Keine Menschenseele? Beten, Hoffen und Entwaffnen nach Papst Leos KI-Enzyklika

Gut drei Monate sind seit der Veröffentlichung der Enzyklika Magnifica humanitas am Pfingstmontag 2026 vergangen. Der Text hat mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen als jede andere Enzyklika. Und dennoch stelle ich verblüfft fest, dass sich in der Zwischenzeit keine echte intellektuelle Auseinandersetzung mit den Thesen, Argumenten und Forderungen des Papstes ergeben hat. Von vielen Seiten wird gelobt, dass das Schreiben ein kritisches Gegengewicht zur KI-Industrie biete. Dass der Papst zugleich nicht einfach KI verteufle, wird ebenfalls größtenteils mit Wohlwollen aufgenommen.

Wenn man den Text nicht selbst lesen würde, könnte man angesichts dieser Rezeption meinen, es sei ein Text, der es allen recht zu machen versucht – und dabei wenig Neues bietet. Und in der Tat, Papst Leo liefert wenig Überraschendes in seiner Entfaltung der katholischen Soziallehre, die er als Hintergrund für den Umgang mit KI ausführlich referiert. Dass ein Papst hier kreative theologische Arbeit leistet, wie sie Theolog:innen als Teil ihrer Forschung betreiben, kann man auch schwerlich erwarten.

Den Text aber – wie Thomas Jansen das in einem Kommentar für die FAZ tut – als Binsenweisheit in Romanlänge abzutun, wird ihm aber keinesfalls gerecht. Das Entscheidende an der Analyse des Papstes ist nämlich nicht so sehr seine theologische Einordnung oder das von ihm vertretene christlich-humanistische Menschenbild. Revolutionär ist der Text vielmehr durch die Kenntnis und Weitsicht, mit welcher der Papst die KI-Entwicklung selbst unter die Lupe nimmt. Ich gehe davon aus, dass diese Enzyklika im Rückblick als einer der bedeutendsten Texte des 21. Jahrhunderts gelten wird, weil der Papst hier mit großer Klarheit die Herausforderungen erkennt, die auf Bildung, Arbeit, Politik und zwischenmenschliche Interaktion generell zukommen werden. Kein Wahlprogramm hat bisher auch nur im Ansatz diese Aspekte aufgegriffen, wie nah auch immer sie am Kern der jeweiligen Partei liegen mögen.

Dass nahezu durch die Bank verkannt wird, wie umfassend die Umwälzungen sind, die Papst Leo erwartet, liegt wohl an zweierlei. Zum einen ist natürlich nicht jeder geübt darin, die Kirchensprache zu decodieren, in welcher eine Enzyklika nun mal verfasst ist. Da steht sich der Vatikan auch in der Tat selbst im Weg. Zum anderen aber dürften die meisten Kommentator:innen ganz einfach – und es ist noch immer ungewohnt, einen solchen Satz zu schreiben – KI weniger gut verstanden haben als das katholische Kirchenoberhaupt. Das führt dazu, dass die meisten, die zur Einordnung der Enzyklika befragt wurden, entweder den theologischen Hintergrund nicht durchdringen können, oder aber – im Fall der aus kirchlichen Kreisen Stellung Beziehenden – ganz einfach von der Technologie zu wenig Ahnung haben, um Leos Referenzen zu verstehen. Natürlich kann man den Papst dafür kritisieren, dass er seine Befürchtungen nicht konkreter herausgearbeitet hat. Andererseits ist es auch eine ungewohnte Rolle für einen Papst, erst einmal technologischen Nachhilfeunterricht zu geben.  Im Resultat bleiben die vom Papst ins Auge gefassten Zukunftsszenarien somit für die meisten derer, die aus theologischer Perspektive auf den Text schauen, schlicht zu vage, als dass sie hätten realisieren können, wie radikal das Schreiben in dem, was es als ernsthafte Gefahren voraussetzt, eigentlich ist.

Wie nah der Papst mit seiner Enzyklika am Puls der Zeit war, zeigt sich etwa, wenn man auf seine Forderung nach „Entwaffnung“ von KI schaut und diese vor dem Hintergrund der zwischenzeitlichen Entwicklungen betrachtet. Die Theologin und Philosophin Anna Puzio, die Expertin für Transhumanismus ist, sah gerade in dieser Wahl der Metapher ein Problem – weil bisher niemand KI als Waffe betrachtet habe, der Papst damit also unnötig eine Machtzuschreibung vornehme. Dem möchte ich widersprechen. In meinen Augen hat der Papst aber gerade mit dieser sehr bewussten Wortwahl nahezu prophetische Qualität bewiesen. Dem Papst ging es wohlgemerkt nicht nur – wenn natürlich durchaus auch – um den Einsatz von KI für militärische Zwecke (ein Einsatzgebiet, bei dem es einen wirklich grausen muss, wenn man versteht, was hier möglich ist und woran gearbeitet wird). Er betont vielmehr auch, dass die technologische Entwicklung selbst und deren wirtschaftliche Nutzung nicht die Form eines Wettrüstens annehmen dürfe.

