„Bisher nicht völlig fertiggestellt“ – Istanbul im Sommer

Nachts, von den Wellenbrechern, auf denen die Katzen um ihr Revier kämpfen, sehen die Inseln aus wie riesige Kreuzfahrtschiffe. Oder wie Flugzeugträger, das liegt im Auge des Betrachters. Auf der Strandpromenade gehen die verbliebenen Paare spazieren, bringen Väter ihren Töchtern Inlineskaten bei und essen auf mitgebrachten Klappstühlen sitzende Rentner von den Strassenhändlern gekaufte Sonnenblumenkerne. Es ist angenehm leer, hier nahe der Bağdat Caddesi, der kilometerlangen Einkaufs- und Flaniermeile, berühmt für die vielen Starbucks und die cadde kizları, die schönen schicken gelangweilt schauenden jungen Frauen. Während die ausländischen Korrespondenten ins Kriegsgebiet nahe der syrischen Grenze reisen, fahren die, die es sich leisten können, an die Küste nach Bodrum oder Çeşme.

Statt ans Meer gehe ich in die andere Richtung bis ich auf die aufgelassene Eisenbahntrasse stoße. Trotz der Ferien sind die Straßen voller Lastwagen. Überall wird gebaut. Kentsel dönüşüm, der städtische Wandel, heißt das von der Regierung beschlossene und von mit ihr verbandelten Bauunternehmen enthusiastisch durchgeführte Programm. Alte Häuser werden abgerissen und innerhalb kürzester Zeit moderner und mehrere Stockwerke höher wieder aufgebaut. Dabei entstehen den bisherigen Wohnungsbesitzer meist keine Kosten; dank der immer weiter steigenden Immobilienpreise genügt den Baufirmen der Verkauf der zusätzlich entstehenden Wohnungen, um Gewinn zu machen.

Als alt gilt ein Haus, wenn es vor dem grossen Erdbeben 1999 gebaut wurde, bei dem 17 000 Menschen starben und das eine halbe Million Türken obdachlos machte. Viele Häuser stürzten ein, weil die Bauherren am Material gespart hatten, kentsel dönüşüm soll die Antwort auf diesen Missstand sein. Doch der Wandel der Stadt, der sich manchmal wie ein Erdbeben in Zeitlupe anfühlt, vollzieht sich sehr ungleich. Vor allem in wohlhabenden Vierteln und guten Wohnlagen wird gebaut, der Rest der Stadt scheint keiner erdbebensicheren Gebäude zu bedürfen. Der neue Beruf des Entmieters ist entstanden. Man mietet sich in ein Haus ein, dessen Bewohner sich nicht auf einen Abriss einigen konnten (die nötige Zustimmungsquote liegt bei 75 Prozent) und meldet bald darauf existentielle Mängel der Bausubstanz an die zuständige Behörde, die daraufhin das Haus zur Erneuerung freigibt. Die Baufirma zahlt dem Entmieter Provision, der weiterzieht durch die jungen Altbauten der Stadt.

Entlang der ehemaligen Eisenbahnstrecke sieht man besonders viele Baustellen. Doch die Investoren treibt nicht (wie etwa in Berlin-Pankow in Erwartung der Schließung des Tegeler Flughafens) die Aussicht auf mehr Ruhe und eine bessere Aussicht. Die Metro soll in wenigen Jahren auch hier halten und – den immerwährenden Stau auf den zwei Bosporusbrücken umgehend – Arbeitnehmer zu den Firmen in Levent und Etiler auf der anderen, der europäischen Seite Istanbuls transportieren. Wenn das Gespräch unweigerlich auf die AKP-Regierung kommt, ist das einzige, was ihre Kritiker ihr zugute halten, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Doch selbst das ist nicht ungetrübt.

Das für seinen subtilen Humor berüchtigte Auswärtige Amt schreibt über die neue Schnellbahn zwischen Istanbul und Ankara, sie sei zwar in Betrieb, „jedoch bisher nicht völlig fertiggestellt“. Auch die neue U-Bahn begann vor Beendigung der Arbeiten und gegen den Protest der leitenden japanischen Ingenieure Passagiere durch den unter dem Bosporus gegrabenen Tunnel hin- und herzuschicken. Recep Tayyip Erdoğan, damals noch Premierminister, bestand darauf, die feierliche Zeremonie am 29. Oktober 2013, dem 90. Geburtstag der Republik, abzuhalten. Weit unter der Erde ist es in der Tat klamm und die Luft schmeckt eigenartig. Der 25jährige Mathematikstudent, der im Nebenjob Taxi fährt, sagt: „Am Anfang hatte ich schon Angst. Aber lieber ertrinke ich, als jeden Tag in diesem Stau festzustecken.“ Bisher ist alles gut gegangen.

Am Ufer in Kadıköy, von wo die Fähren nach Sultanahmet und Beyoğlu ablegen, mündet die alte Trasse in den von einem Feuer gezeichneten Haydarpaşa-Bahnhof. Einst als Startpunkt der niemals fertiggestellten Bagdadbahn von deutschen Architekten errichtet, zu einer Zeit, da in Kadıköy und in den angrenzenden Feldern die Sommerhäuser der Istanbullus standen, soll jetzt aus Haydarpaşa ein Hotel oder ein Einkaufszentrum werden. Vorerst aber sind die Pläne gestoppt. Mit Einkaufzentren ist man seit Gezi vorsichtiger geworden.

  1. August 2015

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *