Lange wurde über die “Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems” debattiert – jetzt sind Entscheidungen fällig
Das “wissenschaftliche Publikationswesen” mag nach einer von vielen Treppenstufen im akademischen Elfenbeinturm klingen. Doch dieses System reicht weit über die Wissenschaft hinaus. Im Umfeld des wissenschaftlichen Publikationswesens hat sich eine inzwischen weitgehend KI-gestützte Betrugsindustrie etabliert, deren Umsätze in die Hunderte von Millionen Dollar pro Jahr gehen. 1 In einer ihrer ersten „Executive Orders“ nimmt die zweite Trump Administration auf die sogenannte Replikationskrise im wissenschaftlichen Publikationssystem Bezug, um politische Eingriffe in bestimmte Forschungsfelder zu legitimieren. 2 Währenddessen extrahieren wenige international agierende Konzerne mit den legalen Bestandteilen dieses öffentlich finanzierten Systems astronomische Summen. Diese Milliarden wurden zum einen in datengetriebene Überwachungstechnologien investiert, die inzwischen z.B. über den Weiterverkauf von Daten an staatliche Stellen wie ICE in den USA monetarisiert werden. 3 Gleichzeitig schufen Gewinnmargen von über 40 Prozent enorme finanzielle Spielräume für die C-Suite der Konzerne. Ohne üppige Bibliotheks-Zahlungen an Pergamon Press wäre die Tochter von Verlags-Magnat Robert Maxwell, 4 Ghislaine Maxwell, wahrscheinlich nie in die Kreise um Jeffrey Epstein geraten. In den über 30 Jahren, in denen Academia die “Krise des wissenschaftlichen Publikationswesens” diskutiert hat, haben die öffentlichen Mittel, die in dieses krisengeschüttelte, globale Publikationswesen geflossen sind, also nicht nur sexuellen Missbrauch und Betrug im grossen Stil indirekt mitfinanziert, sondern trugen mittelbar auch zu Frontalangriffen auf Demokratie, Menschenrechte und die Wissenschaft selbst mit bei. In ihrem jüngsten Beitrag im Merkur fragt Petra Gehring zurecht: “Wer aber hat dies – und wann – im Wissenschaftssystem verstanden?” 5
An Lösungsansätzen hat es in der Vergangenheit nicht gemangelt. Gleichwohl lässt sich den Beiträgen sowohl von Petra Gehring, als auch in der Replik von Diethard Tautz präzise entnehmen, woran viele dieser Ansätze letztlich gescheitert sind. 6 Inzwischen liegen neue Vorschläge vor, die versuchen, die Krise grundsätzlicher anzugehen. Frau Gehring greift dabei nicht nur den jüngsten Vorschlag der Leopoldina auf, zu dem Herr Tautz seine Replik formuliert hat, sondern verweist auch auf unseren Ansatz, wissenschaftliche Journale durch dezentrale Infrastrukturen zu ersetzen, auf den sich die vorliegende Stellungnahme bezieht. 7
Replikationskrise, Beschaffungskrise, Funktionalitätskrise, KI Slop – die Liste der Teilkrisen des wissenschaftlichen Publikationswesens ist lang, gut dokumentiert und in ihren Folgen detailliert beschrieben. Zunehmend setzt sich die Einsicht durch, dass viele der gut gemeinten Reformversuche der vergangenen Jahrzehnte eher als Verschlimmbesserungen zu bewerten sind. Die lange marginalisierte infrastrukturelle Ebene – jene Stufe im Elfenbeinturm – wirkt inzwischen nicht mehr wie ein akademischer Treppenwitz. Sie droht vielmehr, die Tragfähigkeit des gesamten Systems zu unterminieren. Auf dieser Diagnose beruht unser Vorschlag, das historisch gewachsene, von Konzernen parasitierte Publikationswesen durch eine zeitgemäße wissenschaftliche Kommunikationsinfrastruktur zu ersetzen.
Gerade weil zumindest die Fachleute die Ursachen der Krise inzwischen vergleichsweise gut verstanden haben, weist der Vorschlag der Leopoldina in zentralen Punkten erhebliche Parallelen zu unserem Ansatz auf, auch wenn sich beide in anderen Aspekten unterscheiden. Petra Gehring hat diese Gemeinsamkeiten präzise herausgearbeitet, wenn sie auf die geteilte Diagnose der strukturellen Probleme hinweist. Beide Konzepte betonen die Notwendigkeit, die Finanzierung der wissenschaftlichen Kommunikationsinfrastruktur über haushaltsbasierte, kompetitiv ausgeschriebene Verfahren zu gestalten – so, wie es in allen anderen Bereichen öffentlicher Infrastruktur längst üblich ist. Beide heben Resilienz gegenüber politischen Eingriffen und Naturkatastrophen als leitendes Gestaltungsprinzip hervor. Und beide zielen darauf, die Governance des Publikationswesens wieder in die Hände der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu legen. Diese drei Eckpfeiler würden zusammen auch erlauben, der systematischen Datenextraktion wirksam einen Riegel vorzuschieben.
