• Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)

  • Tatendrang, Herzklopfen, Schleimpilz

    Das Haus, in dem wir hier in Berlin wohnen, ist ganz streng, aber schlampig aus Stahlbeton gebaut. Den Balkon haben wir mehr nach dem Vorbild »verfallendes Sommerhaus« gestylt, vor allem durch konsequente Vernachlässigung. Seit wir die Vögel füttern (Spatzenbanden, zwei Kohlmeisen, eine zerzauste Tannenmeise), fallen Körner zwischen den Balken der Holzabdeckung hindurch. Spelzen werden zu Humus, Gräser sprießen, sogar ein Pilz. Da unten im Dunkel, wo die Traghölzer modern, muss es ein ganzes Ökosystem geben, Asseln, Spinnen, wahrscheinlich Grottenolme. Schleimpilze. (mehr …)

  • Einmal ragte Siegfried Unseld turmhoch hinter mir auf

    Diese Kolumne beginnt mit einem Gruppenbild von fünf älteren erfolgreichen Jungs, Golden Boys, meist mit Schmerbauch, einer schmaucht eine Pfeife. Danach erleben wir Helmut Kohl nackt in der Sauna, Trigger-Warnung! Anschließend werde ich belegen, dass meine Eltern mich verraten haben. Danach sofort Weltuntergang. (mehr …)

  • … und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst

    Lieber Polli,

    ich werde mich jetzt nicht aus dem Fenster stürzen. In Wahrheit ist es ja so: Wir haben uns längst aus dem Fenster gestürzt; jetzt sehen wir plötzlich, wo wir aufschlagen werden. Verzweiflung ist natürlich keine Lösung. Aber vielleicht werden Lösungen auch überschätzt.

    Du, Polli, bist der Eisbär, der mit Kindern auf eine spielerische Reise in die Arktis gehen will, damit sie das globale Problem des Plastikmülls verstehen und den richtigen Umgang damit lernen. Du siehst sehr lieb aus auf dem Flugblatt, das ich bei uns im Hausflur gefunden habe und das kleine Kinder zeigt, die begeistert die Hand heben, weil sie offenbar gerade eine Frage zum Umgang mit Plastikmüll richtig beantwortet haben. (mehr …)

  • Fragebogen

    1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? 2. Warum? Stichworte genügen. 3.

    Wie oft muss eine bestimmte Hoffnung (zum Beispiel eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betreffende Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?

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  • Warten auf

    Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

    Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Kein Familienroman

    Der schönste Ort, an dem ich in den vergangenen Wochen war, ist die Obst- und Gemüsehalle des Berliner Großmarkts an der Beusselstraße in Moabit. Ein Ort seliger, uninszenierter Eindeutigkeit. Draußen dann wieder nichts als gleißendes Zwielicht. Es hat dann doch eine Beerdigung gegeben, für meinen Onkel, der, wir erinnern uns, in der letzten Kolumne 96-jährig verstorben war. Ich habe ihm auf einem Hamburger Friedhof eine Schaufel Erde auf die Urne werfen können, dafür eine wichtige Sitzung einer Literaturpreisjury verpasst und meine Juroren-Position geschwächt. Alles kostet etwas, nichts ist umsonst.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Männlichkeit 2019

    Ein Bettler schreitet durch die U-Bahn. Aufrecht. Er streckt die Hand aus. Er sagt etwas, ich verstehe es nicht, es ist mehr ein Grunzen. Er bettelt nicht, er fordert, herrisch, der Bettler ist ein Herr. Er fordert Respekt, für seine Männlichkeit. Ich sitze in der U-Bahn, Männlichkeit schreitet an mir vorüber, eine Performance, die offenbar sich selbst genügt, denn sie bringt dem Performer nichts ein – außer der Gewissheit, dieses Eine verlässlich verweigert zu bekommen, Respekt, so dass er ihn in alle Ewigkeit weiter einfordern kann, mit ausgestreckter Hand und regelmäßigem herrischen Grunzen.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Im Badambaum

    Was die Klimakatastrophe angeht (nur um einen der wild herumflatternden Fäden der letzten Kolumne wieder aufzunehmen): Wenn man das Melodramatische hasst, aber die Welt so dramatisch wird, dass man nicht mehr über sie schreiben kann, ohne dramatisch zu klingen und aus alter Gewohnheit den angemessen dramatischen Ton verächtlich für melodramatisch hält, muss man sich trotzdem abfinden mit dem Drama. Auch mit der Angst. Es nützt nicht viel, vor Angst nicht zu schreien in einem Augenblick, in dem vor Angst zu schreien nötig ist, nur weil man das Schreien vor Angst einfach nicht so richtig elegant findet.

