Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken. Fünf Jahre als Schreibschüler

Du bist 14, 15, 16 und führst Tagebuch, stellst Filmkritiken ins Netz, gehst zur Schüler-, dann zur Lokalzeitung. Du gründest ein Fan-Magazin zu „Sailor Moon“.

Du liest Videospiel-Testberichte, Comics, Science Fiction, Stephen King; du liest jedes Wort der Fernsehzeitung und suchst Filme mit möglichst vielen Sternchen, Punkten in den Kategorien „Kultfaktor“ und „Anspruch“.

Du machst Abitur und hast – dank Tipps aus Magazinen, dank Zufallsfunden in der Fußgängerzone, ab 16 dank dem Internet – jetzt Lieblingsautoren, Lieblingsdrehbuchautoren, Lieblingskritiker, Lieblingsjournalisten. Du hast ein Dutzend Lieblingsserienschöpfer.

Du hast keine Lieblings-Serienschöpferin – weil Serien fast nur von Männern geschrieben werden. Du hast keine Lieblingskritikerin, weil für die Film- und Medien-Zeitschriften, die es im Supermarkt zu kaufen gibt, fast keine Frauen schreiben. In 13 Schuljahren hast du keine 30 Bücher von Autorinnen gelesen, und keine fünf davon im Unterricht.

Du kennst keine Punks, keine Aktivisten, keine Lesben und nur einen Schwulen, das Abitur machst du ohne Muslime oder Menschen mit Behinderung. Kein Mensch aus deinem Freundeskreis lebte als Kind in Miete: Alle haben Häuser, Garagen, sichere Jobs.

Deine Schulfreunde werden Grundschullehrerin, Pädagogin, Pädagogin, Realschullehrerin, Bankberater, Programmierer.

Du bist normal gebildet. Das heißt, du kennst die Kiwi-Taschenbücher – doch „Kiepenheuer & Witsch“ hast du noch nie gehört. Dein Vater ist KfZ-Meister und prahlt damit, im ganzen Leben kein Buch gelesen zu haben. Deine Mutter ist Arzthelferin. Sie ist schon seit der Ausbildung im Bertelsmann-Club – und in vier heiklen Schwangerschaften las sie wochenlang im Bett: Johannes Mario Simmel, Uta Danella, Konsalik.

Suhrkamp ist dir ein Begriff – denn 15, 20 Suhrkamp-Taschenbücher stehen in eurer Wohnwand. Alle von Hermann Hesse und Isabell Allende. Im Jahr, in dem du dein Abitur bestehst, schafft Joey aus „Dawson’s Creek“ den Sprung auf eine Elite-Uni: Sie studiert Kreatives Schreiben. Dawson aus „Dawson’s Creek“ arbeitet an Drehbüchern: Er schafft es auf die Filmhochschule. Du googelst „Kreatives Schreiben“ und „Filmhochschule“ – und, zur Sicherheit, „Medienwissenschaften“ und „Psychologie“.

Fast alle Kurse am Literaturinstitut leiten Männer.

Der Frauenanteil liegt bei 80, 85 Prozent – unter den Studierenden.

Wie viele bewarben sich, 400? Neun Frauen, fünf Männer kommen durch: Julia hat ein Kind, Nora wird schwanger. Lucias Eltern kommen aus Rumänien und China. Jan wuchs in Marseille auf. Xs Mutter lebt mit einer Frau zusammen. Y war auf einem Jesuiten-Internat.

Noch nie nahmen dich so verschiedene, erfahrene Frauen ernst: A ist gelernte Kosmetikerin, B jobbte im Kino, C schreibt für Focus Online, D verkaufte ein Jahr lang Brötchen. Alles beeindruckt dich – denn du hast keine älteren Geschwister oder Freunde, und bist noch heute unsicher mit Menschen, die vier, fünf Jahre älter sind.

