• Fragebogen

    1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? 2. Warum? Stichworte genügen. 3.

    Wie oft muss eine bestimmte Hoffnung (zum Beispiel eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betreffende Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?

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  • Warten auf

    Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

    Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Kein Familienroman

    Der schönste Ort, an dem ich in den vergangenen Wochen war, ist die Obst- und Gemüsehalle des Berliner Großmarkts an der Beusselstraße in Moabit. Ein Ort seliger, uninszenierter Eindeutigkeit. Draußen dann wieder nichts als gleißendes Zwielicht. Es hat dann doch eine Beerdigung gegeben, für meinen Onkel, der, wir erinnern uns, in der letzten Kolumne 96-jährig verstorben war. Ich habe ihm auf einem Hamburger Friedhof eine Schaufel Erde auf die Urne werfen können, dafür eine wichtige Sitzung einer Literaturpreisjury verpasst und meine Juroren-Position geschwächt. Alles kostet etwas, nichts ist umsonst.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Männlichkeit 2019

    Ein Bettler schreitet durch die U-Bahn. Aufrecht. Er streckt die Hand aus. Er sagt etwas, ich verstehe es nicht, es ist mehr ein Grunzen. Er bettelt nicht, er fordert, herrisch, der Bettler ist ein Herr. Er fordert Respekt, für seine Männlichkeit. Ich sitze in der U-Bahn, Männlichkeit schreitet an mir vorüber, eine Performance, die offenbar sich selbst genügt, denn sie bringt dem Performer nichts ein – außer der Gewissheit, dieses Eine verlässlich verweigert zu bekommen, Respekt, so dass er ihn in alle Ewigkeit weiter einfordern kann, mit ausgestreckter Hand und regelmäßigem herrischen Grunzen.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Im Badambaum

    Was die Klimakatastrophe angeht (nur um einen der wild herumflatternden Fäden der letzten Kolumne wieder aufzunehmen): Wenn man das Melodramatische hasst, aber die Welt so dramatisch wird, dass man nicht mehr über sie schreiben kann, ohne dramatisch zu klingen und aus alter Gewohnheit den angemessen dramatischen Ton verächtlich für melodramatisch hält, muss man sich trotzdem abfinden mit dem Drama. Auch mit der Angst. Es nützt nicht viel, vor Angst nicht zu schreien in einem Augenblick, in dem vor Angst zu schreien nötig ist, nur weil man das Schreien vor Angst einfach nicht so richtig elegant findet.

    So wichtig Eleganz auch ist. Und sie ist sehr wichtig.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Deutsches Wohnen