    So wichtig Eleganz auch ist. Und sie ist sehr wichtig.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Deutsches Wohnen

    Es gibt Großstadt als geistige Lebensform und Großstadt als Einkaufspassage. Man muss sich aber entscheiden, beides geht nicht. Es gibt keine richtige geistige Lebensform in der falschen Einkaufspassage. Ganz schwer wird es, wenn die Einkaufspassage ihr Gehäuse verlässt und überall hin vordringt, bis in den Schutzraum der Wohnung. Gute Idee für einen Horrorfilm im Grunde, The Blob II: Alexa.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Mein Wohnen in Berlin hat sich verändert, früher konnte ich am Wirtschaftsleben teilnehmen und abends nach Hause gehen und wohnen; in der Erlebnisökonomie konsumiere ich abends mein Wohnerlebnis, für das ich Erlebnisaufschlag bezahle. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich nur noch Wirtschaftsleben: kein Meter mehr, auf dem nicht Geld verdient werden muss, auf dem den Menschen kein Alkohol angeboten wird, kein Meter mehr, auf dem kein Alkohol konsumiert wird, die Konsumenten steigen aus riesigen Panzerwagen, an denen noch das Preisschild hängt, in weiten schwarzen Roben, an denen noch das Preisschild hängt, in riesigen weißen Turnschuhen, an denen noch das Preisschild hängt, mit nackten Knöcheln, an denen noch kein Preisschild hängt. Nachts will ich schlafen, muss aber zuhören, wie die Airbnb-Nachbarn ihr Berlin-Erlebnis feiern, für das sie schließlich bezahlt haben, und frühmorgens weckt mich der Nachbar aus der Gewerbeeinheit, der teuer ein Bio-Back-Erlebnis verkaufen muss, um die astronomische Gewerbemiete bezahlen zu können. Wohnen im Kapitalismus ist wie Krieg. In dieser Kolumne muss es um Perversität gehen, damit es nicht mehr nur um Absurdität geht, meine Freundin S. hat sich das gewünscht, und zur Unterscheidung ließe sich vielleicht versuchsweise sagen, dass Absurdität etwas ist, was eben da ist, wie Kaufhausmusik, während Perversität einen Vorgang der Pervertierung voraussetzt, eine pervertierende Kraft, die möglicherweise schuldhaft eingesetzt wird – jedenfalls solange wir uns das Unpervertierte als etwas denken, das Schutz verdient. Schon das schiefe Bild mit der Absurdität als Kaufhausmusik zeigt, wie schwierig es ist, etwas zu beschreiben, das einfach da ist, ohne da sein zu müssen, ohne dorthin gezwungen worden zu sein. Einfach da wie zum Beispiel was? Die Meereswelle? Die hat der Wind gemacht. Der Mond? Den hat ein Zusammenstoß gemacht. Die Kaufhausmusik? Die hat jemand eingeschaltet, der mich manipulieren will, mehr zu kaufen. Auch Absurdität ist nicht einfach da. Vielleicht ist sie eine Dissonanz aus einander überlagernden Kaufhausmusiken, die zu entwirren zu kompliziert wäre, so dass man der Einfachheit halber beschließt, sie schön zu finden, und anfängt, in ihren Klängen nach einem Trick zu suchen, die Kaufhäuser doch wenigstens über Nacht ein paar Stunden zu schließen oder sie sich wegzudenken. Aber man findet sich ab. Es kommt ja immer darauf an, ob man aufbegehrt oder sich abfindet. Womit sich Geld verdienen lässt, das muss getan werden, einer unerbittlichen Logik nach. Die unique selling proposition des Biobäckers bei mir im Erdgeschoss ist die Schaubäckerei: Man kann zuschauen, wie der Teig geknetet wird. Wenn man den Bäcker oder die Bäckerin schwitzen sieht, muss das Brot besonders authentisch sein. Die Bäckerinnen, die ich in Filialen dieser Biobäckerkette gesehen habe, in ihren Arbeitsweltterrarien, sahen nicht immer besonders glücklich aus, und ich weiß nicht, ob sie einen Aufschlag bekommen für den Peepshow-Exhibitionismus, den man ihnen aufzwingt. Aber das Peepshow-Erlebnis macht den Laden voll, und es gelingt den Biokunden offenbar, die Würdelosigkeit des Spektakels auszublenden.

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