Diamond ist die Antwort. Die gegenwärtige Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems kann überwunden werden
Dass sich das wissenschaftliche Publikationssystem in einer Krise befindet, ist inzwischen ein breiter Konsens quer durch die Wissenschaften. Die Probleme sind vielfältig, einschlägige Analysen und Lösungsvorschläge häufen sich. Frau Gehring hat kürzlich eine solche Analyse vorgestellt[1], mit einem besonderen Fokus auf einen der Lösungsvorschläge, nämlich das Diamond Open Access (DOA)-Prinzip[2]. Dieses Prinzip besagt, dass die volle Kontrolle über den wissenschaftlichen Publikationsprozess in der Hand der Wissenschaft selbst liegen soll, wobei die Betriebskosten als Teil der Infrastrukturkosten des Wissenschaftssystems aufgebracht werden. Damit sind weder auf Autoren- noch auf Leserseite Gebühren zu entrichten. Dieses DOA-Prinzip schält sich derzeit in vielen Diskussionen und Panels als gangbarer Weg zur Erneuerung heraus, ist aber nicht unumstritten. Frau Gehring liefert dazu einen anregenden Diskussionsbeitrag mit der Schlussfolgerung, dass die Konsequenzen einer solchen Umstellung noch zu wenig durchdacht seien. Die Argumente, die dabei vorgebracht werden, hört man allgemein in dieser Diskussion von verschiedenen Seiten. Sie sind ernst zu nehmen, können aber auch beantwortet werden. Hier eine Replik, die auf die zentralen Argumente eingeht.
Die Entwicklung wissenschaftlichen Publizierens hat einen historischen Kontext, in dem sich seine Rolle für die Wissenschaft und die Beteiligung unterschiedlicher Akteure immer wieder verändert hat. Die systematische Verbreitung wissenschaftlicher Publikationen begann im 17. Jahrhundert mit einem Tauschhandel von Büchern und Schriften auf Buchmessen. Holländische Buchhändler (unter ihnen die Familie Elsevier) waren die ersten, die darin eine neue Geschäftsbasis erkannten: „Wir sind keine Drucker, um Bücher gegen Bücher zu tauschen, sondern um Geld damit zu verdienen“ (Brief von Balthasar Moretus an Willem Blaeu vom 4. October 1634)[3]. Nachdrucke und schlechte Übersetzungen breiteten sich rapide aus – es kamen die ersten „predatory publishers“ auf[4]. Auch wenn es den Wissenschaftlern vor allem um die Kommunikation ihrer Ideen und Befunde ging, mussten auch die Betriebskosten (Kommunikation mit Autoren, Papier, Druck, Verteilung) gedeckt werden. Dies führte von Anfang an zu einem Konflikt zwischen wissenschaftlichen Interessen und Geschäftsinteressen.
Die ersten wissenschaftlichen Zeitschriften wurden aus Akademien heraus organisiert. Die erste kuratierte Zeitschrift mit den Schwerpunkten in Medizin und Naturwissenschaften wurde 1670 unter der Reihenbezeichnung „Miscellania Curiosa“ im Namen der Leopoldina herausgegeben[5]. Parallele Entwicklungen gab es in England und in Frankreich. Diese Zeitschriften richteten sich ursprünglich an eine bürgerlich gebildete Leserschaft, und die Kosten wurden durch private Abonnementsysteme gedeckt, so wie es damals für Publikationen aller Art üblich war. Die Zeitschriften spielten damit eine wichtige Rolle in der Vermittlung des aktuellen Wissens der Zeit. Sie legten aber auch den Grundstein für die Reputation von Wissenschaftlern und deren Etablierung an Universitäten. Damit wurden sie auch zu einem Karrierevermittler, und diese zweite zentrale Rolle haben sie bis heute[6]. Die Zeitschriften begannen sich dann zunehmend auf die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern zu spezialisieren. Parallel entstanden neben den Akademien auch Fachverbände, die die Entwicklung ihrer jeweiligen Disziplinen organisierten und sich meist über die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift definierten.
Dieses historisch entstandene ökonomische Spannungsfeld des wissenschaftlichen Publizierens besteht bis heute. Inzwischen ist es nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten perfektioniert, und Oligopole sind entstanden, die den Markt weitgehend kontrollieren. Private Abonnements gibt es praktisch nicht mehr, Steuerzahler finanzieren das gesamte System, ohne eine echte Kontrolle über die Ausgaben zu haben. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Ökonomie des wissenschaftlichen Publizierens zunehmend zu einem organisierten Raubsystem an den öffentlichen Kassen entwickelt, das die Oligopole dank ihrer Marktmacht ungehemmt weiterentwickeln. Beim Börsengang von Springer-Nature schwärmte der CEO Vranken Peeters angesichts scheinbar ungebremster Geschäftsaussichten vor seinen Aktionären: „Project Skywalker: When the Force is with you, how can you not succeed?“ und bezeichnete als wesentliches Ziel „…to reduce friction in the academic community to work with us …“. Diese Verlage brauchen die academic community zwar, um ihr Produkt zu generieren, übernehmen dabei aber über ihre eigenen Editoren zunehmend die Kontrolle über das, was als gute Wissenschaft angesehen wird. Und das ist im Sinne der Gewinnmaximierung die Wissenschaft, die die größte kurzfristige Aufmerksamkeit erzielen kann, also modischer Mainstream statt echter Neuerung. Geschäftsinteressen rangieren damit zunehmend vor wissenschaftlichen Interessen.
