Generation als Ersatzkonflikt. Zur Konjunktur eines Deutungsmusters in Zeiten gesellschaftlicher Transformation

Gesellschaftlicher Wandel wird seit einigen Jahren auffallend häufig in der Sprache der Generationen erzählt.[1] Ob Arbeitsmoral, Klimapolitik oder Geschlechterrollen – gesellschaftliche Konflikte erscheinen schnell als Differenzen zwischen „Boomern“, „Millennials“ oder der „Generation Z“. Die Älteren gelten als saturiert oder rückwärtsgewandt, die Jüngeren als progressiv, diversitätsoffen und politisch sensibel. Kaum ein Narrativ wirkt plausibler: Gesellschaft verändert sich, weil neue Generationen mit neuen Werten nachrücken. Die Konjunktur des Generationendiskurses verspricht Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Gegenwart. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass die Erzählung vom Generationenkonflikt empirisch fragil ist.

Mit dem Generationenbegriff wird schon lange hantiert. Vor gut 100 Jahren hat ihn für die Soziologie insbesondere Karl Mannheim geprägt. In seinem Essay Das Problem der Generationen (1928) beschreibt Mannheim Generationen nicht als bloße Alterskohorten, sondern als historisch geprägte Erfahrungsgemeinschaften. Menschen, die in ähnlichen historischen Situationen sozialisiert werden, teilen eine gemeinsame „Generationslagerung“ – also eine ähnliche Position im Erfahrungsraum gesellschaftlicher Umbrüche.

Entscheidend ist jedoch eine zweite Einsicht: Aus dieser Lagerung entstehen nicht automatisch einheitliche Weltbilder. Innerhalb einer Generation können unterschiedliche „Generationseinheiten“ entstehen – Gruppen, die dieselben historischen Ereignisse verschieden deuten und politisch unterschiedlich verarbeiten. Generationen sind also keine homogenen Altersblöcke, sondern potenzielle Träger konkurrierender Deutungsmuster.

Vor diesem Hintergrund wirkt der heutige Generationendiskurs bemerkenswert vereinfachend. Er unterstellt eine kulturelle Geschlossenheit der Generationen, die dem ursprünglichen soziologischen Konzept widerspricht. Während Unterschiede im Sprachgebrauch, Medienkonsum oder im Umgang mit Technik durchaus plausibel sind, lassen sich bei soziologisch zentralen Merkmalen empirisch keine bemerkenswerten Generationenunterschiede belegen. Die Forschung zeigt, dass sich in Europa weder tief verankerte Wertorientierungen noch sozio-politische Einstellungen klar generationsspezifisch unterscheiden lassen.[2]

Hinzu kommt eine weitere implizite Annahme vieler Generationserzählungen: dass gesellschaftlicher Wandel sich als linearer Progressivitätszuwachs über nachrückende Geburtskohorten vollzieht. Eine der einflussreichsten Formulierungen dieser Idee findet sich in der These der „Silent Revolution“.[3] Ronald Inglehart argumentierte, dass mit wachsendem Wohlstand postmaterielle Werte an Bedeutung gewinnen und jüngere Kohorten tendenziell liberalere und egalitärere Einstellungen vertreten. Für die Nachkriegsära ließ sich ein solcher kohortengetriebener Wertewandel empirisch beobachten. Heute jedoch zeigen Befunde zu politischen Einstellungen in Deutschland keinen klaren Progressivitätszuwachs über die Geburtskohorten hinweg – weder bei migrationspolitischen Einstellungen noch bei anderen soziokulturellen Fragen.[4]

Statt eines eindeutigen Generationentrends treten deutliche Unterschiede innerhalb derselben Alterskohorten hervor. Beispielsweise zeigt sich unter jüngeren Jahrgängen eine markante Kluft insbesondere entlang von Bildung und Geschlecht. Während junge Frauen in vielen Fragen zunehmend egalitäre Positionen vertreten, stellen sich junge Männer häufiger gegen weitere Gleichstellungsschritte für marginalisierte Gruppen. Forschung verweist hier unter anderem auf wahrgenommene Konkurrenz um Status und Chancen, etwa auf dem Arbeitsmarkt.[5]

Auch das Wahlverhalten spiegelt diese Fragmentierung wider: Bei der letzten Bundestagswahl wurde „die Linke“ mit rund 37 Prozent stärkste Kraft unter jungen Frauen (18–24), während unter jungen Männern die „AfD“ mit über 25 Prozent vorne lag. Die politischen Orientierungen innerhalb derselben Alterskohorte könnten kaum konträrer sein.

Diese Differenzen lassen sich auch kaum als eigene „Generationseinheiten“ im Sinne Mannheims verstehen. Geschlecht ist keine historisch kontingente Deutungsgemeinschaft, sondern eine zentrale soziale Strukturkategorie. Treffender wäre es daher, von einer Konfliktlinie innerhalb derselben Generationslagerung zu sprechen: Männer und Frauen derselben Alterskohorte teilen ähnliche historische Erfahrungskontexte, erleben und interpretieren diese jedoch zunehmend unterschiedlich. Die Erklärungskraft des Generationenbegriffs bleibt damit begrenzt.

