Evil Empire

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„Ein Mensch mit klarem Verstand wäre niemals
zu solch einer Tat in der Lage: Ein Haus in die Luft zu sprengen,
in dem Menschen wohnen, vollkommen unschuldige Menschen,
mitten in der Nacht, das geht mir nicht in den Kopf, es ist unfassbar.
Es ist eine unmenschliche Grausamkeit, und es muss allen klar sein,
dass wir uns zur Wehr setzen müssen. Dagegen kann man sich
nur mit Gewalt zur Wehr setzen. Anders können wir weder den Staat
noch die Bürger schützen.“

Wladimir Putin zu dem mutmaßlich vom russischen Geheimdienst
FSB verursachten Attentat auf ein Wohnhaus in Moskau am 8.9.1999 1

 

Am 21. August 1968 stellte sich der 47jährige Klempner Emil Gallo in Bratislava auf dem Weg zur Arbeit mit entblößter Brust einem Panzer des Warschauer Pakts in den Weg. Der Fotoreporter Ladislav Bielik, der für die Zeitung Smena arbeitete, hat die ikonisch gewordene Szene des „Prager Frühlings“ festgehalten. Aus der Ukraine kamen zuletzt ähnliche Bilder. Am Ortseingang von Dniprorudne im Süden des Landes stellte sich am 27. Februar 2022 der Bürgermeister mit einer Gruppe todesmutiger Männer einem anrückenden Panzer in den Weg und brachte den Fahrer tatsächlich dazu, abzudrehen und kehrtzumachen. Putins Armee hat das am Ende so wenig aufgehalten wie Emil Gallo die weitere, noch über 20 Jahre währende Okkupation der CSSR durch Breschnew und seine Nachfolger. Doch das Foto, das dem 1984 verstorbenen Autor ebenso viel Schwierigkeiten und wenig Ruhm einbrachten wie Emil Gallo, ruft nicht nur die Kontinuität des Moskauer Imperialismus in Erinnerung. Es nährt auch die Hoffnung, das Regime werde trotz seiner Übermacht an Panzern, Flugzeugen und Druckbomben nicht siegen und Wladimir Putin seine gerechte Strafe erhalten.

Bieliks Foto habe ich erst später gesehen. Am 21. August 1968 war ich zwischen Abi und Studium in Moskau, mit einer gemischten west- und ostdeutschen Gruppe von Linken. Die Russische Revolution hatte mich begeistert, ich notierte fleißig Exzerpte in ein Schulheft und war innerlich mit denen, die das Winterpalais erstürmt hatten. Der Film von Sergej Eisenstein hatte mich so begeistert wie Gedichte von Wladimir Majakowski und die Montagen eines Dsiga Wertow. Dieser Überschwang prädestinierte mich aber nicht zum DKPisten und schloss spätestens mit diesem Tag die realexistierende Sowjetunion nicht mehr ein. Wir hatten auf einem Bettlaken mit Lippenstift „Svoboda“ aufgetragen und uns in der Moskauer Innenstadt wegen Rowdytum abführen lassen.

Das Jahr 1968 erbrachte zwei Distanzierungen: Der „Prager Frühling“ erlaubte die Vision eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, anders als jener Parteikommunismus, der im „Pariser Mai“ der wahre Hauptfeind der antiautoritären Bewegung war. Animiert durch das im Sommer 1968 geschriebene Pamphlet der Gebrüder Cohn-Bendit formierte sich ein linksradikaler Antikommunismus, der mit dem schematischen Anti-Antikommunismus der deutschen Linken brach. 2

Antikommunismus war, neben ihrem Wirtschaftserfolg, das weltanschauliche Bindemittel der frühen Bundesrepublik. Das Schlagbild „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ plakatierte die CDU im Bundestagswahlkampf 1953, um die SPD, damals noch Adenauers Westbindung skeptisch gesonnen, in die Nähe Stalins rücken, der National-Neutralisten im Jahr zuvor mit seiner „Note“ gelockt hatte. Das aktuelle „Rot“ wurde von der Mehrheit der Deutschen bedrohlicher gewertet als das vergangene „Braun“, das Allensbacher Umfragen zufolge sogar noch ziemlich lebendig war. Die Brutalität des Sowjetkommunismus hatte sich bei der Niederschlagung des „Volksaufstandes“ am 17. Juni 1953 gezeigt; der Arbeiterprotest drückte ein Verlangen nach Wiedervereinigung aus, mit der es Adenauers Partei dann doch nicht so ernst meinte. Mit „Soffjetrussen“ sei nicht zu spaßen, meinte der abendländisch gesonnene Kanzler, der sich noch um die Rückführung von Kriegsgefangenen der Wehrmacht kümmern musste.

