• Klangkolumne. Plastizität

    Dann stülpte der Automechaniker in grauer Latzhose das quietschende gelbe Gummihuhn über den Auspuff seines dunkelblauen Mercedes, ein Modell aus den neunziger Jahren. Er fuhr los, und die Abgase, die durch das Huhn strömten, erzeugten ein erst stotterndes, hustendes Quäken, das dann mehr und mehr in ein auf- und abschwellendes Gummiplärren überging. Pro Auspuff war aber nicht nur ein Gummihuhn angebracht; wie bei einer modernen Schalmei mit acht Schalltrichtern war hier eine Schar von vier verschiedenen Hühnern ineinandergesteckt worden, um den Druck der Auspuffgase bestmöglich zur Klangerzeugung auszunutzen und zu verhindern, dass jedes einzelne weggepresst und zerfetzt würde.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Mir fiel ein anderes kurzes Video wieder ein, das ich einmal auf einer Social-Media-Plattform entdeckt hatte: Zwei junge Musiker, Brett Yang und Eddy Chen, spielen Eric Saties berühmte Gymnopédie No.1 von 1888. Dabei nutzen sie neben dem Piano ein Gummihuhn als zweites Instrument, um die Melodie zu intonieren.[2. https://youtu.be/_8tYhI8OHxIf] Saties Stück ist durch unaufhörlichen Gebrauch – in der Regel als Klangklischee, um eine Art gelassener Wehmut, eine eher gelangweilte Meditationslaune zu evozieren – ästhetisch bis aufs Äußerste abgenutzt. Doch diese Interpretation, mithilfe eines offenkundig lächerlichen Objekts, machte den gespielten Ernst und die Ironie, die launige und selbstvergessene Kleinkunst, sogar die bescheidene instrumentale Kunstfertigkeit, die in dem Werk stecken, wieder hörbar. Bevor ich mich hinsetzte, um das aufzuschreiben, sah ich eine dritte solche Performance for Rubber Chicken. In diesem Fall wurden zwei Gummihühner über zwei Wasserhähne gestülpt. Die Szenerie bleibt dann einige Sekunden so stehen; dann tritt von außen eine Hand hinzu und dreht den Wasserstrahl auf. Wie erwartet strömt er durch beide Hühner hindurch – und erzeugt beim Austreten einen steten, hochquietschenden Klang. Der eigentliche Überraschungseffekt entsteht allerdings, sobald das Wasser wieder abgedreht wird: Mit einem kurzen, aber betonten Aufkieksen hört der Strahl auf. Die Performance wird mit einem angemessen armseligen Abschlussakkord beendet.[3. https://youtu.be/p_2ld-qDi6A] Kurzvideos wie diese demonstrieren eine Art kleiner Klangkunst, die mit der schier unendlichen Plastizität von Klängen in Zeit, Raum, Situation, Material und Humor spielt. Je kleiner der mediale Bühnenraum im Netz, je kürzer das Format ist, umso stärker passt diese Klangkunst sich ihren Gegebenheiten an. Sie ist überall präsent, braucht keine umfassenden Apparaturen zur Aufführung, öffentlichen Bekanntmachung und diskursiven Nachbearbeitung. Sie ist so schnell weggescrollt wie herbeigeklickt. Solche kleineren und größeren Spielformen im Netz aber, völlig albern und weitgehend nutzlos, krallen sich in die Erinnerung, gerade als die practical jokes und verkicherten Jackass-Ideen, die sie sind.

