Jünger und Trümmer: 100 Jahre Gegenwart

Im Haus der Kulturen der Welt wurde das nächste auf vier Jahre angelegte Forschungsprojekt vier Tage lang eröffnet. Nach einigen schwindelerregenden Vorträgen halluzinierte ich mir Ulrich herbei, den Mann ohne Eigenschaften, um nicht in der Technosphäre unterzugehen.

„Sie sprachen von Möglichkeitsräumen?“

„Ja, von Möglichkeitsräumen. Die Potentiale aufdecken, zurückverfolgen, und sehen, was daraus geworden ist, und was auch hätte daraus werden können.“ Eine Frage, eine Antwort, so kann es weiter gehen, aber es ist eben nicht immer Pressekonferenz, ab jetzt heißt es selbst Schlüsse ziehen. Gut, dass Ulrich da ist. Er wollte zunächst nicht kommen, konnte sich dann aber, wie er mir kurznachrichtlich mitteilte, doch nicht gegen das irgendwie gute Gefühl wehren, einem Auftaktereignis zu einer großangelegeten mehrjährigen Veranstaltung tatsächlich beiwohnen zu können. Diese Planung, schrieb er mir, sei ja schon beeindruckend, sie, in Kakanien, hätten das einfach nicht hinbekommen, obwohl auch sie tatkräftig vom Staat unterstützt worden seien, ja sogar beauftragt, und die finanziellen Mittel seien auch keineswegs beschränkt gewesen. Aber 15 Millionen für das HKW, das sei schon eine tolle Sache, da könne man einiges erreichen.

Kurz und gut, Ulrich ist also da, er steht lässig an einer Säule und nippt am Wein, eigenschaftslos wie immer und ein feistes Grinsen im smarten Gesicht. 100 Jahre Gegenwart, das sei doch schon etwas Größenwahnsinniges, 100 Jahre einkondensieren im Jetzt, im Heute, was solle das denn. Aber darum geht es doch gar nicht, sage ich, es soll doch eben keine Erinnerungskultur sein, keine Aufarbeitung von Geschichte, sondern eine Erweiterung unseres Zeithorizonts! Wir kennen doch gar keine Vergangenheit mehr, weil wir vor lauter Beschleunigung nicht mehr zurückblicken können, und keine offene Zukunft, weil wir sie mit unseren technologischen Fortschritten vollständig zubauen und überhaupt durch das Kreditverfahren der Großbanken die Zukunft schon ins Jetzt holen. Wir befinden uns auf einer Scheibe, die erstreckte Gegenwart heißt, und diesem Diktat des immer-Jetzt, lieber Uli, müssen wir uns entgegenstellen. Na gut, wenn ich denn meine, brummt Ulrich, aber für ihn höre sich das schon nach einer recht verquasten Sache an. Ja, das ist ja das Tolle, und ich packe ihn am Revers und schleppe ihn weiter ins große Auditorium.

Drei Dialoge finden hier statt, alle gleichzeitig, die sich gegenüber Sitzenden sprechen in Zimmerlautstärke, aber man hat Kopfhörer auf, sodass es einem vorkommt, als sitze man direkt daneben. Es geht um Walter Benjamins träumende Kollektive, Laboratorien und Gefängnisbücher. Wir gehen früher, weil Ulrich unruhig wird. Das sei doch Quatsch gewesen, er habe überhaupt nichts verstanden, viel zu technologisch. Aber das Setting, meine ich, man konnte wählen, wem man zuhört, per Knopfdruck, drei Parallelgespräche, die sich nicht berühren, aber dann doch, weil man ja alles im Internet nachhören kann! Das ist die Verschränkung von Parallelität und Kontingenz, contingo, lateinisch für berühren, verstehst du, und hier berühren sich die Parallelen in der Zukunft, in der man sich digital zurücksetzen kann. Wir machen die Parallelaktion nachträglich zu einer Kontingenzaktion, alles berührt und vernetzt sich, indem man den Zeitstrahl rückwärtsgeht. Ja schon, gibt er zu, aber es sei ja doch ein wenig plakativ, nicht? Zwischen Plakativität und Verquastheit liegt auch nur eine gute Performance, überlege ich, während Ulrich seine Taschenuhr aus der Jacke zieht und sagt: Ein sehr entscheidendes und aber völlig missachtetes Detail ist, dass der I. Weltkrieg der erste Krieg überhaupt war, in dem die Soldaten flächendeckend mit Armbanduhren ausgestattet waren. Ob ich Ernst Jünger gelesen habe? Nein, natürlich nicht, ich lese keine Nazis, und schon zieht er mich in der Bookshop des HKW, weitsichtig wurde In Stahlgewittern bestellt, und Ulrich steigt auf einen Tisch und liest:

Es war bekanntgegeben, daß das Regiment 76 nach einer Feuervorbereitung von nur zwanzig Minuten stürmen werde und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt zwölf Uhr eröffnete unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten widerhallte.

