FuckAbilities

I want a women’s revolution like a lover. // Robin Morgan, Monster, Poem 1972

Ich denke, es ist Zeit, daran zu erinnern: Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn. // Johanna Dohnal, Gastvortrag TU Wien, WIT Colloquium, 2004

This war won’t end in my lifetime. // Rebecca Solnit, Men Explain Things to Me, 2014

Prolog. Ich finde in meinem Maileingang eine Nachricht mit dem Betreff Anschreiben aufgrund der zufälligen Entdeckung Ihrer Person, lese darin Theorien über mich, es wird vom Äußeren auf das Innere geschlossen, spekuliert, es wird von Faszination gesprochen, von Elfenhänden, es werden Fragen gestellt, was die Autorin anmacht äh einschaltet et cetera. Der Mensch, der das geschrieben hat, gibt sich einen Frauennamen und gleichzeitig zu, unter einem Pseudonym zu schreiben. Es ist nicht die erste Nachricht dieser Art, die mich über unterschiedliche Kanäle erreicht hat. Und ich bin bestimmt nicht die einzige Autorin, die vergleichbare Nachrichten dieser Art erhält. Ich frage mich, ob ich eine solche Nachricht auch als Autor bekommen hätte. Kurz darauf werde ich eingeladen, etwas zur Sexismusdebatte zu schreiben.

Im Rahmen dieser Debatte und darüber hinaus werden und wurden Bestandsaufnahmen durchgeführt, Fragen in den Raum gestellt, auf Social Media und in diversen Foren erhitzen sich die Gemüter, klappern die Tastaturen, es wird Beifall gezollt und gestritten bis zur gänzlichen Ausdünnung der Argumente: Insert troll postings here. Im Rauschen der Stimmen und Gegenstimmen finde ich einiges, was gesagt werden muss und zu wiederholen sein wird. Wieder und wieder. Mein Text ist ein Echo: Hallo an den Elefanten im Raum, der immer schon da war.

Ich bin bereits Anfang 30 und habe ein ganzes Stück Arbeitsleben hinter mir, als ich – nennen wir es ernsthaft – mit dem Schreiben beginne. Bald darauf studiere ich in Wien an der Universität für Angewandte Kunst Sprachkunst und komme zwei Jahre später als Austauschstudentin ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. Von manchen Dozenten werde ich aufgrund meines Alters komplizenhaft vereinnahmt, wir sind nicht die gleiche Generation, aber der Graben scheint weniger tief, andere scheint mein Alter zu irritieren. Bei der Aufnahmeprüfung in Wien sitze ich vor einer – bis auf eine Dozentin – ausschließlich männlich besetzten Kommission. Und ich werde den Großteil meiner Seminare sowohl in Wien als auch in Leipzig bei Dozenten absolvieren. Ich denke zu diesem Zeitpunkt nicht viel darüber nach. Über die Jahre habe ich mir eine dicke Haut zugelegt. Als ich Assistentin am Theater bin, sagt ein Regisseur während der Szenenarbeit zu mir: Jeder Mann träumt davon, eine Frau zu vergewaltigen. Als junge Grafik-Designerin wir mir bald klar, dass ich bei Kundenterminen den Meeting-Aufputz spielen soll. In den Werbeagenturen, in denen ich gearbeitet habe, waren die Hierarchien scheinbar flach oder fließend, gleichzeitig habe ich überall weniger verdient als meine theoretisch gleichgestellten männlichen Kollegen, et cetera. Überall kämpfe ich, renne gegen Wände und erreiche Etappensiege, um erneut gegen Wände zu rennen. Diese Agenturen, Redaktionen, Büros, Theater waren fast durchwegs Hochburgen von Frauenfeindlichkeit. Einer Frauenfeindlichkeit, die sogar von den Frauen selbst mitgetragen wurde. Warum befeuern wir Frauen den Konkurrenzkampf unter Gleichen durch Mangel an gegenseitiger Solidarität? Die Einstellungen in der (Arbeits-)Realität müssen sich ändern. Es ist ein wichtiger Schritt, dass wir Frauen daran nicht mehr partizipieren und kollaborieren, dass es nicht als Privileg gilt, in patriarchal geprägten Hierarchiestrukturen durch größtmögliche Anpassung zu bestehen oder sich in diese Strukturen hineinzufügen, sondern eine Selbstverständlichkeit, sich dem entgegen zu stellen, eine Meinung zu haben, die hörbar ist.

