Und was hat das mit Sexismus zu tun?

Ich war 20 und wollte unbedingt auf eine Schreibschule. Damals studierte ich in Zürich Ethnologie. Unsere Professorin hieß Shalini Randeria und hatte gerade ein Buch veröffentlicht: „Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften.“ Etwa die Hälfte der Dozent_Innen und die Mehrzahl der Studierenden waren weiblich, davon definierte sich etwa derselbe Anteil als nicht-weiß. Wir lasen „Writing against Culture“ von Lila Abu Lughod und eine feministische Analyse der globalen Markwirtschaft von Saskia Sassen. Wer glaubte, eine Zukunft als „über allem stehender, neutraler Forscher“ in Angriff genommen zu haben wurde darauf hingewiesen, dass die Attitude des Abenteurers und Entdeckers in die Zeit der Kolonien gehöre. Wer heute Feldforschung betreibe, müsse folgende Kategorien in der eigenen Schreib-Perspektive transparent mitdenken:  das eigene Geschlecht, soziale und ethische Zugehörigkeiten sowie historische Hintergründe.

Die meisten meiner Mitstudent_Innen hatten das Fach aber ohnehin nicht aus „Neugierde am Fremden“ gewählt. Oft waren sie mit rassistischen Zuschreibungen konfrontiert und/oder wurden in einem hybriden Umfeld sozialisiert. Eine neue Generation von Studierenden, die mit Zuständen des Unterschiedlich-Seins und den Techniken des Unterschiedlich-Gemacht-Werdens erwachsen geworden war. Die neue Richtung des Studiengangs verhieß einiges: „Weg von der ‚Erforschung des Anderen’“, hin zum Untersuchen der Verschränkung des „Hier und Dort“. Hin zum Hinterfragen einer europäischen Verbrochenheit und globaler Verstricktheit.

Meine Perspektive war eine weiße, Pass-besitzende und zugleich stets ziemlich prekär lebende. Der Impuls zu studieren kam aus einer sich seit der Kindheit fortsetzenden Zeugenschaft, dass sich auf einem geographischen Raum alle möglichen Gewalterfahrungen wiederfinden. Die im Hier und Jetzt erlebten oder von weit her mitgebrachten. Die im familiären gehaltenen, die im öffentlichen Raum ausgetragenen, die von Schulstrukturen begünstigten. Ich ging zur Uni, weil ich mehr über die Hintergründe wissen wollte. Warum in meiner französischen Familie ehemals Kolonisierte und Kolonisateure an einem Tisch saßen. Warum im schweizerischen Teil meiner Familie die einen ihren Tag an der Kasse im Supermarkt, die anderen am Übersetzerpult  im Parlament verbrachten. Wie es kam, dass Freunden, zuweilen auch der Mutter auf der Straße, Beleidigungen hinterhergerufen wurden, die eine vermutete Herkunft betrafen. Dass der Banknachbar die halbe Schulzeit unter einer Abschiebeandrohung leben musste. Ich am Gymnasium eine der Wenigen war, die in einer Mietwohnung lebten.

Ich kam mit einer spannungsgeladenen Last aus Halbwissen an die Uni, einer Mit-Ahnung davon, was es heißt, diskriminiert zu werden. Schon damals war mir klar, dass die Rolle der Beobachterin an sich schon eine privilegierte ist. Ich fühlte mich unwohl dabei.

Als es darum ging, eine „Feldforschung“ vorzubereiten, scheiterte ich an den Widersprüchen. Wird die Position der strategischen Beobachterin und Datensammlerin nicht automatisch das „Anderssein des Anderen“ kreieren? Wollten wir nicht gerade das kritisieren? Und wer ist nochmal „wir“?

Statt mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen wählte ich die Flucht in die Fiktion. Mein Kopf ist bereits voller Geschichten, dachte ich und wollte nichts anderes als Zeit zum Schreiben.

Studieren ist ein Privileg, das hatte ich bei meiner Mutter gesehen, die zwischen Job, Seminar und mir hin und her balancierte, sie war eine der ersten und wenigen in ihrer Familie, die studierte. Wenn ich also Schreiben wollte, musste Schreiben einen offiziellen Rahmen haben, es musste Rang und Namen bekommen, „sein eigenes Studium“, und natürlich gleichzeitig Geld einbringen, was sonst. In meiner Theatergruppe gab es Gleichaltrige, die zuhause eine 100-teilige CD-Sammlung hatten, ein Atelier, eine Videokamera. Sie sind heute berühmte „Nachwuchsregisseure“ oder Trägerinnen von Galerie-Stipendien.