Ein Professor sagt, es bräuchte eigentlich ein ganzes erstes Semester nur, um allen beizubringen, wie man lebt, schläft, kocht und sich ernährt. Du weißt bis heute nicht, ob er damit Grundlagen, Routinen, erstes Ankommen im Studium meint. Oder Lebenskunst und Bildungsbürger-Basics wie „Welchen Wein trinke ich zu Austern?“. Im ersten Semester empfiehlt er, Bachs Kunst der Fuge zu hören – um ein Gefühl für Timing in Texten zu entwickeln. Im fünften Semester empfiehlt er einen Monblanc-Füller für 500 Euro.

2004 bittet euch der Professor für Kulturjournalismus je 100 Digitalfotos zu sammeln, in denen sich die Stadt zeigt und erklärt. 2005 sollt ihr eine Hildesheimer Bushaltestelle beobachten, 2007 ein Semester lang eine Kneipe eurer Wahl besuchen, mit Gästen sprechen, ethnografisch über das Milieu schreiben. Ihr lernt, die Stadt zu öffnen. Eure Positionen zu hinterfragen. Euch selbst beim Beobachten zu beobachten.

Dich ärgert, dass es kein Seminar für euch 14 Auserwählte gibt – sondern alles auch dem größeren Fachbereich offen steht: Kulturwissenschafts-Student*innen. „KuWis“. Dich ärgert, wie viele Menschen, die „nur mal schauen wollen“ statt professionell zu schreiben, in allen Seminaren sitzen, Fragen stellen, dauernd zweifeln.

Du willst, dass alle gut sind. Wäre jemand schlecht, hieße das: Auch du könntest schlecht sein. Die Eignungsprüfung war ein Irrtum.

X fragt sich, ob die Professoren Poetry Slams verachten. X fragt sich, ob die Professoren Sozialkritik verachten. X fragt sich so lange, was die Professoren interessiert, bis sie sicher ist, dass IHRE Texte die Professoren nie interessieren werden. Sie schreibt immer weniger.

Die Professoren helfen zwei Männern aus dem Jahrgang, einen Verlag zu gründen, der zukünftig alle Studiengangsprojekte verlegt. X fragt sich, warum sie nicht gefragt wurde, und warum diese Gespräche geheim blieben.

Ein Professor mag die Kurzgeschichten von B. Er lässt sie in einem eigenen Buch drucken, im studiengangseigenen Verlag: als Teaser, um sie Verlagen und Lektor*innen vorzustellen. Wir alle fragen uns, ob wir schreiben sollten wie B, was der Professor an ihr besonders mag und, ob wir keine Chance auf seine Hilfe haben, wenn wir anders schreiben als sie.

Ein Professor beschäftigt zwei männliche HiWis. X hat das Gefühl, der Professor kann nur mit Männern. Du brauchst viel Zeit, X zuzuhören – während sie fragt, welche Professoren oder älteren Studenten wann, wie, mit wem sprechen: Wer wird eingeladen, eingebunden, wer wird gelobt – wer nicht? X fragt: „Denkst du, der findet mich langweilig?“, „Denkst du, der findet mich hässlich?“, „Denkst du, wenn ich femininer, zustimmender wäre, hätte ich andere Jobs und Positionen hier?“

Ihr sprecht kaum über Geld. Du weißt nicht, wie arm oder reich eure Eltern sind. Oft wirken Männer abgerissen, ungesund, asketisch – doch haben ganz andere finanzielle Polster.

Du hältst dich für normal. Das heißt: Du wohnst allein, in einer großen Dachwohnung – doch hast kein Geld, sie richtig zu beheizen. Du hast ein Auto – musst nie mit Bussen zur Uni. Kommiliton*innen arbeiten bei Schlecker. Du brauchst keinen Nebenjob und kannst dich fünf Jahre lang aufs Lernen, Schreiben, Lesen konzentrieren.

