Die Gegenwart der Tragödie. Exzellenzstrategie von Bund und Ländern 2026

„Exzellenz“ erscheint wissenschaftspolitisch gegenwärtig in mindestens drei Formaten: zum ersten als Status, zum zweiten als Ergebnis und zum dritten als Dispositiv. Exzellent sind Exzellenzuniversitäten dann, wenn sie diesen Status im Rahmen der Exzellenzinitiative und -strategie verliehen bekommen haben. Exzellenz ist zweitens das Ergebnis kommunikativer Operationen der „Ankündigungsuniversität“ (Alt), die Zukunft als exzellent verspricht und somit eine Prognose für die Zukunft erstellt. Zum Dritten ist Exzellenz ein zentrales „Dispositiv“ des wissenschafts- und hochschulpolitischen Feldes. Exzellenz, das ist ja das Entscheidende, kann man nicht sehen, man muss sie herstellen und sich vorstellen, damit sie sichtbar wird. Eines nämlich haben die drei genannten Facetten von Exzellenz gemeinsam: ihre theatralen und performativen Elemente. Exzellenz ist weder bloß ein „Narrativ“ noch firmiert sie exklusiv als eine Art politisches Bild für eine veränderte Steuerung von Wissenschafts- und Hochschulsystemen. Vordringlich ist Exzellenz eine Praxis, die auf einer veränderten sozialen und politischen Grammatik des Wissenschafts- und des Hochschulsystems beruht. Exzellenzstrategien werden umwölkt von sinkender Grundfinanzierung und von zu vielen Deals zwischen Bund und Ländern zu Lasten der jeweiligen Hochschulen, an denen gelehrt und geforscht und eine steigende Anzahl von Studierenden versorgt werden muss.

Die Pressekonferenz am Nachmittag des zweiten Oktober war vor allem im Hinblick auf die theatrale Praxis aufschlussreich. Medium der Inszenierung war die so genannte ‚Liveschalte‘. In dieser war man an den Gewinnerstandorten über Videokonferenz mit, um es einmal metonymisch zu sagen, Bonn verbunden. Die Bilder zeigten jubelnde Menschen, eine, wie es der Dortmunder Rektor Beyer es in einer Videobotschaft formuliert, „Eskalation“, die er mit den Geschehnissen auf der Südtribüne im Westfalenstadion (vulgo Signal-Iduna-Park) nach einem Tor der glorreichen Dortmunder Borussia verglich. Für das Ruhrgebiet aber, so der einhellige Ton der Pressemitteilungen der beteiligten Universitäten, des Regionalverbands Ruhr, des Ministeriums und der Wirtschaftsverbände, sei der Erfolg des „Ruhr-Innovation-Lab“ ein regional- und innovationspolitischer Booster ohnegleichen. Das Ruhrgebiet ist jetzt endlich auf Augenhöhe mit Berlin und München. Das Ruhrgebiet verfügt über eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas. Primus inter pares unter den Ruhrgebietshochschulen ist die 1965 eröffnete Ruhr-Universität. Die Ruhr-Universität ist wiederum auf regionaler Ebene im Universitätsverbund „Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr)“ mit der Universität Duisburg-Essen und der Technischen Universität Dortmund seit 2007 vernetzt. Die Selbstbeschreibung dieser Allianz, die man auf der Website findet, lautet: „Die Universitäten der UA Ruhr kooperieren, um durch eine Bündelung ihrer Kompetenzen und Stärken noch leistungsfähiger zu werden. Sie verfolgen dabei die Philosophie, Wettbewerb und Kooperation ausgewogen und gewinnbringend einzusetzen.“ Der Erfolg in der Exzellenzstrategie wird unter anderem den, wie es im Neusprech des marketingorientierten Wissenschaftsmanagements heißt, „Synergieeffekten“ gutgeschrieben, die seit 2007 entstanden sind.

Die Metropole Ruhr funktioniert als Metropole im Bereich der Universitäten bestens: eine Universität mit zwei Standorten in zwei verschiedenen Ruhrgebietsstädten (Universität Duisburg-Essen), eine Universität, die nicht Universität Bochum, sondern Ruhr-Universität heißt, symbolisieren hier etwas im Wissenschaftsbereich, was in anderen gesellschaftlichen Bereichen des Ruhrgebiets sich erst noch entwickeln muss: eine gemeinsame Identität, die Unterschiede kennt, sie aber auch nutzt. Seit längerem gibt es die Ruhrkonferenz, einen losen Verbund, der die Entwicklung der Metropole Ruhr in einem Netzwerk auf Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Bildung und Kommunen voranzutreiben versucht. Die Universitäten gehen voran. So hat das Land beziehungsweise die „Ruhrkonferenz“ im März 2021 beschlossen, den Aufbau von universitätsübergreifenden Forschungsschwerpunkten jährlich mit bis zu fünfundsiebzig Millionen Euro zu unterstützen. Diese Förderung ist, so hört man, finanziell unter anderem der Nukleus der nunmehr erfolgreichen Bewerbung von Dortmund und Bochum gewesen. Leider mussten Bochum und Dortmund aber als Schwundverbund antreten. Der gescheiterte Duisburg-Essener Antrag auf das Exzellenzcluster „REASONS (River Ecosystems in the Anthropocene)“ wurde im August 2024 eingereicht, konnte sich im Mai 2025 jedoch nicht unter den siebzig geförderten Exzellenzclustern durchsetzen. Als Geste des Trotzes muss man die Tatsache interpretieren, dass die Universität dem gescheiterten Exzellenzcluster auch ohne Exzellenzmittel ein neues Gebäude baut und interne Forschungsmittelflüsse dahin leitet. Aus dem Scheitern des Clusterantrags resultieren also ein Aufbegehren und eine Umwidmung der Mittel und gleichzeitig eine neue politische Geographie der Hochschulen im Ruhrgebiet. Aus dem Scheitern wird eine interne Umverteilung zugunsten der Gescheiterten. Die Universität Duisburg-Essen wird ihren Platz neu finden müssen oder ihn, wenn es schlecht läuft, zugewiesen bekommen. Da das Land Nordrhein-Westfalen in der Exzellenzstrategie mit fünfundzwanzig Prozent an den Exzellenzmitteln beteiligt ist, gleichzeitig aber die Universitäten des Landes zum Sparen verdonnert, ist klar, dass der Erfolg der NRW-Hochschulen auch die Finanzflüsse im Hochschulhaushalt des Landes verändern wird. Die Grundfinanzierung sinkt um etwa 2,3 Prozent. Das bedeutet, das Land gibt ca. einhundertzwanzig Millionen Euro weniger bei einem Gesamtvolumen der Grundfinanzierung von über fünf Milliarden Euro, finanziert aber eben Exzellenz mit nicht unerheblichen Mitteln. Exzellenzmittel sind aber trotz ihrer anteiligen Herkunft aus dem Landeshaushalt immer zweckgebunden, sie können (und dürfen) nicht zur Kompensation der sinkenden Grundfinanzierung verwendet werden.