    Beat Is Missing

    Ich kenne das Lied, das da spielt. Zunächst höre ich eine Serie von Stampfern, über die chorisch gesungen wird; nach etwa einer Minute beginnt dann der zweite Teil, mit einer Serie von Klatschen, über die eher gescattet wird.[4. https://youtu.be/DJwVlrM0E_k] Es ist der große Schlager We Will Rock You, der von Jimo Theor in zwei Teile aufgespalten wurde. In der ersten Minute des Youtube-Videos höre ich die nicht geradzahligen Takte der Originalaufnahme, in der zweiten Minute alle geradzahligen Takte. Es handelt sich um eine simple Laubsägearbeit, eine vollkommen handwerkliche Intervention, die hier vorgeführt wird. Die geschmeidige Anpassung der fernen Takte aneinander lässt die beiden neuen Musikstücke nun aber so bruchlos dahinfließen, dass allein die abgehackten Artikulationen Freddie Mercurys noch irritieren können. Die Irritation bleibt aber bescheiden, da die Schneidearbeit so sauber und kunstvoll durchgeführt wurde, dass die zerhackten Worte eher als gewitzter Produzenteneffekt erscheinen: Aus einem zu Tode gespielten und von seinen Klischees, etwa der Stadionnutzung, kaum mehr zu trennenden, nur noch schwer erträglichen Musikstück wurden tatsächlich zwei völlig neue, hörenswerte Stücke. Musiker und Arrangeure wie Jimo Theor oder Adam Emond setzen damit die lange Tradition des digitalen und analogen Cut-up bestehender Popmusik fort. Deren bekanntester Vertreter ist bis heute John Oswald, der seit den späten 1980ern seine sogenannten Plunderphonics vorführte. Oswald nahm Stücke von Elvis Presley, den Beatles, Glenn Gould und Michael Jackson und rekombinierte die kleinsten herauszuschneidenden Bestandteile neu. Legendär ist sein Stück DAB, in dem er Michael Jacksons (lesen ...)
  • Explizitheit. Klangkolumne

    Nach dem Essen sitzen wir noch etwas beisammen. Das Familienoberhaupt stellt eine frisch angeschaffte, moderne Apparatur vor, die den Alltag im Haus bereichern soll. Der unüberhörbare Stolz wird diskret überspielt mit Hinweisen auf den Nutzen und den pragmatischen Umgang – sowie die etlichen Erleichterungen im täglichen Leben, die das neue Gerät doch bereiten würde: »Alexa: Wie ist das Wetter?«, »Alexa: Was ist in den Nachrichten?«, »Alexa, spiele Musik!«, »Alexa, Einkaufsliste!« Sofort hüpfen alle Kinder und Jugendlichen der anwesenden Familien wie aufgestachelt umher, bilden kleine Trauben um das Gerät und führen ihren neuen Freunden vor, was dieses erstaunliche kleine schwarze Ding so alles kann; freilich wird auch sofort gezeigt, wie es zu veräppeln ist, alle lachen und wollen es zu merkwürdigen, untypischen Reaktionen provozieren: »Alexa: Erzähl’ einen Witz!«, »Alexa: Ich bin Dein Vater«, »Alexa: Bist Du doof?«, »Alexa: Mach’ mir ein Sandwich.« (mehr …)

  • Intimität. Klangkolumne

    Sie hören ein Rascheln. Nicht fern, zu nah fast. Fast unerträglich nah. Ein leichtes Stöhnen, es wird stärker; nun sind andere Materialien zu hören, Kleidungsstücke, Möbelstücke, Schmuck; sie werden in Bewegung versetzt, rhythmisch – sofort stellt sich die Erinnerung an die skurrilsten Exemplare von Italopornos oder BRD-Sexploitationfilmen der sechziger und siebziger Jahre ein. Quietschende Bettgestelle, dumpfe Schläge auf Daunendecken, auf Hautoberflächen. Doch dann, fast unhörbar, ein leises Atmen. Hörbares Schwitzen, Keuchen, fast Flüstern, wieder Atmen, Bewegungen. (mehr …)
  • Widerstand