Aber auch ich konnte es schaffen, ich war immerhin Teil der Theatergruppe, schon allein das hieß etwas: Auch ich war nicht un-privilegiert. Nur konnte es keine studentische Experimentierphase geben, ich musste mit dem, was ich künstlerisch mitteilte, Geld verdienen, und zwar ab sofort. Nebenjob und Beruf und Studium waren bei mir eins, wobei das Studium darüber finanziert werden würde, dass ich die Dinge, die ich im Studium schrieb, „verkaufte“.

Ein Jahr später hatte ich einen Preis für mein erstes Stück bekommen und dieser Preis war es wohl, der mir Zutritt verschaffte zu einem der begehrten Studienplätze in Berlin.

Ab da bestand mein Leben aus einer Reihe unfreiwilliger Feldforschungen.

An der Aufnahmeprüfung saßen mir zwei Männer gegenüber. Genau genommen war es keine Prüfung, sondern ein seltsames Begutachten meiner Reaktionen. Der eine war über 50, der andere über 60 – jedenfalls sahen sie weit älter aus als mein damals 42jähriger Vater. Was genau ging vor, das mir das Gefühl gab, sie und ihr Alter an ihren Platz rücken zu müssen? Ich merkte, dass es sie irgendwie zu kümmern schien, wie ich sie ansah. Beweisen kann ich das nicht, sie können mir dafür Verleugnung vorwerfen. „Na, was willst du hier, hast doch schon den Preis, schreib doch alleine weiter“. Ein Gemisch aus Lob und Angriff. Inhalt des Gesprächs: nichts.

Es gibt hier also nichts Konkretes zu bemängeln, nur dass mein Eindruck ganz anders war als in Leipzig. Dort waren es mehr Leute gewesen, Männer und Frauen, darunter eine Frau mit zwei Brillen im Haar, in Warteposition für andere Distanznahmen –  eine Frau, die inhaltliche Fragen stellte, die wirklich wissen wollte, wie ich dachte. Auch diese Jury hatte sich für mich entschieden, besonders nach dem Gespräch, wie ich vermutete, weil es irgendwie wichtig schien, nicht nur pro forma war wie in Berlin. Aber ich hatte Angst vor der unbekannten Stadt Leipzig – Berlin klang vertrauter, klang zudem nach Theater.

Es ging nun also los, in Berlin und nach der bestandenen Prüfung war ich eingeladen zur Abschlussparty des vorherigen Jahrgangs, die Luft des Studiums zu schnuppern.

Sie war rauchdurchtränkt, ich stand irgendwo am Rand und dachte daran, dass die Prüfung schief gelaufen war. Aber egal! Ich war hier, ich war aufgenommen worden. Ich hielt Ausschau nach meinen zukünftigen Professoren. Der jüngere der beiden hing zwischen Schauspielschülerinnen an der Bar. In dem Moment, in dem ich zu ihm herübersah, machte er eine schildkrötenhafte Kopfbewegung und begann mit einer der Schauspielschülerinnen zu knutschen, eines der blonden Mädchen, die vorhin mitgelesen hatte. Ich wandte meinen Blick ab und ignorierte die Szene. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen, ich hatte keine Zeit für Klischees. Aber das Bild blieb in meinem Kopf. Mir fiel ein, dass er den Ruf hatte jähzornig zu sein und mir zwei ältere Autor_Innen im Vertrauen davon abgeraten hatten, in Berlin zu studieren. Aber war ich etwa ängstlich? Außerdem hatte er den Ruf ein guter Dramaturgie-Prof zu sein und deswegen war ich hier.

Der andere Prof hatte in seinem Leben weder ein Buch noch ein Stück geschrieben.

Vielleicht kann so jemand trotzdem ein guter Dozent sein, dachte ich. Ich war gewillt, alles Gute aus den beiden herauszufiltern und es mitzunehmen.