Du verachtest jeden, der den Pizzaservice ruft, sich Cocktails oder Häagen-Dasz-Eis leistet – doch kaufst fast jeden Tag 30 Zigaretten. Zwei Jahre lebst du ohne Internet, recherchierst nachts im Rechenzentrum. Als dein Vater einen Anschluss legen lässt – du denkst: eine Flatrate –, du Downloads startest und 400 Euro nachzahlen sollst, hilft er dir aus, ohne Klage. Du bist 400 Kilometer weit weg, fast ohne Verpflichtungen. Aber weißt: Du kannst fast immer um Hilfe rufen – und wirst aufgefangen.

Jede Party rekrutiert sich aus kaum 500 potenziellen, immer gleichen Gästen. V kommt enttäuscht nach Hause: „Heute war es eine Wasserloch-Party.“ Du stellst dir eine Savanne vor: Räuber, Beutetiere. „Nein“, sagt sie: „So nennt man Mädchen, die es nötig haben. Wegen dem Männermangel. Sie werden feucht, wenn auch nur EIN Mann kommt: Wasserlöcher.“

Hildesheim ist recht arm, schroff, fromm – es gibt kaum Lesungspublikum. Student*innen bleiben unter sich, in einer Blase. Du fühlst dich reicher, verdienstvoller, gebildeter als fast jeder, den du auf der Straße siehst.

Eine KuWi ist lange in dich verliebt. Du denkst nur: „Nein – das liegt daran, dass hier kaum Männer sind.“ Zum ersten Mal fühlst du dich wahrgenommen, begehrt, sexuell relevant. Alle Frauen fühlen sich ungeliebt, auswechselbar wie nie.

Viele KuWis mögen Rock über Hose, bunte Tücher im Haar. Frauen, die sich strenger kleiden, stehen unter Tussi-Verdacht. Der KuWi-Look ist so eingängig und uniform, dass deine Mutter noch heute, wenn sie Moderatorinnen, Autorinnen beschreiben will, oft sagt „Das war keine richtige Frau. Das war halt so ein KuWi-Mädchen.“

Deine Exfreundin hat Besuch von Kommilitonin Simone. „Na? Bist du auch so ein KuWi-Mädchen?“ – „Ich bin Simone. Ich bin eine Frau. Und ich studiere Kulturwissenschaften.“ Simone wird deine beste Freundin. Du sagst nie wieder „KuWi-Mädchen“.

Du kennst ein Journalisten-Liebespaar, bis heute Inbegriff deiner liebsten Beziehungsdynamik: Clark Kent und Lois Lane. In Hildesheim suchst du eine Partnerin oder einen Partner, die oder der selbst schreibt – weil du glaubst, solche Menschen verstehen dich am besten.

X schlägt vor, dass du im benachbarten Hannover ausgehst. Du lachst: „Da gibt’s doch keine Schreibschüler*innen!“ Du ignorierst Hannover, fünf Jahre lang.

In einem Filmseminar zur Nouvelle Vague sollen alle kurz sagen, was sie mit Nouvelle Vague verbinden. Von 60 Studierenden sind 55 Frauen, und gut ein Drittel sagt „Mein Vater hatte diese Filme archiviert, führte mich sehr früh an sie heran. Ich wurde mit ihnen erwachsen.“ Dein Vater weiß nicht, was Nouvelle Vague ist. Du gehst – weil du nicht hören willst, wie 20 höhere Töchter jede Woche von ihrer Bildungsbürger-Kindheit schwärmen.

Egal, was du sagst oder schreibst – du siehst dich im direkten Vergleich mit den vier Männern des Jahrgangs. Neun Frauen haben es schwerer – noch mehr, sobald sie aus der Masse weiblicher KuWis stechen müssen: Jede Frau hier kennt fünf andere, die ihr ähnlich sehen, und jeder Mann und fast jede Frau debattieren, sortieren, werten, ranken diese Frauen ständig gegeneinander – ihr Aussehen, ihre Kompetenz, ihre Stellung an der Uni.

