Les Goncourts antisémites: Ein Jahr mit den Goncourts (X)

La France juive von Drumont wird, glaube ich, die Auswirkung haben, in ziemlich naher Zukunft das jüdische Geldkapital zum leicht verschwommenen und nicht näher bestimmten Gegenstand des Hasses zu machen. (Bd. VIII, S. 62)

Die Französische Revolution eröffnete für die jüdische Bevölkerung Frankreichs eine konkrete, wenn auch steinige Hoffnung auf Emanzipation: Spätestens seit einer Erklärung der Französischen Nationalversammlung 1791 galten Juden als säkulare Staatsbürger in einem säkularen Staat. Doch das Toleranzprinzip der französischen Aufklärung, das diese Entwicklung ideologisch rahmte, war nicht frei von Widersprüchen: Enzyklopädisten wie Diderot und d’Holbach waren Antisemiten, Voltaires Invektiven gegen Juden prägten die antisemitischen Debatten des 19. Jahrhunderts. 1807 wurden vom französischen Gerichtshof die Menschenrechte zwar ausdrücklich auch für Juden erklärt, doch ein Jahr später nur schränkte Napoleon die Rechte für Juden auf Handel und Freizügigkeit wieder ein. Robert S. Wistrich, der den französischen mit dem deutschen Antisemitismus vergleicht, hebt den Symbolcharakter der jüdischen Emanzipation für die französische Revolution und den Grundsatz der égalité hervor — und damit für die französische Begriffe von citoyen und Nation, die sich — im Gegensatz zum deutschen Volksbegriff — eben nicht ethnisch, sondern streng politisch definieren sollten — bis heute. Im Zuge der Revolution wurde die religiöse, vor allem katholische, Ausprägung des Antisemitismus durch eine säkulare Variante verdrängt. Der Kampf um die gesellschaftliche Rolle der Juden in Frankreich führte aber eindrucksvoll vor, dass verfeindete politische Lager sich im Antisemitismus doch vereint fanden: der katholische Klerus und die Anhänger der Monarchie, das aufsteigende Bürgertum, die Republikaner, die Sozialisten. Das Wort Jude taugte als Container für — je nach Position — antibourgeoise, antikapitalistische, antiprotestantische, antideutsche und antibritische Ressentiments, wie Robert S. Wistrich zeigt:

The usage of the term „Jew“ in a figurative manner to denote „someone who lends at usurious rates or sells as exorbitantly high prices“ or who „seeks to gain money by unjust and sordid methods“ (definitions taken from the Dictionaire de I’academie française, 1835) was admittedly sanctioned both by popular custom and official French culture. (Wistrich, Radical Antisemitism in France and Germany 1840-1880, in: Modern Judaism Vol.15 (1995), H.2, S. 112)

Entsprechend dekretiert 1845 der Fourierist Adolphe Toussenel, der mit seinen Hetzschriften wiederum großen Einfluss auf Édouard Drumont ausüben wird (auf den wir gleich zu sprechen kommen):

As do the people, I call by the despised name of Jew every dealer in money, every unproductive parasite living off the work of someone else. Jew, usurer, money-dealer — all are synonymous for me. (Alphonse Toussenel, Les juifs, rois de l’épogue, 1845, zit. n. Wistrich, S. 111)

Als Containerbegriff schien darum jeder Angriff auf Juden im Frankreich jener Epoche zugleich den Protestantismus anzugreifen — und damit die Erzrivalen Deutschland und Großbritannien:

One has to remember that Protestantism, even in Catholic France, was undeniably more influential and respectable than Judaism and therefore less vulnerable to attack. Toussenel was surely not unaware of the fact that under the July Monarchy of Louis Phillipe, la haute bourgeoisie protestante (Protestants of French, Swiss and German origin) were at least as prominent in French banking as Rothschild & Co. Yet he evidently preferred to mask his critique of die influential Protestant minority by subsuming them under the category of »Jews«. (Wistrich, S. 114)

Zugleich sind antisemitische Forderungen auch auf Seiten der Frühsozialisten oder gar Anarchisten wie Blanqui keineswegs exotisch:

Demand its expulsion from France, except for individuals married to Frenchwomen. — Abolish the synagogues; don’t allow them to enter any kind of employment; finally proceed with the abolition of this religion. It is not for nothing that the Christians called them deicides. The Jew is the enemy of mankind. One must send this race back to Asia or exterminate it. (Wistrich, S. 119)

In dieses Klima fällt die Veröffentlichung der Hetzschrift La France Juive (1886; 1.200 Seiten in 2 Bänden: vollständige online im Archiv Gallica der französischen Nationalbibliothek: Bd. 1, Bd. 2) von Édouard Drumont, mit dem Edmond de Goncourt befreundet war:

dieses Buch …, das zur privaten Befriedigung der Haßgefühle eines Katholiken und Reaktionärs geschrieben wurde, im vollen und frechen Triumph über die republikanische Judenschaft. (Bd. VIII, S. 9)

