Was mir während der Arbeit an „Es könnte auch schön werden” für KOOK.MONO.schrift spricht einfiel

Vom 24. bis 26. September findet in Berlin KOOK.MONO statt, eine Veranstaltungsreihe, die neue, performative Formate für literarische Texte schafft. Autor*innen, die dort auftreten, denken bei uns im Blog über ihr Schreiben nach. (Hier die Website zur Reihe.)


 

„… und es ist einer von den Teufeln der sagt
willst du nicht mal zusammenrechnen
wie viel Stunden das eigentlich im Monat so sind
die du hier in diesem Kostüm in diesem Pflegeheim bei deiner Schwermutter
im Zimmer verbringst
du tust hier Dienst an der Gesellschaft
sitzt in diesem Kostüm drei Mal die Woche am Bett deiner Schwermutter
wer soll das eigentlich bezahlen?
und ich sage, hey nein, ich will nichts aufrechnen
ich tu alles aus freien Stücken
(…)
und überhaupt ich tu nicht nur Dienst an der Gemeinschaft
sondern opfere dafür meine künstlerische Arbeit
wer sagt denn, dass ichs super finde, ein Sprechstück zu machen
das davon erzählt, wie ich drei Mal die Woche in diesem Kostüm im Pflegeheim am Bett meiner Schwermutter sitze
aber was bleibt mir anderes übrig
weil ich nun mal drei Mal die Woche in diesem Kostüm im Pflegeheim am Bett meiner Schwermutter sitze
da fällt mir nicht viel anderes ein als genau darüber zu erzählen
über das Kostüm, das Sitzen, das Bett, das Pflegeheim

 Ich trag ein Stück zur Verbesserung der Welt bei
einerseits
andererseits
trage ich zur Verschlechterung der Welt bei
entziehe der Welt meine ganzen Arbeiten
die nicht davon handeln, wie ich in diesem Kostüm im Pflegeheim am Bett meiner Schwermutter sitze

 da befinden wir uns in einem unlösbaren Dilemma
richtig gehört ich sage wir
ich sage wir, weil ihr hängt in dieser Sache mit drin ob ihr wollt oder nicht,
oder ist hier zufällig noch jemand, der oder die auch
drei Mal die Woche in so einem Kostüm in einem Pflegeheim rumsitzt
hebt mal die Hand
und ihr, die ihr nicht in so einem Kostüm in einem Pflegeheim rumsitzt,
euch frage ich jetzt ganz unverblümt,
wie viel wärt ihr bereit, mir abzugeben von eurer Zeit
das natürlich umgerechnet in Geld
werft den Betrag heute auf dem Heimweg in einen Brunnen bitte
das soll Glück bringen
natürlich in diesem Fall mir, vielen Dank“ 1

Was ich da im September beim KOOK.MONO-Festival zeigen werde, ist schon ziemlich allen gegenwärtigen Kontexten enthoben, glaube ich.
Ich fühle mich gerade wie jemand, die*der sein*ihr ganzes Leben lang allein in einer Waldhütte gehockt und sich da eine Performance ausgedacht hat.
Ich habe gar keine Ahnung, was man gerade so „macht“ in Performance und Tanz und verwandten Bereichen.
In Berlin war ich ewig nicht mehr im Theater oder sonstwo, um mir was anzusehen.
In Leipzig auch nicht besonders oft.
Abends bin ich meistens zu k.o.
Tagsüber besuche ich nicht nur meine Schwiegermutter im Pflegeheim, ganz so, wie es in dem Sprechstück erzählt wird, ich versorge auch meinen Mann, der MS hat und auf Hilfe im Alltag angewiesen ist. Immer mehr angewiesen übrigens.

Was für ein Hammer, das einfach so hier hinzuschreiben.
Mein armer Mann. Den muss ich hier bloßstellen. Und das ist schon der Punkt.

Dass es nicht möglich ist, und ich behaupte, vor allem für mich als Frau nicht, diese Sachverhalte einfach so hier hinzuschreiben, ohne dass nicht auch ich selbst denke, wie fies von dir, Martina. Der arme Jan (so sein Name). Dessen Situation du hier öffentlich machst, um überhaupt mal deine eigene Situation öffentlich zu machen, und dabei ist er doch viel schlimmer dran als du! ‒ dass das kaum möglich ist, ist nicht schön. Und ist so typisch.

Ich mache den klassischen Hausfrauenjob, einkaufen, putzen, waschen kochen. u.v.m., und das für die ganze Familie, und alles allein, denn mein Mann kann nichts davon dauerhaft selbst erledigen. Wenn ich eine Woche unterwegs bin, ist das schon ein echtes Problem. Ich komme wirklich selten raus, bezogen darauf, was über Tanztraining und manchmal Proben oder Lesungen hinausgeht. Eine unserer Töchter, die noch zu Hause wohnt, bringt natürlich den Müll runter, aber mehr als andere Leute in ihrem Alter muss sie nicht mithelfen. Unsere Töchter mussten schon genug zurückstecken, auch jetzt noch ‒ keine Reisen mit dem Vater, keine Bergtour. Zum Elternabend bin auch immer bloß ich gegangen.