Gleich am ersten Tag teilte der Studiengangleiter eine Liste aus, auf der alle Dinge standen, die er in seinem Studiengang nicht duldete und für die es Strafarbeiten zu schreiben gab. Belohnen und Bestrafen. Ich dachte, das gehört der pädagogischen Historie an. Da ich neben und während der Uni fürs Theater arbeiten musste, werde ich immer wieder mit der Liste in Konflikt kommen. In die formale Strenge hinein gab es Hinweise vom jüngeren Prof: „Warum seht ihr so gut aus? Ein guter Autor muss Scheiße aussehen, weil er die Nacht durchgemacht hat, um schreiben zu können.“ Am Anfang lache ich noch mit. Bis ich merke, dass es nicht gern gesehen wird, wenn man selbst entscheidet, was ein Witz ist und was ernst. Kaum haben wir uns ein bisschen kennengelernt, in den Text-Besprechungs-Seminaren: Leute, die beleidigt werden. Diskussionen, die aus dem Ruder laufen. Brüllen. Fertigmachen. Rhetorische Fragen stellen, eine genüssliche, stupide Stille entstehen lassen. Dann das Verstummen tadeln.

Angefahren werden die Unsichersten, die noch nichts im CV haben. Die offen sind und sagen, dass sie eine schwierige Familie oder Depressionen haben. N. wird stundenlang ins Büro „geladen“. Sie reagiert emotional auf die ständigen Provokationen, unstrategisch, wütend. Sie sitzt im Büro und wird in Wortschwallen von den Profs zurechtgewiesen. Sie kommt jedes Mal heulend raus. Einmal sagt sie uns, einer Mitstudentin und mir, vorher Bescheid. Sie bittet uns, vor dem Fenster zu bleiben – das Büro ist im Erdgeschoss, wir stehen auf dem Rasen und schauen durch das Einbruchgitter. Wir sehen den Prof gestikulieren und schreien. Sie hat uns vorher gesagt, dass sie bei diesen Gesprächen immer gerne herausrennen würde – aber er mache die Tür zu und lasse sie nicht. Wir werden Zeuginnen davon. Sie will raus – er lässt sie nicht. Wir klopfen. Niemand reagiert. Sie wird danach sagen, dass sie wie versteinert war. Diese Dinge wiederholen sich unzählige Male in den zwei Jahren. Auch junge Männer werden so ähnlich behandelt. Zwei davon verlassen die Uni im ersten Jahr. Einer bleibt und leidet an starken Depressionen.

Wir sind nicht im Bachelor-Master-System, weil Kunst eben nicht mit Punkten bewertet werden könne – so der Studiengangsleiter. Ich finde irgendwann heraus: Weil es dann kein externes Regelwerk gibt.  Keine Kontrollen. Der Studiengang hat auf Wunsch der Studiengangsleitung ein Ausnahme-Kunst-Freiticket zur Willkür bekommen: Niemand außer die beiden Profs hat Entscheidungsgewalt.

Ich vermute, dass der jüngere alte Prof Verhältnisse zu Studentinnen hat. Ich vermute es wegen der Gesamtheit seiner Art, sich zu bewegen, zu reden, sich zu verhalten – ich denke über eine Choreographie seiner Mikrobewegungen nach als ein „Patterns of Behaviour“, die ein tänzerisch begabter Schauspieler nachspielen könnte in einer Performance, in der es als Oberthema um Patterns of Demütigung geht. Meine Gedanken kreisen nicht mehr um das, was ich einmal für „meine Themen“ hielt, sie kreisen nur noch um diesen Ort, in dem ich mich gefangen fühle. Man kann es kaum beschreiben, denke ich immer wieder, man kann es nur selbst fühlen und sehen. Gerne hätte ich etliche Leute in den Studiengang gezerrt, damit sie wissen, was ich meine. Jahre später wird die Vermutung bestätigt, dass der Prof Verhältnisse zu Studentinnen hatte. Mich lässt die Tatsache nicht in Ruhe, dass es genau die Frauen waren die a) am jüngsten und unsichersten sind b) keine einflussreichen Eltern oder sozialen Hintergrund haben. Ich habe in all den Jahren nie etwas von ihnen gehört, nie etwas von ihnen gelesen. Zumindest im Feld Literatur/Theater ist von ihnen bisher nichts sichtbar geworden.