Was passieren kann, wenn dies doch der Fall ist, haben wir nur wenige Tage nach der Veröffentlichung des Textes erfahren müssen. Am 9. Juni veröffentlichte Anthropic das Modell Fable 5, eine etwas sicherere Variante des Modells Mythos, das bisher noch keiner breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestanden hatte. Drei Tage später nahm Anthropic es wieder vom Markt, weil die US-Regierung die Firma anwies, ausländischen Nutzer:innen den Zugang zu verweigern. (Um das zuverlässig zu gewährleisten, wurde das Modell selbst dann erstmal wieder komplett zurückgenommen.) Die Tragweite dieser Anweisung kann nur verstehen, wer zur Leistungsfähigkeit der neusten Sprachmodelle forscht oder deren Einsatz für komplexe Aufgaben in der Wirtschaft erprobt und in diesen drei Tagen erahnen konnte, wie enorm der Abstand von Fable 5 zu seinem Vorgänger Opus 4.8 ist. Wer sich aber bereits auf das neue Modell eingestellt hatte, konnte es nach dessen Zurücknahme kaum ertragen, wieder mit dem alten arbeiten zu müssen. Dass von großen Sprachmodellen immer noch ab und an abschätzig als „stochastische Papageien“ die Rede ist, muss einen reichlich wundern, wenn man sieht, mit welchem Eifer die USA beim G7-Gipfel umworben wurden, einigen „trusted partners“ doch Zugriff auf die neusten Modelle zu gewähren. KI ist nicht einfach nur eine potenzielle Waffe (was sie durchaus auch ist), sie ist vor allem ein schon jetzt heiß umkämpftes Gut.

Seit dem 1. Juli ist Fable 5 wieder verfügbar und so langsam hat sich herumgesprochen, was für ein Potenzial in einem solch fortschrittlichen Modell steckt. Das Spielfeld ist nun wieder recht ausgeglichen. Auf den ersten Blick zumindest. Für viele „Power User“ hat sich Sonntag, 12:30 Uhr zum wichtigsten Termin der Woche entwickelt. Dann nämlich werden die Nutzungsguthaben der Abonnenten zurückgesetzt und das Fable-5-Kontingent kann von Neuem aufgebraucht werden. Innerhalb von Sekunden jagen hunderte an Agenten los, um die gewünschten Aufgaben zu erfüllen. Bereits am Montagmorgen ist dann Arbeit erledigt, die mit rein menschlicher Anstrengung Wochen gedauert hätte. Und die besagten Nutzer:innen sitzen vor ihren PCs und müssen sich fragen, was sie mit dem Rest der Woche anfangen wollen: Warten auf den Reset am nächsten Wochenende, für weitere Aufgaben Hunderte an Euro in kürzester Zeit zu verbraten (denn die Nutzung von Fable 5 ist außerhalb des Abonnements ausgesprochen teuer) oder doch zur händischen Arbeit zurückkehren und sich damit die Zeit vertreiben?

Dass KI-Agenten so schnell ein Wirtschaftsfaktor werden könnten, haben viele Expert:innen nicht gedacht. Auch ich habe Anfang des Jahres noch prognostiziert, dass Agenten im Jahr 2026 noch auf spezialisierte Einsatzbereiche beschränkt sein dürften, etwa durch die Integration in Office-Anwendungen. Wie falsch ich damit lag! „Die KI“ kann jetzt am PC eigentlich alles, was auch die bestausgebildeten menschlichen Nutzer:innen damit bewerkstelligen können. Und zwar alles auf einmal. Entscheidend ist nur, wie viel Geld dafür zur Verfügung steht. Und wer es überhaupt ausgeben darf.

Die Fable-5-Episode liefert uns also einen ersten Einblick darin, wie essenziell der Zugang zu bestimmten KI-Technologien für Wirtschaftsstandorte in der Zukunft sein wird. Und ich sehe bisher keinen Lösungsansatz dafür, wie wir mit solchen Herausforderungen umgehen könnten. Forderungen, nun durch eigene nationale oder europäische Modelle Eigenständigkeit erzielen zu wollen, sind illusorisch. Außer China hat kein Land eine Chance, hier noch aufzuschließen, wir hinken bereits viel zu sehr hinterher und können nicht die Ressourcen bereitstellen, die notwendig wären, um hier kompetitiv zu werden. Nun werden große Sprachmodelle nicht die letzte KI-Entwicklung sein. Natürlich täten wir also gut daran, jetzt schon nach dem nächsten großen Wurf Ausschau zu halten, in der Hoffnung, dann einen Schritt voraus zu sein. Das ändert nichts daran, dass wir jetzt erstmal abgehängt sind. Was wird da den anderen Regierungen mittelfristig für eine Wahl bleiben, als zu versuchen, sich KI-Zugang durch andere Mittel, wie etwa Strafzölle, zu erzwingen?

