Rue Keller

Im Jahr 1969 begann der Schriftsteller Georges Perec an einem Projekt zu arbeiten, dass er Lieux („Orte“) betitelte und das über zwölf Jahre hin die Beschreibung von zwölf Pariser Orten umfassen sollte, um ein dreifaches Altern – „das der Orte, das meiner Erinnerung, das meines Stils“ – zu dokumentieren. Er brach es 1975 ab, vielleicht weil sich zu wenig veränderte oder wenig passierte, wenn er sich an Ort und Stelle in ein Café setzte und aufschrieb, was ihm auffiel. Fast alle Orte waren mit seinem Leben verbunden. Veröffentlicht wurde nur der Versuch einer Erschöpfung eines Pariser Orts (1975), für den er jeweils auf der Terrasse des Cafés de la Mairie auf der Place Saint-Sulpice seinen Posten bezog und hauptsächlich Passanten und vorbeifahrende Busse registrierte. In dem kleinen Manifest L’Infra-ordinaire (1989) verlangt er eine (zur Soziologie tendierende) „Anthropologie“ der banalen, alltäglichen, geteilten, gewöhnlichen („ordinären“) Dinge, und fordert von den Lesern: „Beschreibt eure Straße. Beschreibt eine andere. Vergleicht“.

◊

  1. September 2020

1996 oder 1997, jedenfalls vor meinem Umzug in die Rue Lescot, war ich die Rue Keller hinauf und hinunter gegangen, um jedes Geschäft kurz zu beschreiben, so wie Perec es mit der Place Saint-Sulpice getan hatte, also mit der Absicht, in einigen Jahren dasselbe noch einmal zu tun und mit dem ersten Text zu vergleichen. Aber ich kann diesen, oder die Aufzeichnungen dazu, in den kleinen Notizbüchern nicht mehr finden, und genau das von 1996 ist verschwunden.

Warum die Rue Keller? Ich wohnte an der Ecke, und zudem lag der „Keller“ dort, die berüchtigte Schwulenbar. Außerdem hatte die Vielfalt der Straße, die der bourgeoisen Uniformität des 16. und noch des 15. Arrondissements diametral entgegengesetzt war, eine narrative Kraft, die hinter jeder Tür ein Ereignis, eine andere Welt, eine Ausnahme, eine Fiktion oder eine Begegnung zu versprechen schien.

Ich erinnere mich, dass ich an der Kreuzung mit der Rue de Charonne begann, also am südlichen Ende, bei dem Eckcafé, und dann bei der Nr. 31 an der Rue de la Roquette kehrtmachte und die andere Straßenseite beschrieb. Ich meine, mich an mehrere Galerien zu erinnern, auch an ein Fahrradgeschäft gegenüber von der Schule. Ich fange heute um 13:40 an, der Rundgang wird fast zwei Stunden dauern, das Wetter ist schön.

◊

Nr. 31 liegt das Hotel „Nouvelle France“. Unter dem Namen steht „Eau courante chaude et froide. Douche à l’étage gratuite“. Ein Zimmer kostet pro Nacht zwischen 30€ und 55€, monatlich 600€. Rosa-beigefarbener Verputz, Doppelfenster, und davor ein kleiner Bereich, wo Motorräder parken können. Auf dem Regenrohr kleben kleine Plakate für asiatische Massagen, Gitarren-und Akkordeonstunden, darüber ein Aufkleber mit der Inschrift HNRX, die ich nicht verstehe, und für Rockgruppen mit Namen wie Bitch Queens, Asphalt Tuaregs oder The Angry Cats, ganz unten die Reproduktion eines Barcodes mit der Überschrift „Toujours vivante“, der Aufforderung „Aime Moi“ und der Signatur „Citoyenne féministe“, zum Abscannen gedacht. Was geschieht dann?

Nr. 29, rote Boutique „Manga Dori 23“, „La référence Manga en France“: Masken, Tierkostüme, rosa oder türkise Perücken, orangefarbene Ohrringe, Samuraischwerter aus Plastik. Empfohlen von „Le Geek touristique“.

Nr. 27, rechts von der Haustür „La galerie des Photographes“, flaschengrün, in der heute Himmel-und Seebilder ausgestellt werden, links „Dorothy’s Gallery“, für afrikanische Kunst.

Nr. 25, rechts „Didier Lab“ für Nails, blaue Metalltür, links das „New Rock“, Outfit für Rocker, Plateauschuhe, Rollschuhe.

Nr. 23, rechts „Manga Dori“, hier wird der Lesestoff verkauft, die dazugehörigen Kleider und Requisiten und Goodies dann in Nr. 29. Der Laden existiert seit 2013, er hieß zuvor „Manga Raje“, und ist in das Videogeschäft eingezogen, das damals hier lag. Links neben der hellgrauen Doppeltür, die ins Haus führt, der „Pop Culture Shop“. Ein grauhaariger Mann Ende fünfzig verkauft Schallplatten, ich erkenne ein Cover von Sonic Youth. Daran anschließend „Body Piercing, since 1994“, ich müsste es also beschrieben haben, nun wird es von einer kurzhaarigen Lesbe bewacht, die auf sich auf „elektrische Tätowierung“ spezialisiert hat. Auf der Hauswand ein kleines, scharzumrandetes Plakat im Querformat, wie die diesen Winter überall an Häuser geklebt wurde, in denen deportierte jüdische Kinder wohnten, und auf dem steht: „Ici, au 23, Rue Keller, vécut Morgenstein, Sara …“.

Nr. 21 kommt zuerst die kleine Cocktailbar „Love Palm“, mit türkisfarbenem Anstrich und einem hübschem Mosaikboden, geöffnet von 18 Uhr bis 2 Uhr nachts, und dann ein Raum, in dem zwei Krankenpfleger hinter einer blinden Glasscheibe warten (Rufnummer 0147004688). Auf dem Regenrohr ein Aufkleber, der eine Schutzmaske gegen Corona abbildet, mit der Überschrift „Solidarity“. Links neben dem Eingang das „Swing Tap“, an das ich mich gut erinnere: Man kann dort Stepptanz lernen, alles ist rot angestrichen, ich erblicke ein weißes Klavier, jemand übt hinten seine Schritte, die Absätze knattern.