Als Heranwachsende habe ich keine Idee von Feminismus oder Emanzipation, ich erinnere mich auch nicht daran, dass in der Schule jemals darüber gesprochen wurde und die meisten Bücher, die wir zuhause hatten, habe ohnehin ich angeschleppt. Auf meinen Wunsch verlasse ich das bürgerlich-provinzielle Gymnasium und lande an einer künstlerischen, von Frauen geprägten Schule, wo ich neue Perspektiven kennenlerne, vor allem durch meine älteren Mitschülerinnen, ich beginne als Teenager in Uni-Vorlesungen beizusitzen, bewusst Zeitungen zu lesen, neue Bücher und Musik zu entdecken, und allmählich zu begreifen: Eine ganze Welt könnte verändert werden. Wenn. Ich beginne, mutiger zu werden.

Die Verschiebung der Gewalten beginnt schon viel früher, mit der Zuschreibung des Geschlechts und der damit nach gesellschaftlicher Norm einhergehenden Ordnung der Dinge. Ich erinnere mich an die Freiheit des Kindes, sich den Zuschreibungen unbewusst zu entziehen, sich als menschliches Wesen zu empfinden, das Geschlecht ist vorhanden, aber spielt in der eigenen Welt und Wahrnehmung noch keine Rolle. Letztlich werden wir alle vor die Frage und eine Entscheidung gestellt. Um weiter mitspielen zu können, soll eine Rolle eingenommen werden, die mich – in meiner Erinnerung – davor nie tangiert hatte: Bist du ein Mädchen oder ein Bub?

Meine Erfahrungen, meine Biografie sind ebenso individuell, wie sie eine Wiederholung der Geschichte und der Erfahrungen von vielen Frauen sind. Damit nehme ich mich nicht zurück, sondern stelle mich bewusst in die Reihe einer Geschichte des Zorns, die noch nicht zu Ende erzählt ist, die geprägt ist von alltäglichen Demütigungen, Belästigungen, Zurechtweisungen, Unmöglichkeiten, Schieflagen in Beziehungskonstruktionen, gelernten Machtverhältnissen und gläsernen Decken. Geschlecht ist die erste Unterdrückungskategorie. Wir haben nicht alle dasselbe Leben, wir sind nicht alle gleich, wir haben unterschiedliche Bildungsgrade, Berufe, Lebenspositionen et cetera. Im eigenen Leben kennen wir uns wahrscheinlich am Besten aus. Wir können nicht davon ausgehen, dass unsere Lebenswirklichkeit für alle gilt, für ein Wir. Dabei haben wir das Recht, die einzigen zu sein, die definieren, wer wir sind. Wir entscheiden, Wirklichkeit und Wahrheit umzuschreiben und uns nicht in die Auftragskette des Patriarchats einzureihen. Wir sind der Radius unserer Wut im alltäglichen Kampf der Geschlechterzuschreibungen. Wir können die gesellschaftlichen Normen ablehnen und aufheben. Wir können das verschärfte Konkurrenzprinzip aushebeln. Die Handlungsanweisung ist, nicht mitzuspielen.

Übrigens, wäre es denkbar, dass der folgende Satz von einer patriarchal geprägten Leser*innenschaft akzeptiert würde? In diesem Text wird aus Vereinfachungsgründen nur die weibliche Form verwendet – selbstverständlich sind in dem Text Männer und Frauen gemeint.

Was muss warum vereinfacht werden? Das Denken, das Lernen, das Verstehen? Sprache ist einer dauernden Veränderung unterworfen, das Gendern von Sprache ist zumutbar. Anerkennung dafür, dass sich Menschen weder als Frauen noch als Männer verstehen, ist zumutbar. Der Dialog ist Menschen zumutbar. Das selbstständige Denken. Das Lernen und Verstehen von Empathie und Logik, die (im zwischenmenschlichen Zusammenhang) nicht voneinander zu trennen sind.

Die Unterdrückungskategorien gehen von Geschlechtszuschreibung über physische Attraktivität, von der Altersschublade bis zur Bildungs- oder Herkunftsfrage. Es gilt von regulierenden Körperzuschreibungen und Stereotypen abzurücken, sich das Eigentum am eigenen Körper zurückzuerobern, unser Körper soll nicht mehr dem Blick der anderen gerecht werden und der Blick auf uns selbst soll ein anderer werden, weg von der gelernten Selbstbeobachtung und konstanten Selbstbeurteilung, mit der wir die Haltung des Objekts einnehmen.

Schließen wir den Kreis zum Literaturbetrieb: Wir sind Autor*innen, und ich denke es gilt, an der Sprache anzusetzen, am Widerstand im Zusammenspiel von Körper und Sprache, es gilt die Sprache des Alltags aufzubrechen, die Sprache, die wir in unseren Texten verwenden, bewusst einzusetzen, die Geschichten, die wir erzählen und die Figuren, Themen und Motive, die wir darin beschreiben, zu hinterfragen. Und auch die Sprache, die wir vorfinden, zu durchleuchten, zu überführen. Position einzunehmen, Denkstrukturen aufzubrechen, und auch die vorgefundene, vorhandene Welt in ihre Bestandteile zu zerbrechen und neu zu puzzeln.