Dramaturgisch gemahnt dies an die Usancen des absurden Theaters, absurd deswegen, weil sich institutioneller Aufwand und finanzieller Ertrag in Sachen Exzellenz eigentlich nicht rechnen. Kapazitäten institutioneller Art werden über Jahre gebunden, die maßgeblichen Antragschreiberinnen und -antragschreiber von der Lehre befreit, Zeit- und Antragsschreibressourcen in Anspruch genommen, bis es quietscht. Darüber redet kaum jemand, denn der Exzellenzstatuts sei gut für das Image der Region Ruhrgebiet. Beide Verbunduniversitäten erhalten zusammen Exzellenzmittel in Höhe von sechsundzwanzig Millionen Euro pro Jahr. Setzt man diese Zahl in Relation zum sinkenden Hochschulhaushalt der beiden Hochschulen – vierhundert Millionen für Bochum, rund vierhundertsechzig Millionen für Dortmund –, so rechnet sich Exzellenz eigentlich nicht. Das sind, so gesehen, Peanuts und lösen kein einziges Problem. Die Ruhr-Universität Bochum – der WDR und die WAZ berichteten – machte kurz nach der Feier am zweiten Oktober klar, wohin die Reise geht. Der Ruhr-Universität fehlt es an Geld. In den Medien wird ein Defizit von siebenundzwanzig Millionen Euro kolportiert. Exzellenz schützt also vor Austerität nicht. Die üblichen Maßnahmen machten die Runde: Wiederbesetzungssperre, Auflösung der Fakultätsreserven zugunsten der Zentrale und andere mehr. Man sieht hier also: Exzellente Verbünde sind finanziell gar nicht so exzellent aufgestellt. Sie zahlen den Preis der Exzellenz.

Es stellen sich darüber hinaus noch ganz andere, vielleicht wichtigere Fragen: Was ist mit den Verlierern innerhalb der Exzellenzwettbewerbe? Warum gibt es kein Verzeichnis der Verluste und negativen Exzellenzeffekte? Wer sind die Verlierer? Warum ist im Exzellenztheater keine Bühne für sie vorgesehen? Keinen Zuschlag erhielten am zweiten Oktober nämlich die Einzelbewerber Leibniz Universität Hannover, Medizinische Hochschule Hannover, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Auch die Verbünde „Northwest Alliance“ (Bremen/Oldenburg) und „H_CORE“ (Gießen/Marburg) waren nicht erfolgreich. Warum gab es hier keine Bilder, keine Bühne, auf der sauertöpfisch blickende Präsidentinnen und Rektoren in ein katatones Schweigen verfallen, bevor sie zu einer allumfassenden Motivationsrede („Heute gibt es Magenbitter oder Kräuterlimonade“, „Wir sind trotzdem exzellent“, „Wir machen so weiter“, „Wir danken dem Team“) oder zu zerknirschten Glückwunschnoten ansetzen? Offensichtlich herrscht in den Universitäten selbst, aber auch im Wissenschaftsrat oder bei der DFG keine, mit Schivelbusch gesprochen, „Kultur der Niederlage“. Hier hilft wiederum die Theatertheorie. Eine Niederlage ist für die Universitäten offensichtlich eine Tragödie. Sie ist immer eine Zäsur, eine Peripetie der Hochschulentwicklung. Bekanntlich ist im aristotelischen Theater der plötzliche und entscheidende Wendepunkt jener Punkt, an dem sich das Schicksal des Helden in das Gegenteil von Hoffnung verkehrt. Wir hätten gerne Bilder der Niederlage gesehen, um scheiternden Helden zuzuschauen. Ein Scheitern ist immer auch der Moment der Erkenntnis. Diese könnte darin bestehen, dass Exzellenz zwar ein Ziel sein kann, aber eben auch ein Schicksal, das einen im Moment des Scheiterns ereilen kann. Eines, so kann man ebenfalls vom griechischen Drama lernen, darf aber eben nicht passieren: Dass Exzellenz eben blind macht für ihre Kosten.