Was diese aus den sibirischen Lagern berichteten, war ebenso wenig geeignet, Sympathie für die Sowjetunion zu erzeugen, wobei die Begegnungen mit einfachen Menschen einen freundlicheren Erzählstoff ergaben. Der panische Ruf „Die Russen kommen“, der vor und bei dem Vormarsch der Roten Armee 1945 erklungen war, fand im Kalten Krieg bei jeder Berlin-Krise ein Echo. Ich erinnere die besorgten Mienen der Väter im Tiroler Sommerurlaub am Tag des Mauerbaus – „es gibt Krieg“ raunte einer. Wir Kinder sollten das nicht hören, aber das Meme assoziierte ich von da an mit den Russen. Damit kam eine uralte Russenangst unterschiedlicher Herkunft hoch: polnisch-litauisch seit dem 16. Jahrhundert, französisch seit Napoleon, britisch seit der Konkurrenz mit dem russischen Imperialismus in Asien, auch marxistisch im Kampf gegen die asiatische Despotie. Das 19. Jahrhundert stand eher im Zeichen der Heiligen Allianz mit den Zaren gegen die bürgerlichen Revolutionen, dann einer diplomatischen Realpolitik, die Russophile und Bismarckanhänger wie Alexander Gauland bis heute inspiriert. 3 Ich erinnere mich an ein sinistres Deutsch-Russisches Forum nach der Wiedervereinigung, in das ich als „Globalisierungskritiker“ fehleingeladen worden war: Eurasische „Gelehrte“ verständigten sich dort mit pensionierten Diplomaten und russophilen Generälen auf den Kampf gegen den „Globalismus“. Die preußisch-russische Mesalliance ging stets auf Kosten der mittelosteuropäischen „Pufferzone“ zwischen den Imperien, für die wir notorisch Westorientierten uns im Gegenzug stärker zu interessieren begannen.

Opfer der sowjetischen Besatzung waren anfangs vor allem Frauen, deren grauenhaftes Schicksal lange verdrängt und beschwiegen wurde. 4 Durchgesetzt hatten sich nach 1945, auch im Westen, andere Narrative der kollektiven Schuld der Deutschen und ihrer Befreiung durch die Russen: Ein Schuldgefühl für den Tod von Millionen Zivilisten, Soldaten und Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg, für die Phobien des rassistischen Antislawismus, die in der NS-Propagandafigur der „Untermenschen“ kulminierten, deren Leben so wenig wert sein sollte wie das der Juden. Die unlauteren Motive und verheerenden Folgen des Hitler-Stalin-Paktes passten da ebenso wenig hinein, wie die Besatzungspraktiken im späteren „Ostblock“ einschließlich der SBZ in zum rosigen Bild der Befreiung (darunter der NS-Vernichtungslager) und des Antifaschismus als Staatsideologie der DDR. Die Mehrheit der Linken, die sich (mit Fug und Recht) für politische Gefangene in der westlichen Hemisphäre einsetzten, ignorierte schlicht das Lagersystem des Stalinismus. 5 Die Mahnung an Workuta und Bautzen blieb „Rechten“ überlassen, an deren eigener Einäugigkeit oft wenig Zweifel bestehen konnten. Doch unterlagen dem anti-antikommunistischen Verschiss alle gen Osten gerichteten Menschenrechtsinitiativen, Radioemissionen und Publikationen. Als mein kleiner Bericht über die Auseinandersetzungen in der KP Frankreichs über den „Fall Solschenizyn“ 1974 aus dem „Kritischen Tagebuch“ des WDR in den „Feindsender“ des RIAS Berlin übernommen wurde, rief mich ein Freund an und teilte mir hämisch mit, jetzt sei ich endlich da angekommen, wo ich ja immer schon war: Im Lager der Kalten Krieger.

