Facelift für das System: Heinz Bude und Nicole Deitelhoff im Gespräch

Beinahe wäre die Überraschung gelungen und dieser Abend hätte mit einem „Dann ist doch alles ganz gut“ geendet, ausgesprochen von Heinz Bude und als Resümee gemeint. Dann meldet sich doch noch eine weitere Hand im Publikum, Bude lässt nach der letzten nun noch die allerletzte Frage zu, Nicole Deitelhoff holt abermals zu einer Antwort aus und ohne dass noch viel Neues gesagt würde, übersteht das friedvolle Fazit den Schlusspunkt nicht ganz ohne Delle.

„Heimatloser Antikapitalismus“ heißt die Gesprächsreihe, in deren Rahmen Bude am Montagabend zum dritten Mal einen Gesprächsgast ins Studio der Schaubühne eingeladen hat. Diesmal steht auf der Tagesordnung: „Antikapitalistischer Protest ohne Alternative“. Zur Bearbeitung dieses Punktes ist Deitelhoff aus Frankfurt herbeigekommen, wo sie Professorin für Internationale Beziehungen ist. Ihre Spezialität heißt Protest. Protest an allen Orten und in allen Größen, sinnvoll und absurd, erfolgreich und gescheitert, zahm und militant. Deshalb soll sie heute ein Phänomen erklären, das Bude in seiner Einleitung kurz beschreibt und das alle, die auf den Ausbruch der Weltrevolution noch zu Lebzeiten hoffen, trübe stimmen muss: die Zersplitterung aller großen Gegenentwürfe, an denen das Etikett des Antikapitalismus einst klebte. „Wir müssen nicht extra Francis Fukuyama bemühen“, meint Bude, macht es dann aber doch irgendwie. Der antikapitalistische Protest hat sich in eine Unzahl von kleinen Grüppchen zerlegt, deren Absichten durchaus unvereinbar sind und die einander bisweilen herzlich schlecht leiden können. Übrig bleibt ein kraftloses Gewimmel, das der übermächtigen Herrschaft des Kapitals außer einem Scharmützel hier und da nichts entgegenzusetzen weiß. Raue Zeiten für Revolutionäre.

Deitelhoff begegnet den Erfolglosen mit einer Mischung aus Sympathie und Nüchternheit. Natürlich, der antikapitalistische Protest kann heute schon allein deshalb keine Front bilden, weil er von vornherein eher individuell als kollektiv gedacht wird: Die Unzufrieden klinken sich aus, denken lokal statt global, bilden kleine Inselgruppen im Kapitalismusmeer. In verrauchten Hinterzimmern kühne Konzepte zur Mobilisierung der Massen zu stricken und dabei irgendwann doch nur noch um sich selbst zu kreisen, ist aus der Mode. Stattdessen bescheidet sich der Protest aufs Erlebbare, aufs Hier und Jetzt, verkapselt sich in kleinen Kreisen ohne Währung oder Hierarchie, dafür mit selbstangebautem Essen. Selbstredend trifft das nur auf einen engen Ausschnitt aus der heterogenen Menge zu, die zu höchst unterschiedlichen Anlässen einem Gefühl mal konkreten und mal diffusen Unmuts Luft verschafft, sei es bei Bloccupy, der Anti-TTIP-Demo oder dem Widerstand gegen den Bau eines Durchgangsbahnhofs (auch Pegida, sagt Deitelhoff und hebt die Brauen, gehört in diese Reihe). Ihm aber die Daseinsberechtigung abzusprechen, weil die Protestler emotional agieren statt sachlich zu argumentieren, weil sie uneinig sind und auf Nachfrage auch kein schlüssiges Gegenkonzept zur sozialen Marktwirtschaft aus der Tasche ziehen können – so wie unter anderem der Bundespräsident es  hinsichtlich der Occupy-Bewegung tat –, verkennt sowohl ihre Absichten als auch ihren Wert.

Um den „Protest-TÜV zu bestehen“, durch den die Etablierten die Unzufriedenen gerne schicken würden, um sie auf Praxistauglichkeit und Einhaltung der Gesprächsregeln zu prüfen, reicht für Deitelhoff viel weniger aus. Was leistet ein Protest, der für die Neustrukturierung des Großen und Ganzen weder Sinn noch Plan besitzt? Er mahlt im Kleinen. Er holt Gemeinplätze der repräsentativen Demokratie zurück auf eine Ebene, auf der sie verhandelt und hinterfragt werden können. Und erhöht die Legitimität der bestehenden Ordnung, sofern diese sich mit ihm auseinandersetzt. Am Ende steht dann freilich keine neue Ordnung, sondern höchstens eine aufpolierte alte. Die Schwäche ist aber auch eine Stärke: Wo antikapitalistische Konzepte ausfransen, bekommen sie an vielen neuen Stellen Anknüpfungspunkte. „Heute ist die Chance gar nicht schlecht, dass Sie mit einer 50-jährigen Hausfrau eine Diskussion übers Wirtschaftssystem führen können“, sagt Deitelhoff. So feiert eine zerborstene Protestbewegung ihre mittelbaren Erfolge im Mikrokosmos.

„Dann ist doch alles ganz gut“, will Bude den Punkt dahinter setzen. Doch das naheliegende „Ja, aber“ kommt leider doch noch zur Sprache. Vom Antikapitalismus selbst, merkt ein junger Mann in vorderer Reihe an, bleibt dann also auch im Erfolgsfall der Antikapitalisten nicht viel übrig. Und Deitelhoff bleibt dabei: Die möglichen Resultate antikapitalistischen Protests sind so sporadisch wie die Grüppchen, in die er sich zergliedert hat. Ob alles gut ist, hängt schlussendlich davon ab, ob sich ein unbestimmter Wunsch nach Veränderung auch von einer Modifikation statt von einem Umsturz der Gegebenheiten befriedigen lässt. Mehr ist, folgt man den beiden, nämlich nicht drin.

Jakob Hinze ist Praktikant des Merkur. Er schreibt für das Online-Magazin Tonic.


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