Ataraxia in Assos

Vom Athenatempel sind die Grundrisse übrig, sonst noch ein paar laienhaft aufgestellte dorische Säulen, eine Reproduktion des mutmaßlichen Originals hinter Glas im Maßstab 1:50 und ein großartiger Blick in die Landschaft. Aristoteles kam einst nach Platons Tod von Athen nach Assos und blieb, bis er weiterzog zum Hof Philipps von Makedonien, wo er den kleinen Alexander unterwies, der bald darauf Assos und die halbe Welt eroberte. Jedes Jahr gibt es zu seinen Ehren (Aristoteles, nicht Alexander) ein Festival der Philosophie, das aber schon im Juli stattfand. Das Thema dieses Jahr war Ataraxia, Seelenruhe.

Im Hotel, das zwei pensionierte Istanbullus leiten, philosophieren die Gäste beim Frühstück unter Weintrauben eher über die gescheiterte Regierungsbildung, die vermutlich im November anstehenden Neuwahlen und vor allem die täglich an Wert verlierende Lira. Für einen Euro bekommt man 3,30 Lira – vor einem Monat waren es noch 2,90. In der Ägäis sind die meisten Türken Gegner der Regierung, auch in den Dörfern der Umgebung. In den neunziger Jahren entstand hier, in der Gegend von Bergama eine der ersten Umweltschutzbewegungen des Landes, die sich gegen die Ausbeutung der Goldvorkommen durch ausländische Konzerne wandte.

In den Kazdağları, den Gänsebergen, wollte die AKP erneut Bergbaulizenzen vergeben, doch lokaler Widerstand, der auch in den großen Städten Resonanz findet, und ein Gerichtsbeschluss haben die Sondierungsarbeiten vorerst gestoppt. Das am Hang klebende Dorf Yeşilyurt, wo wir angeblich die zweitreinste Luft der Welt atmen, wird allmählich wieder aufgebaut. Alte Steinhäuser werden zu Hotels und Pensionen und eine aus Istanbul für den Sommer hergezogene Künstlerin mit Che-Guevara-Tattoo auf der Schulter verkauft ihre Werke – bemalte Kürbisse – auf dem zentralen Dorfplatz unweit der Atatürkstatue.

Im Inneren Anatoliens muss es Hunderte solcher halb verlassener Dörfer geben, aus denen die Jungen in die Großstädte und die Alten auf den Friedhof auswandern und die nicht das Glück haben, wie das benachbarte Adatepe zwischen Olivenbäumen und Pinien auf einer Anhöhe über der Küste zu liegen. Auf der Spitze eines Felsvorsprungs steht ein Altar, auf dem, so das Schild am Eingang, in der vorislamisch-polytheistischen Zeit dem Gott Zeus geopfert wurde. Eine andere Geschichte sagt, Hypnos habe hier im trojanischen Krieg auf Heras Geheiß Zeus in Schlaf versetzt. Den Hügel fand einst Heinrich Schliemann auf der Suche nach Troja und beschloss, dass dies der Ort sei, von dem aus Zeus der Schlacht beiwohnte (8. Buch der Ilias). Vom Altar sieht man tatsächlich sehr gut das auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge liegende Ayvalik, wo das beste türkische Olivenöl gepresst wird, und – noch näher – die griechische Insel Lesbos.

Griechenland ist so nah, dass auf den Serpentinen, über die uns Yandex, das russische Äquivalent von Google Maps, hinab ins Tal führt, nur griechische Sender im Radio laufen. Die Straßen sind eng und viel befahren, die Menschen kehren von den Stränden zurück in ihre Pensionen und haben es eilig. Das Auto hinter uns gibt einen Überholversuch im letzten Moment auf, weil am Straßenrand eine größere Menschenmenge auftaucht. Einige tragen große Wasserkanister. Erst als wir sie schon fast passiert haben, merken wir: Es sind syrische Flüchtlinge auf dem Weg zur nächtlichen Überfahrt.


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