    Klangkolumne

    Widerstand

    Von Holger Schulze

    Zwei Tage vor der Amtseinführung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten am 20. Januar 2017 wurde ein Musikvideo der Band OK GO veröffentlicht, die bislang eher durch kunstvolle, meist in einer Plansequenz choreografierte Musikvideos aufgefallen war. Hier war aber nichts choreografiert, das Video besteht aus Auftritten des neuen Präsidenten sowie Bildschirmfotos von Zeitungsartikeln, die durch Schrifttafeln verbunden sind. Die Band singt dazu das Lied Interesting Drug von Morrissey aus dem Jahr 1989. Die Schrifttafeln zeigen einzelne Textzeilen, die dadurch unüberhörbar werden: »There are some bad people on the rise.« Das Musikvideo endet mit einem ausdrücklichen Handlungsaufruf: »It’s a difficult time but fear and anger aren’t the answer. Work to make a better world« – gefolgt von einer Liste von fünf Bürgerrechtsorganisationen (darunter American Civil Liberties Union, Immigrant Defense Project, Planned Parenthood), zu deren Unterstützung aufgerufen wird: »volunteer and donate«. Mehr Musikvideos erschienen um die Amtseinführungstage herum und artikulierten musikalisch den Widerstand der Musikerinnen und Musiker. Sie wandten sich dabei dezidiert ab von einer Ästhetik, die sich im Wahlkampf des Vorjahrs noch in komödiantischer Dystopieangstlust dem undenkbaren Kandidaten zugewandt hatte: angefangen bei Pussy Riots vordergründig-satirischem »Make America Great Again«-Popszenario; vorbei an der Website 30 Days, 30 Songs, auf der Indierock-Stars wie Death Cab For Cutie, R.E.M., Bob Mould, EL VY, Jimmy Eat World oder Franz Ferdinand ihre Spottballaden und Widerstandsshanties versammelten; weiter zu WestBams Trump, der über seinem markanten Viervierteltakt Wahlkampfphrasen collagierte und zur Kenntlichkeit entstellte: »We need drugs. We need crime«; bis hin zum Hiphop-Track Fuck Donald Trump von YG and Nipsey Hussle, der – von zahllosen Variationen und Mixes begleitet – das Genre repolitisierte, ohne sich aber in den nun üblichen Retro-Sounds zu erschöpfen: »Don’t let Donald Trump win, that nigga cancer || He too rich, he ain’t got the answers || He can’t make decisions for this country, he gon’ crash us || No, we can’t be a slave for him.« Hier endete die Satire. Die Drohung des Rassismus und Sexismus, der verstärkten Unterdrückung von Minderheiten, Einwanderern, Kriegsflüchtlingen, von anderen Lebensweisen und Geschlechteridentitäten – all das war unmittelbar spürbar. Der Widerstand musste nun organisiert und ausgesprochen werden, laut und unmissverständlich: »Fuck Donald Trump || Fuck Donald Trump || Yeah, nigga, fuck Donald Trump || Yeah, yeah, fuck Donald Trump.«

    Widerstandsstücke

    Zum Amtsantritt ging es also mit Dringlichkeit um musikalisches Handeln und Eingreifen. Vermeintlich unpolitische Popmusiker bezogen Position, besangen ihre Angst, ihren Mut, produzierten Stücke der Ablehnung und der gesellschaftlichen Utopie. Hallelujah Money sang etwa Benjamin Clementine in einem Lied der dystopiefreudigen Anime-Band Gorillaz. Dieses neue Lied allerdings – das erste der Band nach sieben Jahren – ist eine Klage nahe am Irrsinn. Flehendes Gebet paart sich mit schierer Fassungslosigkeit. Die singende Persona, die hier auftritt, ruft den Herrn und einzigen Herrscher des Mammon an – das lyrische Ich aber ist unzweifelhaft der neue Präsident: »And I thought the best way to perfect our tree || Is by building walls || Walls like unicorns || In full glory || And galore«. Im zugehörigen Video marschiert der Ku-Klux-Klan, die Herrscherschweine aus George Orwells Animal Farm kreischen, ein todessüchtiger Cowboy meditiert am Horizont hinter dem Sänger, dessen Haare schließlich in einer gigantischen Megatonnenexplosion verbrennen, während immer noch das Geld angebetet wird, die letzte verbliebene Autorität: »Hallelujah money (Past the chemtrails) || Hallelujah money (Hallelujah money).« Ganz ohne Rollenlyrik singt eine wütende, eine revolutionäre Stimme im Lied Smoke ’em Out der Schwestern Sierra Casady & Bianca Casady (aka CocoRosie) gemeinsam mit der Transgender-Stimme Anohni (aka Antony Hegarty): »Burning down the house || The dead girl shouts || Smoke em out!« Auch in I Give You Power von Arcade Fire werden musikalische Formen genutzt, die die Krise der Gegenwart überwinden und Veränderung zumindest möglich scheinen lassen. Das Lied beginnt mit einem flachen elektronischen Beat, der sich zum Bulldozerbass aufbaut und über dem Mavis Staples’ vervielfältigte Stimme klagt und fordert. Disco, Soul und Funk werden mit älteren Protestsongtraditionen vermählt, obenauf kommen Orgelakkorde. Im Musikvideo ein analoges Mischpult, an dem mit sanfter Präzision nachjustiert wird; strahlend flackern Lichter über die Regler. Der Ausnahmezustand macht sich in allen drei Liedern bemerkbar. Es geht um alles, alle Lebensformen, alle künstlerischen (lesen ...)
  • Klangkolumne. Optimierung