Ein Pazifismus, der aus der an die Deutschen gerichteten Parole „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz“ die grundfalsche Schlussfolgerung zog, man dürfe anderen nicht helfen, denen ebensolches drohte, ignorierte alle menschenfeindlichen, demokratieverachtenden und aggressiven Merkmale des Sowjetimperiums, nicht zuletzt den Antisemitismus, die Naturzerstörung und die Gängelung und Zensur der Kunst, der Wissenschaften und der Gerichte. Ich erinnere mich an einen erregten Disput mit dem Mentor der westdeutschen Friedensbewegung, dem Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, der seine traumatische Erfahrung als 18jähriger Soldat an der Ostfront transgenerationell an die Kohorte der Friedensfreunde weitergab und nicht sehen wollte, wie die noblen pazifistischen Initiativen für die sowjetische Außenpolitik in Dienst genommen wurden. Befeuert wurde das durch den aus Urgründen der deutschen politischen Kultur rührenden Antiamerikanismus, der mit dem Vietnamkrieg und anderen US-Interventionen Fahrt aufgenommen hatte und dabei von einer rechten Zivilisationskritik in einen linken Antiimperialismus gewandert war. 6

In der grenzüberschreitenden Friedensbewegung hatte die deutsche Wiedervereinigung längst ihre Premiere erlebt. Dagegen formierte sich eine zahlenmäßig kleine „Adenauer-Linke“, die an der Verankerung der Bundesrepublik in den westlichen Bündnissen einschließlich der NATO festhielt, ohne dabei den innenpolitischen Kurs des „Alten“ aus Rhöndorf gutzuheißen. Von dem zum Beispiel in meiner rheinisch-westfälischen, katholisch-konservativen Familie grassierenden Affekt gegen alles Russische und Östliche hatte ich mich abgesetzt, indem ich russische Sprachkurse belegte und russische Klassiker und Avantgardisten las. Zugegeben, es blieb ein Rest Misstrauen gegen „die Russen“, wobei ich meine Aversionen aufs Sportliche fokussierte (und jede Niederlage eines russischen Teams, vor allem in Eishockey bejubelte) und wichtiger noch, von der KPdSU Verfolgte umso mehr zu schätzen lernte. Mein Bild von den Russinnen und Russen prägten dann auch ihre Belesenheit, ihr Sarkasmus und eine surreale Lebenskunst, die auch spätere Rückschläge wie den Einfall eines Zigarre rauchenden, von Models umschwirrten Oligarchen in eine Kudamm-Boutique oder die Besetzung einer Hotelbar durch stiernackige Säufer oder die hemmungslose Prügelorgie gegen eine Homosexuellen-Parade in Sankt Petersburg überdauerte. Dagegen stand der alte Mann, der im August 1968 neben mir an einer roten Ampel ein langes Heine-Gedicht in Deutsch rezitierte.

Einen Ausweg aus der „abendländischen“ Abwehr des Sowjetkommunismus bei der Väter-Generation bot ironischerweise dessen radikalere Version. Wer MarxEngelsLeninStalin mit Maozedong noch links überholen wollte, wurde in der Kulturrevolution zwar rasch eines Besseren belehrt. Doch blieb vom Salonmaoismus eine unbestechliche Kritik des Totalitären und Imperialen und damit – bei aller Verirrung in unterwürfige K-Gruppen – eine nüchterne Bewertung der Friedensbewegungen, die seit den 1950ern einäugig die US-amerikanische Politik anklagten und in den 1980ern die Pershing als größere Gefahr wahrnahmen als die auf Europa gerichteten SS 20-Raketen. 7 Dieses, mein intellektuell-publizistisches Milieu hatte ein besseres Sensorium für die „Dissidenten“, die osteuropäischen Zivilgesellschaften und deren Demokratiebewegungen. Und mancher bewertete (bei André Glucksmann bis hin zum politischen Lagerwechsel) die Parole des „Wandels durch Annäherung“ mit wachsender Skepsis und ließ sich durch allseitige Reinwaschungen Wladimir Putins nicht verwirren.

