Generation Triple A

Gerade habe ich „Generation Merkel“ zu Ende gelesen, Titelthema des Spiegel von letzter Woche. Der Text ist lesenswert, sofern einen das Thema interessiert, aber in einer Sprache geschrieben, die einen total für dumm verkauft. Beziehungsweise: in einer Sprache geschrieben, bei der ich einfach nicht von dem Gedanken loskomme, dass sie sich an einen Leser richtet, der einer Generation angehört, die weit vorne im Alphabet liegt. Irgendwelche über 60-Jährigen. Und das wäre schon eine dieser Ergänzungen, die ich anzubringen habe; ich werde am Ende darauf zurückkommen. Denn immerhin scheine ich mit meinem Geburtsjahr ’91 zu eben diesen heute 20- bis 30-Jährigen zu gehören. Zur „Generation Merkel“, wie Dirk Kurbjuweit nicht müde wird zu erwähnen – als würde er ganz sicher gehen wollen, dass dieser enorm einfallsreiche Begriff auch wirklich auf seinem journalistischen Konto gutgeschrieben wird.

Wir sind also der Nachfolger der „Null-Bock-Generation“, auch Generation X genannt. Auf X folgt – ganz logisch – die Y. So hießen wir, bevor Kurbjuweit seine Idee hatte. Und wenn ich davon einmal extrapolieren darf, dann bezeichnet man meine Kinder irgendwann mit „Z“. Und wenn die Generationen an den Journalistenschulen bis dahin nicht einfallsreicher geworden sind, trifft sich das ganz gut, dass der Klimawandel uns bis dahin alle gekillt hat. Ende vom Alphabet, bumm.

Kurz zum Überblick: Im Artikel passiert eigentlich nichts Neues, außer der Name. Der Begriff „Generation Merkel“ bezeichnet genau das, was schon immer über die Generation Y gesagt wurde: unpolitisch, egotaktisch, materialistisch, karrierefixiert ist sie, und dennoch auf die Work-Life-Balance bedacht, genauso wie auf Sicherheit, sie nimmt Deutschland als stark wahr und Frau Merkel erst recht. Sie geht nicht mehr im Rudel demonstrieren, aber das machen ja eh alternde Wutbürger für sie. Pragmatisch, kühl, freundlich optimistisch, meinungslos. Und noch was: Sie versteht sich mit ihren Eltern gut. Oha. Da gehen bei jedem, der schon mal psychoanalytische Literatur in den Fingern hatte, natürlich die Alarmglocken an. Da muss was nicht stimmen mit dem Unterbewusstsein, wenn die jungen Leute mit ihren Eltern nicht zu streng ins Gericht gehen.

Das muss wohl an meiner Generation liegen, aber ich verstehe mich mit meinen Eltern auch immer besser. Ich habe sie heute sogar angerufen und ca. eine Stunde lang mit ihnen geredet, und es war sehr nett. Ich bin bis jetzt immer davon ausgegangen, das sei ein ganz natürlicher Vorgang, das geht mit dem ganz normalen Erwachsenwerden einher. Sofern man nicht der Sprössling von ganz wirren, oder selbst nie wirklich erwachsen gewordenen Menschen ist. „Die Eltern der Generation Merkel, das sind die 68er und deren Epigonen.“ – Nein, Dirk Kurbjuweit, Sie irren sich. Und Sie irren sich sogar im Rudel. Ich habe das Gefühl, in jedem Artikel, der sich mit der heutigen jungen Generation auseinandersetzt, ist von den 68er-Eltern die Rede. Aber das ist doch rechnerisch einfach falsch: Ich bin 1991 geboren, da waren meine Eltern gesunde, normale 30 Jahre alt. Sie sind Jahrgang  ‘58 und ‘61, meine Eltern sind genau die Generation, die 1968 nicht mitbekommen hat – sie waren weder die aktiven jungen Erwachsenen, die da mitmischen konnten, noch waren sie die älteren Erwachsenen, die die rebellische Jugend verstohlen aus den Augenwinkeln beobachteten, sich aber selbst bereits etwas zu alt fühlten, um irgendwelche Hörsäle zu besetzen. Und sie waren noch nicht einmal das Produkt irgendeiner Freien-Liebe-Aktion, das dann in den Genuss einer schön befreiten 68er-Erziehung kam, denn dafür waren sie zu alt: Die Familienbildung ihrer Eltern war bereits abgeschlossen. Wann entlässt man die 68er-Generation endlich aus der Pflicht, für alle Generationen den Übervater zu spielen?