Die von Herrn Tautz erwähnte, von der Europäischen Union unterstützte Lösung entspricht diesen Leitlinien in bemerkenswerter Weise. Open Research Europe (ORE) wurde kompetitiv ausgeschrieben, wird inzwischen dezentral finanziert und soll auch technisch weiter dezentralisiert werden, nicht zuletzt aus Gründen der Resilienz. Die Governance soll zukünftig auch bei den wissenschaftlichen Institutionen angesiedelt werden. 8 ORE hat damit bereits wesentliche Schritte auf dem Weg vollzogen, der auch von der Leopoldina und weiteren internationalen Expert*innengremien skizziert wurde. In den grundlegenden finanziellen und technischen Fragen lässt sich insofern ein breiter Konsens erkennen, der sich auch in den Beschlüssen der Wissenschaftsminister*innen im Rat der EU widerspiegelt. 9
Unterschiede zwischen den Ansätzen zeigen sich vor allem jenseits dieser finanziell-technischen Dimension, insbesondere in der Frage nach der Rolle von Zeitschriften als Grundlage wissenschaftlicher Gemeinschaften. Hier liegt auch der Kern von Gehrings berechtigter Skepsis gegenüber allzu universalistischen Lösungsansätzen. Diese Rolle von Zeitschriften wird nicht nur zwischen den Vorschlägen unterschiedlich bewertet, sondern variiert erheblich zwischen den Disziplinen. In der Mathematik werden die zentralen Journale häufig von führenden Mathematiker*innen selbst herausgegeben und prägen so maßgeblich die Entwicklung ihrer Fachgebiete. In der Biomedizin hingegen liegt die redaktionelle Kontrolle der wichtigsten Zeitschriften vielfach bei professionellen Editor*innen, die früh aus der aktiven Forschung ausgeschieden sind (in der Wissenschaft nicht selten polemisch als „failed scientists“ bezeichnet), was diesen ökonomisch dominanten Bereich in erheblichem Maße konzerngetrieben fremdsteuert. In vielen Fächern der Physik existieren Journale fast nur noch als formale Referenzrahmen, für Journalnamen in den Lebensläufen – gearbeitet wird jedoch ausschließlich auf dem Preprint-Server arXiv. Hier würden die meisten ein Verschwinden der Journale vermutlich erst bemerken, wenn sie dort nicht mehr einreichen könnten. Andere Fächer wiederum definieren ihre Gemeinschaft primär über Konferenzen und deren Proceedings oder über eine einzelne zentrale Zeitschrift. In den Geisteswissenschaften schließlich – worauf Frau Gehring zu Recht hinweist – kommt dem redaktionellen Engagement eine noch größere Bedeutung zu, und Buchpublikationen spielen weiterhin eine gewichtige Rolle. Frau Gehring betont hierbei, dass Publizieren oft kein bloßer Distributionskanal für bereits abgeschlossene Forschung ist. In vielen Disziplinen ist der Forschungsprozess selbst textuell, kollaborativ und diskursiv organisiert. Infrastruktur ist hier nicht Rahmenbedingung, sondern Teil der epistemischen Praxis.
