Spread Your Word Like a Fever

Manche Zeitungsartikel beschwören Bedrohungen, um sie umso besser bannen zu können. Gerade die Zeit steht für eine Entwicklung, in der der Journalismus  zunehmend zu einer Agentur der symbolischen Immunisierung wird, wie Sloterdijk diese Zielvorgabe mal genannt hat. Nicht Neugier, sondern das Bedürfnis nach Absicherung ist die treibende Kraft. Als Mittel dient den Texten oft ein dramatisches Setup. So inszenieren Amrai Coen und Malte Henk in ihrer ausführlichen Ebola-Reportage vom 6. November 2014 einen Showdown zwischen Mensch und Virus.

Von Beginn an lässt der Text keinen Zweifel daran, dass es ihm vor allem darum geht, die Identität des Gegenübers genau zu bestimmen. Womit hat man es überhaupt zu tun, einem „Feind? Einer Naturgewalt? Einer unsichtbaren, ungreifbaren Gefahr?“.

Reporter wollen so nahe am Menschen sein, dass sie sich über die begrifflichen Verstrickungen des eigenen Schreibens nicht genug Gedanken machen. So nahe am Menschen, dass selbst das Virus gnadenlos anthropomorphisiert und somit textlich handhabbar gemacht wird. Im Epilog erkennt man zwar an, dass ein Virus nur eins „will“: existieren. Aber derartige Details aus der Biologie wollen nicht recht in die Spannungskurve passen. Man muss sich das Virus nämlich, wenn nicht als glücklichen Menschen, so doch als „Massenmörder“ vorstellen, der mitunter einem Tier ähnelt.

Wo man schon mal in Afrika ist, kann man nämlich auf das animalische Metaphernreservoir zurückgreifen, das sich seit dem 19. Jahrhundert bewährt hat. In den äquatorialen Breiten dienen Städte dem Virus als „sprudelnde Nahrungsquelle“. Dann folgen kurze Abstecher in die Verhaltensforschung: Viren „wollen gegen ihren Gegner nicht verlieren, aber sie wollen ihn auch nicht vernichten. Sie wollen ewig weiterspielen“.

Zunächst ist den Bemühungen internationaler Organisationen sogar Erfolg beschieden, sie drängen das Virus „in die Defensive“. Plötzlich kehrt sich das Kräfteverhältnis um, nun „braucht das Ebola-Virus einen Menschen, der ihm zu Hilfe kommt“, denn Viren „leiden unter einer Behinderung, sie können nicht laufen, fliegen oder schwimmen“. Der Mensch hilft, nur so kann das ambitionierte Virus seinen Plan umsetzen  und den „Weg an die Küste … einmal quer durchs Land“ zurücklegen. Nach dem Krieg gegen Krebs (Reagan), dem Krieg gegen den Terror (Bush) nun also die militärische Auseinandersetzung mit einem Gegner, das eines der besten Krankenhäuser Sierra Leones verwüstet habe. In dem Maße, in dem das Virus menschliche Züge annimmt, werden Gesellschaften biologisiert. Sierra Leone befinde sich „noch in der Inkubationsphase“. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis dort Unruhen ausbrechen.

Zwischendurch kommt zum Vorschein, dass auch Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und Infrastrukturprobleme die wirksame Eindämmung des Virus erschweren, dass der WHO im Zuge der Finanzkrise die Mittel zusammengestrichen wurden, dass die Koordination zwischen den verschiedenen lokalen, nationalen und transnationalen Instanzen alles andere als reibungslos funktioniert. Natürlich ist es schwieriger, diese Entwicklungen in ihren feinsten Verästelungen so darzustellen, dass man sie auch lesen möchte. Aber wäre das nicht die eigentliche Herausforderung? Plötzlich ginge es auch um Wirtschaft, um Politik und nicht länger um einen Zweikampf, dessen Existenz sich allein den Anforderungen einer gewissen Textform verdankt. Der stille Vorwurf, den Amrai Coen und Malte Henk den in Panik geratenen Menschen in Sierra Leone machen, trifft niemanden so sehr wie die Autoren selbst: „Es ist, als brauchten die Menschen eine Figur, die dem Schrecken ein Gesicht gibt.“

In der London Review of Books vom 23. Oktober 2014 berichtet der Mediziner Paul Farmer von seinen Erfahrungen mit Ebola in Liberia. Das Virus, das er beschreibt, hat nichts Menschliches und ist folglich auch nicht in der Lage, sich in ein Verhältnis der Gegnerschaft zu versetzen. So wie Gilles Deleuze einst forderte, endlich mit der Vermenschlichung des Tieres aufzuhören und es doch einfach mal Tier sein zu lassen, nähert sich Farmer dem Virus als Virus (aus dessen Sicht der Mensch aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate ein Fehlwirt ist). Der Kontakt zwischen Mensch und Virus ist zunächst ein physiopathologisches Problem.