Welche Autor*innen besprechen wir in den Instituten? Wer ist unser Gegenüber als Lehrende, wer sind unsere Vorbilder, welche Menschen zitieren wir, welche Menschen lesen wir? Wie loten wir unsere Perspektiven aus? Warum werden Autorinnen tendenziell nach wie vor emotionale Frauenlebenzustandsberichte und Befindlichkeitsprosa zugeschrieben und Autoren im Gegensatz dazu das große Erzählen, Erklären und Erfinden der Welt zugestanden? Warum geht es nicht einfach um die Texte?

Vor ein paar Monaten lese ich in einem launigen Text über das Lob des Unperfekten, dass der Journalist lieber Bücher von männlichen Autoren liest, und lieber Songs von Sängern als von Sängerinnen hört. Nur hat diese Aussage nichts mit einem Lob an Unperfektheit zu tun, sondern ist nichts weiter als eine Absolution der Schubladisierung von Menschen. Und nochmal: Warum geht es nicht einfach um die Texte?

Zeitsprung und Zoom vom Makro- in den Mikrokosmos: Unter einer Rezension meines Romans, die online aufrufbar ist, gibt ein Troll dem anderen die Hand im Austausch über mein Porträt und meine Fuckability – und diese Kommentare bleiben stehen, machen mich sprachlos zornig und keine Stimme spricht dagegen, eine ganze Weile vergeht, bevor diese Kommentare wieder von der Seite gelöscht werden. Fuckability – das Wort erinnert mich an das Gespräch mit einer italienischen Autorin, die das englische Wort Focus wie Fuck-us ausgesprochen hatte, und der ich nur zustimmen konnte, wenn sie sagte: As an author you have to fuck-us, fuck-us, fuck-us!

Marlene Streeruwitz schreibt in den Frankfurter Poetikvorlesungen (1998): Es gibt ja nun Zeiten, in denen man oder frau nicht so gut drauf sind. In denen die Arbeit der ständigen Abwehr in der Reflexion zusammenbricht. Die Normsehnsüchte eindringen. Von außen kommend das Innen überfluten und sich mit dem Schon-Innen zu einer Flutwelle verbinden. Zeiten, in denen der Abgrund sichtbar wird zwischen dem einem selbst möglichen Glück, ja dem oft gerade nur selbst möglichen Leben und dem allgemein verkündeten und möglichen Glück. Und das ist in den veränderbaren Dingen so. Und in den unveränderbaren.

Bestimmen wir Benennung und Sprache. Die erste Hürde, die zu überwinden ist, sind wir selbst, der Blick, mit dem wir uns beurteilen, betrachten und bespiegeln (lassen). Eine weitere Vorraussetzung für Veränderung ist die gelebte Solidarität unter Frauen. Werden wir einander Verbündete. Bilden wir Banden, um die gelernte strukturelle Macht ihrer Selbstverständlichkeit zu berauben. Geschlecht soll keine Unterdrückungskategorie mehr sein und am besten gar keine Kategorie mehr. Schreiben wir uns Eigenschaften selbst zu, streichen wir das Fuck aus FuckAbility. Beziehen wir Stellung, während die Geschichte sich (präzise?) wiederholt, beschreiben wir den Raum als weißes Blatt A4 Papier, schreiben wir über den Rand und weiter, fangen wir bei uns Frauen an und öffnen wir den Raum für Menschlichkeit und damit für alle, die keine Stimme haben. Die Autor*innenposition entscheidet über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Literatur wie von Lebensentwurf. Das Selbst neu entwerfen, eine eigene Sprache finden, die Welt neu erzählen.

Ich bin eine Feministin und wir alle sollten Feministen sein, weil Feminismus nur ein anderes Wort für Gleichheit ist, sagt Malala Yousafzai.

Fordern wir kein Zimmer für uns allein. Fordern wir die Öffnung, das Fluten der Räume mit neuen Möglichkeiten und Selbstverständlichkeiten. Schreiten wir die Themenfelder neu ab, erobern wir das Terrain, werden wir laut, und in einem Miteinander noch lauter und stärker, unüberhörbar. Der Blick auf Frauen in der Gesellschaft verändert sich stetig, es gilt, das Unwesentliche zu verlieren, das Zurückhaltende, das Harmlose.

Die Anfänge sind lange vor uns gemacht worden, die Fortschritte dürfen ebenso wenig übersehen werden wie die Rückschläge und wir dürfen nicht vergessen, was noch alles vor uns liegt. Und das nichts unmöglich ist.

Sandra Gugic, *1976 in Wien, Autorin. Ihr Debütroman Astronauten (C.H. Beck) erhielt 2016 den Reinhard-Priessnitz-Preis. Sie ist Mitinitiatorin von nazisundgoldmund.net, einer Autor*innenallianz gegen die europäische Rechte.

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