Nr. 19. Das „Café moderne“, einst ein Couscous-Restaurant, in dem wir ein paarmal vor fünfundzwanzig Jahren gegessen hatten, die Theke links, der hintere Teil überdeckt von einem Glasdach, wie sie in Ateliers für Handwerker üblich waren. Ich setze mich an eins der Tischchen, die seit dem Lockdown auf dem Trottoir stehen dürfen, bestelle einen Kaffee (2,20 €) und einen Schokoladekuchen (7€). Das Lokal gäbe es hier seit 2012, sagt der Kellner, sie seien spezialisiert auf „alles was gehackt wird“, und vor allem auf Hamburger. Vorher sei dort achtzehn Jahre lang „Chez Omar“ gewesen, der dann in die Rue de Bretagne umzog und in den Sylvain mich eingeführt hatte, ohne dass ich bemerkt hätte, dass es der Laden aus der Rue Keller war. Links neben der Haustür dunkle Büroräume, in die man hineinblicken kann, vielleicht ein Architektenbüro.

Nr. 17, rechts ein verrammeltes Geschäft, links die Boutique „Gaëlle Barré“, Frauenmode, und daneben ein Blumenladen, der auch Obst verkauft und Produkte aus der „urbanen Landwirtschaft“.

Nr. 15, wiederum zwei Geschäfte rechts, eine kleine, blau angestrichene Praxis für Physiotherapie und die „Rainbow Factory“, wo Handtaschen, Portemonnaies, Schmuck und Schals verkauft werden, der Fußboden ist mit roten und weißen Kacheln aus Terrakotta belegt. Links das „Johnboni“ (wiederum Frauenkleidung und kleine Täschchen), daneben die Agentur „Kharbim-Tapabor“, auf Schwangerschafts-Therapien mit Hilfe von Kunst spezialisiert! In der Dunkelheit sind Stapel von Büchern, Dossiers und Akten auf Tischen und in Regalen zu erkennen. Auf dem Regenrohr ein Aufkleber gegen Trump, den „Traitor“.

Nr. 13 bis, das „Trémas“, für Modeschmuck, der an Ort und Stelle „kreiert“ wird.

Nr. 13, rechts „Le Petit Keller“, in den wir ab und zu einmal gingen, um dann gegenüber im „Keller“ den Abend, resp. die Nacht zu beenden. Damals waren die Tischdecken rot und weiß kariert, und das Lokal voller Ledermänner, die Eier in Mayonnaise, Roastbeef mit Pommes und Apfelkuchen bestellten. Nun ist der vegetarische Anteil der Gerichte auf der Karte stark angestiegen. Auf der anderen Seite der doppelten, dunkelgrau angestrichenen Haustür liegt ein Take-Away für Bentos, „aus Naturprodukten“, dann die Modeboutique „Anne Wilhelm, Paris New York“ und das „So We Are“, Herrenmode, von zwei Herren geführt, schick. Unten unterhalb der Vitrine klebt ein kleines Schildchen, auf dem steht: „Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung“.

Nr. 11, im ersten Stock liegt der „Espace Keller“, über der grünen Haustür, die ursprünglich auch zu einem Handwerksatelier führte, das renoviert wurde und für Veranstaltungen gemietet werden kann. Unten rechts das „Indian Rocks“, wo Cowboystiefel, feste Schuhe, Jeans, Trapper-Hemden, neu und teuer imitiert, verkauft werden und mit viel Holz eine Saloon-Atmosphäre geschaffen wurde, die mich dazu verleitet, ein Karo-Hemd aus sehr dicker Baumwolle für 120€ zu erstehen. Links wird ein lila angestrichener Laden, das ehemalige „Manga Tops“, vollkommen renoviert; drei Arbeiter klopfen und hacken und lachen auf einer vollkommen leeren Fläche. Ein hinzukommender Anwohner sagt, das Geschäft mit den Mangas liefe heutzutage nicht mehr so besonders.

Nr. 9 sitzt in einem braunen Laden ein bös um sich herumblickender Mann in einem Sessel. Das Geschäft daneben heißt „Saveurs & vous“, eine „épicerie de qualité“. Ein Junge fährt auf dem Fahrrad vorbei und ruft ins Handy: „Der Martin aus Japan hat hier eine Bude“.

Nr. 7 befindet sich rechts das schummrige Lager von „Climatec“, in dem hinter einer gelblichen Jalousie Teile von Klimaanlagen und Heizungskörpern abgelagert werden. Links der orangene Coffeeshop „Kafkaf“, spezialisiert auf Brunchs.

Nr. 5 ist ein Haus, das aus Ziegelsteinen und Beton, nicht wie die anderen Häuser aus Stein und vor allem Gipsstein, gebaut ist. „Petits riens“ ist der Name eines rosa Kleiderladens, in dem eine Art aktualisierte Laura Ashley-Ästhetik mit kleinen Blümchen gepflegt wird, und es gehen naturgemäß gerade zwei alte Engländerinnen hinein.

Nr. 3 liegt der Hauptsitz des Climatec-Imperiums, kaschiert von hellbraunen Rollos, daneben das „Laboté“, mit o, ein bescheidener Schönheitssalon, für „Kosmetik und Botanik“.

Nr. 1 beherbergt das verrammelte Couscous-Restaurant, in dem ich mich einmal mit Waldemar über Freud und über Trennungen unterhielt. Neben dem „Pause Café“ an der Ecke, wo Alex & Leo sehr viel später eine Probezeit im Hinblick auf eine dann doch nicht vollzogene Trennung erwogen, liegt das „Boudoir du regard“, ein fescher Schönheitssalon, in dem rosa Sessel und weiße, glänzende Ruhebetten das Ambiente einer Klinik herbeibeschwören, wobei links am Eingang allerdings ein riesiges Schwarzweißfoto der Sängerin Dalida hängt, vielleicht wegen ihres berühmten Silberblicks. Hier, so las ich in einem Buch über die Gruppe Daft Punk, hatte der Laden „BPM“ gelegen, der mit den neusten Techno-Platten aus Chicago beliefert wurde, zuvor „Bonus Beat“ genannt und von einem Sal Russo geführt, „ein Betonkubus ohne jeglichen Dekor und schwarzen Plastikfliesen auf dem Boden“, das 1992 schloss. Im Jahre 2020, als ich hier vorbeikam, waren es 30 m2 Beton und Plastik, mit zwei 1m50 hohen Lautsprechern und einer ganzen Wand voller Vinyl-Platten.