Edouard Drumont, Jahrgang 1844, war der Sohn eines Präfektur-Schreibers und folgte seinem Vater nach dessen Tod zunächst in dessen Amt nach, bevor er es zugunsten der Literatur aufgab. Kleinbürgerlich aufgewachsen, entwickelte er sich anfangs noch zum Antiklerikalen, bevor er durch die Begegnung mit Henri Lasserre, Autor von Notre-Dame de Lourdes (1868) dann doch dem Katholizismus zuneigte. Er arbeitete an Lasserres Zeitschrift Le Contemporain mit, nach deren Bankrott er sich gerüchteweise als Spitzel für das Kaiserreich verdingt haben soll; an La France juive schrieb er im Verborgenen, selbst Alphonse Daudet — mit dem er seit seiner Arbeit als Literaturkritiker für die Zeitschrift Le bien public befreundet war — ahnte kaum etwas. Daudet und auch Goncourt werden aber an seinen Lesungen teilnehmen. Bald nach Erscheinen 1886 wird das Hasswerk kurz beschlagnahmt und dann zum Bestseller: 100 Auflagen im ersten Jahr, 178 insgesamt. Neben Lasserres Notre-Dame de Lourdes und Vie de Jésus von Ernest Renan sind die drei größte Buchhandelserfolge des 19. Jahrhunderts in Frankreich vor allem erzkatholisch und antisemitisch.

Edmonds Jubel in seinen Tagebücheinträgen über La France Juive hinterlässt uns fassungslos; peinlich berührt; erschrocken über diese – ja, worum handelt es sich da: Dummheit? Unreflektiertheit? Schlechte Manieren? Verdrängte Hassgeilheit? Vor allem im achten Band der Tagebücher, der die Jahre 1886 bis 1888 umfasst, zeigt sich Edmond höchst fasziniert, mit einem zarten Unterton von perverser Lust:

Wenn auch wegen der Beschränktheit seiner allgemeinen Vorstellungen unerträglich und manchmal sogar ein wenig verachtenswert, ist Drumont zumindest ein Mann, der die geistige Kühnheit einer anderen Zeit und fast den Biß eines Märtyrers besitzt. (Bd. VIII, S. 9)

Etwa wenn Drumont an einem Salonabend mit den folgenden Worten eine Strategie für ein Pogrom entwirft:

„Einen Aufstand gegen die Juden… Ja, nach ein paar Tagen Aufhetzen der Bevölkerung, an einem unruhigen Tag ein Treffen auf der Place de la Concorde. Und von dort in die Rue Saint-Honoré, Scheiben einschlagen und Türen eintreten, und wenn dann zufällig ein Alphonse de Rothschild geschnappt würde… verstehen Sie!“ (Bd. IX, S. 202)

Zwar zeigt sich Edmond erschrocken, hält dies aber geradezu für notwendig: ähnlich dem faktualistisch-inhumanen Gestus der Sachlagen und der Kosten eines Menschenlebens, mit denen Protofaschisten und getarnte Rechtsradikale in unserer Gegenwart lediglich tiefe Misanthropie, Xenophobie, ja Hass auf alle Devianz mehr schlecht als recht camouflieren wollen:

Und er erzählte von der Szene [Duell gegen Meyer wg. France juive, D.S.+H.S.], wo Drumont, bereits ohne Hosen, auf der Schwelle der Scheune, wohin man ihn geschleppt hatte, auf seine blutüberströmte Hemdenbrust schlug und aufgebracht Meyer und seinen Sekundanten entgegenschrie: »Ins Ghetto, ihr dreckigen Juden! Ihr seid Mörder!… Ihr habt dieses Haus von Hirsch ausgesucht, das mir Unglück bringen sollte! (Bd. VIII, S. 67)

Edmond bleibt nicht nur Beobachter: Im Vorwort zur Theaterversion des alten, noch von beiden Brüdern Goncourt geschriebenen Romans Manette Salomon wird er das Stück ausdrücklich zur «pièce antisemitique» erklären. 1927 gibt der Romanist Israel Schapira die antisemitisch zugerichtete Handlung denn auch wie folgt wieder:

Um die Habsucht der ihn umlagernden Sippschaft seiner Frau befriedigen zu können, muß er seine Kunst in den Dienst des Gelderwerbs stellen. So drückt die Jüdin Manette Salomon den Künstler Coriolis allmählich zum Lohnarbeiter herab. (Israel Schapira, Der Antisemitismus in der französischen Literatur. Édouard Drumont und seine Quellen, Berlin 1927, S. 27)