    Es gibt Großstadt als geistige Lebensform und Großstadt als Einkaufspassage. Man muss sich aber entscheiden, beides geht nicht. Es gibt keine richtige geistige Lebensform in der falschen Einkaufspassage. Ganz schwer wird es, wenn die Einkaufspassage ihr Gehäuse verlässt und überall hin vordringt, bis in den Schutzraum der Wohnung. Gute Idee für einen Horrorfilm im Grunde, The Blob II: Alexa.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Mein Wohnen in Berlin hat sich verändert, früher konnte ich am Wirtschaftsleben teilnehmen und abends nach Hause gehen und wohnen; in der Erlebnisökonomie konsumiere ich abends mein Wohnerlebnis, für das ich Erlebnisaufschlag bezahle. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich nur noch Wirtschaftsleben: kein Meter mehr, auf dem nicht Geld verdient werden muss, auf dem den Menschen kein Alkohol angeboten wird, kein Meter mehr, auf dem kein Alkohol konsumiert wird, die Konsumenten steigen aus riesigen Panzerwagen, an denen noch das Preisschild hängt, in weiten schwarzen Roben, an denen noch das Preisschild hängt, in riesigen weißen Turnschuhen, an denen noch das Preisschild hängt, mit nackten Knöcheln, an denen noch kein Preisschild hängt. Nachts will ich schlafen, muss aber zuhören, wie die Airbnb-Nachbarn ihr Berlin-Erlebnis feiern, für das sie schließlich bezahlt haben, und frühmorgens weckt mich der Nachbar aus der Gewerbeeinheit, der teuer ein Bio-Back-Erlebnis verkaufen muss, um die astronomische Gewerbemiete bezahlen zu können. Wohnen im Kapitalismus ist wie Krieg. In dieser Kolumne muss es um Perversität gehen, damit es nicht mehr nur um Absurdität geht, meine Freundin S. hat sich das gewünscht, und zur Unterscheidung ließe sich vielleicht versuchsweise sagen, dass Absurdität etwas ist, was eben da ist, wie Kaufhausmusik, während Perversität einen Vorgang der Pervertierung voraussetzt, eine pervertierende Kraft, die möglicherweise schuldhaft eingesetzt wird – jedenfalls solange wir uns das Unpervertierte als etwas denken, das Schutz verdient. Schon das schiefe Bild mit der Absurdität als Kaufhausmusik zeigt, wie schwierig es ist, etwas zu beschreiben, das einfach da ist, ohne da sein zu müssen, ohne dorthin gezwungen worden zu sein. Einfach da wie zum Beispiel was? Die Meereswelle? Die hat der Wind gemacht. Der Mond? Den hat ein Zusammenstoß gemacht. Die Kaufhausmusik? Die hat jemand eingeschaltet, der mich manipulieren will, mehr zu kaufen. Auch Absurdität ist nicht einfach da. Vielleicht ist sie eine Dissonanz aus einander überlagernden Kaufhausmusiken, die zu entwirren zu kompliziert wäre, so dass man der Einfachheit halber beschließt, sie schön zu finden, und anfängt, in ihren Klängen nach einem Trick zu suchen, die Kaufhäuser doch wenigstens über Nacht ein paar Stunden zu schließen oder sie sich wegzudenken. Aber man findet sich ab. Es kommt ja immer darauf an, ob man aufbegehrt oder sich abfindet. Womit sich Geld verdienen lässt, das muss getan werden, einer unerbittlichen Logik nach. Die unique selling proposition des Biobäckers bei mir im Erdgeschoss ist die Schaubäckerei: Man kann zuschauen, wie der Teig geknetet wird. Wenn man den Bäcker oder die Bäckerin schwitzen sieht, muss das Brot besonders authentisch sein. Die Bäckerinnen, die ich in Filialen dieser Biobäckerkette gesehen habe, in ihren Arbeitsweltterrarien, sahen nicht immer besonders glücklich aus, und ich weiß nicht, ob sie einen Aufschlag bekommen für den Peepshow-Exhibitionismus, den man ihnen aufzwingt. Aber das Peepshow-Erlebnis macht den Laden voll, und es gelingt den Biokunden offenbar, die Würdelosigkeit des Spektakels auszublenden.

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  • Kokosraspeln und zarte Milchcreme