Das andere Eckcafé auf der Seite der geraden Nummern heißt „Le Centre ville“. Es war einmal ein typisch schlecht riechendes Pariser Bistro, wo man am Eingang Zigaretten und Lottotickets kaufen konnte, nun hat es sich gemausert und ist auf dem Wege hinauf zur Lounge. Daneben liegt ein opakes Geschäft namens „Décorsol“.

Die Elementarschule Keller nimmt die Nummern 4 bis 12 ein. Man darf weder hinein noch fotografieren, aber der Aufseher erlaubt es mir doch kurz. Das Gebäude könnte aus den Dreißigerjahren stammen, es ist aus Beton und Ziegeln gebildet wie das Haus gegenüber in Nr. 5. Die Fenster der Eingangshalle bestehen aus grünen und gelben Scheiben, der Hof ist groß und schön, mit Bäumen bepflanzt. Die lange graue Außenmauer des Schulhofs ist mit einem mehrteiligen Fresko des spanischen Muralisten Escif bedeckt worden, zu dem sich eine Erklärung auf dem Internet findet, und zwar handelt es sich um eine „lineare und fragmentierte Folge, so wie die Schule eine Folge von Erfahrungen und Lernprozessen ist. Der klassische Schönheitskanon wird von griechisch-römischen Skulpturen repräsentiert, unterbrochen von Körpern in Bewegung“. Letztere sind seltsamerweise Fechterinnen in kurzen schwarzen Röckchen, wie sie nachts in einem perversen Internat getragen werden könnten. Das Ganze gab es in den Neunzigern nicht (und auch keine Handys zum Nachlesen von Kommentaren).

Nr. 14, rechts ein Atelier neben der schönen schmalen Holztür. Auf einer Staffelei steht das Doppelporträt von zwei Männern mit geschminkten Lippen vor einem zugezogenen Vorhang, dahinter könnte eine Opiumhöhle liegen, in der man sich über Cocteau oder die letzte Ausgabe von L‘Arcadie ereiferte. Links ein Konkurrent des Tattoo-Ladens gegenüber, das „Landscape“, ganz in dunkelgrau. Eine weitere Anzeige erinnert an die Verschleppung und Ermordung von Cécile und Rywka Redler, 6 und 14 Jahre alt. Hier öffnet sich die Passage Bullourde, in der die ersten schmalen Kataloge meines Musikverlags Una Corda gedruckt wurden. Ich nehme die romantisch durchfurchte Hinterwand des „Keller“ auf, vor die eine Pariser Straßenlaterne gestellt wurde, und ein feministisches Graffiti (gegen das Patriarchat).

Der „Keller“ liegt Nr. 16, neben dem „Atelier“ genannten Kurzwarenladen „Brunette“ (Stoffe, Kleider, Spitzen, Knöpfe). In dem Haus gibt es auch eine Praxis für „energetische Massagen“ und ein Büro für Innenarchitektur.

Nr. 18, das „Pigment“, Kissen, Stoffe und Möbel in Pastellfarben, alles fade oder beige oder verwaschen.

Nr. 20 liegt die braune, ebenfalls noch geschlossene „Fréquence Bar“. Vor der Tür steht ein Kübel zum Ausdrücken der Zigarettenstummel. Das Verbot, in öffentlichen Räumen zu rauchen gab es 1996 noch nicht.

Nr. 22, blaue Metalltür, dahinter das rosafarbene „Manga Neko“, ein „Atelier de couture et d’initiation“, wo Kostüme für ein Cosplay, also Rollenspiele, bestellt werden können.

Nr. 24, das „Mio Posto“ das „authentische Pizzas“ und Cocktails in einem gemütlichem, orange-und kupferfarbenem Dekor serviert. Auf der kleinen, den Bürgersteig zur Chaussée hin verlängernden Terrasse, wie sie seit dem Lockdown letzten Sommer überall gebaut wurden, stehen Sonnenschirme mit der Aufschrift „Spritz Apérol“. In den Neunzigern gab es den Spritz bereits, aber die Mode noch nicht. Auch diesen Posto nicht.

Nr. 26 befindet die Galerie „Akié Arichi“. Derzeit werden schlimme Bilder von Tarik Cehbli und eine Spur weniger schlimme von Denis Orhant ausgestellt. Ein älterer Mann, der auf einem Hocker sitzt, reicht mir mit einer resignierten Geste den Flyer, es könnte Chebli selbst sein.

Nr. 28 lag die „Luna“, genannt der „Mond“, der so lange Zeit nachts so lang auf war. Zuvor war es die erste Diskothek für House music, auch Laurent Garnier begann hier, aufzulegen.

Nun ist daraus das „Mojito Lab“ geworden, in der man „the Mojito experience“ machen kann.

Nr. 30 gibt es rechts das „Dotsy“, das Glückwunsch-und Visitenkarten konzipiert, „to celebrate life and to awaken the senses“ (das passiert zum Beispiel, wenn man sie auseinanderfaltet). Ein nicht unattraktiver junger Schweizer erklärt uns drei Besuchern das Konzept, woraufhin ich gefragt werde, was ich so im Leben mache. Einer der drei Anwesenden weiß, wer Boulez ist. Daneben liegt die „Pandora Boutique“, und links „L’Indien“, für Rocker-Kluft. Ein Foto zeigt den Laden mit einer Telefonnummer ohne die 01, welche 1996 eingeführt wurde. Die Kleider waren heller, schlaffer, hippieartiger, vor dem Einbruch der Kapuzen und des Schwarz. Ich nehme das Magazin „Metal Obs“ mit. Auf den Fotos machen sämtliche Bands ernste bis stinksaure Mienen.

Nr. 32 ist ein ganz schmales Haus, en travaux.

Nr. 34 das „Volver“, eine kleine argentinische Pizzeria, und links die Bar „Dr. Feelgood“, wo auf engem Raum DJs mixen können, davor zwei große Bierfässer.