Oft wird uns während des Studiums süffig erklärt: „Was ihr hier erlebt ist nichts gegen das, was ihr am Theater erleben werdet“. Da ich bereits am Theater arbeitete und es während des Studiums weiterhin tue, lache ich laut auf. Ich fühle mich privilegiert und daher nicht angreifbar und denke, ich müsse diese Rolle spielen, für die anderen, die noch nichts haben, kein Stück, keinen Verlag, keinen Preis. Wenn jemand den Mund aufmachen muss, dann ich. Dem monarchischen Gehabe der Profs, ihren rhetorischen Fragen, ihrer Bestätigungssucht,  stelle ich eine kalte Arroganz entgegen. Oder Fleiß. Niemand soll mir vorwerfen, ich wolle nicht studieren! (Dies wird uns ständig vorgeworfen.) Verlangt der eine Prof, dass wir uns auf die nächste Stunde zu einer bestimmten Epoche vorbereiten, komme ich mit einem Buch zur Epoche. Als niemand außer mir sich vorbereitet hatte, weil längst ein Sit-In aus Lethargie, Flucht, Abwesenheit den Klassenraum okkupiert, schlage ich vor, eine zuvor herausgesuchte Passage vorzulesen, um dann auf dieser Grundlange den Unterricht fortzuführen. Aber der Prof will das nicht. Ich soll sofort das Buch zuschlagen, es gibt hier keine Spickzettel. Jeder soll nun der Reihe nach sagen, was ihm zur Epoche einfalle. Leere. Gestammel. Ich wende ein, dass wir Zeit verlieren und es doch eigentlich um das gehe, was danach komme, nach dem Epochenabriss (man muss ständig präzisieren und argumentieren). Sogar unsere Gymnasiallehrer habe Bücher bei Prüfungen erlaubt, denn auswendig wissen sei nichts, Zusammenhänge erkennen alles. Mein Uni-Prof wird wütend. Ich solle das Buch wegpacken. Das ginge hier so nicht. Schließlich gebe ich auf. Ich verliere Zeit. Mein kleiner Kampf ist den Fans und Komplizen der Profs ein Dorn im Auge. Ich wirke arrogant. Es bilden sich Fronten.

Die aufmüpfige Wütende unter uns bekommt morgens um 4 Uhr Hass-Emails von dem jüngeren Prof, die sie ihrerseits mit Hass-Emails beantwortet. Die beiden haben eine persönliche Dynamik aufgebaut, die irgendwie grenzüberschreitend ist, das wissen alle, aber was soll’s. N.’s  Zustand ist kritisch. Sie löscht in einem Anfall von Befreiungslust ihren gesamten Emailverlauf, geht zur Hauptstelle der Uni und exmatrikuliert sich. Es ist die fünfte oder sechste Exmatrikulation seit Beginn. Die Klasse zählt nur noch 4 Personen.

Zwischendurch mache ich Spaziergänge und stelle mir vor, wie es wäre, wenn es eine andere Uni gäbe, an der man Schreiben und Theater studieren kann. Eine, in der es keine „Klasse“ gibt, in der man täglich zu viert einem Trauerspiel zuschauen muss. Eine Uni, wo Professorinnen unterrichten, queere Personen, in der es offene Seminare gibt für verschiedene Studierende, in der man eine Wahl hat, Handlungsmacht. Ich denke ständig über eine Website zur Solidarität unter Frauen nach, stolpere aber über den Begriff „Frauen“ – denn aus verschiedenen Kontexten weiß ich, wie schwierig es ist, diesen Begriff als einen „wir-Begriff“ zu verwenden. Ich sinniere also über ein „Wir“, das jene zusammenfasst, die als weiblich gesehen werden bzw. die unter dieser bestimmten Art von dominanter Männlichkeit leiden, unter „dem Populismus des alten weißen Mannes“. Ein Zusammenschluss von Leuten, die sich verbinden und dazu bekennen, sich nicht untereinander ausspielen zu lassen, sich nicht zu verraten, nicht Komplizinnen zu sein, wenn eine*r angegriffen wird.

Die Mitstudentin, die mit mir Zeugin gewesen war, wie N. fertig gemacht wurde, berichtet mir von einem studiengangsübergreifenden Seminar. Oder vielmehr: einem privaten „Salon“. Eine Dozentin lädt Studierende zu sich ein und erzählt über Geschlechterverhältnisse und Rollenbilder am Theater und in der Literatur.

