedliche künstlerische Positionen hinweg zu schlagen? Und sollte der Bauch nicht Hand in Hand mit dem Gehirn so ein Seminar konzipieren, das es den Studierenden ermöglicht, sich in der Kunstwissenschaft zu orientieren und bestenfalls Neugier wecken, den eigenen künstlerischen Ansatz auch theoretisch weiterzuentwickeln? Fehlanzeige. Der Bauch mit dem plump hinausgerülpsten Statement „Kunst ist, was meine Kumpels machen – die sind weiß und männlich, nanu – aber die zeig ich hier jetzt mal so“ – diese Meinung ersetzt die Kunstwissenschaft.

  1. Die Künstlerin arbeitet am falschen Thema und Schlussbetrachtung

Dieses Jahr hat bei der Jahresausstellung meiner ehemaligen Kunsthochschule eine junge Künstlerin  einen wahnsinnig guten Film über Frauen in unserer Gesellschaft und über die strukturelle Gewalt, der diese alltäglich ausgesetzt sind, gemacht; und hierfür eine überraschende und neuartige ästhetische Form gefunden, durch die die ungewöhnliche Länge von 45 min. kurzweilig wie eine Viertelstunde erscheint. Der Film wurde von einer mehrheitlich mit virilen Professoren besetzten Jury lediglich als Film über Mütter (statt über Frauen und strukturelle Gewalt) identifiziert und konnte darum leider kein „Diplom mit Auszeichnung“ erhalten, ein Zusatz, der für einige spätere Förderungen, Stipendien und Aufbaustudiengänge wichtig ist. Denn beim Thema Mütter – siehe Punkt 3 – da ist die Jury raus. Missverstanden wird auch hier die Rolle des Professors und die Aufgabe die man in so einer Diplomprüfung hat: Dass es bei der Aufgabe der Bewertung eines Diploms nicht um die persönlichen Interessen und die eigene Meinung geht, sondern darum, in kritischer Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk zu beurteilen, ob dieses inhaltlich und ästhetisch stimmig ist und in diesem Falle war für jeden, wirklich jeden, mit dem ich über diesen Film gesprochen habe (von Studierenden bis zu anderen KunstprofessorInnen) völlig eindeutig, dass der Film das angepeilte Ziel eines Diploms mit Auszeichnung absolut gesprengt und jegliche Erwartungen völlig übertroffen hat.

Nur eben für diese Jury hat der Film das falsche Thema (und die Künstlerin hat das falsche Geschlecht). Auseinandersetzungen mit sozialen Klassen werden zwar auch nicht gern gesehen (denn die meisten Professoren kommen nicht gerade aus der Arbeiterschicht), aber sind noch tolerabel. Bei einem Film über Frauen und womöglich auch noch über Mütter hört der Spaß aber ganz eindeutig auf. Insgesamt hat sich ergeben, dass wie auch die Jahre zuvor von 14 Diplomen mit Auszeichnung nur 3 an Künstlerinnen gingen. Wie jedes Jahr war der Bauch schön laut und das Gehirn sehr leise.

Bei allen KünstlerInnen, denen ich erzählt habe, dass ich einen Artikel zu Sexismus an Kunsthochschulen schreibe, wurde sehr müde abgewunken und gesagt, ich lebe ja jetzt – was soll ich gegen die Windmühlen anschreiben. Es dauert alles viel zu lang und es kostet zu viel Zeit und zu viele Worte – und es macht ja auch keine gute Laune. Und es stimmt: Dass sich was ändert, weil ich nicht schweige, ist erstens unwahrscheinlich und zweitens ändern sich die Geschlechterverhältnisse so langsam, dass ich nichts von meinem unwahrscheinlichen Beitrag hätte. Ich wollte aber trotzdem schreiben. Weil wir dringend eine Diskussion brauchen, die eine Debatte um die sehr stabile strukturelle Diskriminierung an Kunsthochschulen und im künstlerischen Feld überhaupt anstößt. Die meisten Künstlerinnen, die ich kenne, stellen sich auf den Standpunkt, dass sie einfach stoisch weiterarbeiten und hoffen, dass sich die durchdachte, ästhetisch ausgefeilte, die gute Kunst auf längere Sicht durchsetzen wird. Statistisch gesehen, ist das ziemlich utopisch. Denn Frauen mit einem Studierenden-Anteil von 55 Prozent in der freien Kunst verdienen später 28 Prozent (Malerei) und bis zu 59 Prozent (Fotografie) weniger als ihre männlichen Kollegen und sind nur zu 25 Prozent in Galerien vertreten, die anderen 75 Prozent sind männlich. Die Chancen stehen also denkbar schlecht. Dass es unter diesen Ausbildungs- und Startbedingungen überhaupt erfolgreiche Künstlerinnen gibt, grenzt daher fast an ein Wunder, das sich mir nur mit einer riesigen, unbändigen Schaffenskraft und Energie erklärt, die es Künstlerinnen ermöglicht, sich durch irgendeine, vergessene, kleine Hintertür in die Villa großer KünstlerInnen hineinzuschummeln, die von ihrer Arbeit leben können. Aber wovon ich träume ist, dass wir irgendwann wie selbstverständlich den Haupteingang nehmen und leichtfüßig(er) hineinflanieren können.

 

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