• Die Krähe

    Das mit meiner Krähe hat im Februar angefangen. Ich habe eine halbe Walnuss aufs Fensterbrett gelegt. Nach ein paar Stunden war sie weg; stattdessen fand ich dort eine kleine graue Plastikscherbe.

    Das fand ich übertrieben. Ich kannte die Geschichten von Krähen, die Menschen Geschenke machen. Aber beim ersten Mal – das ging mir zu schnell. Andererseits ist mir bis heute keine andere Möglichkeit eingefallen, wie dieses Stück Plastik gerade in diesem Augenblick dort hingelangt sein könnte. (mehr …)

  • Nicht

    Ich habe große Sehnsucht, diese Kolumne nicht zu schreiben. Was nicht bedeutet, dass ich sie nicht schreiben möchte. Ich würde sie nur einfach gern im Zustand des Nichtschreibens schreiben. Ich würde sie gern liefern, ohne sie geschrieben zu haben. Ohne tätig werden zu müssen. (mehr …)

  • Träumen Chemtrails von elektrischen Reptilienmenschen?

    Die Natur ist eine Drecksau. Und eine dumme Sau dazu, so penetrant, wie sie sich nicht einfügen will in das Bild, das wir uns von ihr machen, in ihrer Widerständigkeit gegen das Idyllische. Horrorfilme zeichnen ein wirklichkeitsnäheres Bild der Natur als Heinz Sielmann oder Instagram, wo man auffällig selten Bilder von Tod und Verwesung findet. (mehr …)

  • Das deutsche Volk

    Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want. (mehr …)

  • Nicht einmal Kapitalismus

    Ich stehe unter bestmöglicher Einhaltung der Abstandsregeln in der S-Bahn nach Berlin-Frohnau. Schräg rechts unter mir sitzt ein Mann, etwas älter als ich, Anfang sechzig vielleicht. Akkurate Kurzhaarfrisur. Auf dem Schoß ein neues schwarzes Daypack, gelecktes Mittelmaß. Überhaupt alles mittleres Preissegment, auch das strammsitzende schwarz-weiß-blau karierte Kurzarmhemd – ein Mensch, der sich fest in Ordnung wickelt. Fleischgewordene deutsche Leitkultur. (mehr …)

  • Erschleichung des Gefühls der Unendlichkeit

    Jetzt ist der Sommer bestimmt da. Wie er wohl aussehen wird? Alles könnte inzwischen passiert sein. Ich schreibe dies im Mai. Lebe ich im Juli noch, oder bin ich tot? Wäre meine Todesursache ein Virus oder die Dummheit der anderen? Oder kommt eine der Krähen, die ich füttere, und hackt mir überraschend doch ein Auge aus? Das wäre dann ein sogenannter Freizeitunfall. (mehr …)

  • Dünger werden

    Wir sind vorübergehend am Ende.

    Weltuntergang? Wahrscheinlich ja. Zu meinen Lebzeiten? Wahrscheinlich ja.

    Tröstlich: Es ist nur der Untergang unserer Welt.

    Ich gehe nur noch auf die Straße, wenn es wirklich sein muss. Ich möchte lieber nicht. Das Freizeitverhalten der anderen macht mich zu traurig. »Abstandsregeln einzuhalten ist sehr wichtig, aber wenn wir gerade gemütlich zu zweit nebeneinander gehen und man nicht mehr an uns vorbeikommt, ist das doch sicher nicht so schlimm, was regen die anderen sich so auf!«

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  • Die Pest in Athen. Ein Gastbeitrag von Thukydides

    Die Peloponnesier weilten erst wenige Tage in Afrika, als die Epidemie Athen heimsuchte. Zwar wurde berichtet, dass die Krankheit schon einmal manchenorts gewütet habe, unter anderem in der Gegend um Lesnos, nirgends aber konnte man sich an eine ähnliche Geißel, ein derartiges Hinsterben von Menschen erinnern. Und nichts half, weder die Ärzte, die einer völlig unbekannten Situation gegenüber standen, weil sie die Krankheit zum ersten Mal behandelten, und unter denen die Zahl der Opfer sogar am höchsten war, da sie den meisten Kontakt zu den Kranken hatten, noch irgendein anderes irdisches Mittel. Desgleichen die Bittgänge zu den heiligen Stätten, die Zuflucht zum Orakel oder was dergleichen man versuchte – alles blieb wirkungslos, und schließlich ließ man ganz davon ab und fügte sich in sein Los […] (mehr …)

  • Funktionsstörung

    Ich funktioniere nicht richtig. Sonst wäre ich mit der Religionsgründung inzwischen weiter.

    Die einzige Ansage meiner Auftraggeber für diese Kolumne lautet, dass ich machen soll, was ich will. Ich muss also nicht im eigentlichen Sinne funktionieren. Nicht zu funktionieren, ohne funktionieren zu müssen, ist natürlich verschärft.

    Neulich bin ich in das eingedrungen, was Leitartikler den »Maschinenraum der Demokratie« nennen würden. Das hat mit meinem Eintritt in die SPD zu tun. Auf Ortsvereinsebene war es, die in Berlin Abteilungsebene heißt. (mehr …)

  • Spirituelles WiFi

    Ich bin in Vietnam, in der Chinatown von Ho Chi Minh City, das früher Saigon hieß und noch immer so genannt wird. Manchmal kann man seinen Aufenthaltsort mitteilen, ohne zu verstehen, wo man ist. 34 Grad im Schatten. Ich sitze in den dunklen Tiefen eines Cafés unter einem Ventilator, an einem brüllenden Strom aus Motorrollern. (mehr …)