Die Nr. 36 ist sehr breit. Ein weiteres „Indie“-Geschäft, dann kommt das „Holycake“, für Brunchs und „selbst erschaffene“ Desserts (weiteres Zeichen der neuen Kreativitis, die in den Achtzigern begann). Die ganze Woche über von zehn bis sechs geöffnet, sonntags bis vier. Daneben eine Parterrewohnung mit geschlossenen Fensterläden. Auf der Hauswand klebt ein Flyer für ein Konzert von „Apocalypse“ in dem „Piccolo“ in Saint-Ouen, das am 4. September 2010, also vor immerhin zehn Jahren, stattfinden wird. Links neben der breiten, rot angestrichenen Haustür die „Ravioli Bar“ und eine etwas altmodische Zahnarztpraxis.

Nr. 38 der Kuchenbäcker „Nanan“, ebenfalls noch geschlossen. Dann der alternative Buchladen „Lady Long Solo“, der sich äußerlich nicht verändert hat. Ich durchsuche die Bücherkisten vor dem Laden und kaufe den Roman Week-End à Zuydcoote von Robert Merle, für den er 1949 den Prix Goncourt erhielt, vorne mit einer handschriftlichen Widmung an Georges und  Suzanne Kortazzi. Ich sehe im Netz nach: Eine Frau, die so hieß, starb am 14. Dezember vor zwei Jahren, und ihre Totenmesse wurde in der Kirche der Rue de la Roquette, hundert Meter weiter, gelesen. Wahrscheinlich wohnte sie hier und ihre Regale wurden rasch geleert. Drinnen nehme ich ein Manifest von Timothy Leary hinzu, was zu einem kurzen Gespräch mit dem Inhaber führt, der sich für die therapeutische Verwendung von Drogen einsetzt. An der Ecke das geschlossene „Comptoir du désert“, wo ich mehrfach Kleider gekauft hatte, die sich nun längst zersetzt haben.

◊

Die Straße hat sich ein wenig gentrifiziert – Bio-Läden, die Feinkost, der Modeschmuck, die Visitenkarten, die Schönheitssalons – aber nicht radikal, also genau so, wie es typisch für die Viertel im Osten ist. Geschlossen oder aufgegeben worden sind nur wenige Geschäfte oder Betriebe. Die Läden für Klimaanlagen und Teppichböden fallen mir nun auf. Es ist kein typisches Büroviertel, wo mittags viel Street food gebraucht wird. Traditionelle französische Küche und Couscous sind verschwunden. Die Pizza hält stand. Die alte populäre Kultur – Stepptanz – und die Popkultur – Rock – trotzen den Mangas, letztere geht in der urbanen Kultur auf, der Selbstdarstellung der Metropolen und ihrer Bewohner durch Graffiti, Piercings, originell dekorierte Bars. Aber noch gibt es keine Cafés mit Regalen voller Bücher, die die Kunden anlesen können, oder Open Spaces, wo Süppchen oder ein Latte neben Rechnern geschlürft werden. Es gibt nur eine Kunstgalerie, und zwei auf Fotografie spezialisierte. Das Nachtleben ist weiterhin gut vertreten.

Ich könnte nun ein Zimmer in dem Hotel nehmen, versuchen, mich einen Monat lang nur innerhalb dieser 300 Meter zu bewegen, und in einige Häuser zu kommen, mich probeweise energetisch massieren lassen, mich genauer über Youth Culture informieren, mich im Säbelfechten üben, plötzlich mit einer lilafarbenen Perücke in einer Bar auftauchen.

Ich muss die Straße in ein paar Jahren neu sondieren, denn in fünfundzwanzig Jahren liege ich ja in meinem endgültigen Keller.

◊

  1. September 2026

Sechs Jahre später. Diesmal sehe ich vorher nach, wann die Straße überhaupt eröffnet wurde, nicht nur in meinem Leben. Das geschah am 3. November 1856, als Haussmann‘s Umgestaltung von Paris bereits voll im Gange war. Man kann sich die Einweihung ausmalen – der Bürgermeister des 8. Bezirks (aus dem erst später der 11. wurde) zerschneidet ein Band, und gewiss ist eine Fanfare da, aber sie spielt nicht die „Marseillaise“, die im 2. Kaiserreich nicht mehr die Nationalhymne war, sondern ein Lied („Partons pour la Syrie“), das die Mutter des Kaisers, Hortense de Beauharnais, komponiert hatte. Die Straße durchschnitt das Terrain eines ehemaligen Kohlenmarkts und wurde zwei Jahre später nach dem Goldschmied und Metallgießer Jean Balthazar Keller (1638-1702), benannt, der als Hans Johann Balthaszar Keller vom Steinbock in Zürich geboren wurde, und einige Allegorien für den Park von Versailles goss.

Ich beginne um 10:45.

◊

Nr. 31. Aus dem Kleidergeschäft an der Ecke zur Rue de la Roquette ist also das hübsche „Brother/Sister“ geworden. Der Espresso kostet derzeit 2,50 €, der Matcha-Latte 5€ oder 7€ je nach Größe. Das Hotel wurde renoviert, die Fassade mit einem crèmefarbenen Verputz stark vereinheitlicht und das Ganze in Apartments umgewandelt. Das Haus, wie fast alle dieser Straße, hat fünf Stockwerke (manchmal sind es vier oder sechs), wozu eine abgeschrägte Mansarde (manchmal zwei) mit der typischen Verschalung aus dunkelgrauem Zink hinzukommt. Die alte Holztür ist noch da, aber, wie mir einer der drei Arbeiter sagt, die auf der Straße warten, das schmale Schild aus rotem Granit, das links in die Türeinfassung eingelassen ist, und auf dem, vertikal und in goldenen Lettern, die Bezeichnung „Hotel“ steht, würde sicher weggenommen. Auf dem Internet findet sich eine Baugenehmigung vom 17. Januar 2025, die erlaubt, einen Aufzug einzubauen, sowie ein Glasdach über ein Innenhöfchen zu ziehen. Der Preis für einen Quadratmeter liegt in dieser Stra‹ße bei 10 000 €.

