Preisausschreiben: Das Habeck-Paradox

Wenn die intellektuelle Öffentlichkeit des fortgeschrittenen 18. Jahrhunderts auf ein Problem stiess, das zwar relevant, aber bis dato nicht befriedigend durchdacht oder gelöst worden war, dann platzierte eine der neueren Akademien ein Preisausschreiben. Diese Idee greifen wir in einer Zeit auf, in der die digitale Transformation gesellschaftliche Verwerfungen der verschiedensten Art provoziert und zugleich ganz unterschiedliche Erwartungen weckt, in der wir ständig mit der digitalen Transformation politisch konfrontiert werden, aber den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Ein deutscher Parteivorsitzender, es war Robert Habeck, aber das ist nicht so wichtig, begeht in den Jahren 2018 und 2019 einen Fauxpas nach dem anderen auf Twitter, das formatübliche schnelle Feedback ist entsprechend. Chancen und Risiken politischer Kommunikation begegnen uns dort skaliert. Seine Konsequenz aus diesen Misserfolgen? Er meldet sich von Twitter ab und verbindet den Verzicht auf dieses heute absolut übliche Instrument politischer Kommunikation mit der Einschätzung, darauf “stolz” zu sein, denn Twitter und Facebook seien nur „Sich-Anbrüll-Varianten“ politischer Kommunikation. Es sei “eine seiner weisesten” Entscheidungen gewesen, denn er könne dort “seine Argumente einfach nicht so vortragen, wie er wolle”.

Die digitale Transformation des Politischen bringt alles Mögliche hervor, der scheinbar radikale Teilrückzug eines Spitzenpolitikers gehört in die Kategorie des Bemerkenswerten. Scheinbar, also täuschend, ist dieser Rückzug nicht nur deshalb, weil Habecks wahrhaft beschaulicher Instagram-Account aktiv ist wie eh und je, sondern auch deshalb, weil seine Botschaften seitdem von den institutionellen Accounts seiner Partei oder den Accounts seiner Parteifreunde in die Timelines eingespeist werden. Das Habeck-Paradox ist ein exemplarisches Phänomen der politischen Kommunikation der Gegenwart, dieses Nicht-Tun wollen, zugleich aber auch Nicht-Lassenkönnen, dieses Beklagen und zugleich Bespielen, diese Geschicklichkeit und zugleich Ignoranz, diese Authentizitätsinszenierung und zugleich  Authentizitätsverlustklage, kurz: dieser sich dauernd und steigernd zuspitzende Gegensatz von jonglierender fahrlässiger Praxis und naiver Allerweltstheorie.

Die umfassende Sozialmedialisierung hat gewiss den am stärksten spürbaren Effekt auf die politische Kommunikation der Gegenwart. Dieser beschränkt sich keineswegs auf die grossen US-Plattformen, sondern ist schon lange hineingewachsen in die digitalen Ausgaben der traditionellen Zeitungen und Zeitschriften, des Radios und des Fernsehens mit ihren allgegenwärtigen Kommentarfenstern und Verbreitungsplugins. Überall buhlen Medienmacher:innen und Politiker:innen, aber auch Public Intellectuals um genau die crowd-getriebenen Skalierungseffekte der Sozialmedialisierung, die sie dann sogleich andauernd und in ihren kulturpessimistischen Texten unter häufig reißerischen Überschriften beklagen, zurechtgehübscht für das umsatzgetriebene Clickbait. Dabei kann niemand bestreiten, dass die Mitwirkung und Teilhabe der Staatsbürger:innen durch diese sozialmediale Öffnung zugenommen hat, die Demokratie lebendiger geworden, das Interesse an der öffentlichen Sache gestiegen ist, so unbequem das auch oftmals erscheinen mag.

Dass solche Klage über die Digitalisierung der politischen Kommunikation leicht ins Doppelmoralische kippt, es ist offensichtlich. Allermeist wird aber ausserdem verkannt, welche weiteren erheblichen Auswirkungen die digitale Transformation auf die politische Kommunikation hat. Und wenn es nicht übersehen wird, dann wird es (Stichwort: Cambridge Analytica) dämonisiert und damit dann eigentlich auch als Phänomen intellektuell verpasst. Data Mining und algorithmische Auswertung ermöglichen jedenfalls granulierte Zielgruppenansprachen, so ungenau und fehlerbehaftet die dann vielfach in der Praxis sind. Vergleichsweise billige Speicher und hochentwickelte Grafikkarten und -programme ermöglichen es, in Minutenschnelle Audio-, Video- und Meme-Reaktionen zu designen, Triggerimpulse, die zumeist von kleinen Gruppen ausgehen und doch die Landschaft der politischen Diskussion mitbestimmen. Server- und Plattformdaten erlauben mehr oder minder evidenzbasiertes Handeln auf der Grundlage von Outreach- und Impactanalysen. Wohlerschlossene riesige Datenbanken machen die digitale, aber auch analoge Timeline aller Konkurrierenden minutiös durchsichtig, damit auch zugleich gestalt- und manipulierbar.

Mit alldem hat sich politische Kommunikation heute auseinanderzusetzen, weil es zu ihrem Lebenselixier geworden ist. Dabei mutet diese Auseinandersetzung weitestgehend wie ein mal zynisches mal zauberlehrlingshaftes Durchwursteln an. Es fehlen kohärente, logisch, praktisch, ethisch gut begründete Ideen und Perspektiven – jenseits wohlfeiler Gewusstwie-Raterteilungen. Eine solche ebenso fundierte wie von Expertise getragene Perspektive auf die politische Kommunikation der digitalen Gesellschaft zu geben, ist die Kernanforderung unseres Preisausschreibens.

