Kritik und Mündigkeit. Jacob Taubes und die Studentenproteste

Von den circa zweihundert Ordinarien an der FU gab es vielleicht eine Handvoll, die mit der aufsteigenden studentischen Linken sympathisierte, dazu zählten Helmut Gollwitzer, Peter Szondi und (etwas zurückhaltender) Richard Löwenthal.1 Aber niemand war so eindeutig in seiner Unterstützung der radikalen Studentenbewegung wie Jacob Taubes. Eine Zeitlang erschien er wie der spiritus rector der Neuen Linken an der FU. Er hatte chiliastische Erwartungen, die er noch aufrechterhielt, als die meisten anderen Professoren diese lange schon aufgegeben hatten.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2022, Merkur # 882, erschienen.)

Nach dem Vorbild des Free Speech Movement an der University of California in Berkeley proklamierte der Allgemeine Studentenausschuss (ASTA) unter dem Vorsitz von Wolfgang Lefèvre die Rechte der Studenten, jede Person zu jeder Zeit in jedem offenen Bereich auf dem Campus zu jedem Thema sprechen zu hören. Sie luden den linken Journalisten Erich Kuby ein, auf dem Campus zu sprechen, obwohl sie wussten, dass dieser zuvor von der Universitätsverwaltung für seine aus ihrer Sicht diffamierenden Äußerungen über die FU vom Universitätsgelände verbannt worden war. Der Rektor verweigerte Kuby die Erlaubnis zu erscheinen, und das führte zu organisierten studentischen Protestdemonstrationen. Kurz darauf sorgte ein anderer berühmter Fall für Aufregung auf dem Campus. Dieses Mal ging es um den Umgang des Rektors mit dem jungen Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff, der den Rektor beschuldigt hatte, das Auftreten des Philosophen Karl Jaspers auf dem Campus verhindert zu haben. Als Krippendorff herausfand, dass dies nicht der Wahrheit entsprach, nahm er zwar seine Anschuldigung zurück, doch den Zorn des Rektors hatte er sich zugezogen. In jeder Phase verteilte die studentische Linke Flugblätter und stellte Plakatwände auf, wobei sich mehr und mehr Studenten an den Protesten beteiligten. Gemeinsam mit Gollwitzer, Szondi und einigen anderen Angehörigen der Fakultät unterzeichnete Taubes einen Offenen Brief, um den Protest zu unterstützen.2

Die erste Sitzblockade an einer deutschen Universität fand an der FU am 22. Juni 1966 statt, als ungefähr 3000 Studenten eine Sitzung des akademischen Senats belagerten, auf der über eine Maßnahme der Studienzeitbegrenzung beraten wurde.3 Die Resolution gegen diese geplante Maßnahme wurde von drei führenden Mitgliedern des SDS verfasst, die Taubes alle nahestanden: Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre und Johannes Agnoli. Für den SDS war die Forderung nach einer stärkeren studentischen Beteiligung an der universitären Verwaltung ein Vorbote für den »Abbau oligarchischer Herrschaft und die Verwirklichung demokratischer Freiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen«.4 In den folgenden Jahren formulierte die Führung des SDS immer nachdrücklicher, dass ihr Ziel darin bestehe, die Hochschulen dafür zu nutzen, für eine grundlegende gesellschaftliche Umgestaltung zu kämpfen.

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