Schleudersitz im Autor-Scooter

Zur Erfrischung nach dem „Literarischen Quartett“ erstmal „Autor-Scooter“ mit Jörg Fauser geguckt.

Zunächst die Stilkritik: Volker Weidermanns Anzug ging absolut gar nicht. Ansonsten konnte ich mich kaum auf das Gesagte konzentrieren, weil ich ewig brauchte, um die seltsame Dynamik zwischen den vier Diskussionsteilnehmern zu fassen zu bekommen. Maxim Billers Machogehabe ist eigentlich nicht zum Aushalten. Seine Aggressivität schüchtert die Anderen dermaßen ein. Noch im versuchten Widerspruch wirkte Weidermann komplett unterworfen. Das sind Konstellationen mikrologischer Angst, die mir zum letzten Mal bei den Bargesprächen in Ernst Jüngers Eumeswil begegnet sind. Zugleich ist Biller mit sich im Reinen, Enfant terrible im Vorruhestand, dieses Sosein stellt er aus und dadurch auch zur Disposition. Er hat eine Natürlichkeit, die dem Spiegel-Volker, Juli Zeh und Christine Westermann – die ja auch ganz anderes kann – völlig abgeht. Dass er am Ende als Sympath der Runde dasteht, ist pervers, aber eine Tatsache.

Dann also nochmal bei YouTube vorbeischauen. Es ist 1984. Wie Moderator Jürgen Tomm Fauser ankündigt, ist einfach herrlich. Zum Betrieb fielen diesem Autor vor allem zwei Begriffe ein, „Kulturknackis“ und „Medienwichser“. Der perfekte Einstieg in eine Kultursendung. Und so geht es im Einspieler weiter: Fausers Texte, so heißt es da, führen den Leser durch die Welt der „Drücker und Gedrückten“.

Gedämpft wird der Vorwärtsdrang von Fausers Sprache, die sogar dann noch knallt, wenn sie von jemandem anders intoniert wird, von der Kuscheligkeit von Tomms Pullover, die sich aufs Schönste mit der Weißheit und Weisheit der Haare verträgt. Später fragt Tomm Fauser dann, ob er sich für seinen Lebenswandel denn nicht schäme. Good ol‘ days, they don’t ask questions like that anymore.

Der dackeläugige Hellmuth Karasek stellt seine erste Frage mit Bedacht. Fauser weicht sofort aus, nein eigentlich holt er aus. Und zwar ziemlich weit. „Ich wollte eigentlich gar nicht Berufsschriftsteller werden. Ich wollte einfach nur schreiben. Ich stellte mir vor, dass man eine normale Existenz hat, irgendwas macht und nebenher halt ein paar unsterbliche Sachen absondert. Aber ich bekam nicht so den richtigen Dreh ins bürgerliche Leben.“ Schreiben ist für Fauser vor allem eins: Business. Das sagt er im Laufe der Sendung ungefähr zehn Mal, es verliert dabei nichts von seinem hingebabbelten Frankfurter Charme.

Als ich bei Suhrkamp als Dr. Praktikant praktizierte, stieß ich auf einen Leserbrief an den tip-Redakteur Jörg Fauser. Der Absender hieß Rainald Goetz. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an die Details des abgedruckten Briefes erinnern. Es ging, glaube ich, um Alkohol, wie viel man davon trinkt und trinken sollte. Goetz kam ja in den frühen achtziger Jahren immer wieder auf den Suff zurück, auf den Absturz in den Kneipen, das klinische Wissen über Alkoholiker im Endstadium – allerschlimmstes Delirium tremens –, der Kater am Nachmittag, das erste Bier um vier oder fünf, das den Kopf wieder anschaltet, ihn mit Freude, Gedanken, der Lust am Schreiben füllt. Und trotzdem: Fauser solle nicht so viel saufen. Oder zumindest probieren, ob sein literarischer Output mit dem Bier steht und fällt. Das einfach mal für sich rausfinden.

Fauser wollte bei allem Interesse für das Milieu nicht auf den Chronisten der Unterschichten reduziert werden. „Rohstoff“ gibt’s unten wie oben in der Gesellschaft. Auf den großen „Managerroman der Bundesrepublik“ warte man noch. Wer könnte ihn schreiben? Die Antwort ist seit 2012 bekannt.


1 Kommentare

  1. Herwig Finkeldey sagt:

    Auf diese Sendung hin kauften wir uns damals den „Schneemann“. Schön diese Erinnerung daran!!! Danke!

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