Nr. 29, links die flaschengrüne Galerie, die Fotografien ausstellt, diesmal lautet das Thema „Emotions singulières“. Der Giebel der Eingangstür des Hauses ist mit dem Kopf eines bedrohlichen Wolfshundes verziert, der einen Ring in der Schnauze hält, von dem aus links und rechts zwei Akanthus-Garben symmetrisch neben dem blauen Nummernschild herabfallen. Rechts liegt ein Geschäft namens „New Rock Paris“, wo man sich in schwarzes Leder einkleiden lassen und dazu Stiefel, schwarze Plateauschuhe, von denen es auch eine „ikonische vegane Kollektion“ gibt (eher hell oder blau oder bunt), T-Shirts mit dem Aufdruck „Mars attacks“ oder schwarze Fächer verschiedener Größe mit der Aufschrift „Hysteria Ink“ kaufen kann Die Boutique gehört weiterhin mit denen von Nr. 30 und 36 zusammen, man soll dort schellen „if closed“.

Nr. 27, rechts das „Black Sugar“, Kostüme, Masken, Teddybären; die Altersgruppe der Kunden ist mir unklar. Links eine Galerie, ebenfalls grün angemalt, die weiterhin afrikanische Künstler präsentiert, aber um elf Uhr sind die Werke noch nicht zu betrachten. Jedes der Fenster dieses Hauses ist mit einem skulptierten Rahmen umgeben, und über den zartgrün angestrichenen Holzläden liegt eine Zierleiste, in die Ranken eingeritzt sind, die eine kleine Rosette umgeben. Vor dem Bürgersteig, wie vor mehreren anderen Gebäuden, wurde eine Ladestation für elektrische Fahrräder eingerichtet. Nur auf dieser Seite der Straße dürfen Autos parken.

Nr. 25 liegt links das ehemalige „New Rock Paris“, das Geschäft wurde in die Nr. 29 verlegt, eine alte Platte von Jimmy Hendrix verstaubt noch in der Vitrine. Wie in manchen anderen Häusern der Straße wurde die Eingangstür durch eine Metalltür ersetzt (blau). Rechts hat ein Co-Working-Space das ehemalige Fingernägel-Laboratorium ersetzt. Es handelt sich um einen „espace déconnecté“, wobei nicht klar ist, ob es kein Wilan gibt oder ob die Abschaltung lebensphilosophisch als Auszeit zu verstehen ist. Er ist auf jeden Fall noch geschlossen. Der Kaffee kostet wie an der Ecke 2,50 €, der Matcha-Latte 5,80 €.

Nr. 23 ist ein breiteres Haus, das, einer Internetseite zufolge, 1836 erbaut wurde. Rechts liegt ein asiatischer „Neo-Mart“, der, so der scheue Inhaber auf meine Frage hin, vor sechs Monaten öffnete, und daneben der „Vintage-Shop Chloé“. Chloé hat eine Vorliebe für Dior, es liegen sogar ein paar alte Pakete mit grauen Strümpfen aus. Linker Hand befindet sich der „Pop-Culture Shop“, dessen Vitrine mit Comics und zahllosen identischen Metallpüppchen namens Leia oder Iron Man angefüllt ist, und daneben wird im „Abraxas“ weiterhin munter gepierct.

Nr. 21 liegt links das „Swingtap“, der Ort, wo man Unterricht in amerikanischen Stepptanz mit den geeigneten Schuhen, insbesondere nicht die von Nr. 29, nehmen kann, gestaffelt nach sieben Niveaus. Auch online ist das möglich. Es werden überdies kleine Konzerte veranstaltet, und letzten Juni sang eine Sarah Manesse Chansons aus dem Repertoire von Piaf, Streisand, Fitzgerald, Minnelli, Franklin u.a. Rechts liegt der Laden „L’Ex fumeur“ (hier war früher die Cocktailbar), türkisfarben, mit Utensilien der Marke Vaporesso für all die, die aufgehört haben zu rauchen und vapen.

Nr. 19 ist sehr schön, und war eine Zeitlang das Rathaus des 11. Arrondissements. Unten rechts ist das „Ordinaire“ noch geschlossen, prangt aber mit so schönen honigfarbenen Holzläden, die man abends vor die Fenster einsetzt und beim Öffnen wegnimmt, in der Sonne, dass man es nicht bedauert. Das Burger-Restaurant, das dem Couscous-Lokal nachfolgte, das seinerseits in einen ehemaligen Tabakladen einzogen war, wurde nun von dem chinesischen Koch Liang Shan übernommen, so steht es auf der Homepage von „Le Monde“, was wohl bedeutet, dass die Gerichte alles andere als ordinär und die Preise nicht billig sind. Der typische ockerfarbene Anstrich der Pariser Brasseries wurde beibehalten.

Nr. 17 ist rechts ein Geschäft zu vermieten, der eiserne Vorhang hinuntergelassen. Es war auch vor sechs Jahren verrammelt, aber es gab auch einen Blumenladen in einem Teil. Auf einem Plakat wird eine Aufführung von Mozarts Requiem angezeigt, während ein Uber anhält und das charakteristische Arpeggio, das dem Kunden die Ankunft signalisiert, erklingt. Ansonsten ist die Straße zu dieser Zeit ruhig, die Klänge erwachen langsam. Abends wird gewiss viel gekreischt und gelacht. Die Haustür wird von zwei Pilastern eingerahmt, deren Kapitelle eine korinthische Ordnung raffiniert mit einer großen Muschel und Blättern imitieren. Links liegt noch immer das blau-lila gehaltene Kleidergeschäft „Gaëlle Barré“, das nur mittwochs und samstags geöffnet ist. Eine aus zwei schlaffen Schläuchen bestehende Leinenhose soll Kundinnen anlocken.

Nr. 15 ist das modernisierte, nicht besonders schöne und nicht sehr liebevoll verputzte Haus. Fünfundfünfzig Wohnungen sind auf sechs Etagen verteilt. Rechts (die frühere Praxis für Physiotherapie) liegt die Baustelle des „Café Céramique“, das im Oktober öffnet. Das Konzept – sagt einer der eifrigen Arbeiter mit einem allerdings skeptischen Lächeln – bestünde darin, einen Kaffee zu trinken und gleichzeitig Tassen und Unterteller zu bemalen. Der Tresen ist sehr schön, hellorange. Die „Boutik Broc“, ein Trödlerladen links neben dem Hauseingang (die ehemalige „Rainbow Factory“) ist noch geschlossen, ein Trupp Kinder läuft aus der Schule am anderen Ende der Straße heraus, und die sehr angespannte Inhaberin des „Marie Sixtine“ (das einmal „Johnboni“ hieß) behält währenddessen einige Kundinnen im Auge, die ihre zarten Pullis für 150€ umwenden.