Sowieso – und jetzt komme ich auf meine Ankündigung von oben zurück – Stichwort „Generationen“. Ich habe da was zu ergänzen. Wenn meine Generation von etwas gezeichnet ist, dann davon, dass sie inmitten anderer Generationen lebt – älterer Generationen –, die aber auch noch eine ganz schön lange Zeit leben werden. Selbst meine Großeltern, die um die 70 sind, werden vielleicht noch genauso lange leben, wie ich nun auf der Welt bin. Das finde ich an und für sich genommen auch nicht schlecht, wie gesagt, ich mag meine Eltern und Großeltern. Und das Prinzip des Generationenvertrags, dass ich also mit den Steuern, die ich hoffentlich einmal zahlen werde, meinen Eltern eine Rente finanzieren kann, die an die meiner Großeltern noch so ungefähr anschlussfähig ist, halte ich für eine ziemlich brillante Erfindung unserer Zivilisation. Aber es lässt mich manchmal das Gefühl nicht los, dass ich Teil einer Generation bin, die das Gefühl hat, oder der das Gefühl gegeben wird, sie ist nicht die Zukunft, sondern wirklich nur das: die jüngere, die nächste Generation unter den vielen älteren. Und die bringen demographisch ein enormes Gewicht auf die Waage. Wir sind die Generation, die sich im Geographieunterricht mehr mit der „Urne“ beschäftigen musste als mit dem Tsunami. Und das soll was heißen für einen Jahrgang, dem der Tsunami 2004 in die Schulzeit fiel. Wer das jetzt nicht versteht, muss nur einmal in die Oper gehen oder in eine Philosophie-Vorlesung an der Universität Hamburg. „Kontaktstudenten“ heißen die dort. Was ein widerlicher Euphemismus ist, denn in den fünf Semestern an der Universität Hamburg haben schon mehr als drei Männer im Alter meines Großvaters versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen, woran ich, so gern ich alte Menschen auch mag, wirklich kein Interesse habe.

Und dann komme ich abends – ja, an einem Sonntag – aus der Staatsbibliothek nach Hause, und lese Zeitung beim Essen, und in dieser Zeitung wird mir dann – wie mir scheint, von diesen älteren Generationen und für diese älteren Generationen – in Kleinstarbeit meine „Generation Merkel“ seziert. Die älteren Generationen scheinen sich ungemein für den Charakter ihrer Nachkommen zu interessieren. Und erst recht, wie es bei denen so um Politik bestellt ist. Und ob sie etwa aufmüpfig veranlagt sind. Und wie das denn so ist, bei den jungen Leuten heute, mit dem Fleiß und Arbeitseifer.

Das ist die Ironie dieses Artikels: Die Generation Merkel wird da beschrieben wie eine Generation, die den Begriff Humankapital vollkommen verinnerlicht hat, die sich selbst zur besten Anlagemöglichkeit erklärt hat. Leicht verwundert wird das konstatiert. Und dabei kommt mir der Text weniger wie eine Analyse vor, als wirklich wie eine Beschreibung einer Anlagemöglichkeit. Einer ziemlich guten, sicheren Anlagemöglichkeit. Ja, der Leser kann aufatmen und seine Lesebrille an der rosa Schnur wieder auf die Brust baumeln lassen. Die Überlegung doch noch auszuwandern und sich eine andere junge Generation zu suchen, die besser für eine gute Rente sorgt, erübrigt sich; alles bestens, alles gut, man will es fast nicht glauben, Triple A.

Dirk Kurbjuweit erzählt an einer Stelle von Leonore Tauber, geboren 1992 in Berlin. Und sie „sagt den entzückenden Satz: Ich lese gern die Zeitung und kaufe sie dann auch“. Vielleicht weiß Kurbjuweit nicht, wie sehr das Wort entzückend in das Kontaktstudenten-Vokabular gehört. Vielleicht weiß er es aber auch sehr wohl und ist nur konsequent, denn dieser Artikel gibt mir, wie einiges zurzeit, nicht das Gefühl, er wäre für eine Leserschaft meines Alters geschrieben. Und fast will ich behaupten, meine Eltern würden das gleiche sagen.


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