Im Antisemitismus jener Jahre vermengen sich Ressentiments gegen den Kapitalismus und die Demokratie, gegen die Moderne und mit ihr gegen die liberale Toleranz gegenüber den bisher Geächteten, die jetzt ins Bürgertum aufsteigen konnten. Zum gern genutzten Angriffspunkt öffentlicher Empörung wird einerseits der Aufstieg urbaner Bankerfamilien wie der Rothschilds — andererseits wurden antisemitischen Zerrbilder gezeichnet, die dem Repertoire zerlumpter Dorffiguren glichen. Die Feinde des wahren Frankreich sollten zur gleichen Zeit also gehässige, ungezieferartig skizzierte Dorftrottel und Penner sein – wie auch übermäßig verfeinerte, urban-amoralische Kapitaldealer. In den Tagebüchern äußert sich Goncourt wiederholt gehässig über Baron de Rothschild; den Salon von dessen Frau besucht er aber mit wachsender Bewunderung, da er sich zu einem Zentrum des intellektuellen Lebens von Paris zu entwickeln scheint: „Nach Art sämtlicher Salons von Paris wird der Salon der Prinzessin zu einem richtigen Judensalon“ (Bd. VII, S. 257), ein paar Tage später hingegen: „Samstag, 6. Juni — Diner bei der liebenswürdigen und künstlerischen Madame Nathaniel de Rothschild“ — Der Salon scheint ihn angenommen zu haben. — „Wenn ich um mich herum die Juden, die ich kenne, älter werden sehe, bin ich manchmal erstaunt über die besondere Verunstaltung, die die Jahre ihnen bringen. Das ist nicht unser Verfall, das ist die moralische Häßlichkeit. Worin ist dafür der Grund zu suchen? Ich glaube in absolut materiellen Begierden und Wünschen in einem Leben, das als Ziel nur das Geld hat.“ (Bd. VII, S. 193), „Geistig gehört dann abends der gänzlich jüdisch unterwanderte Salon feige und domestikenhaft dem, was der Jude verehrt: dem fetten Erfolg“ (Bd. VII, S. 271). Die Ausfälle gegen Juden in den Journalen der Brüder Goncourt sind Legion, ebenso ihr Chauvinismus, ihr Rassismus, ihre antidemokratische Haltung: mit instinktiver Sicherheit wählen die Goncourts unter allen politischen Haltungen stets die reaktionärste. Uns wird es mitunter schwer, die Tagebücher an diesen Stellen wirklich mit Behagen oder gar Genuß zu lesen.

Der Jude spricht von schmutzigen Dingen auf säuischere Art als andere Rassen: er hat in seinen Worten, dem Ausdruck seines Gesichtes, den herbgezogenen Mundwinkeln etwas von einem Kuppler. (Bd. IX, S. 46)

Wollen wir Leserinnen und Leser uns das antun? Machen wir uns gemein mit der untergriffigen Niedertracht von Autoren, die so etwas aufschreiben — und offensichtlich eben auch vertreten? Die Zeit der Goncourts war eine Zeit der Salons, sie war ebenso eine Zeit des Stammtischs: Die Ressentiments, die sie äußern, unterscheiden sich nicht von denen der meisten ihrer Freunde: sie befinden sich in der gesellschaftlichen — arrivierten, männlichen, bürgerlichen — Mitte. Eine behauptete Mitte zwischen verarmender Aristokratie, kapitalgierig aufgeputzten Unternehmern und Bourgois, damalige New Economy sowie dem Lumpenproletariat landflüchtender Glücksritterinnen und -ritter in den neuen Industrien zwischen Dampfmaschinen und rauchenden Schloten: Patriotische Erzritter gegen die Verjudung Frankreichs.

la france juive

 

Ein dritter Name neben dem Antisemiten Drumont und Baron de Rothschild fällt in den Debatten um den Antisemitismus der Goncourts: Dreyfus. Die Affäre um den angeblichen Verrat Dreyfus’ würde — so die Kolportage — die französische Gesellschaft weiter spalten und den Judenhass hochkochen lassen. Den Dreyfus-Prozess erlebt Edmond Goncourt in seinen letzten Lebensjahren; er lässt sich vom Maler Eugène Carriere beschreiben, wie der Angeklagte nach seiner Degradierung abgeführt wird, und notiert, dass er Dreyfus nicht für einen Verräter hält — anders als viele seiner Freunde, unter anderem Daudet.