  • Der hässliche Eiffelturm. Ein Jahr mit den Goncourts (XI)

    Der Eiffelturm [...] etwas Häßlicheres für das Auge eines alten Stadtbewohners läßt sich nicht erträumen (Bd. IX, S. 62)

    Die Pariser Weltausstellung 1889 gilt als ein Krönungsfest der europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts: gekrönt wird hier vor allem Paris als europäische Metropole der modernen Kunst. Edmond Goncourt aber ist wenig angetan von diesem Spektakel -- die Aversion gegen obsessiv gutgelaunte Massenveranstaltungen formt hier schon einen Kern moderner Autorenpersönlichkeiten. Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich wurde rund 100 Jahre später David Foster Wallace’ Erzählung über Kreuzfahrtvergnügungen betitelt in der deutschen Übersetzung; und diese Grundskepsis kennzeichnet Autoren der Moderne in der Regel bis heute. Schon bei Goncourt verbindet sich der Rückzug auf die eigenen Kreise -- sei's des Denkens, der Empfindsamkeit, aber auch der Kultur -- mit einer fast angeekelten Abwehr von vermeintlich sinnentleertem und beschleunigtem Treiben der Metropole: (mehr …)
  • Klangkolumne. Resonanz

  • Trinken gehen, Bus fahren

    E-Books und kleine Formen

    Holger Schulze 

    Ob in den Salons des 19. oder im Kulturbetrieb des 20. Jahrhunderts – Verbindlichkeit wird in ambitionierten Lebens- und Arbeitsumgebungen durch geteilten Rauschmittelkonsum besiegelt. Für unternehmerische wie akademische Arbeitsumgebungen gilt dies ebenso, auch wenn es hier eher diplomatisch-konspirativ oder als Ausgleichssport camoufliert wird. Der gemeinsame Rausch, die Ko-Ekstase schafft lustvolle Abhängigkeiten durch geheimes Wissen. Albernheitsexzesse und Omnipotenzfantasien helfen, die öden Tage unterm Joch der Besprechungen, Abgabetermine und Aufgabenlisten durchzustehen: »Der Alkohol macht die Menschen einander ähnlicher. Brüderschaft trinken ist kein sinnentleertes Symbol, sondern die Besiegelung eines Einverständnisses: Ich werde mich nun gehen lassen, und du kannst es auch. Hinterher werden wir einander nicht böse sein, auch wenn wir uns alles gesagt haben. Das ist eine Welt, in die Nüchterne nicht vordringen können: eine Welt der Beschimpfungen, aber vor allem der Aussöhnung. Man lässt sich gehen, um aufeinander zuzugehen.«

    Während aber mediale und literarische, gar kulinarische Konsumgewohnheiten und Referenzlandschaften gerne publizistisch nachgezeichnet, ausgestellt und charakterfestigend betont werden, stellt es einen ungehörigen Einbruch dar, sich dem Metabolismus, der Ernährung, den bevorzugten Rauschmitteln, Sexualpraktiken, Kleidungs- oder Möbelstücken einer Autorin oder eines Autors zuzuwenden. Einbruch in das tägliche Leben der Schreibenden, Denkenden, Regierenden und Unternehmenden – ein wenig degoutant, eindeutig übergriffig und sensationsgeil. Ist deren Werk nicht ganz abgelöst von solch profanen Tätigkeiten?

    Dieser Artikel war für drei Monate freigeschaltet - und ist jetzt wieder für den Preis 2 von Euro im Volltextarchiv erhältlich.

