Das Darmstädter Nebeneinander-Sitzen

Auf dem Weg zu Rainald Goetz Zeitung lesen. Das will die innere Kunsthochschulprofessur. Der innere Fanboy. Nur welche? So ultra bin ich nie in die Lektüre-Exegesen eingestiegen, dass ich wüsste, was an diesem Samstag auf diese Fahrtlänge passt. Das Feuilleton der Süddeutschen, die es dann wird, spielt Goetz prominent ein: Seinen Wahn, dünne Bücher machen wollen zu müssen. Aber hey, plötzlich kippt der Text und dicke Bücher sind für Lothar Müller nicht mehr nur Backsteine, für Attentate vorgesehen, sondern „Blauwale“ – Beweis: Goetz hat Tellkamp gelesen. Come on. Die Literaturwissenschaft, gehts weiter, beschäftige sich jetzt auch mit der Dreidimensionalität von Büchern. Warum ist es nicht gelungen, mit den konzeptuell-performativen Praxen von Goetz oder auch Meinecke eine andere Geschichte der Nachkriegsprosa zu erzählen, einen Slalom durch Diskurse, Performance, Körper, Feminismus, Theorie? Oder mit den Ansätzen der anderen Autor*innen, deren Namen ich kennen würde, hätte jemand diese Geschichte erarbeitet. Oder ganz konkret: Warum hat Reich-Ranickis direkte Eingemeindung in seinen harmlosen Begriff des LITERARISCHEN Goetz’ Bachmannperformance selbst so rückstandslos überschrieben? Egal, wie esoterisch, Macho, Abramovic-Style Goetz’ Rasierklingenschnitt gewesen sein mag, da ist doch noch was offen. Dass dieser inzwischen fraglos alte Mann sowieso irgendwann abgestellt, musealisiert und für den Büchnerpreis bereit gemacht wird, geschenkt, aber warum muss er so absolut isoliert in die Vitrine? Der Arme. Das Feuilleton erzählt lieber „dicke Romane mit Familiengeschichten als Gegenwartsliteratur“.

Zweieinhalb Stunden Akademie. Vorne sitzen Literaturfunktionäre, hinten – neben mir –Darmstädter Staatstheatersenior*innen. In der allerersten Reihe tuschelt Rainald Goetz in jeden Applaus mit dem neben ihm sitzenden Diedrich Diederichsen. Oh, der innere Fanboy. Auch bei schlechten Pointen grinsen sie sich superaufgekratzt an. Goetz’ Rede schlägt nicht zuletzt deshalb so massiv ein, weil sie noch einmal die Unbrauchbarkeit des Vorangegangenen so gnadenlos dokumentiert. Schon klar, dass so ein Event nicht als Konzentrationspunkt eines progressiven Literaturbetriebs fungiert. Die Institution und ihre Menschenkörper sind notwendig ausgelebt, aber ihnen fehlt, das ist das Problem, eine wenigstens mittelgut finanzierte und öffentlichkeitswirksame Gegenbewegung.

Den Unterschied zu den anderen Redner*innen des Abends macht nicht das, was Goetz sagt. Das erste Googlen am Abend beweist, dass es sich simpel verharmlosen lässt: Spiegel Online „meldet“, Goetz hätte behauptet, Politik sei nicht Sache der Literatur. (Nö, hat er nicht.) Deshalb hier nichts zu seinen Statements, kann man auch woanders nachlesen. Den Unterschied macht – ein weiteres Mal –, dass Goetz hier nicht nur festlich spricht, sondern dass er hier genau wie am Schreibtisch arbeitet, und zwar nicht immateriell, sondern der ganze Goetz. Jenseits der Frage, wie langweilig oder doch berechtigt Otto Köhlers und Gabriele Goettles altlinke Konzernkritik ist, Heinrich Deterings smoothe Distanzierung davon, die Wissenschaftsvertretung Peter Eisenberg: Diese Männer (Goettle war nicht persönlich da) tragen aufgeregt-gemütlich etwas vor. Egal, ob sie sich aufs Pult drauflehnen oder in der Zeile verrutschen, sie sind hier richtig, gehören da unverhandelbar hin bzw. sind im Gegenteil räumlich gar nicht da, nur mit den Gedanken, für die sie berühmt geworden sind. Ihre Körper bleiben von dem, was aus ihnen spricht, den Arbeitszimmern, Anekdoten, unberührt. Deshalb bleibt Köhlers Empörung eher egales Akademie-internes Statement.