Wir sitzen zusammen mit den Schauspielstudentinnen an einem langen Tisch. Einige sind in den 80ern geboren wie ich. Die Mehrheit ist in den 90ern geboren. Sie beschweren sich darüber, dass sie sich als Frauen in den Schauspieltrainings oft unmotiviert ausziehen müssen. Dass sie darauf nun definitiv keine Lust mehr hätten. Überhaupt die Rollenbilder. M. erzählt, dass sie es satt habe, als die „Frau mit Kopftuch“ angefragt zu werden. V., dass sie alle Castings absage, die sie als „Flüchtling, Putzfrau oder Prostituierte“ haben wollen. Wir haben uns viel zu sagen an diesen Abenden. Und vielleicht wuchs aus diesem Austausch von Erfahrung heraus der Mut a) gemeinsam mit V. die Abende zu Rollenbildern am Theater fortzuführen, als die Dozentin damit aufhört, b) endlich einen Brief über die Verhältnisse in meinem Studiengang zu schreiben.

Statt einem Stück sitze ich an Weihnachten zwei Wochen lang an einem Brief. Zusammen mit der Mitstudentin und einer Autorin aus dem anderen Jahrgang, die wie ich beide bereits am Theater arbeiten. Gemeinsam beschließen wir zudem, ab jetzt in allen Interviews offen von diesen Verhältnissen zu sprechen.

Zuerst wollen alle außer einer Mitstudent_In den Brief unterschreiben. Dann niemand mehr.

Zuerst hören die Journalisten uns zu und wollen Genaueres wissen. Dann löschen sie im Abdruck die Passagen über unsere Uni.

Dass das alles etwas mit Sexismus zu tun haben könnte, überlegen wir erst, als uns eine Dozentin aus einem anderen Studiengang, die zufällig einen Konflikt zwischen uns und den Profs mitbekommt, darauf aufmerksam macht. Sie ist aufgebracht, sagt uns, dass wir uns so etwas nicht gefallen lassen sollen. Und dass es untypisch sei, dass es in einem Studiengang mit einem Frauenüberschuss bei den Studierenden keine einzige Stelle für eine Professorin gäbe. Das ist was für die Frauenbeauftragte, sagt sie.

Aber die Knutscherei, die vermuteten Verhältnisse sind schließlich nichts Handfestes, was man bemängeln könnte. Oder? Außerdem sind nicht wir selbst betroffen, meines Erachtens hat mich keiner der Dozenten je angemacht. Also gehen wir nicht zur Frauenbeauftragten. Stattdessen schreiben wir in unserem Brief Dinge wie „entmutigt und behindert statt ermutigt und gefördert zu werden.“ „Leute eingeschüchtert, hierarchisiert, abhängig gemacht.“ „Gespräche eskalieren in Streits, wo sie sachlich bleiben könnten“. Am Ende klingt alles für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Und genau das ist das Problem.

Der Präsident der Universität hört uns aufmerksam zu und erzählt dann, dass er Töchter in unserem Alter habe und uns verstehe. Doch er ist nicht zuständig und leitet alles dem Dekan weiter, der uns erklärt, dass wir eben die berlinerische Art der beiden Herren nicht verstünden. Wir wissen aber, dass sogar andere Dozenten der Uni sich über das respektlose Verhalten der beiden Profs beschwert haben. Wir kennen unterdessen Leidensgeschichten von Leuten, die vor uns da studiert haben.

Der Dekan befragt den Rest der Klasse oder das, was davon übrig ist. Sie widersprechen uns. Niemand leide unter den Verhältnissen. Die Meinungen der bereits Exmatrikulierten oder der Studentin des vergangenen Jahrgangs gelten nicht.

Schließlich stelle ich ein Gesuch für einen Wechsel nach Leipzig. Leipzig willigt ein. Die Uni in Berlin gestattet den Wechsel nicht. Vier andere hätten ebenfalls ein Gesuch für ein Austauschsemester gestellt.

Die beiden Profs führen eine neue Note ein. Sie gilt zwar nicht offiziell, aber inoffiziell: die Note des Betragens. Es wird nach alter Schule Disziplin gelehrt, aber kein Inhalt. Es gibt Gastdozent_Innen, die uns etwas beibringen, die Klasse wirkt aber so eingeschüchtert, dass kein Klima des Lernens gegeben ist.