  • Les Goncourts antisémites: Ein Jahr mit den Goncourts (X)

    La France juive von Drumont wird, glaube ich, die Auswirkung haben, in ziemlich naher Zukunft das jüdische Geldkapital zum leicht verschwommenen und nicht näher bestimmten Gegenstand des Hasses zu machen. (Bd. VIII, S. 62)

    Die Französische Revolution eröffnete für die jüdische Bevölkerung Frankreichs eine konkrete, wenn auch steinige Hoffnung auf Emanzipation: Spätestens seit einer Erklärung der Französischen Nationalversammlung 1791 galten Juden als säkulare Staatsbürger in einem säkularen Staat. Doch das Toleranzprinzip der französischen Aufklärung, das diese Entwicklung ideologisch rahmte, war nicht frei von Widersprüchen: Enzyklopädisten wie Diderot und d’Holbach waren Antisemiten, Voltaires Invektiven gegen Juden prägten die antisemitischen Debatten des 19. Jahrhunderts. 1807 wurden vom französischen Gerichtshof die Menschenrechte zwar ausdrücklich auch für Juden erklärt, doch ein Jahr später nur schränkte Napoleon die Rechte für Juden auf Handel und Freizügigkeit wieder ein. Robert S. Wistrich, der den französischen mit dem deutschen Antisemitismus vergleicht, hebt den Symbolcharakter der jüdischen Emanzipation für die französische Revolution und den Grundsatz der égalité hervor — und damit für die französische Begriffe von citoyen und Nation, die sich — im Gegensatz zum deutschen Volksbegriff — eben nicht ethnisch, sondern streng politisch definieren sollten — bis heute. Im Zuge der Revolution wurde die religiöse, vor allem katholische, Ausprägung des Antisemitismus durch eine säkulare Variante verdrängt. Der Kampf um die gesellschaftliche Rolle der Juden in Frankreich führte aber eindrucksvoll vor, dass verfeindete politische Lager sich im Antisemitismus doch vereint fanden: der katholische Klerus und die Anhänger der Monarchie, das aufsteigende Bürgertum, die Republikaner, die Sozialisten. Das Wort Jude taugte als Container für — je nach Position — antibourgeoise, antikapitalistische, antiprotestantische, antideutsche und antibritische Ressentiments, wie Robert S. Wistrich zeigt: (mehr …)
  • Satztupfer im Salon: Ein Jahr mit den Goncourts (IX)

    Seit zwei oder drei Tagen verfolgt mich die Versuchung, eine Reise nach Japan zu machen. Und dabei geht es nicht um Trödelkaufwut: in mir ist der Traum, ein Buch zu schreiben, das in Form eines Tagebuchs hieße: Ein Jahr in Japan —  und zwar ein Buch, das mehr empfunden als ausformuliert wäre… (Bd. VI, S. 317)

    Edmond de Goncourt sieht seinen Bruder und sich als Vorreiter einer ästhetischen Entdeckung Asiens in Frankreich. Ist es nur die Liebe zu erlesenen Drucken und feinem chinesischem Porzellan? Die Ausgefeiltheit, mit der er seine Zimmer oder das Gartenhaus, den Grenier, eingerichtet und immer wieder stolz beschrieben hat, führt ihn zu Überlegungen zu Stilistik und Poetik — ähnlich wie dies früher auch die Zeichnungen Gavarnis taten. Es ist mehr als bloßer Fetischismus des Sammlers.

    Ich spreche zum Beispiel vom Japonismus, und sie sehen in einer Vitrine nur irgendwelche lächerlichen Nippes, von denen man ihnen erzählt hat, sie seien der Gipfel des schlechten Geschmacks und des Mangels an Formvollendung. Die Unglücklichen! Sie haben nicht gemerkt, daß heutzutage der ganze Impressionismus — der Untergang des Erdpechs etc. — durch die Betrachtung und Nachahmung der hellen Impressionen Japans entstanden sind. Des weiteren ist ihnen entgangen, daß das Hirn eines westlichen Künstlers bei der Gestaltung eines Tellers oder was es auch immer sei lediglich ein in die Mitte des Gegenstands plaziertes Dekor erdenkt und erschafft, ein Einzeldekor oder eins, das aus zwei, drei, vier oder fünf dekorativen Details besteht, die stets in Entsprechung und Ausgewogenheit stehen, und daß die Nachahmung des seitlich über den Gegenstand geworfenen Dekors, des assymetrischen Dekors durch die heutige Keramik, den Glauben der griechischen Kunst aufgreift, zumindest beim Verzieren. (mehr …)