„That’s My Hood“: Bei Westbam zuhause

Schon vorletzte Woche machte Stuckrads Homestory alles richtig. Da war Katja Ebstein zu Gast in der Sendung, deren Prinzip ganz einfach ist: Benjamin von Stuckrad-Barre trifft Leute, weiß aber vorher nicht wen.

Leider hat Ulf Poschardt einfach so lange behauptet, das deutsche Boot sei voll mit humorlosen, lustfeindlichen, protestantischen Ex-68ern, die längst zu rot-grünen Spießbürgern verkommen sind, dass es irgendwann für plausibel gehalten wurde. Dieses falsche Bild wird von Katja Ebstein einmal komplett auseinander genommen. Im Gespräch mit Stuckrad-Barre ist sie so offen, selbstironisch und berichtet mit beinahe buddhistischer Lässigkeit aus ihrem Leben. Auch das war 68. Ich fand’s großartig.

Diese Woche legt die Sendung noch eine Schippe drauf, was ich fast nicht für möglich gehalten habe. Besuch bei Westbam. Gleich zu Beginn wird ein Einspieler aus Westbams Kokszeit Anfang der neunziger Jahre gezeigt. Schweiß auf der Stirn, Redeschwall, der ganze Pipapo. Stuckrad machte ähnliche Erfahrungen mit der Droge. Seine Kokainabhängigkeit war sogar Gegenstand einer Doku, die ich mir allerdings bis heute nicht angesehen hab. (Kommt noch.) Ich kannte nur Rainald Goetz’ obsessive Auseinandersetzung mit der Persona Stuckrad-Barres, also mit der Art und Weise, wie seine persönlichen Hochs und Tiefs von Stuckrad selbst in den medialen Raum eingespeist werden. Die Texte waren so schön, weil es nie darum ging, die Massenmedien einmal im Kreis durch die kulturkritische Manege zu führen. Viel eher waren es Bausteine für eine neue Theorie des Boulevards, die da weitermachten, wo Les Stars, das 1957 erschienene Buch des französischen Philosophen Edgar Morin, aufgehört hatte.

Das schöne bei Stuckrad-Barre ist, dass man das, was man anders sieht als er, auf ganz verschiedene Ebenen verlagern kann. Muss nicht immer das Gesagte, die Form, in der es gesagt wird, oder die Weltsicht sein, die beidem zugrunde liegt. Diesmal liegt die Sache anders, oberflächlicher. Es sind die Klamotten. Das Sakko mit der weißen Statement-Linie oder vielmehr: Line. Und er trägt tatsächlich einen dieser Hüte.

Das macht die Sendung so gut. Gerade weil er sich dem Zuschauer als jemand zur Verfügung stellt, den man durchaus nervig finden kann, lässt er seinem Gesprächspartner genug Raum, schafft eine gute Atomsphäre, stellt die richtigen Fragen. Er verspürt keinen Drang mehr, unbedingt das Sympathiegefühl der Zuschauer auf sich lenken zu müssen, was sehr angenehm ist.

Natürlich steht Westbam schon allein aufgrund seiner Schwerkraft im Zentrum der Sendung. Je älter er wird, desto angenehmer und facettenreicher wird seine Stimme. Diese überklare Phrasierung, wie er die Betonungen setzt, wenn er “Ich bin ja überhaupt kein Krimi-Gucker” sagt, das lässt einen fast ein bisschen an Harald Schmidt denken. Genau wie Schmidt konnte Westbam mit Ratzinger mehr anfangen als mit Papst Franziskus. Konservativer Katholizismus verbindet. Lieblingsland: Polen. Westbam benutzt Ausdrucksformen, die mir das letzte Mal bei Habermas begegnet sind. Er bezeichnet sich selbst als „religiös musikalisch“, wo Habermas behauptet, er sei „religiös unmusikalisch“. Westbam zeigt, dass er es ernst meint, aber auch, dass er es hier mit einer komplett abgegriffenen Phrase zu tun hat. So weit ist Habermas in seinem Sprachhandeln noch nicht.

Westbam ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Genau wie in seinen Sets ist das nicht immer subtil, aber mit einem ziemlich guten Sinn für Dramaturgie und Timing zusammengebaut. Außerdem lassen sich an ihm so überdeutlich kulturgeschichtliche Entwicklungen ablesen. Man fühlt sich sofort in die Zeit versetzt, von der das Photo erzählt, auf dem er mit langen Haaren und Sicherheitsnadel in der Lippe zu sehen ist – während er seine kleine Schwester im Arm hält. 1979 muss das gewesen sein. Dazu die Anti-AKW-Zeichnungen, die er als Teenager angefertigt hat.

Selbst Erziehungstipps wirken fast nicht peinlich. „Kinder sind Sicherheitsfreaks“, das müsse man einfach wissen. Was der Nachwuchs von Westbams beruflicher Tätigkeit hält? „Der tanzende Vater, das sieht man nicht gern.“ Schon groß, wie er am Zaun des Nachbarschaftsspielplatzes lehnt und sagt: „That’s my hood.“

Rainald Goetz, der sich in in seiner Begeisterung für DJs schon mal als deren Plattenträger anbot, hat ja auch das handwerklich-technische Können Westbams bewundert. Stuckrad gegenüber tut Westbam so, als ob es ihm schon Schwierigkeiten bereitet, einen Plattenspieler anzukriegen. Nebenbei lernt man, dass ausgerechnet Bob Dylan Roy Orbinson für einen Künstler hält, der konsequent seinen eigenen Weg geht. So geht das eigentlich die ganze Zeit. Irgendwann wird Tim Renner dann noch mit Guttenberg verglichen. Und ich überhaupt keine Ahnung, dass Westbam und Stuckrad zusammen im Musikvideo zu K-Pauls und Lexys „Dancing“ auftraten. Kommando: Guck‘ gelangweilt und zieh dein T-Shirt aus like it’s 2003.

Die Folge mit Westbam gibt es noch in der Mediathek.


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