Der Dekan vertröstet uns. Er sagt, die Jungs seien bald pensioniert, warum nun zuletzt noch ein Aufhebens machen. Er stellt uns, die Aufmüpfigen, die Sensiblen, für zwei Jahre von der Universität frei, bis die neue Leitung komme. Wir müssen warten, bis die Vergangenheit endlich zu Ende sei, wir seien nun mal irgendwie zu früh eingetroffen, vor unserer Zeit sozusagen, das passe jetzt so halt nicht mehr zusammen. Mein persönliches Profil wird von der Seite der Uni gelöscht. Meine sog. „Erfolge“ aber weiterhin gelistet – die Punkte dafür gehen aufs Konto des Studiengangs.

Ich befinde mich in meiner zweijährigen „Freistellung“ und bekomme einen Auftrag von einem kleineren Theater, dessen Leitung jung und engagiert scheint. Nach netten Gesprächen werde ich zu einer Party des Teams eingeladen. Bei fortgeschrittener Nacht baut sich ein zukünftiger „Mitarbeiter“ vor mir auf und stellt Überlegungen zu meinem Körper an, den er lallend mit dem Körper seiner ebenfalls anwesenden, aber gerade auf dem Balkon verweilenden Freundin vergleicht. Ich sage den Auftrag ab. Und mit diesem Auftrag sage ich gleich noch den Auftrag eines größeren Theaters ab, weil die Eintrittspreise erst bei 30 Euro beginnen. Ich will keine Kompromisse mehr. Mein Bankkonto beschwert sich.

Bis heute weiß ich nicht, warum ich dachte, dass dies alles keine Konsequenzen hätte. Bis heute hoffe ich, dass eine Generation in die Leitungsebenen kommt, mit der ich ein Bewusstsein teile.

Am Ende der zwei Jahre muss der Studiengangsleiter in Rente, obwohl er noch bis zuletzt dagegen Unterschriften gesammelt hatte. Ich entdecke, dass sich der jüngere der beiden wieder als Leitung beworben hat. Schließlich hatte er den Laden aufgebaut.

Später erfahre ich, dass der Prof nicht gewählt worden war. Dass eine Professorenstelle für eine Frau eingerichtet werden musste. Viele Persönlichkeiten mit einer handfesten Expertise bewarben sich dafür. Sie wurden jedoch nicht einmal zum Gespräch geladen.

Lange dachte ich, eine solche personenzentrierte Archaik, wie ich sie erlebte, sei heute dann doch eine Ausnahme. Ob das stimmt, weiß ich nicht, ich habe dazu nur eine einzige, erzwungene Feldforschung gemacht. Die subtileren Formen von Diskriminierung, wie sie in vielen Texten von Kolleg_Innen beschrieben werden, ist jedoch mindestens genauso reich an Konsequenzen.

In den letzten beiden Jahren des Studiums erhielt ich eine Ahnung von Auswirkungen versteckterer Machtverhältnisse. Die Inszenierung eines im Kollektiv verfassten Uni-Stücks erschien mir in der Generalprobe sexistisch und rassistisch. Eine der Schauspieler_Innen, die ich noch von dem „Salon“ kannte, musste sich wieder mal unmotiviert ausziehen. Sie hatte mit mir gesprochen und fand es unerträglich. In einer anderen Szene gab es „den“ verblödet erzählten „Ausländer“ – Dinge, die man so einfach nicht mehr sehen möchte. Ich erklärte der Theaterleitung ausführlich, warum ich als Mit-Autorin des Stückes damit nicht einverstanden sei. Dieses Mal erntete ich keine Demütigung, sondern nur Schweigen. Man ignorierte mich, tat so, als hätte man das alles nicht gehört. Ich dachte damals, vielleicht übertreibe ich. Vielleicht sollte ich einfach mal still sein.

Wenige Monate später fanden an demselben Theater Proteste gegen Blackfacing statt. Eine der Aktivistinnen, die damals auch zum „Salon“ gekommen war, war dort dabei.  Sie erzählte, dass ihnen gegenüber dieselbe Art von Sprachlosigkeit als Reaktion gezeigt wurde.

