• Philister, Autodidakten, Parrhesiasten. Bildungsfiguren im Diskurs der Neuen Rechten

    Die Inszenierung des Bildungsbürgerlichen gehört zum guten Ton der Neuen Rechten. Ihre intellektuellen Galionsfiguren treten gern als aufrechte Kämpfer gegen das kulturelle Vergessen auf. Götz Kubitschek etwa lässt sich dafür feiern, »Homer im Original« gelesen zu haben.1 Der »Kosmos rechten Denkens«, von dem er in seinem Buch Provokation spricht, ist vor allem ein Kosmos aus Texten und Lektüren, die den Autor nach eigener Auskunft bei der »Suche nach dem rechten Maß« angeleitet haben (»Romane sogar noch besser als theoretische Schriften«). Ein von ihm mitherausgegebener Sammelband, der die »je prägenden Lektüren« wichtiger Figuren der Neuen Rechten präsentiert,2 wird als Beleg dafür reklamiert, »wie tief, breit und gründlich die Neue Rechte liest und denkt«.

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  • Fridays for Yesterday. Ein Kommentar zur politischen Ökologie

    Björn Höcke mag den Wald. Sein »Lieblingswald«, in dem er sich als Jünger’scher Waldgänger inszeniert und die kalte Distanz pflegt, ist nicht irgendein beliebiger Ort für Höcke und die Neue Rechte. Er und sie identifizieren damit Heimat, Distanz zur oder Schutz vor Zivilisation (oder zum Politikbetrieb), Ruhe und Stille. Diese hochaufgeladene Natur, die Höcke im Gespräch mit Melanie Amann immer wieder deutlich hervortreten lässt, hat natürlich eine politische Funktion: Der Bezug auf die »Natur« lässt umso mehr das für Höcke nicht mehr Heimat gebende Deutschland und die sich ständig wandelnde Zivilisation, in der es Schutzräume geben muss, hervortreten. Höcke beutet, zumindest geistig und politisch, also die Natur aus, indem er das Gewachsene, das organische Werden des Waldes, der Zivilisation entgegensetzt. (mehr …)

  • Universitätsutopien. Ein Experiment in angewandter Literaturwissenschaft

    Peter Szondi hat 1967 ein philologisches Gutachten zu Flugblättern der Kommune 1 und deren Interpretation durch den Staatsanwalt am zuständigen Landgericht vorgelegt. Die Kombination aus philologischer und gutachterlicher Tätigkeit Szondis steht unter der Prämisse, die Textsorten »Flugblatt« und »Anklageschrift« seien für eine Interpretation geeignet, weil das Flugblatt Tropen und Topoi versammelt, die dem philologischen Wissen zugänglich sind, und die Anklageschrift wiederum als Interpretation lesbar und damit kritisierbar ist. Für institutionelle Selbstbeschreibungen (oder ihre Störung) gilt grundsätzlich das gleiche, auch sie sind zuallererst sprachliche Phänomene und damit legitimerweise Gegenstand philologischer Deutungsbemühungen. Die folgenden Überlegungen versuchen, das Szondi’sche Verfahren exemplarisch auf die universitäre Textsorte »Hochschulentwicklungsplan« anzuwenden. Als konkretes Beispiel dient der Hochschulentwicklungsplan der Universität Duisburg-Essen; den institutionellen Kontext bilden die innerorganisationalen Reformen der letzten Jahre. (...)

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