Genau dieser Punkt: dass die Grenze zwischen Infrastruktur und Forschung zu verschwimmen beginnt, wird im digitalen Zeitalter für alle Disziplinen zentral und ist bei künftigen Entwicklungen immer zu beachten. Die ausgeprägte Heterogenität der Landschaft macht allerdings deutlich, dass ein einheitliches Organisationsmodell dem wissenschaftlichen Publikationswesen nicht gerecht werden kann. Herr Tautz betont zutreffend, dass gerade eine wissenschaftsgeleitete Infrastruktur den einzelnen Gemeinschaften ermöglicht, ihre etablierten Arbeitsweisen fortzuführen und zugleich strukturelle Probleme zu adressieren. Die Unterschiede zwischen den Disziplinen lassen sich dabei durchaus als soziale Unterschiede verstehen, insofern unterschiedliche wissenschaftliche Sozietäten jeweils eigene Regeln und Praktiken entwickeln. Moderne soziale Technologien, die außerhalb der Wissenschaft seit über anderthalb Jahrzehnten erprobt sind, bieten hierfür bislang kaum ausgeschöpfte Potenziale. Initiativen wie die „Humanities Commons“ und die dazugehörige Mastodon-Instanz hcommons.social zeigen, dass gerade die Geisteswissenschaften hier innovative Wege beschreiten. 10
Vor diesem Hintergrund erscheint es naheliegend, den von der EU mit ORE eingeschlagenen Weg, der die weithin als grundlegend identifizierten finanziell-technischen Aspekte der Krise adressiert, breiter aus der Wissenschaft heraus zu unterstützen. Eine solche breite Unterstützung würde über die Governance sicherstellen, dass keine Disziplin strukturell bevorzugt wird, und zugleich die konsequente Weiterentwicklung einer resilienten, dezentralen Infrastruktur einfordern. Diese Infrastruktur würde es kleineren wie größeren Institutionen ermöglichen, eigenständig oder kooperativ Instanzen zu betreiben. Zugleich ließe sich sicherstellen, dass die nutzerseitigen Komponenten ausreichend flexibel gestaltet sind, um den unterschiedlichen Bedürfnissen wissenschaftlicher Gemeinschaften gerecht zu werden.
Vieles an den wissenschaftlichen Zeitschriften aus dem 17. Jahrhundert mag heutzutage aus der Zeit gefallen oder sogar klar kontraproduktiv geworden sein. Gleichwohl führen manche Fachgemeinschaften überzeugende Gründe an, bestimmte funktionale Elemente nicht vorschnell aufzugeben. Eine moderne Infrastruktur erleichtert es, solche produktiven Aspekte zu bewahren und zugleich in problematischen Bereichen substanzielle Verbesserungen zu erzielen.
Zwar wird in vielen Disziplinen bereits heute eine erhebliche Begutachtungsbelastung beklagt; gleichwohl mag es Fachgemeinschaften geben, für die begutachtete “Zeitschriften”, wie es sich die Arbeitsgruppe der Leopoldina vorstellt, essentiell sein können. Dafür ließen sich solche Prozesse natürlich problemlos in einer modernen Infrastruktur abbilden. Richtig umgesetzt, könnten so begutachtungsbasierte Vorgänge gerade in kompetitiven Feldern wie der Biomedizin eventuell sogar zu einem wirksamen Instrument gegen die Replikationskrise werden, vielleicht z.B. durch die Etablierung von Prozessen zur Kuratierung und redaktionellen Bearbeitung von Artikeln nach Gesichtspunkten der Reproduzierbarkeit. Unser Vorschlag steht solchen Experimenten nicht entgegen, sondern bietet im Gegenteil einen geeigneten Rahmen dafür. Eine Infrastruktur muss nicht unbedingt nur Trägersystem bleiben, sondern kann auch Mitgestalter wissenschaftlicher Praxis werden.
Eine Infrastruktur für alle Wissenschaften bedeutet also nicht, alles über einen Kamm zu scheren. Sie bedeutet vielmehr, gemeinsame Probleme kooperativ anzugehen und Türen in die Wände zwischen den Disziplinen zu bauen, ohne dabei die Vielfalt zu vernachlässigen. Oder, um es ökonomisch zu formulieren: Die Differenz zwischen den tatsächlichen Publikationskosten für einen durchschnittlichen wissenschaftlichen Artikel und den Preisen, die die ehemaligen Verlage, die sich zunehmend zu Überwachungskonzernen gewandelt haben, verlangen, wird auf 80–90 Prozent geschätzt. 11 Würden die Vorschläge der Leopoldina oder unser Ansatz weltweit umgesetzt, lägen die Einsparungen nach konservativen Schätzungen in einer Größenordnung von etwa 8–9 Milliarden Dollar oder Euro jährlich – zusätzlich zu den darin schon eingepreisten laufenden Publikationskosten. Bereits ein kleiner Bruchteil dieser Summen würde erhebliche Spielräume für Innovationen in der Wissenschaftskommunikation eröffnen.
Zu Petra Gehrings These eines „Offenheits-Missverständnisses“ ist hier ausführlicher Stellung zu nehmen, denn sie berührt einen zentralen Punkt der gegenwärtigen Debatte. In den Naturwissenschaften war die Literatur bis Anfang der 2010er Jahre in der Tat vielfach ‚geschlossen‘ (Gehring): die Preise der Journale in den Naturwissenschaften waren über mehrere Jahrzehnte derart rasant gestiegen, dass noch nicht einmal die ständigen Kürzungen der Etats zur geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung viele Abonnements auf Seite der Naturwissenschaften retten konnten. In dieser Zeit war eine Literaturrecherche mehr eine mühselige Glückssache als ein methodisches, systematisches Vorgehen.