Nr. 13bis unterhalte ich mich ein wenig mit der Inhaberin des „Trémas“, die auf der Türschwelle ihres Ladens hockt und versucht, ein kleines Regal auseinanderzunehmen. Sie muss ihn schließen. Hinten sind ein paar triste Keramikgegenstände erkennbar. Viel hätte sich in der Straße geändert, Büros seien weggezogen, Telearbeit sich eingebürgert, so dass sehr viel weniger Leute vorbeischauten. Und am Wochenende wollte jedermann aus der Stadt heraus. Früher hätte sie für die Presse gearbeitet, aber was überhaupt von der übrigbliebe, das wisse sie nicht. Manchmal hieße es, dass die Fünfziger bei der Suche nach Arbeit ein Vorteil seien, sie könnte das nur hoffen. Ihr Nachbar rechts ist das „Tarantula“, ein mexikanisches Restaurant („halluzinogene Tacos“ soll es hier geben, laut einem Kommentar auf dem Internet), das frühere „Petit Keller“, dessen Aushängeschild mit den roten und grünen Schriftzeichen aber für sentimentale Pilger beibehalten wurde. Auch drinnen hat sich wenig geändert (hellbeiger Anstrich, Tresen rot und schwarz, Kugellampen).

Nr. 13 kann man weiterhin in dem „Anne Willi“, das es seit 1998 gibt, Damenkleidung kaufen, die „nur in Europa produziert“ wird, wie auf dem Schaufenster steht. Rechts hat die Weinbar „Giclette“ (1 Glas kostet 5€, bei dem Mexikaner geht das bis 18€) das „So We Are“ (Herrenmode) abgelöst.  Es ist 11:30, der Glockenklang der Pausenschelle von unten erfüllt die Straße, so laut wie ein Fliegeralarm, gefolgt von Juchzen. Ein Schild zeigt die Erlaubnis für die Renovierung der fünfundzwanzig Wohnungen in Nr. 13 und 13bis ab Juni 2025 an.

Nr. 11 besteht das „Indian Rocks“ weiterhin. Das wollene Cowboy-Hemd, das ich vor sechs Jahren hier kaufte, wurde in der Zwischenzeit dem mageren Maler Yahya geschenkt, zu dessen glänzend schwarzer Haut es viel besser passte. Rechts neben der Haustür liegt der „Espace Keller“, für „Vorstellungen, Körperdisziplinen, kulturelle Aktivitäten“, aber nun definitiv geschlossen. Der daran anstoßende Schönheitssalon wird umgebaut, aber naturgemäß das Rosa beibehalten – die hätten da, meint eine Frau, die vorher fragte, ob ich hier irgendwas kontrollieren würde, Probleme mit „kleinen Tierchen“ gehabt.

Nr. 9 trete ich in den Hinterhof (Dach aus ursprünglich transparenten Wellplatten, Grünpflanzen, Abfalltonnen, Fahrräder) und fotografiere den eisernen Vorhang der Büroräume rechter Hand, auf die jemand „Protect vs Poverty“ und „Young Life“ (unter einem stilisierten Totenkopf) sprühte. Links hat sich der Laden „Saveurs & vous“ für Lebensmittel, die direkt vom Erzeuger geliefert werden, gehalten. Oberhalb der blauen Markise sind allerlei Sterne aus Flittergold angebracht, die an Weihnachtsschmuck erinnern.

Nr. 7 liegen rechts die Büroräume des „Climatec“-Imperiums, links das „Kafkaf“, jenes „Coffee-to-go“, das 2020 gerade erst eröffnet worden war. Die Kellnerin strahlt, der Cappuccino, sehr gut, kostet 5€ und wird von einem unterwürfigen Pakistani serviert, der dazu einen blechernen Wasserkrug herbeiträgt, eine Art Neo-Vintage-Objekt, mit hellblauen vertikalen Streifen bemalt. Ich setze mich an eins der roten Tischchen auf dem Bürgersteig, an dem anderen, mir gegenüber, schreibt ein junger Mann mit Dutt in ein Schulheft Dinge, die vielleicht, denn er stützt den Kopf dabei so melancholisch auf den Ellenbogen, der Entwurf eines Trennungsbriefes sind. Oder ist auch er auf einer sentimentalen Reise?

(Ich sinniere ebenfalls. Wozu diese Schilderung? Ist es nur eine Schreibübung, eine Beschreibübung? Soll aus poetischen Sehern nüchterne Betrachter werden? Aber was kann man gegen die Konkurrenz der Bilder tun, die schnell gemachten Pics, oder gegen Google-Maps? Lassen die Bilder uns mehr übersehen als sehen? Was hätte Perec gesagt? Aber weiter, immer weiter).

Nr. 5, das moderne Haus, eine 1914 beendete Konstruktion, wurde 1992 umstrukturiert. Also sind die Backsteine wahrscheinlich nur eine Schicht, die Backsteine vortäuscht. Das Geschäft „Les Petits-hauts“ (die kleinen Oberteile) sucht eine Verkäuferin. Ob sie die doppelschläuchige Hose und den sackartigen Rock mit dem schwarz-weiß gescheckten Pferdefellmuster losbekommt?

Nr. 3, Baujahr 1900, aus Backsteinen, diesmal echten. Rechts die Büroräume des „Climatec“, mit Lettern aus der Drucktype Palatino, die so oft in den Neunzigern verwendet wurde, und links weiterhin das „Laboté“. „Konzentrierte Behandlung mit aktiven und frischen Produkten, genau dosiert“.

