• Funktionsstörung

    Ich funktioniere nicht richtig. Sonst wäre ich mit der Religionsgründung inzwischen weiter.

    Die einzige Ansage meiner Auftraggeber für diese Kolumne lautet, dass ich machen soll, was ich will. Ich muss also nicht im eigentlichen Sinne funktionieren. Nicht zu funktionieren, ohne funktionieren zu müssen, ist natürlich verschärft.

    Neulich bin ich in das eingedrungen, was Leitartikler den »Maschinenraum der Demokratie« nennen würden. Das hat mit meinem Eintritt in die SPD zu tun. Auf Ortsvereinsebene war es, die in Berlin Abteilungsebene heißt. (mehr …)

  • Spirituelles WiFi

    Ich bin in Vietnam, in der Chinatown von Ho Chi Minh City, das früher Saigon hieß und noch immer so genannt wird. Manchmal kann man seinen Aufenthaltsort mitteilen, ohne zu verstehen, wo man ist. 34 Grad im Schatten. Ich sitze in den dunklen Tiefen eines Cafés unter einem Ventilator, an einem brüllenden Strom aus Motorrollern. (mehr …)
  • Der Gott der Zwischenräume

    ie hier schon angekündigte Gründung einer neuen Weltreligion mit Abgabetermin Ende 2020 geht ihren geordneten Gang, das heißt: Ich bin angemessen verwirrt. Die Stellen »Messias«, »Göttin /Gott« und »Bundesschatzmeister*in« sind noch nicht besetzt, Bewerbungen werden wohlwollend entgegengenommen. Verschiedentlich wurden Bitten an mich herangetragen, für bestimmte Bewerberinnen das Amt »Hohepriesterin« einzurichten; darüber konnte in der Kürze der Zeit leider noch nicht entschieden werden. (mehr …)

  • Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)

  • Tatendrang, Herzklopfen, Schleimpilz

    Das Haus, in dem wir hier in Berlin wohnen, ist ganz streng, aber schlampig aus Stahlbeton gebaut. Den Balkon haben wir mehr nach dem Vorbild »verfallendes Sommerhaus« gestylt, vor allem durch konsequente Vernachlässigung. Seit wir die Vögel füttern (Spatzenbanden, zwei Kohlmeisen, eine zerzauste Tannenmeise), fallen Körner zwischen den Balken der Holzabdeckung hindurch. Spelzen werden zu Humus, Gräser sprießen, sogar ein Pilz. Da unten im Dunkel, wo die Traghölzer modern, muss es ein ganzes Ökosystem geben, Asseln, Spinnen, wahrscheinlich Grottenolme. Schleimpilze. (mehr …)

  • Einmal ragte Siegfried Unseld turmhoch hinter mir auf

    Diese Kolumne beginnt mit einem Gruppenbild von fünf älteren erfolgreichen Jungs, Golden Boys, meist mit Schmerbauch, einer schmaucht eine Pfeife. Danach erleben wir Helmut Kohl nackt in der Sauna, Trigger-Warnung! Anschließend werde ich belegen, dass meine Eltern mich verraten haben. Danach sofort Weltuntergang. (mehr …)

  • … und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst

    Lieber Polli,

    ich werde mich jetzt nicht aus dem Fenster stürzen. In Wahrheit ist es ja so: Wir haben uns längst aus dem Fenster gestürzt; jetzt sehen wir plötzlich, wo wir aufschlagen werden. Verzweiflung ist natürlich keine Lösung. Aber vielleicht werden Lösungen auch überschätzt.

    Du, Polli, bist der Eisbär, der mit Kindern auf eine spielerische Reise in die Arktis gehen will, damit sie das globale Problem des Plastikmülls verstehen und den richtigen Umgang damit lernen. Du siehst sehr lieb aus auf dem Flugblatt, das ich bei uns im Hausflur gefunden habe und das kleine Kinder zeigt, die begeistert die Hand heben, weil sie offenbar gerade eine Frage zum Umgang mit Plastikmüll richtig beantwortet haben. (mehr …)

  • Fragebogen

    1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? 2. Warum? Stichworte genügen. 3.

    Wie oft muss eine bestimmte Hoffnung (zum Beispiel eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betreffende Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?

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  • Warten auf

    Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

    Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Kein Familienroman

    Der schönste Ort, an dem ich in den vergangenen Wochen war, ist die Obst- und Gemüsehalle des Berliner Großmarkts an der Beusselstraße in Moabit. Ein Ort seliger, uninszenierter Eindeutigkeit. Draußen dann wieder nichts als gleißendes Zwielicht. Es hat dann doch eine Beerdigung gegeben, für meinen Onkel, der, wir erinnern uns, in der letzten Kolumne 96-jährig verstorben war. Ich habe ihm auf einem Hamburger Friedhof eine Schaufel Erde auf die Urne werfen können, dafür eine wichtige Sitzung einer Literaturpreisjury verpasst und meine Juroren-Position geschwächt. Alles kostet etwas, nichts ist umsonst.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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