Siehst du, sagt er, die Vertaktung des Grauens begann hier, vor 100 Jahren, im Kampf, und setzte dann ihren Siegeszug fort bis in die Wirtschaftssysteme. Denn Kapitalismus sei nur möglich mit den fixen Zeiteinheiten, an denen sich Leistung bemisst: Leistung ist Arbeit pro Zeiteinheit. Und da wären wir dann schon am heutigen Dilemma angelangt, so Ulrich, der jetzt viel munterer wirkt, vielleicht ist er aber auch einfach betrunken. Der I. Weltkrieg als unser Ausgangspunkt? Ja, meint er, der Grundstein unserer erfahrungsarmen Welt liege dort in den Schlachtfeldern begraben, und er zieht ein weiteres Buch aus dem Regal:

Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.

So betrachtet scheine ihm das alles schon sehr einleuchtend, ja, je mehr er darüber nachdenke und alles in Betracht ziehe, komme ihm dieses Konzept langsam wirklich sehr sinnvoll vor. „Endlich mal ergibt Interdisziplinarität Sinn!“, ruft er aus voller Kehle, woraufhin ihn Alexander Kluge merkwürdig ansieht, der auf der Suche nach seiner schwarzen Tasche durch das Restaurant huscht. Ja, stimme ich zu, Naturwissenschaftler treffen auf Schriftsteller, Historiker auf Finanzökonomen, und so ergeben sich abstruse Erkenntnisse wie jene: Weil man auf der Suche nach immer höherer Geschwindigkeit das High Frequency Trading nun per Satellit betreibt, haben auf einmal meteorologische Vorkommen eine Auswirkung auf die Börse. Kurz: Wenn es an der Westküste regnet, fallen die Kurse in New York, oder so ähnlich. Die absolute Technologisierung – Stichwort Technosphäre – und extreme Beschleunigung auf nahezu Lichtgeschwindigkeit machen uns wieder anfälliger für die Natur, der wir ja eigentlich zu entkommen versuchten.

Apropos, auf Jünger reimt sich Trümmer, Ulrich, das ist eine junge Hamburger Band, der, wie es der Musikverantwortliche des HKW Detlef Diederichsen ausdrückte, Hot Shit unserer Zeit, und die spielen nachher. Davor gibt es noch ein Konzert von F.S.K., mit dem Titel „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“, das wird sicher spannend, die ganze Popriege der Republik wird da sein. Also auf ins rappelvolle Auditorium, wo wir uns der einstündigen Geräuschmaschine aussetzen, die F.S.K anwirft. Dröhnend und hämmernd, manchmal melodisch, meistens aber nicht, Industrieklänge und statische Trommeln – bis der Schlagzeuger aufsteht und mit einer Axt das Klavier zerhackt, nicht Rock’n’Roll-mäßig, sondern langsam, kontrolliert, Schlag für Schlag, eine Konzeptvernichtung, bei der die Tasten bis ins Publikum splittern. Später wird ein zufällig auf dem Gang angetroffener Slawistik- Professor sagen, er habe nicht gewusst, dass man ein Instrument auch so schön semiotisch zerstören könne.

Das alles erinnert Ulrich sehr an den Futurismus, wie er mir sagt, und es gefällt ihm nicht so richtig, etwas albern findet er diese Feier der Technik und des Krieges: „Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt — , den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ Ja ich weiß, so hat es Filippo Tommaso Marinetti im futuristischen Manifest von 1909 geschrieben. Aber Marinetti war halt verblendet, das kann man heute doch nicht mehr ernst nehmen, versuche ich zu entkräften, doch da kommen auch schon die Trümmer auf die Bühne, und, was soll man sagen, selten war sich ein Publikum wohl so einig, dass etwas völlig daneben war. Die Band versteckt sich hinter einer kinoleinwandgroßen Gaze, auf der highend-produzierte Videoclips laufen. Eine Punkrock-Oper wurde gespielt, in der ein völlig loster Großstadtkreativer aus Langeweile zum IS geht, dann doch irgendwie abgeturnt ist von der tatsächlichen Gewalt und wieder zurück nach Europa flüchten muss. Kriegsverherrlichung und Machokultur! rufen viele, und auch Ulrich, aber dann muss ich ihm doch nur wieder die Stahlgewitter unter die Nase halten, und es ist nicht mehr ganz so einfach, auch hier wurde erst gezetert und dann revidiert. „Kalifat errichten, Gesellschaft vernichten“ sei auf jeden Fall eine catchy Songzeile, gesteht Ulrich, da könne man nichts sagen.

Die Menschheit geht nach Hause, und weil wir nicht in den „Artists only“ Bereich kommen, machen wir es uns noch eine Weile in der Zeltstatt der Eingangshalle gemütlich. Ich döse ein, und plötzlich steht ein schwarzgekleideter Aufseher vor mir: „Wir schließen jetzt. Bitte gehen Sie“. Und ich drehe mich noch einmal vom Bauch auf den Rücken, um Ulrich Bescheid zu geben, aber er ist schon, wie mir der Wachdienst erklärt, auf einem Hoverboard davongebraust.


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