Umso erklärungsbedürftiger ist es, warum das Deutungsmuster des Generationenkonflikts gegenwärtig eine solche Attraktivität entfaltet. Ein Grund liegt sicherlich im Identitätsangebot der Generation. In pluralisierten Gesellschaften mit fragmentierten Öffentlichkeiten bietet „Generation“ eine vergleichsweise einfache Form von Zugehörigkeit. Während frühere Kohorten noch stärker durch gemeinsame kulturelle Bezugspunkte geprägt waren, bewegen sich jüngere Jahrgänge heute in stark segmentierten Medienumgebungen. Hier fungiert der Generationsbegriff als symbolische Klammer, die auf niedrigschwellige Weise Identität und Zugehörigkeit stiften kann.

Hinzu kommt die Logik sozialer Medien. Plattformen belohnen klare Gruppenmarker und konfliktfähige Narrative. Begriffe wie „Boomer“ oder „Gen Z“ sind memefähig, emotionalisierbar und leicht transportierbar. Sie verdichten komplexe gesellschaftliche Unterschiede zu eingängigen Symbolfiguren und machen Generation damit zu einer besonders anschlussfähigen Deutung sozialer Konflikte.

Vor allem aber vereinfachen Generationenerzählungen strukturelle Konflikte, indem sie sie personalisieren. Probleme wie steigende Wohnkosten, Klimapolitik, Pflegenotstand oder Verteilungskonflikte im Rentensystem lassen sich leichter als Konflikt zwischen Altersgruppen erzählen. „Boomer“ versus „Zoomer“ sind so nicht länger demografische Kohorten, sondern der „alte weiße Mann“ oder die „Klimakleber“ sind Figuren gesellschaftlicher Schuldzuschreibungen.

So fungiert Generation zunehmend als semantische Ersatzkategorie. Sie bietet eine vergleichsweise harmlose, moralisch handhabbare Erzählung („Jung gegen Alt“) für Konflikte, die strukturell deutlich komplexer sind: Transformationsgewinner und -verlierer, unterschiedliche Geschlechterarrangements, divergierende Milieus und asymmetrische Krisenerfahrungen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass „Generation“ analytisch bedeutungslos wäre. Alterskohorten teilen durchaus bestimmte historische Erfahrungskontexte, etwa wirtschaftliche Krisen, politische Umbrüche oder kulturelle Trends. Eine generationale Einteilung muss aber theoretisch begründet sein und kann nicht ohne Weiteres länder- oder kontinentübergreifende Altersgruppen über einen Kamm scheren. Gemeinsame Generationserfahrungen erklären zudem nur selten allein, warum Menschen politisch unterschiedlich reagieren.

Man sollte die gegenwärtige Konjunktur des Generationendiskurses daher anders lesen: nicht als Hinweis auf eine reale Generationenspaltung, sondern als Ausdruck eines Orientierungsbedürfnisses in einer Phase beschleunigter gesellschaftlicher Transformation. Digitalisierung, Migration, geopolitische Krisen, Klimawandel und ökonomische Unsicherheiten überlagern sich. Solche Entwicklungen greifen tief in etablierte Lebensmodelle ein und verändern Erwartungen an Arbeit, Familie und soziale Sicherheit.

Indem Konflikte als Generationenfragen codiert werden, erscheinen sie als natürliche Abfolge historischer Zyklen statt als Ausdruck sozialer Ungleichheiten und kultureller Verunsicherung. Der Generationenbegriff erklärt dann weniger gesellschaftliche Konflikte, als dass er sie erzählbar macht. Darin liegt die Ironie des gegenwärtigen Generationenbooms: Ein Begriff, der ursprünglich dazu gedacht war, historische Differenzen innerhalb von Gesellschaften zu analysieren, dient heute dazu, ihre eigentlichen Konfliktlinien zu überdecken.

 

[1] Vgl. Daniel Goffart/Angelika Melcher, Boomer gegen Zoomer. Der neue Generationenkonflikt und wie wir uns besser verstehen können. Berlin Verlag 2024.

[2] Vgl. Armin Schäfer, Cultural Backlash? How (Not) to Explain the Rise of Authoritarian Populism. In: British Journal of Political Science, Nr. 52/4, September 2022, S. 1977–1993.

[3] Vgl. Ronald Inglehart, The Silent Revolution in Europe. Intergenerational Change in Post-Industrial Societies. In: American Political Science Review, Nr. 65/4, Dezember 1971, S. 991–1017.

[4] Vgl. Katja Schmidt, Eine migrationsfreundlichere Gesellschaft durch den Generationenwandel? Kohortenanalysen für Ost- und Westdeutschland. In: Soziale Welt, Nr. 73/4, 2022, S. 639–679. Vgl. Gefjon Off/Amy Alexander/Nicholas Charron, Is There a Gender Youth Gap in Far-Right Voting and Cultural Attitudes? In: European Journal of Politics and Gender, Februar 2025.

[5] Vgl. Gefjon Off/Nicholas Charron/Amy Alexander, Who perceives women’s rights as threatening to men and boys? Explaining modern sexism among young men in Europe. In: Frontiers in Political Science, Nr. 4, August 2022.