    W as weg ist: die Wirklichkeit. Und die Sauftouristen vor meinem Fenster sind auch weg. Was da ist: Bilder. Unfassbar viele Bilder. Dabei sind die Sauftouristen vor meinem Fenster alle noch da. Ich glaube nur nicht mehr daran, dass sie da sind. Sie können nicht mehr wirklich da sein, weil die Mode, mit dem Billigflieger nach Berlin zu fliegen und dort Billigbier zu saufen, verboten gehört, wenn wir unser aller Leben retten wollen. Und weil die Billigflüge verboten gehören, sind sie es in meinen Augen schon, und ich sehe die Touristen nicht mehr, so tief ist mein Glaube an die Vernunft. Ich höre auch ihre Saufgesänge und Brunftschreie nicht mehr. In meinen Augen saufen sie schon wieder zuhause.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Es gibt eigentlich nur noch zwei Freizeitaktivitäten: Komasaufen und Komaknipsen. Ich möchte gern weiter über die Großstadt als geistige Lebensform schreiben, aber die Bilder schieben sich dazwischen. Ich kann nicht über sie hinwegsehen, es sind zu viele. Ich erinnere mich an ein Lustiges Taschenbuch aus den siebziger Jahren, vergangenes Jahrtausend, da gab es Bilder, die so böse waren, dass sie sogar die brave Micky Maus zwangen, böse Dinge zu tun, nur weil sie das Bild einer bösen Tat gesehen hatte. Ist das Bild böse, macht das Bild mich böse, oder habe ich den bösen Blick? Das ist immer die Frage. Die Bilder, die ich heute sehe, weichen ihr aus. Sie sind so lieb und kanten- und konturlos, dass sie sogar mich zwingen, Awwwwwwww zu machen. (Awwwwwwww sagt man, wenn man auf Twitter niedliche Ottervideos guckt.) Zur Lustigen-Taschenbuch-Zeit habe ich mit meiner ersten Kodak Instamatic quadratische Schwarzweißbilder geschossen, auf denen winzige Gestalten stocksteif vor Bäumen standen; sie waren winzig, weil mein Vater mich gewarnt hatte, ich dürfe ihnen nicht die Füße abschneiden, das sei das Geheimnis der Fotografie. Heute haben wir alle kleine Apparate in der Tasche, mit denen wir Filme in John-Ford-mäßiger Breitwandqualität drehen könnten, wenn wir Geschmack hätten, aber wir haben ja keinen und beharren trotzig darauf, keinen zu haben, und zwar mit Schmackes, das ist unser Kleinbürgerrecht. Deshalb Bokeh-Effekt hinter jedes Häschen, jedes Kätzchen, jeden Otter. Der Bokeh-Effekt, diese süße Unschärfe des Bildhintergrunds, ist das Raffaello der Fotografie, der leichte Kokosnussgenuss an der Supermarktkasse. Ich erinnere mich an eine Fernsehwerbung, da hat eine Deutsche auf einer Party in Hollywood ihre Gäste mit Raffaello-Konfekt verzaubert, und alle waren gekleidet wie deutsche Kleinbürger, die im Terrassencafé am Bodensee Großbürger spielen, die aber auch nicht mehr wissen, wie man sich kleidet. Heute kann jedes Telefon Bokeh, also Hollywood als deutsche Kleinbürgerfantasie. Jeder kann gnadenlos Raffaello-Kokosraspeln und zarte Milchcreme über alles rüberraspeln.

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  • Die Moschino-Merkel-Abaya von Britz

    Ich bin jetzt öfter in Berlin-Britz. Meine Wanderung ist immer zwei Kilometer lang, vom Bahnhof Hermannstraße nach Süden, jedes Mal an die Straßenecke, wo sich unlängst die berühmte Schießerei zwischen zwei arabischen Clans ereignet hat, aus der abgeleitet wurde, eine bestimmte deutsche Fernsehserie, die gerade beworben werden musste, sei sehr realistisch. Britz ist eine No-go-Zone, in der mir noch nie etwas Böses passiert ist, und nichts erinnert mich hier an eine Fernsehserie.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Das Grundgefühl im Viertel ist Erschöpfung, Erschöpfung durch Armut. Die ständige Anstrengung, es irgendwie schaffen zu müssen, ohne es jemals schaffen zu können, macht die Menschen müde und aggressiv zugleich. Außerdem ist Armut schlecht für die Haut. Manchmal nehme ich auch den Bus. Die Fahrt führt erst an einem Geschäft für »Wurst-Sonderposten« vorbei, dann am »Billig-Bestatter«, das hat eine gewisse Logik. Es gibt kaum eine Busfahrt ohne Zwischenfälle, Auseinandersetzungen am Rande der Schlägerei. Auch die Busfahrer sind erschöpft. Aber wir kommen jedes Mal an den Betriebshof Britz der Berliner Verkehrsbetriebe, und oft dürfen sie dort Feierabend machen. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Einmal begegnet mir auf der Straße eine Frau mit drei kleinen Kindern. Sie trägt ein Kopftuch und eine Abaya, das fußlange Kleid, das züchtig wirken soll. Die Abaya ist schwarz, aber anders als alle anderen, die ich bisher gesehen habe, ist sie beschriftet, mit großen weißen Lettern, von Kopf bis Fuß. Auf der Abaya steht YOU CAN DRESS ME UP, BUT YOU CAN’T TAKE ME OUT. Du kannst mich schön machen, aber du darfst nicht mit mir ausgehen. Das Statement, in diesem Zusammenhang, in all diesen einander überlagernden Zusammenhängen, kommt mir auf Anhieb unzüchtig vor, ohne dass ich genau sagen könnte, was diese Unzüchtigkeit ausmacht. Ich verpasse den Augenblick, die Frau zu fragen, was sie damit sagen will (und ob sie damit überhaupt etwas sagen will). Wir sind Großstadtbewohner, das heißt: Wir gehen aneinander vorbei. Die Online-Recherche ergibt, dass der Spruch selbstironisch von Frauen verwendet wird, die sich zu tollpatschig finden, als dass man sich mit ihnen sehen lassen könnte. Im Kontext mit der Debatte über die Behandlung von Frauen im Islam, in den diese Muslima auf der Straße ihn versetzt, wie schräg, verkantet oder unbewusst auch immer, taucht er sonst nicht auf. In Britz brechen Bedeutungsebenen über mir zusammen. Nicht jedes Rätsel ergibt einen Sinn.