Man scheute auch nicht davor zurück, den zunehmend faschistischen Charakter seines Regimes so zu benennen 8 und „Nadelstiche“ (vom Kaukasus bis in die Ukraine) auch als Mittel der Spaltung der westlichen Bündnisse zu bewerten. Putins Erfolge bei allen rechtsradikalen Parteien von Budapest über Berlin bis Washington waren ja nicht zu übersehen. Was seit allerspätestens 2008, dem Überfall auf Georgien, in Freundschaft zu Putin geschah, kann nur noch als geistige oder auch handfest monetäre Kollaboration mit einem Feind der Menschheit bewertet werden. Ich erinnre mich an eine lange Schlange von Putin-Verstehern auf der Leipziger Buchmesse, die sich von Gabriele Krone-Schmalz ihr Kapitulationsbuch signieren lassen wollten, mit demselben wissenden Lächeln, das auch den Pegida-Demonstranten, Klima- und Corona-Leugnern im Gesicht stehen sollte. Sehenden Auges wurde die Abhängigkeit von russischen Gas-, Kohle- und Erdölimporten in der Ära Merkel noch gesteigert, die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr herabgesetzt. Das Kreml-Regime als Evil Empire zu bezeichnen, war keine Dämonisierung, wie jetzt auch der letzte einsehen müsste. Meine Generation hatte sich von dem „Vietnam-Tribunal“ Bertrand Russells und Jean-Paul Sartres inspirieren lassen und spendete für den „Sieg im Volkskrieg“; ein analoges Putin-Tribunal haben wir nicht hinbekommen, den „Sieg im Volkskrieg“ wünschen wir nun der Ukraine, hilflos. Die Regierung in Washington, wo zum Glück nicht mehr Donald Trump das Sagen hat, vermeidet sorgfältig jede Forderung nach einem „Regime Change“ in Moskau. Dabei ist es unabdingbar, sich des nerohaften Wladimir Putin und seiner Paladine zu entledigen, sie vor ein internationales Strafgericht zu bringen und ihre Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit abzuurteilen.

Das Bild Emil Gallos aus Bratislava, der sein nacktes Leben gegen russische Panzer stellte, hat mich mein Erwachsenenleben begleitet und geleitet. Mir fehlt jede Genugtuung, irgendwie Recht behalten zu haben, vielmehr bedrückt mich, wie wenig unsereins verhindert hat. Am Ende von siebzig Jahren Russlanderfahrung steht nicht zuletzt die Einsicht, dass man Russen und Russinnen, darunter namentlich Kulturschaffende und Wissenschaftler, nicht mit dem Regime Wladimir Putins gleichsetzen darf. Man muss, so schwer das derzeit auch fällt, alle Verbindungen und Kooperationen aufrechterhalten, um nach Putins Fall den Aufbau der Demokratie zu unterstützen. 9

Bis dahin gilt der Solidaritätsappell der polnischen Nation: Für Eure und für unsere Freiheit! 10 Und das bedeutet: Unterstützung der kämpfenden Ukraine, Flüchtlingshilfe, Sanktions-Druck auf westliche Regierungen beim Import fossiler Energien, deren schnellstmögliche Substitution, Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union, Informationsoffensive in Russland, Vorbereitung des internationalen Kriegsverbrecherprozesses, Wiederherstellung unserer Verteidigungs- und Bündnisfähigkeiten.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Statement in: Vitaly Mansky, Putins Zeugen, 2018 (Arte-Mediathek)
  2. Daniel und Gabriel Cohn-Bendit, Linksradikalismus – Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus, Reinbek 1968
  3. https://afdkompakt.de/2021/12/13/alexander-gauland-zum-ukraine-russland-konflikt/
  4. Helke Sander, Barbara John: BeFreier und Befreite: Krieg, Vergewaltigungen, Kinder. Die Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 2005; allgemein Norman M. Naimark: The Russians in Germany: A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949. Cambridge/Mass. 1995
  5. Dazu das erst 2020 übersetzte Buch von David Rousset von 1946: Das KZ-Universum, Berlin 2020
  6. Trauriger Höhepunkt der Blog von Wolfgang Streck, Fog of war, https://newleftreview.org/sidecar/posts/fog-of-war 1.3. 2022
  7. André Gorz, Friedensbewegung – keine europäische Solidarität? Gespräch mit Claus Leggewie, in: Zeitung zum Frankfurter Friedenskongress, 17. – 20. 1982; André Glucksmann: Philosophie der Abschreckung. Frankfurt am Main / Berlin 1986
  8. Am deutlichsten Jurko Prochasko zum „Großraschismus“ auf einer von uns auf dem Berliner Bebelplatz veranstalteten Kundgebung: „Der Putinismus, der sich in diesen Tagen zur totalitären Diktatur entwickelt, gibt sich gern erratisch und vieldeutig, ist aber im Kern leicht auszumachen: chauvinistischer Imperialismus, völkischer Mystizismus, messianischer Größenwahn, eschatologischer Revanchismus, apokalyptischer und militaristischer menschen- und lebensverachtender Macht- und Führerkult, tiefste Verachtung für Recht und Freiheit und Selbstbestimmung.“ (FAZ 8. 3. 2022)
  9. Jürgen Kaube, Expressive Sanktionen, Frankfurter Allgemeine 9. 3. 2022
  10. https://www.youtube.com/watch?v=vI9wT4AxwQs