Auch Jürgen Kaubes angemessen verknallte Laudatio (die heute in der FAS passend mit einem sexy Foto des jungen Goetz versehen ist) fällt da nicht raus, obwohl der Text wahrscheinlich gut ist. Danach steht Goetz auf, ein bisschen theatralisch-spät, rennt die Treppe zur Bühne rauf, während er den zweiten Ärmel seines Sakkos zu treffen versucht. Nimmt die absolut unwahrscheinlichste Route über die Bühne zum Pult und verweist im zweiten oder dritten Satz auf die flammenden Buchstaben auf der Leinwand hinter ihm, die nicht da sind, mit beiden Händen, wie in der schönsten Rockoper. Er macht sich an die Arbeit. Eine performative Arbeit, wie Diederichsen vier Jahre, bevor er da in der ersten Reihe sitzt, beschrieben hat: „Die Identifikation ist bei ihren Nachfolgern [der ersten Selbstverwirklichungsgeneration, MW] kein freier Akt mehr, die auch anders ausfallen könnte, alles, was sie tun können, ist es zusammenzuhalten.“ Goetz’ körperliche Reibung an Anlass und Text – immer wieder zieht er das Sakko eng zusammen – macht die performative Arbeit einer Büchnerpreisverleihung überhaupt erst sicht- und adressierbar. Das geht gut zusammen damit, wie Teile von Goetz’ Performance semantisch wie formal problematisch-essentielle Schriftstellermythen produzieren. Asozial sich dem Text aussetzen etc. Aber Diederichsen fordert ja kritisch die gewerkschaftliche Distanzierung! Hm. Wenn man gut darüber nachdenkt, das zeigt vielleicht das Darmstädter Nebeneinander-Sitzen, ließe sich ein Goetzscher Authentizismus gegen die neoliberale Version in Stellung bringen. (Und auf jeden Fall gegen die vermeintliche ontologische Gesetztheit des Literaturnichtbetriebs). Ein Authentizismus, mit dem man bei staatstragenden Anlässen am Ende einen mittelguten Popsong ziemlich falsch singt. Krass. Ja, für Amore!


2 Kommentare

  1. Also die ganze Beschreibung ist sehr gelungen, nur warum mir die Authentizismus-Pointe nicht gefällt. Authentizität ist Blödsinn, ein Totwort und Goetz hat doch auch schon in Frankurt am extremsten gezeigt, dass sie eine Illusion ist. Immer wenn eine Öffentlichkeit zuschaut, besonders Literaturfunktionäre, haben wir eine Performance und die von Goetz ist eben besser, jugendlicher, klüger und begeisterter als die der Langweilungsakademiker; mit Authentizismus hat das aber rein gar nichts zu tun. „Nein nein nein, immer alles zerschlagen, sagte ich, das Erreichte sofort immer wieder in Klump und kaputt und mausetot schlagen, sonst hast du die Scheiße. Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn. Da rief ich: gehe weg, du blöder Sausinn, ich will von dir dummen Langweiligen nie nichts wissen“ (Subito, S. 19). Und die Performance von Goetz dann auch noch gegen eine „neoliberale Version“ (welche?) wenden zu wollen ist wirklich am allermerkwürdigsten, schon alleine weil sich Goetz im wunderbaren Johann Holtrop ja trotz allem durchaus vom Neoliberalismus und so einer Figur wie Holtrop fasziniert zeigt.

  2. Jan Meyer sagt:

    Es bleibt ein Widerspruch, dass jemand, der Literatur eine aufklärerische Funktion zuweist, eine Rede hält, bei der es auf das Gesagte eigentlich nicht ankommt, nur auf die Wirkung des Gesagten. Was zählt, ist die Performance. Alle Berichterstatter scheitern demgemäß mehr oder weniger darin, diese Rede auf einen semantischen Nenner zu bringen, alle sind begeistert, alle sind zugleich Opfer dieser Performance und ihrer Rhetorik. Das Pathos als Mittel der Überzeugung, als affektive Stimulation des Publikums, hat seine Wirkung erfüllt. Die Zuhörer sind begeistert, wissen aber nicht so recht, weshalb. Feststeht zumindest, daß die Akademiker, die nicht ihr Denken, sondern nur ihre Gedanken unpathetisch vortragen, neben dieser Rede ziemlich schlecht wegkommen. In der klassischen Rhetorik ist das Pathos aber eine vorübergehende Affektentladung, eine temporäre Seelenbewegung, die einem äußeren Anlass enstpringt. Wo das Pathos ein dauerhafter Zustand ohne Konkretion ist, verabschiedet sich seine klassische Funktion, und die Grenze zwischen Rhetorik und Sophistik wird gefährlich undeutlich.

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