Klagenfurt, Tag 2: Simulieren

Ihr wusstet es alle besser, ihr wusstet es längst durch jahrelanges Livestream-Training. Ja. Und wir wollten ja *wirklich* nicht kritische Kritik performen, aber jetzt wollen wir *wirklich* wissen, was hier los ist! Wie machst du das, Klagenfurt, du gut, so gut „klappender“ Text, dass hier wirklich nichts passiert? Dass du dich so verschließt, dass ich dich gern anschaue, aber dann will ich mit dir reden und dann merk ich, Zukunft, oder auch nur Gegenwart, also unser Nebeneinandersein, das ist einfach gar keine Kategorie für dich.

Was hier, im großen Live Action Role Play (LARP) mit Literaturbetriebsszenario, alles simuliert werden muss! Und wieviel besser, genauer und neuer simuliert werden müsste, um irgendeinen Realitätseffekt zu erarbeiten! Tag Zwei in Klagenfurt und es wird klar, dass es politische (politische? ja! politische!) Faktoren gibt, die hier die Langeweile organisieren: Das „sichere Terrain“ des Literarischen, das Juror Klaus Kastberger heute so zynisch wie glücklich beschwört, hat eine begrenzte Sitzplatzanzahl. Isabelle Lehns Beschreibung einer Afghanistansimulation im Militärtraining erzählt das am Morgen genau (ohne es dabei auch zu performen): Dass Simulationen nicht im Sinne einer falschen Baudrillard-Interpretation irgendwo im Virtuellen rumwabern, sondern dass unsere immer schon aufskalierte Realität durch eine Vielzahl von Rahmen ihre Effekte durchdrückt.

Öfter als in den letzten Jahren macht die Jury den Signature Move THEORIE. Liste der bereits erfolgten und durchweg schrecklich lässigen Namedrops: Deleuze und Guattari, Foucault, Barthes, Baudrillard, aber auch Edward Said, Homi Bhaba, Rosi Braidotti (eine Frau!). Dass diese Theorien, ihre Texte und Protagonisten, in einem ganz unkitschigen Sinn die Veränderung von Leben nicht nur neu dachten, sondern auch konkret hervorbrachten, in den souveränen Kritikkörper wird das performativ nicht eingespeist.

„Was kümmert’s mich, wer spricht“, paraphrasiert Meike Feßmann *Foucault*, bevor sie zum beleidigt-beleidigenden Schlag ausholt gegen, ja, gegen was eigentlich? Dazu ist hier keine iPhone-Notiz gespeichert. Das Spielereignis (poststrukturalistische) THEORIE ist in Klagenfurt die Rückversicherung ans Denken, dass alles geht und man alles kennt – eine Impfung dagegen, dass selbst beschriebene Unsicherheiten auf die eigene Sprechposition übergreifen könnten.

Im nächsten Move IMMANENTE KRITIK wird der jeweilige Text final mit sich selbst identisch gemacht, den Autor*innen das Mikro runtergeregelt, damit vom Jurysessel aus immer nur über und nie mit oder an oder durch den Text gesprochen werden kann. Was IST der Text? Wenn dann Tomer Gardi doch ein Statement zu seinen Deutschkenntnissen abgeben will – während die Jury angesichts der Frage nach seinem authentischen Deutschlevel zusammenbricht – verstehen wir bezeichnenderweise nichts. Can the Bachmannautor speak? Spricht die Bachmannautorin Deutsch? Umso schöner, dass sein Text selbst sich dem Jurysprech verschließt: Weil sein Deutsch nicht das der Jury ist. Die Weigerung, konventionell zu deklinieren oder „das“ und „dass“ zu unterscheiden, erweist sich als zu präzise Simulation einer angeeigneten Sprache, als dass die Kritiker*innen noch irgendwie durch die Frage nach Authentizität zum *ästhetischen* Ereignis durchkämen.

Da wird einen Moment lang sichtbar: Es ist halt schon möglich, dass ein Text selbst sich so von anderen, *zeitgenössischen* Schreib- und Sprachphänomenen anfassen lässt, dass das Klagenfurt-LARP ihn nicht in bloß ein weiteres Spielereignis verwandeln kann. Da zeigt ein Text seine Verbindung zum Außen und behält sie bei und zieht Konsequenzen aus dem Bereich der sogenannten *Wirklichkeit*, zu dem er gehört. Und das kannst sogar du, alte, weiße Simulation „Betrieb“, diesen Irritationsmomenten Institutionen zur Verfügung stellen. Kannst du das, Klagenfurt? Du bist doch weit genug weg.


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