Wir laden ein, sich an der Bearbeitung des annoncierten Problems zu beteiligen. Schicken Sie uns einen Essay, der nicht weniger als 1.500 und nicht mehr als 3000 Wörter umfassen soll und in dem Sie uns ein Konzept vorstellen, wie die politische Kommunikation in der digitalen Transformation kohärent begriffen und auf diese Weise ausreichend begründet gestaltet werden kann.

Eine Jury wird alle eingesandten Texte begutachten. Der Hauptpreis für den besten Essay ist mit CHF 2’000 dotiert. Darüber hinaus sollen zwei Anerkennungspreise vergeben werden. Alle Preisträger(innen) werden zur Präsentation in die Klausur auf Flüeli-Ranft eingeladen, die im November 2021 stattfinden wird.

Mitglieder der Jury sind: Christian Demand (Berlin), Marko Demantowksy (Basel; Koordination), Hanna Engelmeier (Essen), Ekkehard Knörer (Berlin), Mareike König (Paris), Gerhard Lauer (Basel; Koordination), Paula-Irene Villa Braslavsky (München)

Einsendeschluss ist der 15. August 2021.
Aktuelle Informationen und Einreichung: www.mensch-maschine-zukunft.ch,
Kontaktadresse: info@mensch-maschine-zukunft.ch

Weitere Auskünfte: Marko Demantowsky, Gerhard Lauer (beide Basel)

Finanziert wird die Dießener Klausur Mensch|Maschine|Zukunft von der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf), vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft (Essen), von den Artemed-Kliniken (München) und von der Pädagogischen Hochschule FHNW (Nordwestschweiz)

 


1 Kommentare

  1. dos sagt:

    Ja geht’s denn noch!?
    „Bitte einmal die eierlegende Wollmilchsau hätt’mer gänn, – aber konzis auf 3000 Worte maximal tranchiert, wenn’s recht is, – und bitte pünktlich!“

    “ … ein Konzept vorstellen, wie die politische Kommunikation in der digitalen Transformation kohärent begriffen und auf diese Weise ausreichend begründet gestaltet werden kann.“

    Also das kommunizierende Disparate, – z. B. die Partikularinteressen, die aus dem Allgemeinwohl ja nicht zur Gänze herausgekürzt werden können -, und damit die disparate Kommunikation bitte einmal „kohärent begreifen“, um sie legitim gestalten zu können, – soso.

    Natürlich kann man oberhalb jeder Disparität eine m. o. w. „kohärente“ Metaebene abstraktifizieren, aber das bleibt notwendig Artefakt und in superkomplexen Bereichen wie der „politischen Kommunikation“, – selbst dann noch, wenn auf digitalen Schwerpunkt eingegrenzt -, auch ohne real-analytische Dimension, die „Gestaltung“, also realisierte Intention, je erlaubte.
    H. Hesse hat im „Glasperlenspiel“ eine Realinstanz zu solcher Metaebene, den „Orden“, imaginiert, der die Disparationen des Wissens aus höchster Übersichtshöhe zueinander in Beziehung setzt und daraus der politischen Kommunikation bzw. der Politik selbst, die ja zu 95% in Kommunikation auflösbar ist, zu legitimer Ordnung verhilft. Doch der Roman zeigt ja über den Insider-Held, dass da die Rechnung ohne den „Wirt“, nämlich die „Interessen“ gemacht wurde, die den „neutralen“ Wissensmönchen ja ihre Arbeits,- Karriere- und Lebensbedingungen erst servieren. Diese Interessen können dort zwar durchaus ins kognitive Kalkül gezogen werden, aber das verhindert nicht deren Einfluß auf die Kognition(en) und erst recht nicht auf die Kommunikation(en).
    Hesses antizipierende Antwort auf den ersten Kybernetik-Hype, damals eine Esoterie m.o.w. weniger „positivistisch“ angehauchter Wissenschafts- u. Intellektuellenkreise, stellt nach wie vor das Äußerste dar, das auf der Kohärenz-Ebene zu diesem Thema erreicht werden kann, – und ist für intentionale „Gestaltung“ viel zu wenig. Diese Erfahrung machen gerade auch die interessierten Groß-Protagonisten der Szene, die zwar beachtliche Einflußerfolge erzielt haben, aber trotz ihrer angeblich „wohlerschlossene[n] riesige[n] Datenbanken“ alsbald in die Messer selbstgestreuter Themen und Argumente stürzen. Nicht zuletzt Corona hat gezeigt, dass es mit der „minutiösen Durchsichtigkeit“ Aller doch nicht so weit her ist, wie die bisherigen „Erfolge“ vermuten ließen. Letztere erweisen sich immer mehr als aus Behauptung selbsterzeugter Realschein, der verschwindet, sobald nicht laufend neu nachgefüttert wird, was persistent kaum grundsätzlich möglich ist, von wenigen und kleinen Ausnahmen b. a. w. mal abgesehen. Und das verwundert auch nicht, wenn man als „Insider“ sieht, wo z. B. das Datenbankwesen heute noch steht, von der IAB (Institut für Arbeitsmarkt- u. Berufsforschung BRD) über hundertausende Andere bis zu Google/Alpha.

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