Und wie ich im Sprechstück sage: Wer bezahlt mir das eigentlich alles? Gerade überlegt mein Mann, Pflegegrad 1 zu beantragen. Die Chancen sind mau, sagt seine Ärztin. Seinen Kaffee kochen kann er ja noch. Dement ist er auch nicht. Na ja. Auf die 105 Euro im Monat zusätzlich kommts jetzt auch nicht mehr an, sagen wir uns öfter.

Allein in den letzten Wochen sah ich zwei Dokus und einen Spielfilm, im Fernsehen und auf Facebook. Inhalt bei allen drei Filmen so: „Gesunder“ Mann hat chronisch kranke Partnerin oder Elternteil. Es ist alles ganz heldenhaft. Der Mann gibt sich komplett hin, ohne sich aufzugeben, und bleibt so wahnsinnig er selbst und alles. Und alle schmelzen, weil er so viel leistet und seine Frau/Eltern nicht hängen lässt. Arbeiten tut er natürlich nur noch halbtags, die erkrankte Frau bekommt sicher eine gute Berufsunfähigkeitsrente, und der „gesunde“ Mann hat eine Haushaltshilfe an die Seite gestellt bekommen. Und die Liebe zwischen Mann und Frau blieb so schön erhalten oder steigerte sich sogar noch. Wie irre schön.

Ich meine das ernst und will keinesfalls kleinreden, was die Männer aus den Dokus da Gutes tun. Aber Dokus oder Spielfilme mit dem gleichen Setting, nur ist der Mann der Kranke und die Frau betreut ihn, habe ich noch keine gesehen. Ich vermute, das liegt daran, dass wir alle immer noch nicht so ganz aus den Köpfen rausbekommen haben, dass eine Frau ja eh zu Hause alles macht, kocht, wäscht, einkauft usw. Da muss man doch jetzt keinen Film drüber drehen.

Und außerdem, fragt mal einen freiberuflichen Autor wie meinen Mann nach seiner Berufsunfähigkeitsrente. Fragt überhaupt Künstler*innen nach ihrer Rente. Ich bin 53, ich bin eine Frau und habe zwei schwer kranke Familienangehörige, um die ich mich kümmere. Künstlerin bin ich übrigens auch, natürlich trotzdem Vollzeit. Was ist denn mit meiner Rente, später? Wird mir das angerechnet, dass ich meinen kranken Mann und meine Schwiegermutter betreue, so wie einem die Kindererziehung angerechnet wird? Ich sollte mich gleich heute noch drum kümmern, vielleicht mal bei der Rentenkasse anrufen. Aber gleich muss ich zur Probe für die KOOK.MONO-Sache, und wenn ich nach Hause komme, einkaufen, aufräumen, Text lernen, essen machen, Schreibarbeiten. Was eben so anfällt. Dann ins Bett gegen Mitternacht, halt, Dehnübungen müssen auch noch, also ins Bett gegen eins, das mit der Rente mach ich … dann im Oktober, wenn die KOOK-Sache vorbei ist. Auf jeden.

Ich bin 53, eine Frau, Künstlerin, und habe zwei schwer kranke Familienangehörige, um die ich mich kümmere. Ich habe manchmal das Gefühl, ich stehe damit ganz allein da. Zum Beispiel würde ich gern mal andere Autorinnen und Performancekünstlerinnen kennen lernen, die auch so einen Mann daheim haben, und vielleicht auch noch so eine Schwiegermutter. Ich treffe nie welche. Wo seid ihr? Das kann doch nicht sein, dass ich die Einzige bin? Und ihr anderen alle, seht ihr mich? Habt ihr schon mal was von mir gehört in meiner Waldhütte?

Kann das sein, dass wir Künstler*innen mit kranken Angehörigen einfach zu wenig sichtbar sind? Weil wir verschwunden sind im Pflegeheim, in der Küche, beim Wäscheaufhängen, oder im Papierkrieg mit der Krankenkasse und dem Wohngeldamt. Das immerhin ‒ wenn auch oft mit sechs Monaten Verspätung, wegen der Kompliziertheit unserer Einkommenssituation ‒ brav zahlt, weil wir nun mal klipp und klar die Kriterien für Wohngeldberechtigung erfüllen. Anders als beim Pflegegrad entscheiden hier Zahlen.

Wie soll ich das denn alles hinbekommen? Wie soll ich denn jemals eine hochreflektierte Performance zeigen, so HZT-Style? 2 Ich möchte auch mal beim Performing Arts Festival oder so auftreten! Das werd ich in diesem Leben nicht mehr schaffen.