Erst mit der zunehmenden Erosion der Bezahlschranken vor nun fast 15 Jahren verlor das klassische Abonnementmodell an Bedeutung – und damit wurde der „Brandbeschleuniger“ (Gehring) DEAL erst möglich. Nur weil vielen Wissenschaftsbereichen nun die gesamte Literatur endlich zugänglich geworden war, konnten Konsortien wie DEAL nicht nur in Deutschland die Verträge kündigen und damit Verhandlungsmacht entwickeln. Es ist sicherlich kein Zufall, dass exakt zu diesem Zeitpunkt, nahezu synchron, nicht nur DEAL entstand, sondern auch die Verlage begannen, in die lukrative Überwachungstechnologie zu investieren.
Seitdem bedeutet „Open Science“ in den experimentellen Wissenschaften vor allem den offenen Zugang zum gesamten Forschungsprozess: zu Methoden und Protokollen, mit denen die Experimente durchgeführt wurden; zur Software, mit der die experimentellen Parameter gesteuert und die gemessenen Daten abgespeichert werden; zum Code, der aus den Daten Abbildungen erstellt, aus denen durch Auswertung Ergebnisse werden. All das muss offen zugänglich sein (und konnte es in der vor-Internet Zeit einfach nicht sein), um nachvollziehen zu können, wie die Ergebnisse zustande gekommen sind. Wenn darüber hinaus auch „wissensversessene Nerds“ (Gehring) diese Ressourcen nutzen, ist das eine begrüßenswerte, aber nicht zwingende Konsequenz. Vor diesem Hintergrund stellt eine Bezahlschranke für den zusammenfassenden Artikel heute kein zentrales Hindernis mehr dar. Gerade für die systematische Dokumentation von Daten, Methoden, Software und Code ist eine moderne, dezentrale Infrastruktur von zentraler Bedeutung, da sie diese Prozesse automatisieren und damit wertvolle menschliche Ressourcen freisetzen kann.
Insofern ist diese Offenheit inzwischen zu einer Leitformel moderner Wissenschaft geworden. Doch zugänglich zu sein bedeutet noch nicht, gemeinschaftlich organisiert und handlungsfähig zu sein. Zwischen „Open“ und einer wissenschaftlichen Allmende besteht ein Unterschied: Offenheit beschreibt eine Eigenschaft von Inhalten, eine Allmende – oder moderner gesprochen: ein Commons – dagegen ein institutionelles Verhältnis; eine Ressource, die von einer Gemeinschaft getragen und verantwortet wird. Open Science kann daher die Voraussetzung einer solchen Allmende sein, ersetzt sie aber nicht. Erst wenn wissenschaftliche Gemeinschaften die Infrastruktur, in der geforscht und publiziert wird, auch selbst gestalten, wird aus Offenheit kollektive Selbstorganisation. Insofern lässt sich der mit ORE eingeschlagene Weg als ein Schritt in Richtung Allmende lesen. Ihr Kern ist nicht das bloße Zugriffsrecht, sondern die kollektive Verantwortung für Pflege, Weiterentwicklung und Regelsetzung.
Die konzeptionelle Trennung zwischen finanziell-technischen und sozialen Elementen des wissenschaftlichen Publikationswesens ist nicht nur analytisch naheliegend, sondern auch praktisch notwendig, um zu verhindern, dass Letztere durch Erstere dominiert werden – ein Problem, das die heutigen Verlagssysteme in aller Deutlichkeit vor Augen führen. Wissenschaftliche Gemeinschaften wären kaum je freier von ökonomischen Zwängen als innerhalb einer Infrastruktur, die explizit darauf ausgelegt ist, wissenschaftliche Kommunikation kontinuierlich und experimentell weiterzuentwickeln – in einer Allmende.
Frau Gehrings Beitrag enthält viele wichtige und richtige Einsichten. Und auch ihr Verdacht, dass „der Datenhunger des Wissenschaftssystems selbst und keineswegs nur die »corporate publisher« … zu den Ursachen der Publikationskrise zählen“ könnte, wird in den Jahren seit unserer Veröffentlichung zunehmend schwerer von der Hand zu weisen. Auf Basis eigener Erfahrungen, zahlreicher Berichte aus der Wissenschaftspraxis sowie durch Analogieschlüsse aus dem Verhalten leitender Akteur*innen außerhalb der Wissenschaft stellt sich mittlerweile unweigerlich die Frage, inwieweit sich nicht auch Hochschulleitungen und politische Verwaltungsebenen zu Vasallen und Steigbügelhaltern globaler Überwachungskonzerne machen. Die wachsenden Beharrungskräfte 12 – selbst angesichts immer unverhohlenerer Verletzungen grundlegender Rechte – sowie Entscheidungen von Leitungen entgegen den ausdrücklichen Empfehlungen der zuständigen Gremien, lassen sich durchaus als Indizien auffassen, dass es auch jenseits der Konzerne, innerhalb der Wissenschaft, mächtige Akteur*innen gibt, deren Prioritätensetzungen nicht primär auf Forschung und Lehre ausgerichtet zu sein scheinen.