Nr. 1, rechts außen hat sich das marokkanische Restaurant „Souk“, das nur abends geöffnet ist, gehalten, aber das „Image de soie“, auf Unterwäsche und Mützen spezialisiert, ist weg. Plakate, auf das Schaufenster geklebt, bieten Klavierunterricht und Nachhilfe für Schreibprobleme von Kindern an („Graphotherapie“). Auf der Eingangstür steht ein Schablonengraffiti der Künstlerin La Dactylo, die immer sehr gute Sprüche erfindet („Die Nacht, mein Korridor“, war einmal auf einer Brandmauer Rue de Belleville zu lesen), diesmal nicht so überzeugend („Mein Leben seines ursprünglichen Sinns entleeren, und dann auf dem Bahnsteig auf den nächsten warten“). Links triumphiert das „Boudoir du regard“ („und wenn das beste Investment ihr Blick wäre?“). Man kann sich etwa die Augenbrauen „neu strukturieren lassen“ (32 €), oder den Effekt „Bladed Brows“ wählen (210 €), der 24 Monate vorhält. Das Foto von Dalida ist verschwunden.

Nr. 2, auf der gegenüberliegenden Seite, stößt das „Centreville“ an eine „Residenz“ von Sozialwohnungen. Unten das Teppichgeschäft „Décorasel“, seit 1973. „Sind Sie es, für das Radio?“ fragt eine ältere Frau, die auf die Lieferung eines Apparats wartet. Auf die Schmalseite des Hauses wurde ein Fresko gemalt, auf dem ein chinesischer Junge zu sehen ist, der entsetzt guckt und ein Mädchen, das aus einem Kahn flieht.

Nr. 4-12, die Schule, die 1937 auf dem Grundstück einer ehemaligen Dampflokomotiven-Fabrik erbaut wurde und zuerst eine Jungenschule war. Die Kinder, die vor sechs Jahren fünfzehn waren, sind nun einundzwanzig und keine Kinder mehr. Links oben steht auf einem imitierten blauen Straßenschild „Rue Elisa J’te Kiff“. Auf der großen dunkelgrauen, immer geschlossenen Eisentür, die in den Schulhof führt, sind unter anderem das weiße Profil eines Raben, ein Schlittenhund und bunte dreieckige Formen zu sehen, was alles einer Auslegung bedürfte.

Nr. 14 hat der Maler, oder das Original, das dort rechts unten wohnt, in seinem hübschen Bogenfenster das Porträt einer schwarzhaarigen Frau ausgestellt, der die Kinnlade herunterfällt. Das „Landscape Tattoo“ daneben, nun sehr feudal, gäbe es seit 2015. In der Passage Bullourde, die hier seit 1864 einmündet, klebt ein kleines Plakat für eine Ausstellung in der Nr. 13 (Gersende Crepel).

Nr. 16, „Le Keller“, auf der anderen Seite der Passage, wo ich seit sechs Jahren nicht mehr war. Tun sie etwas für den hundertjährigen Geburtstag von Foucault am 15. Oktober?  Der Kleiderladen „Atelier Brunette“ öffnete im Jahr 2008, mit Kreationen (viel braun), die eine „personalisierte Erfahrung“ seien. Mittlerweile tönt Klaviermusik aus der Stepptanz-Zentrale, es ist halb eins, und ich sehe, dass der Trödelladen gegenüber aufgemacht hat. Ich blicke über Tische, die mit hübschem Geschirr beladen sind, man könnte sich eigentlich für jede Saison ein Service leisten, ich sehe Kartons mit Langspielplatten durch („Die 4 Stars des Akkordeons“, Julio Iglesias, Manuel de Falla mit Lorin Maazel bei DGG, Luis Mariano mit baskischen Liedern, Jean Ferrat) und vergucke mich dann in ein kleines, ein bisschen kitschiges Ölbild, das den Strand von Etretat darstellt, etwas verschwommen, der Himmel ist extrem blau, der Maler heißt Jean Pabois, und ich kaufe es (80€).

Nr. 18 ist das jüngste Haus der Straße und beherbergt die „Résidence Keller“, ein Altenheim. Es gibt dreiundzwanzig Plätze. In einem der Fenster oben raucht ein schnurrbärtiger Mann und wirft verächtliche Blicke auf die Straße. Im Hof liegt der „Club Keller“, der Aktivitäten für Senioren anbietet, auch Sport (Gymnastik, Badminton).

Nr. 20 wird von der Bar „Fréquence“ eingenommen, es gibt sie immer noch, sie schließt um zwei Uhr nachts, am Wochenende um vier.

Nr. 22 hält das „Mangadori“ die Fahne Japans aufrecht. Viel Püppchen. Gesucht wird per Anzeige eine Person, die sich in „Japanimation“ und Popkultur auskennt. Angeboten werden Sprachstunden (40€ für die erste Stunde, dann geht es online weiter).

Nr. 24, ein schmalschultriges Haus, unten liegt das „Gruppomimo“, der Nachfolge-Italiener des früheren Aperol-Lokals. Pizzas zwischen 12€ und 22 € (diese aber mit Trüffeln), ein Glas Wein nicht über 8€. Auf der Mauer klebt eine kleine Anzeige für die „FW26 Party“ in der „Banquise“ im 12. Arrondissement, am 19. September. Welch früher Abschied. Es stellt sich aber heraus, dass ein Tattoo-Laden, nicht das Jahr, verabschiedet wird. Was hier früher war?, frage ich einen Kellner auf dem Trottoir. Das könnte er nicht sagen, es sei sein erster Tag hier.

Nr. 26, Baujahr 1900, eng, sechs Stockwerke, achtzehn Wohnungen darin, unten die Galerie „Akié Arichi“, die blass-vornehme Werke von fünf Künstlern ausstellt. Eine gute Radierung von Claire de Chavagnac, der „Meisterkünstlerin“, die vier Eleven auswählte, steht im Schaufenster.

Nr. 28 ist das „Vice Versa“ noch zu. Die Homepage zeigt eine purpurrote Cocktailbar, die man auch ganz oder teilweise privatisieren kann, bis zu zweihundert Personen passen hinein. Am Wochenende wird bis um fünf Uhr morgens dort getanzt – in den Räumen unserer „Luna“.

Nr. 30, Baujahr 1872, gibt es rechts seit einigen Jahren das kleine „Théâtre Pandora“, zwanzig Sitze, eine kleine Bühne und ein Bildschirm für Filmprojektionen; früher wurde es als „Boutique“ bezeichnet. Links wie ehemals das „Indien“, das zur Nr. 29 gehört und wüste, zu den Plateauschuhen passende T-Shirts verkauft. Ab hier muss ich der Versuchung widerstehen, schneller zu schreiten und zu schreiben, um fertig zu werden.