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  • Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

    Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen. Ich wachse in einer Einfamilienhaussiedlung auf. Waldrand, Jägerzaun. Kochrezeptsammlung aus der Hausfrauenzeitschrift Ich und meine Familie , die in Meine Familie und ich umbenannt wird, weil eine deutsche Hausfrau an sich selbst zuletzt denkt. Siebziger Jahre, ein Hauch von Freiheit, das heißt: Man kocht auch mal gewagte Gerichte mit Curry und Ananas. Man weiß, welcher Nachbar seine Frau schlägt; wahrscheinlich tun es die meisten. Das geht einen nichts an. (mehr …)
  • Die Anmaßung. Über das Theater, Elfriede Jelinek und ihr Stück »Am Königsweg«

    Das Theater

    Wenn es losgeht, zeigt das Theater seine Mittel. Das Theater kann nicht anders, es muss immer etwas zeigen, so versteht es seinen Auftrag. Und es muss Mittel haben, die man heutzutage nicht mehr so gut verstecken kann, also zeigt es sie meistens gleich. Wenn etwas versteckt werden soll, muss das Theater eben zeigen, wie es versteckt wird. Es herrschen Vorzeige- und Mittelzwang.

    Die Autorin versteckt sich dort, wo man sich nicht verstecken kann, in der Öffentlichkeit, auf der Bühne. Immer wieder ist sie mittellos an das Theater herangetreten, immer wieder war das Theater um Ausgleich bemüht. Theater und Autorin sind seit gefühlt ewigen Zeiten in ein sadomasochistisches Spiel verwickelt: Die Autorin lässt dem Theater alle Freiheit, auch die, seine Verunsicherung hinter großen Gesten zu verstecken. An dieser Freiheit würgt das Theater dann. Eine gute Inszenierung dieser Autorin könnte aber eine sein, die auch ihre eigene Verunsicherung vorzeigt.

    Der Text

    Der Text ist lang, er hat zirka 245 000 Zeichen. Hamlet, auch ein überlanger Theatertext, hat im Original zirka 173 000 Zeichen. Am Königsweg ist also 1,4 Hamlets.

    Glückliche Tage von Samuel Beckett hat in der Originalfassung zirka 650 00 Zeichen – Sie erinnern sich, 1960, Frau in Erdhaufen, hört nicht auf zu reden, vielleicht eine Ur-Suada des modernen Theaters. Von der Zeichenzahl her entspricht Am Königsweg also 3,7 Becketts. So könnte man Am Königsweg auch inszenieren: Frau in Erdhaufen hört nicht auf zu reden. Ich würde das Stück ganz gerne so sehen, ungekürzt. Man würde um den Erdhaufen herumschlendern, die Phasen der Ermattung miterleben und die des Sich-wieder-Aufbäumens. Spieldauer vielleicht 3,7 Tage, zwischendurch kurze Nickerchen, Sanitäter bringen Publikum und Schauspielerin einen Imbiss, vielleicht hängt sie auch sicherheitshalber am Tropf. Krankheit Theater, Krankheit Literatur, Krankheit Kunst.

    (…)

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