Sonderheft „Wir? Formen der Gemeinschaft in der liberalen Gesellschaft“

Merkur Sonderheft: Wir?Das Sonderheft (Doppelheft Oktober/November) ist erschienen. Das Thema ist „Wir? Formen der Gemeinschaft in der liberalen Gesellschaft“. Online gratis lesbar sind Beiträge von Kathrin Passig (Die Wir-Verwirrung. Kontextfusion und Konsensillusion), Thomas E. Schmidt (Als ich mal dazugehörte. Szenenbildung Anfang der Achtziger) und Urs Stäheli (Die Angst vor der Gemeinschaft. Figuren des Schüchternen). Der Überblick über das Gesamtheft mit Zitaten aus den einzelnen Texten findet sich hier, die Möglichkeit zum Download als PDF hier, Ebook-Kauf zum Beispiel bei Ebook.de – wobei die digitalen Versionen zum günstigen Preis von 9,99 Euro zu haben sind.

Das Editorial von Christian Demand, der das Heft auch im Feuilletonpressegespräch des Deutschlandradio vorgestellt hat:

Wir leben in einer individualistisch ausgerichteten, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, die im Ökonomischen marktförmig regelt, was sich marktförmig regeln lässt, und die nicht nur auf dem Feld der Ästhetik wie selbstverständlich mit Kontingenz, also dem Fehlen verbindlicher Werte, umzugehen versteht – eine Gesellschaft, die an ihren neuralgischen Punkten, anders als von Kommunitaristen und verschiedenen Spielarten der Konservativen wie der Linken gern behauptet wird, auf Gemeinschaft im emphatischen Sinne im Ganzen gut verzichten kann, oder genauer: um ihrer Kontingenzfähigkeit willen sogar verzichten können muss.

Wie viel „Wir“ bildet sich dennoch unter solchen Rahmenbedingungen? Welche unterschiedlichen Formen zwangloser Vergemeinschaftung, aber auch der Abwehr von Gemeinschaftsansprüchen gibt es in einer liberal-individualistischen Gesellschaft? Wie entsteht hier kollektives Einvernehmen, wie kommt (zumindest temporär und auf abgrenzbaren Feldern) sozialer Zusammenhalt zustande? Wie existieren die multiplen Gemeinschaften, die, so universal sie ihrem Anspruch nach ausgerichtet sein mögen, doch allesamt keine gesamtgesellschaftliche Bindungskraft beanspruchen können, in-, mit-, neben- und nicht zuletzt gegeneinander? Welche Bedürfnisse werden dabei befriedigt, hergestellt oder womöglich auch kompensiert?

Das sind die Fragen, denen die Autoren dieses Merkur-Sonderhefts unter sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten und mit sehr unterschiedlichen argumentativen, aber auch literarischen Strategien nachgehen. Dass die Beiträge sich auf keinen verbindliche Generalnenner bringen lassen würden, war bei der Konzeption des Hefts einkalkuliert. Angesichts der unüberschaubaren Vielfalt an Formen und Qualitäten des „Wir“, von Interessen- und Überzeugungsgemeinschaften über Schicksals-, Zwangs- und Notgemeinschaften bis hin zu Liebhaberzirkeln, Netz-Communities und Zufallsgemeinschaften, scheint mir das allerdings keinen Makel, sondern durchaus eine Tugend darzustellen.


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