Womit wir dann genau in der Art Wettstreit stünden, vor dem der Papst warnt. Letztlich läuft seine Forderung der Entwaffnung daher unausweichlich auf eine Vision hinaus, die momentan schier unerreichbar scheint: die KI-Entwicklung als Ganzes aus der Logik des Kapitalismus herauszuschälen. Was der Papst sagt, ist im Grunde folglich, dass KI nur dann zum Wohl der Menschheit eingesetzt werden kann, wenn diese Wege findet, die Entwicklung der KI als ein Projekt zu begreifen, das nicht einzelnen Firmen überlassen werden darf, sondern ein Menschheitsprojekt ist. Nur – wie sollte man ein solches umsetzen, wie die Strukturen dafür schaffen? Ein paar EU-Regulierungen mehr oder weniger werden es nicht reißen. Es ist daher sicherlich kein Zufall, dass der Papst seine Analyse mit einer Klage der gegenwärtigen Schwäche der UNO beschließt – eine Diagnose, die zweifelsfrei korrekt ist (die Ergebnislosigkeit des ersten UN-„Global Dialogue on AI Governance“ am 6.–7. Juli in Genf zeigt das einmal mehr), für die er aber wiederum auch keine Lösung parat hat. Außer (ja, das schließt tatsächlich direkt an): beten und hoffen.

Es beunruhigt mich, dass gerade der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit zu entgehen scheint, wie dystopisch die Vision des Papstes eigentlich ist. Wer nicht fromm genug ist, um sich aufs Beten und Hoffen verlassen zu wollen, müsste doch angesichts der mangelnden Alternativen recht verzweifelt sein. Die „beruhigende“ Wirkung, die Jansen primär von der Enzyklika ausgehen sieht, ist eben, wie er selbst etwas einschränkend anmerkt, vor allem eine innerkirchliche. Denn es kommt ja noch eines erschwerend hinzu: Was nämlich der Fall wäre, wenn der Papst in seiner Sicht des technisch Möglichen aus theologischen Gründen – die für einen katholischen Papst zwar nachvollziehbar, gesamtgesellschaftlich aber nicht unbedingt konsensfähig sind – zu pessimistisch wäre. Bemerkenswerterweise widmet sich Papst Leo recht detailliert auch der Frage, was KI nicht sei. Für sein Insistieren darauf, dass KI eben menschliche Fähigkeiten nur nachahme, mit beeindruckender Geschwindigkeit zwar, aber eben ohne Empfindungen zu haben, erntete er Lob von KI-Skeptiker:innen, während die Technologie-Branche zu Teilen anscheinend wirklich überrascht davon war, dass ein Papst eine Anthropologie vertritt, welche keinen Platz für eine beseelte Maschine aufweist. Völlig unter ging dabei aber, dass genau in dieser angenommenen Begrenztheit letztlich Papst Leos verbleibender Optimismus begründet ist. Wer diese Voraussetzung nicht teilt, dass KI für immer auf die Rolle des Werkzeuges beschränkt sein wird, für den müssen sich die Sorgen des Papstes eigentlich noch erdrückender aufdrängen.

Der Anthropic-Mitgründer Chris Olah, der bei der Vorstellung der Enzyklika ein eigenes Statement verlesen durfte, formulierte in seiner Ansprache drei Fragen, bei denen man auf die Hilfe des Vatikans angewiesen sei, da sie über die Kompetenzen der KI-Labore hinausgingen: Dass Olah erstens die Frage aufwirft, wie man dem Risiko der durch KI verstärkten Arbeitslosigkeit und Armut begegnen könnte, und dass er zweitens zur Reflexion dazu aufruft, wie KI die Entfaltung des Menschen unterstützen könnte, anstatt diese zu behindern, resoniert natürlich hervorragend mit der Enzyklika selbst. Die dritte Frage jedoch formuliert eigentlich einen leisen, aber bedeutsamen Widerspruch: Was, wenn KI sich doch als mehr herausstellen sollte als das, was der Papst darin sieht? Was, wenn die Hinweise auf Introspektion, die Olah anführt, sich erhärten ließen? Dann – das buchstabiert Olah nicht aus, ergibt sich aber sehr plausibel – könnte KI eben nicht dauerhaft nur als Werkzeug betrachtet werden, dann stiege es zum Akteur auf. Und dann bliebe wenig Hoffnung darauf, dass eine sich vermutlich ja dann doch nicht zu einer gemeinsam auf eine menschen- und umweltfreundliche KI konzentrierende Menschheit zumindest noch durch die inhärenten Grenzen der Technologie beschützt würde. Was dann?

An der Enzyklika ist also wahrlich wenig Beruhigendes. Ihr liegt eine Vision zugrunde, die so düster ist, dass man sehr stark an das Gute im Menschen glauben muss, um nicht zu verzweifeln. Oder man setzt darauf, dass der Papst eben doch recht hat, wenn er die Seele exklusiv dem Menschen vorbehält. So gesehen ist die Enzyklika eigentlich eine Einladung. Wer nicht verzagen will, sollte sich vielleicht doch nochmal überlegen, katholisch zu werden.