Die Debatte um Rollenmuster und Sexismus am Theater, in der Literatur, an Schreibschulen kann meiner Meinung nach nicht geführt werden, ohne Parallelen zu ziehen zu weiteren Kämpfen über die Sektionen hinweg. Ohne dass die Debatte ihren Schwung durch das ständige Mitnennen anderen Anliegen verliert, glaube ich, dass das System der Männerbünde und -förderungen weitreichende Konsequenzen im gesamten Kulturbetrieb hat, der nicht nur Frauen ausschließt, sondern vor allem bestimmte Frauen, bestimmte Männer und die darüber hinaus in erschreckender, kolonialer, will heißen physiognomischer Tradition Menschen von der Bühne ausschließt, die optisch als nicht weiß definiert werden.

In diesen Strukturen zeigen sich subtilere, aber nicht weniger wirkmächtige Formen von Ausschluss: Nicht nur an der Uni in Berlin sondern auch in unzähligen Workshops wurde ich immer wieder gefragt, warum die Figuren in meinen Stücken so „gezwungen ausländische Namen trügen, obwohl das Thema Migration ja gar nicht im Stück wäre“. Mir wurde geraten, mich zu entscheiden: „Entweder die Namen durch Georg, Michael und Hannah ersetzen oder die Hintergründe der Figuren in den Fokus zu rücken“. Nun hatte ich aber ein Stück über moderne Freiberufler schreiben wollen und nicht explizit ein Stück über „Migration“. In meiner Realität trugen nun mal nicht alle Herkunfts-deutsche Namen. Aber nun sollte ich den Architekten, Anwälten, Student_Innen in meinem Stück nicht entsprechend meinem Erfahrungshorizont Namen geben, um keine Verwirrung zu stiften?

Die Auswirkungen dieser eindimensionalen Grundhaltung sind drastisch: Ich muss oft für Theater schreiben, in denen es für gewisse soziale oder ethische Herkünfte keinerlei Vertreter*innen gibt. Dies entspricht aber nicht meinem Lebensumfeld. Ich müsste ein Recherchestipendium beantragen, um in einer bestimmten Blase, in einer bestimmten Schicht zu recherchieren und dann darüber als Auftrag ein Stück zu schreiben.

Ich habe also selbst als weiße Frau ein Problem, mich ausdrücken zu können. Ich bin privilegiert, denn ich tauche überhaupt auf – allerdings wird mir unterstellt, etwas Bestimmtes zu vertreten und darüber zu schreiben. Es wird nicht davon ausgegangen, dass ich selbst in einer komplexen Gegenwart verhaftet bin, sondern dass ich mir die Themen „nehme“ und sie „bearbeite“. Die Autorin schreibt über den neoliberalen Arbeitsmarkt oder aber über das Thema Migration. Als Gegenstrategie meinerseits nützt es auch wenig, wenn ich in einem Auftragsstück „aus meiner Realität heraus“ schreibe – denn Regie und Team gehören sehr wahrscheinlich der „Blase“ an. Und so wird es am Ende doch wieder ein „wir über die Anderen“ und kein Sich-Beschäftigen und Kreieren auf Augenhöhe.

So muss wohl einmal mehr die Frage gestellt werden: Wer ist gar nicht erst da? Und von denen, die da sind – wer verschwindet wieder? Wessen Geschichte wird daher nie erzählt? Welche Zugänge werden von wem verbaut und mit welchen Argumenten?

Die Vision könnte sein, das Wort Freiheit nochmals neu zu denken: Gemeinsam Räume schaffen, in denen ein Austausch möglich und von denen her nach außen kommuniziert werden kann. Mittels Texten, Stücken, Manifesten. Die Suche nach einer mehrstimmigen, mitbestimmenden Sprache. Eine Sprache, die sich nicht hinter Geschichten über „die Anderen“ versteckt, sondern von sich und uns selbst, von den Verhältnissen im Hier und Jetzt berichtet, die Widersprüche sichtbar macht und Machtverhältnissen eine Absage erteilt. Eine Sprache, die Alternativen, Utopien kreiert.

Eine Gegendarstellung zu manchen Aspekten dieses Texts hat Darja Stockers Kommilitonin Anne Rabe auf der Seite von nachtkritik.de veröffentlicht.

Und auch Oliver Bukowski, der jüngere der beiden im Text anonym genannten Professoren, hat auf nachtkritik.de geantwortet.

Darja Stocker ist Autorin mehrerer Theaterstücke, die im weiteren Sinne um die Möglichkeiten von Widerstand kreisen.


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