Er sah nichts von dem, was im Hof der Militärschule vor sich ging, und das Echo der Volkserregung erreichte ihn nur über die Gassenjungen, die auf Bäume geklettert waren und die, als Dreyfus erhobenen Hauptes erschien, schrien: „Der Dreckskerl!“ und einige Augenblicke später, in einem Moment, wo er den Kopf senkte: „Der Feigling!“ Und das war für mich die Gelegenheit, hinsichtlich dieses Elenden, von dessen Verrat ich gar nicht überzeugt bin, zu erklären, daß die Urteile der Journalisten dieselben sind wie die der Jungen, die auf die Bäume geklettert waren, und daß es bei einer solchen Gelegenheit wirklich sehr schwierig ist, die Schuld oder die Unschuld des Angeklagten aus seiner Haltung abzulesen. (Bd. XI, S. 300)

Dieses aufgeheizte Klima wird zunehmend die Lästereien gegen den Ex-Schüler und nun Konkurrenten Zola prägen; dessen Beschreibung ähnelt auffällig oft der Beschreibung von Juden, hier in der Camouflage des Provençalen. Wie hätte Goncourt sich wohl zu Zolas J’accuse (1898) gestellt — gerade anderthalb Jahre nach Edmonds Tod erschienen? Hätte er sich als Anti-Dreyfusard radikalisiert? Oder wäre er Zola zur Seite gesprungen? Hätte er den literarischen Gegner angegriffen und Dreyfus als Bauernopfer im Intimfeindeskampf mit Zola vernichtet? Ähnlich wie später der junge Paul Valéry: Der einmal zum Verräter verurteilte jüdische Hauptmann sollte in jedem Fall weiterhin verbannt bleiben? Wider alle Vernunft? Diese Beispiele literarischen Antisemitismus legen eine weitere Deutung nahe: Womöglich sind gar keine inneren Widersprüche in der Haltung zu jüdischem Glauben und seinen Repräsentaten am Werk. Eher scheint es, dass der Containerbegriff des Jüdischen lediglich als willkommener Schwachpunkt in der Verteidigungslinie eines politischen, journalistischen oder künstlerischen Antipoden genutzt wird. Als solcher lässt er sich vorzüglich nutzen in den Polemiken und Kampfschriften jener Jahre.

Die tatsächliche Person allerdings, ihr Leben als Familienvater oder guter Unternehmer, anregender Autor, als Tischnachbar oder Gastgeberin eines Salons, scheint davon unberührt. („Strauss kommt hier äußerst gut an. Ich finde ihn intelligent, ein feiner Beobachter, liebenswürdig mit jüdischer Bescheidenheit“ Bd. VIII, S. 93) Der Widerspruch von publizierten Hasstiraden und individuellem Lob wäre in der schreibenden Person Edmond damit integriert. — Andererseits: Warum integrieren? Persönlichkeitsanteile können unverbunden und bruchstückhaft nebeneinander bestehen: als Abspaltungen, die tatsächlich Verdrängtes aus Angstlustfantasien, aus Schuldverschiebungen und aus Selbstentlastungen speichern. Die bekannten Chauvinismen gegen vermeintlich nicht-normalistisch Legitimiertes, sie legitimieren den Sprecher (auch sich selbst gegenüber) als: normal. Die öffentliche Homophobie von Menschen, die mit ihrer eigenen Homosexualität ringen; der öffentliche Rassismus von Menschen, die mit ihrer eigenen Herkunft ringen; die öffentliche Misogynie von Herren, die mit ihrer eigenen Anima ringen; der öffentliche Ableismus von Menschen, deren Physiologie keineswegs als normalistisch gälte. Normalisierung durch Klage über Abartigkeit.

Wir besuchen Drumont … Er führt uns mit seinem leicht verrückten Lachen durch diese Ruine von Garten, durch diesen Obstgarten mit krummgewachsenen Bäumen, zeigt uns sein Pferd Bob, für das er eine Art Trasse anlegen mußte, um es aus dem Garten herauszubewegen, seinen Stallknecht, der sein Gärtner ist, seinen Hund, der an der Kette liegt, weil er die Erdbeeren aus dem Garten frißt. Alles ist unglaublich bei Drumont, der, zum Diner eingeladen, verstimmt ablehnt … Schließlich verliert sich die Gesellschaft in Mutmaßungen über diesen sonderbaren menschen, der immer schon leicht bescheuert war und bei dem sich der Keim des Wahnsinns durch das Vermögen der France juive entwickelt haben muß. (Bd. VIII, S. 381f.)

 


2 Kommentare

  1. hanno achenbach sagt:

    Ernest Renan war wirklich nicht erzkatholisch – im Gegenteil.

  2. Dominique Silvestri sagt:

    Sie haben wohl recht, das ist unglücklich formuliert. Von seinem Selbstverständnis her scheint er «Vie de Jesus» nicht zuletzt geschrieben zu haben, um die Überlegenheit des Christentums zu belegen (z.B. gegenüber dem Judentum, aus ‹darwinistischer/wissenschaftlicher› Sicht). Den Vorwurf des Antisemitismus kann man ihm nicht ersparen.

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