Farmer hat nicht vor, gegen Ebola zu Felde zu ziehen, er will es behandeln. Prävention und Therapie sind genuin soziale Tätigkeiten. Jedes Gesundheitssystem lässt sich nur aus seinen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen heraus verstehen. Es sind diese Bedingungen, die Farmer interessieren, sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg bei der Behandlung von Ebola. Er weiß, dass sich mehr Menschen für die Ebola-Epidemie interessieren, wenn sie als Thriller erzählt wird. Die strukturellen Probleme des liberianischen Gesundheitssystems? Schon schlimm, aber langweilig.

Und trotzdem gelingt es Farmer, dieses vermeintliche Problem zur eigentlichen Stärke seines Essays zu machen. Es ist pure Antidramatik. Farmer findet sich nicht damit ab, dass den imaginären Geboten der Aufmerksamkeitsökonomie Folge zu leisten sei. Sein Text schafft sich vielmehr ein eigenes „aufmerksamkeitsökologisches“ Umfeld – ein Begriff, der von dem französischen Literaturwissenschaftler Yves Citton in seinem kürzlich erschienenen Werk Pour une écologie de l’attention geprägt wurde. Zu diesem Zweck setzt Farmer immer wieder Wiederholungen ein. Was die Menschen brauchen, ist nicht spannend, es ist stets das gleiche: Ohne ausreichend „staff, stuff, space and systems“ seien Fortschritte in Sachen Therapie und Prävention schlicht nicht möglich. Und darüber schreibt Farmer. Über Pflege- und medizinisches Personal, das fehlt. Über den klinischen Versorgungsnotstand. Über Krankenhäuser, denen die Infusionsnadeln ausgehen. Über rudimentäre Verkehrswege und ineffiziente Gesundheitssysteme, die oft vergebens auf internationale Unterstützung warten. Farmers Schlussfolgerung liest sich fast wie ein Verwaltungsbescheid: „Tatsache ist, dass die unzulängliche Gesundheitsversorgung, und nicht etwa eine vorher nie dagewesene Virulenz oder eine bisher unbekannte Form der Übertragung, dafür verantwortlich ist, dass Ebola sich so schnell ausbreitet.“ In der Zeit-Reportage wird hingegen der Eindruck erweckt, dass infrastrukturelle Verbesserungen ein Grund für den Ausbruch der Ebola-Epidemie gewesen seien. Ein gut ausgebautes Straßennetz helfe zwar der Wirtschaft eines Landes, heißt es da, aber es erhöhe eben auch die Mobilität der Viren, die große Distanzen nunmehr „auf einem komfortablen Highway“ innerhalb weniger Stunden zurücklegen können. Man ist fast erleichtert, dass im Interesse der Weltgesundheit nicht auch noch der systematische  Rückbau des westafrikanischen Verkehrsnetzes gefordert wird.

Mittlerweile sind sich viele Beobachter einig, dass der Verzehr von sogenanntem Buschfleisch wohl eine wichtige Rolle beim jüngsten Auftreten von Ebola gespielt hat, denn insbesondere Flughunde gehören zu den bevorzugten Wirtstieren des Virus. Doch wo Coen und Henk biologische Unverträglichkeiten ausmachen – „Nicht das Virus ist in den Lebensraum des Menschen eingedrungen. Sondern der Mensch in den Lebensraum des Virus“ –, verweist Farmer auf politische Zusammenhänge. Der Verzehr von Buschfleisch allein, so Farmer, „kann nicht erklären, wie es zu dieser Epidemie kam – die groteske Ausmaße annehmende Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung in einer globalisierten politischen Ökonomie schon.“ Das Schauermärchen vom viralen Bösewicht mit menschlichem Antlitz ist ein Entlastungsmechanismus für die Unversehrten. Kurz gruseln, und dann weitermachen – ansteckende Beruhigung.


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