Wo sind überhaupt in der freien Tanz-/Performance- (und überhaupt in jeder Szene) die Tänzerinnen und Performerinnen über 50, egal ob mit krankem Mann oder ohne?

Da sind sie ja selbst im Ballett um einiges weiter, da gibts Alessandra Ferri, und Sylvie Guillem ist auch erst vor drei Jahren in den Ruhestand gegangen, mit 50. Margot Fonteyn damals, eh der Kracher: Mit ü60 noch auf der Bühne PLUS querschnittsgelähmter Ehemann.
Wieso gibts das nicht in der freien Szene?
Wieso sind da alle so jung und reflektiert? Und haben nur sich selber zu betreuen, so siehts meistens aus?
Weil die freie Szene ‒ ja irgendwie, ketzerischer Gedanke ‒ so frei ist. So eine Art Hort des Neoliberalismus ist sie, ohne es sein zu wollen, so kommts mir manchmal vor. Spielwiese für Glücksritter*innen, El Dorado für junge Menschen mit großen Ideen und genügend Zeit und Energie, um den Förderantrag zu stellen. Schon wenn du ein Kind hast, bist du erst mal weg vom Fenster. Ich kenne in Leipzig kaum aktive Performerinnen mit Kindern.
Performer dagegen schon ein paar. Die haben alle Partnerinnen, die nicht mehr performen, oder überhaupt was ganz anderes machen.

Jung und reflektiert finde ich ja gut. Aber alt und reflektiert wäre auch mal was.
Oder alt, reflektiert und mit krankem Mann. Das wär schon schön.
Vielleicht machen wir mal ein Festival für solche wie mich.
Oder wir setzen uns alle zusammen und machen Pläne für mehr Sozialverträglichkeit in der freien Szene. Entwerfen ein paar Utopien über Solidargemeinschaft. Dazu brauchen wir natürlich zuerst Pläne, wie man diese finanziell stemmen könnte: Bankraub, Lotto, oder ein paar von uns werden berühmt und spenden für Künstler*innen mit kranken Angehörigen.

Welche Sätze bekomme ich am häufigsten zu hören, wenn ich unter Leuten bin, die meinen Mann und mich kennen:
Hallo Martina. Wie gehts denn dem Jan?
Hallo Martina. Jan auch da?
Hallo Martina. Ja tja ja, das ist schon alles echt schwer für den Jan.
Hallo Martina. Echt super, wie der Jan das alles hinkriegt. 3

Und natürlich stimmt das! Es ist super, wie er das alles hinkriegt.
Aber ich kriegs doch auch hin. Mein Mann ist der Einzige, der das immer mal zu mir sagt, er sagt, super, wie du das alles hinkriegst, ohne dich wär ich aufgeschmissen.
Dann heule ich und sage so was wie, ach Quatsch, nicht der Rede wert, kein Ding.

Aber ehrlich gesagt, ich möchte, dass über mich auch mal eine Doku gedreht wird, die zeigt, wie heldenhaft ich das alles mache.

Ich arbeite wie die Sau, hab in den letzten acht Jahren vier Gedichtbände veröffentlicht, dazu ich weiß nicht wie viel Performance-Arbeiten, größere und kleinere, entwickelt und gezeigt, dazu an drei Universitäten Schreiben und Performance unterrichtet, Kinder großgezogen, meinem Mann die Medikamente aus der Apotheke geholt, das Katzenklo saubergemacht, und dann gibts ja noch meine Schwiegermutter, die aus dem Sprechstück, wo sie Schwermutter heißt.

Ich verdiene Geld, aber es könnte schon mehr sein. Ich würde gern so viel Geld verdienen, dass mein Mann auf den verfickten Pflegegrad 1 scheißen kann. Er selber verdient natürlich auch, aber ‒ selbstredend! ‒ niemals mehr als den Betrag, den er neben seiner Mini-Rente dazuverdienen darf.

Und jetzt komm ich aus so einer wirklich großen Nummer an Waldhütte, aus meinem Antragsloch, aus meinem Wäschewaschhimmel, aus meinem Pflegeheimkarussell, und habe seit Ewigkeiten kein Stück mehr gesehen. Keine ästhetische Debatte mehr so richtig verfolgt. Kann zwar einigermaßen tanzen, performen, einen Sprechtext schreiben, aber habe keine Ahnung, ob das gerade alles so reflektiert ist wie wahrscheinlich bei den anderen.

Ach, was solls.
Jetzt mach ich die Sache im September, und gut.
Viel Zeit zum drüber Nachdenken hab ich eh nicht.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Auszug aus der Bühnenfassung von Es könnte auch schön werden.
  2. HZT: Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz in Berlin.
  3. Auch schon öfter gehört, seltsamerweise immer von Leuten aus der Literatur (Originalzitate): „Der Jan so krank, und du tanzt so viel …“ „Machts dem Jan eigentlich nichts aus, dass du so viel mit Tanzen zu tun hast?“

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