• Das deutsche Volk

    Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want. (mehr …)

  • Nicht einmal Kapitalismus

    Ich stehe unter bestmöglicher Einhaltung der Abstandsregeln in der S-Bahn nach Berlin-Frohnau. Schräg rechts unter mir sitzt ein Mann, etwas älter als ich, Anfang sechzig vielleicht. Akkurate Kurzhaarfrisur. Auf dem Schoß ein neues schwarzes Daypack, gelecktes Mittelmaß. Überhaupt alles mittleres Preissegment, auch das strammsitzende schwarz-weiß-blau karierte Kurzarmhemd – ein Mensch, der sich fest in Ordnung wickelt. Fleischgewordene deutsche Leitkultur. (mehr …)

  • Erschleichung des Gefühls der Unendlichkeit

    Jetzt ist der Sommer bestimmt da. Wie er wohl aussehen wird? Alles könnte inzwischen passiert sein. Ich schreibe dies im Mai. Lebe ich im Juli noch, oder bin ich tot? Wäre meine Todesursache ein Virus oder die Dummheit der anderen? Oder kommt eine der Krähen, die ich füttere, und hackt mir überraschend doch ein Auge aus? Das wäre dann ein sogenannter Freizeitunfall. (mehr …)

  • Dünger werden

    Wir sind vorübergehend am Ende.

    Weltuntergang? Wahrscheinlich ja. Zu meinen Lebzeiten? Wahrscheinlich ja.

    Tröstlich: Es ist nur der Untergang unserer Welt.

    Ich gehe nur noch auf die Straße, wenn es wirklich sein muss. Ich möchte lieber nicht. Das Freizeitverhalten der anderen macht mich zu traurig. »Abstandsregeln einzuhalten ist sehr wichtig, aber wenn wir gerade gemütlich zu zweit nebeneinander gehen und man nicht mehr an uns vorbeikommt, ist das doch sicher nicht so schlimm, was regen die anderen sich so auf!«

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  • Die Pest in Athen. Ein Gastbeitrag von Thukydides

    Die Peloponnesier weilten erst wenige Tage in Afrika, als die Epidemie Athen heimsuchte. Zwar wurde berichtet, dass die Krankheit schon einmal manchenorts gewütet habe, unter anderem in der Gegend um Lesnos, nirgends aber konnte man sich an eine ähnliche Geißel, ein derartiges Hinsterben von Menschen erinnern. Und nichts half, weder die Ärzte, die einer völlig unbekannten Situation gegenüber standen, weil sie die Krankheit zum ersten Mal behandelten, und unter denen die Zahl der Opfer sogar am höchsten war, da sie den meisten Kontakt zu den Kranken hatten, noch irgendein anderes irdisches Mittel. Desgleichen die Bittgänge zu den heiligen Stätten, die Zuflucht zum Orakel oder was dergleichen man versuchte – alles blieb wirkungslos, und schließlich ließ man ganz davon ab und fügte sich in sein Los […] (mehr …)

  • Funktionsstörung

    Ich funktioniere nicht richtig. Sonst wäre ich mit der Religionsgründung inzwischen weiter.

    Die einzige Ansage meiner Auftraggeber für diese Kolumne lautet, dass ich machen soll, was ich will. Ich muss also nicht im eigentlichen Sinne funktionieren. Nicht zu funktionieren, ohne funktionieren zu müssen, ist natürlich verschärft.

    Neulich bin ich in das eingedrungen, was Leitartikler den »Maschinenraum der Demokratie« nennen würden. Das hat mit meinem Eintritt in die SPD zu tun. Auf Ortsvereinsebene war es, die in Berlin Abteilungsebene heißt. (mehr …)

  • Spirituelles WiFi

    Ich bin in Vietnam, in der Chinatown von Ho Chi Minh City, das früher Saigon hieß und noch immer so genannt wird. Manchmal kann man seinen Aufenthaltsort mitteilen, ohne zu verstehen, wo man ist. 34 Grad im Schatten. Ich sitze in den dunklen Tiefen eines Cafés unter einem Ventilator, an einem brüllenden Strom aus Motorrollern. (mehr …)
  • Der Gott der Zwischenräume

    ie hier schon angekündigte Gründung einer neuen Weltreligion mit Abgabetermin Ende 2020 geht ihren geordneten Gang, das heißt: Ich bin angemessen verwirrt. Die Stellen »Messias«, »Göttin /Gott« und »Bundesschatzmeister*in« sind noch nicht besetzt, Bewerbungen werden wohlwollend entgegengenommen. Verschiedentlich wurden Bitten an mich herangetragen, für bestimmte Bewerberinnen das Amt »Hohepriesterin« einzurichten; darüber konnte in der Kürze der Zeit leider noch nicht entschieden werden. (mehr …)

  • Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)

  • Tatendrang, Herzklopfen, Schleimpilz

    Das Haus, in dem wir hier in Berlin wohnen, ist ganz streng, aber schlampig aus Stahlbeton gebaut. Den Balkon haben wir mehr nach dem Vorbild »verfallendes Sommerhaus« gestylt, vor allem durch konsequente Vernachlässigung. Seit wir die Vögel füttern (Spatzenbanden, zwei Kohlmeisen, eine zerzauste Tannenmeise), fallen Körner zwischen den Balken der Holzabdeckung hindurch. Spelzen werden zu Humus, Gräser sprießen, sogar ein Pilz. Da unten im Dunkel, wo die Traghölzer modern, muss es ein ganzes Ökosystem geben, Asseln, Spinnen, wahrscheinlich Grottenolme. Schleimpilze. (mehr …)