Fazit: Von der Debatte zur Entscheidung
Drei Jahrzehnte wurde die Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems analysiert, beschrieben und diskutiert. Die Alternativen sind bekannt, erste praktische Umsetzungen – von ORE bis PCI 13 – zeigen, dass Veränderung möglich ist. In den zentralen finanziell-technischen Fragen herrscht mittlerweile ein bemerkenswerter Konsens.
Was noch fehlt, ist nicht Wissen, sondern Wille. Solange Academia weiter debattiert, erstarren die Strukturen, die sie eigentlich überwinden will. Mit jedem Jahr wächst die Abhängigkeit von kontraproduktiven Plattformen, deren Geschäftsmodelle zudem kaum den Grundwerten von Wissenschaft, demokratischer Selbstbestimmung und auch der Sicherheit von Forschung und Forschenden entsprechen.
Die hier diskutierten Ansätze – bei allen Unterschieden im Detail – zeigen einen Weg in Richtung Allmende, einem “Scholarly Commons”: eine Infrastruktur, die Offenheit nicht nur zulässt, sondern institutionell verankert; in der wissenschaftliche Gemeinschaften ihre Kommunikationsräume selbst gestalten, statt sie bloß zu nutzen. 14 Es geht nicht nur um Einsparungen oder Effizienz, sondern um die Souveränität der Wissenschaft über ihre eigenen Praktiken und Ressourcen.
Die Diagnose liegt vor, die Instrumente ebenso. Die Frage ist nicht mehr, ob das System überwunden werden muss, sondern wann die wissenschaftliche Gemeinschaft bereit ist, die notwendigen Schritte zu gehen. Die Debatte war wichtig – Entscheidungen sind jetzt fällig.
Dieser Text ist unter den deutschsprachigen Autoren des “Replacing”-Artikels inhaltlich abgesprochen.
FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN
- https://www.nature.com/articles/d41586-025-01824-3 ↑
- https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/05/restoring-gold-standard-science/ ↑
- https://theintercept.com/2021/04/02/ice-database-surveillance-lexisnexis/ https://theintercept.com/2022/06/09/ice-lexisnexis-mass-surveillances/ ↑
- https://www.theguardian.com/commentisfree/2011/aug/29/academic-publishers-murdoch-socialist https://www.monbiot.com/2018/09/17/honourable-theft/ https://www.snopes.com/news/2025/11/26/robert-maxwell-scientific-research-paywall/ ↑
- https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/shining-diamond-a-mr-80-1-20/ ↑
- https://www.merkur-zeitschrift.de/2026/01/30/diamond-ist-die-antwort-die-gegenwaertige-krise-des-wissenschaftlichen-publikationssystems-kann-ueberwunden-werden/ ↑
- https://royalsocietypublishing.org/rsos/article/10/7/230206/92011/Replacing-academic-journalsReplacing-academic https://verfassungsblog.de/rechnungshof-statt-redaktionsschluss/ ↑
- https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/3603e219-6a65-11ef-a8ba-01aa75ed71a1/language-en ↑
- https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2023/05/23/council-calls-for-transparent-equitable-and-open-access-to-scholarly-publications/ ↑
- https://hcommons.org/ ↑
- https://f1000research.com/articles/10-20/v2 ↑
- s. dazu auch Forschung & Lehre 10|25: Mit Luft nach oben Digitalisierung im Forschungssektor schreitet voran. “Ansätze zur Entwicklung einer neuen Reputationsökonomie im Hochschul- und Wissenschaftssektor, bei denen die Überbetonung quantitativer Indikatoren wie dem H-Index bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen einem stärkeren Fokus auf Aspekte wie Qualität und Wirkungen weichen soll, wurden hingegen nur von 13,7 Prozent der Hochschulleitungen unterstützt. 51 Prozent der Hochschulleitungen betonten, dass sie entsprechende Bestrebungen „gar nicht“ unterstützen.” ↑
- https://peercommunityin.org ↑
- s.a. https://royalsocietypublishing.org/rsos/article/10/7/230207/91987/Mastodon-over-Mammon-towards-publicly-owned ↑