Nr. 32 ist eine mit Led-Lampen grell ausgeleuchtete Baustelle, deren Eintritt mir von zwei missmutigen Arbeitern in orangefarbener Kluft verwehrt wird. Es wurde aber schon vor sechs Jahren hier umgebaut.

Nr. 34, das „Blanca“, auf dem Menü viel Fleisch (ab 40€) und ein Barsch (50€), und links neben der rot angestrichenen Haustür, die noch die von 1850 sein könnte, das „Dr. Feelgood“, ein „Rock-Bar-Temple“, wo unzählige Biersorten in einem schwarzen Intérieur angeboten werden

Nr. 36, rechts ein türkis angestrichener Laden, vom man nicht weiß, ob er in eine Privatwohnung umgewandelt wurde; innen im Schaufenster, das halbhoch mit weißen Gardinen verhängt ist, klebt ein Plakat des karibisch-kamerunischen Duos Djeuh Djoah Lieutenant Nicholson. Es folgt die dritte Zweigstelle des „Indien“ mit schwarz-gotischen Outfits, und das „Buena Onda Cà Phè“, ein vietnamesischer Coffee-Shop, der argentinische Sandwiches serviert. Wie vor den meisten anderen Lokalen der Straße ist die kleine hölzerne Terrasse auf der Chaussee beibehalten worden, ein Überbleibsel aus der Zeit von Corona, für das man nun aber eine Steuer entrichten muss und das nur vom 1. April bis 31. Oktober erlaubt ist. In der Vitrine hängt die Erlaubnis (Nr. DSN130171-1, 4,00m x 1,70m). Links neben der lädierten blutroten Doppeltür kommt die Zahnarztpraxis, die ein angelaufenes Messingschild anzeigt, und das „Coco Poke Time“, die asiatische Ravioli-Bar, in der ich im Februar kurz mit Alex war. Von ihm erfuhr ich, dass 1994 in der Nr. 3 das schwul-lesbische Zentrum CGL lag, das in der Hochzeit der Aids-Epidemie eine Zuflucht für viele war. Es gab sogar eine kleine Zeitschrift, die „3 Keller“ (52 Nummern). Ich war daran immer vorbeigelaufen.

Nr. 38 ist vollkommen von einem Baugerüst umgeben. Das Haus wurde zwischen 1801 und 1850 errichtet, wäre also das älteste der Straße. Der Bäckerladen „Nanan“ („willkommen in einer süßen Welt“) stößt weiterhin an den 1995 eröffneten Buchladen „Lady Long Solo“, wo man auch Hanf kaufen kann, und in dessen Schaufenstern heute dekoloniales Schrifttum ausliegt. Langezeit (bis 2020) wurden hier nach Ladenschluss vier Matratzen ausgelegt und Migranten über Nacht beherbergt. Ein Mann mit Bauhelm fragt mich, ob ich der Eigentümer des Hauses sei? Er wartet auf diesen, denn er leitet die Baustelle, nachdem ein Brand im 5. Stock ausgebrochen war. Er erzählt, dass auf einer anderen Baustelle Rue Jacob auch einmal ein alter Mann in das Haus getreten war, in dem er vor Jahrzehnten gewohnt hatte, und bei einem ehemaligen Nachbarn schellte, mit dem er dann Kaffee trank. Im „Comptoir du désert“ an der Ecke sagt die Verkäuferin, dass es das symmetrische Herrengeschäft gegenüber ja schon seit acht Jahren nicht mehr gäbe, also vor der Matcha-Ära.

Um 13 Uhr ist der Rundgang beendet.

◊

Es scheinen sich mehr Geschäfte und Restaurants erhalten als verändert zu haben. Wenn neue eröffnet wurden, ersetzten sie vergleichbare. Es ist kein Juwelier eingezogen, kein Elektrogeschäft, kein Telefonladen, kein Waschsalon, kein Späti (das Geschäft in Nr. 23 macht um 21 Uhr zu). Die Straße hat sich auch nicht rabiat gentrifiziert (abgesehen von dem Dolchstoß des Fusions-Chinesen Nr. 30), und es klettert auch niemand an den Fassaden hoch, um sie mit aufgeplusterten Graffitis zu bemalen, wie etwa im 18., 19. und 20. Arrondissement. Man würde die Rue Keller nicht als „Einkaufsstraße“ bezeichnen, obwohl in fast jedem Haus ein Geschäft liegt, vielleicht weil man zugleich die populären oder kollektiven Einrichtungen wahrnimmt – Rock, Bier, Altersheime, Schule, Sozialwohnungen, der linksradikale Buchladen, fast alle auf der Seite mit den geraden Nummern, der Ostseite. Sie hält die Waage. Fast hat sie etwas Idyllisches, denn es gibt hier nicht nur Essen und Kleidung zu haben, wie allmählich überall sonst in der Stadt.

Die kleinen Plakate und Aufkleber auf Regenrohren und Hauswänden sind fast ganz verschwunden, oder werden schneller weggenommen, was 2020, wo sie sich während des ersten Lockdowns im Frühling abgelagert hatten, nicht der Fall war. Solche Dinge werden von Google-Maps nicht aufgefangen, immerhin.

Wie soll es weitergehen? Vielleicht sollten jetzt auch Geschichten erzählt werden. Spannungen zwischen Einwohnern und der Polizei gab es 2013-17, als der ehemalige Innenminister und Premierminister Valls genau über dem Buchladen wohnte und das Haus bewacht wurde. In der Nacht vom 21.-22. Juni 2024 wurde gegenüber im „Nouvelle France“ (wo, wie sich nun herausstellt, meist Sozialhilfeempfänger untergebracht wurden) der vierundsechzigjährige Nachtwächter Manu ermordet. Die Täter raubten den Tresor, in dem die Einnahmen des Monats lagen, ließen ihn aber auf der Straße vor der Ladestation liegen, weil er sehr schwer war, und entkamen mit dem Geld.

Und was passiert oben in den Häusern? Ist hinter den Fassaden von Paris/das Leben noch einmal so süß (Mireille Mathieu)? Das nächste Mal, falls ich ein Stipendium bekomme, miete ich mir ein Airbnb in der Straße und mache Geschichten.