Mit der Zeit lernt ihr eine Handvoll KuWis kennen, die aus einfacheren Elternhäusern stammen. Sina finanziert ihr Studium mit Auftritten in Gerichts-Shows auf RTL. Als sie in einem Seminar zur Literaturkritik ihre Mailadresse angibt, rollen alle die Augen und finden sie „absurd“ und „prollig“: Die Adresse ist 156-cm-purer-sex@web.de.

Du weißt: Jedes Jahr kommen etwa 100 neue KuWis, 15 Schreiber*innen.

Das ist der Pool. Sonst gibt es niemanden.

Im ersten Semester schreibt eine Frau über Sex mit einem älteren, dominanten Mann. Eine andere über eine Schülerin, die auf der Feier einer Freundin beim Tanzen von deren Vater angefasst wird. „Sexueller Missbrauch, autobiografisch?“ – „Stefan: So was passiert jeder von uns mal. Ich wollte das einfach aufschreiben.“ Du selbst schreibst eine plakative, vulgäre, absurde Geschichte über Pädophilie – um zu beweisen, dass du jedes Genre bedienen kannst.

J. will für Frauenzeitschriften schreiben. Sie machte ein Praktikum beim Stadtmagazin Prinz. „Na, wenn das kein Kulturjournalismus ist!“, sagt ein Professor. J. hört das als Kompliment. Du denkst, er spottet.

„Es gibt verschiedene Sorten Literaturkritik. Das Feuilleton. Und dann mehr das, was Stefan macht: Brigitte-Journalismus.“ Jetzt denkt J., der Professor scherzt. Du traust dich nicht, zu fragen: Hält er dich für flach und gefällig?

Direkt danach fragt er, wer Radiofeatures zum Thema „Literatur und das Bett“ recherchieren will. „Proust schrieb im Bett.“ Du willst alles lesen, über Pfingsten. Der Professor nickt. „Nur heißt der Pruuust, Stefan. Nicht Brauwst.“

Um zu beweisen, dass du keinen „Trash“, „Brigitte-Journalismus“ schreibst, liest du in zehn Tagen 4.200 Seiten Pruuust und bis zum Herbst 50 Romane für ein Essay über Provinz. „Gut getrickst: Klingt fast, als hättest du das echt gelesen“, sagt der Professor und zwinkert.

2008, du bist fast fertig, bewerben sich ein Mann und eine Frau auf eine Professur. Beide langweilen dich. Der Mann erhält den Job. „Warum hörst du die Vorträge?“, fragt eine Freundin. „Das ist wie ‚CSI‘. Ich weiß, wie Professor 1 spricht. Ich weiß, wie Professor 2 spricht. Die Fälle aller drei CSI-Serien sind austauschbar. Aber die Ermittler nicht!“ Du hättest gern noch einen anderen Sound gehört: andere Arbeitsweisen, Zugriffe, Gemüter.

Fast alle Männer, mit denen du studiert hast, arbeiten heute im Kulturbetrieb oder sichereren, lukrativen Branchen: Bildung, Werbung. Viele Frauen brachen das Studium ab.

„Drei von euch können später von Romanen leben“, warnt ein Professor 2003 beim ersten Treffen. Zu lange glaubst du, das heißt: Drei sind gut genug. Tatsächlich haben von 14 mittlerweile erst drei Romane veröffentlicht – doch fast alle sonst Sachbücher oder große Reportagen, Hörspiele, Kinderbücher, Kurzgeschichten, eine eigene TV-Serie.

Im Studium hörst du das „drei von euch“ als „drei sind es wert“, „drei sind vielleicht interessant“, „für drei werde ich mich einsetzen“, „drei interessieren mich“. Erst später merkst du, er wollte sagen: „Nur drei von euch werden das Schreiben von Romanen lieben. Der Rest wird andere Jobs für sich finden.“

Stefan Mesch studierte von 2003 bis 2008 in Hildesheim, er ist Journalist und Übersetzer und arbeitet an seinem ersten Roman.

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