3 Kommentare

  1. Laubeiter sagt:

    Eine tour d’horizon der Russophobie mit einer Stippvisite beim Antiamerikanismus. Wenn Sie einen Appell Richters zu Pazifismus als transgenerationelle Weitergabe ansehen, so wirft das bei mir Fragen auf: (1) meinen Sie, Richter würde Ihrer Sicht zustimmen und sich als jemand beschrieben haben, der transgenerationell weitergab, oder meinen Sie, Richter sah in seinem Appell etwas rationales, universales, erfahrungsunabhängiges? (2) wenn Richters Appell eine transgenerationelle Weitergabe gewesen ist, erhält der Appell damit eine Begrenzung seiner Gültigkeit, seines Anspruches? und (3) wenn Ihnen Richters Appell in individueller Erfahrung und in Generationsdenken begründet erscheint, wie sehen Sie Ihr eigenes Urteil? Ist es durch Ihre Erfahrung und Kohorten- oder Generationszugehörigkeit geprägt?

    1. Claus Leggewie sagt:

      Dass meine Tour d’horizon wie in dieser Kurzformel als russophob aufgefasst würde, war zu erwarten. Sie ist es erkennbar nicht. Dennoch dankee für die Fragen:
      Als transgenerationelle Weitergabe kann man zunächst wenig begriffsstreng die Weitergabe der Topoi einer älteren auf nachfolgende Kohorten ansehen. Horst-Eberhard Richter hat sein erfahrungsgeprägtes Jugendtrauma sehr autoritativ und höchst erfolgreich auf die Jüngeren in der Friedensbewegung übertragen. Sie haben nicht die realimperialistische Politik der Sowjetunion als ihre Lebenserfahrung angesehen, sondern sich retroaktiv und überidentifiziert auf Schuldgefühle der Väter und Großväter berufen. Richter hat seine Generations-Erfahrung zum „rationalen, universalen, erfahrungsunabhängigen“ „Meme“ verdichtet: nie wieder Krieg!
      Strenger genommen ist eine „Gefühlserbschaft“ durch eher individuelle Momente bedingt, wie wohl jeder in seiner Familie erlebt hat – von unbewussten Aufträgen, die ein Leben lang abzuarbeiten waren, bis zum bewussten „Vatermord“, der solcherlei Aufträge ruppig von sich weist. Ich wollte die Begrenztheit des kollektiven Anspruches auf Nachfolge erläutern, die im gerade gängigen Terminus „Zeitenwende“ zum Ausdruck kommt. Dabei ist natürlich auch mein Bericht von individueller Erfahrung (aber Anti-Generationsdenken) begründet und mein Urteil dementsprechend parochial und irgendwann revisionsbedürftig.

  2. Laubeiter sagt:

    Auch ich bedanke mich für Ihre Präzisierung und die Antworten auf meine Fragen, die mich entlang Ihres Artikels und auch sonst beschäftigen. Hatten meine Großväter Schuldgefühle, auf die ich mich bewusst oder unbewusst hätte berufen können? Ich denke, sie waren beide russophob. Ich mochte Richter nicht, weil er versuchte, mir zu sagen, dass ich Distanz zur Nato empfinden sollte, so wie er sie empfand, Nähe zur Nato verurteilte er als unmoralisch. Kopelew dagegen habe ich zugehört und mich von dem, was er sagte, bewegen lassen. Mit am meisten beeinflusst in meiner Einstellung zu Russland hat mich das Kapitel von Henryk Grynberg in seinem Drohobycz-Buch über Lev Landau. Aus ihm leitete ich ab, dass Nato und Warschauer Pakt aus Angst voreinander Atomwaffen vorhielten. Ob ich damit richtig lag? Den Warschauer Pakt gibt es nicht mehr, und das Vorhalten von Atomwaffen scheint mir heute weniger aus Angst vor den Nachbarn begründet als Zementierung einer Weltordnung, die ungerecht ist.

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