Die Entwicklung war bereits in den 1990er Jahren absehbar, und von Seiten der Wissenschaft mit zunehmender Sorge beobachtet worden. Aus Sicht der Wissenschaft sollten vor allem die Kommunikationskanäle sichergestellt werden, aber die Macht der Verlage und die zunehmenden Abonnement-Lasten drohten, das Budget der Bibliotheken zu erdrücken. Wenn Wissenschaft zwar weitgehend durch öffentliche Mittel finanziert wird, die Ergebnisse dann aber hinter hohe Bezahlschranken gestellt werden, ist das kontraproduktiv.
Ich erinnere mich an ein Treffen von Editoren wissenschaftlicher Zeitschriften aus den Biowissenschaften, das Mitte der 90er Jahre vom Springer Verlag in Heidelberg organisiert wurde. Damals verstand sich der Springer Verlag noch als Service-Verlag für die Wissenschaften, der zwar auskömmliche, aber keine überbordenden Gewinne erzielen wollte. Das Treffen stand unter dem Eindruck der neuen Möglichkeiten des Internets und des elektronischen Publizierens. Da beim elektronischen Publizieren die Risiken des Drucks und des Versands von Zeitschriften verschwinden, taten sich völlig neue Optionen auf und die Geschäftsmodelle mussten generell überdacht werden.
Damals stand das Internet noch sehr in seinen Anfängen. Das Herunterladen eines einzelnen Dokuments konnte noch gut und gern eine halbe Stunde dauern. Dennoch wurden damals viele Modelle erwogen – in der Erwartung, dass Druckexemplare nicht mehr nötig wären. Das reichte von der Idee, nur noch einzelne elektronische Zeitschriften pro Fach zu haben (auf denen dann nur „die wirklich wichtigen“ Publikationen erscheinen sollten) bis hin zur völligen Aufgabe von Verlagsservices und komplett freiem und öffentlichen Austausch der Manuskripte auf Preprint-Servern. In diesem (und vielen anderen ähnlichen) Treffen von Herausgebern und Editoren entstand ein Konsens darüber, dass die beste Lösung ein Bezahlmodell wäre, bei dem die Autoren für die Verlagsservices zahlen und die Publikationen hinterher für alle frei zugänglich sein sollten. Dies entspricht dem heutigen Open Access (OA)-Modell mit Article Processing Charges (APC). Zwei wesentliche Vorteile schienen für dieses Modell zu sprechen: Erstens mussten Autoren nicht mehr ihr Copyright an die Verlage abgeben, da diese ja mit der Publikation kein besonderes wirtschaftliches Risiko mehr zu tragen hatten; zweitens dachte man, dass dadurch ein wirtschaftlicher Anreiz entstehen würde, nur noch „wirklich Wichtiges“ zu publizieren, da man ja dafür bezahlen musste. Im Nachhinein war das sehr naiv gedacht, aber die komplexe weitere Entwicklung war da noch nicht abzusehen.
Frau Gehring fasst in ihrem Artikel sehr gut die ganze Misere zusammen, in der wir heute beim wissenschaftlichen Publizieren stecken. Die Macht neuer Formen von Geschäftsmodellen sowohl beim Publizieren als auch bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistung und der Datenabschöpfung hat die weitere Entwicklung bestimmt. Zum einen hat insbesondere bei den Großverlagen das exzessive Gewinnstreben das frühere Ethos als Dienstleister der Wissenschaft abgelöst. Parallel dazu hat sich eine indikatorenbasierte Evaluationsindustrie herausgebildet, in dem Streben, eine rankingbasierte Ressourcenallokation durch die staatlichen Geldgeber zu etablieren. Publikationen sind in diesem System zu einer Währung der Wissenschaft geworden, deren Wert durch Indizes wie etwa den impact factor bestimmt wird[7]. Und schließlich haben sich die wissenschaftlichen Netzwerke als goldene Quelle für persönliche Daten erwiesen, die ungehemmt abgeschöpft und ausgebeutet wird. Eine Flut von fragwürdigen wissenschaftlichen Journalen und Pseudo-Konferenzen ist entstanden, die mit ihren Werbebotschaften die E-Mail-Postfächer der Wissenschaftsgemeinde verstopfen.
Diese problematischen Entwicklungen haben aber nichts mit dem Open Access-Prinzip per se zu tun. Sie sind parallel entstanden und konnten wohl auch in dieser Heftigkeit nicht vorhergesehen werden. Dennoch arbeiten sich Kritiker des heutigen wissenschaftlichen Publikationssystems oft an dem Open Access-Prinzip ab, obwohl dieses nicht ursächlich für die genannten Fehlentwicklungen ist.
Es gibt in der Wissenschaft derzeit einen großen Konsens, dass das gegenwärtige System wissenschaftlichen Publizierens wesentlich reformiert werden muss, um es zukunftssicher aufzustellen[8]. Dabei sollte man aber nicht nur die Probleme benennen, sondern auch über Lösungen nachdenken. Und tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Vorschlägen dazu. Wir sind wieder, wie in den 90er Jahren, mitten in einer aktiven Diskussion – jetzt zusätzlich in dem Kontext des Aufkommens „sozialer“ Medien und der neuen Möglichkeiten durch KI, deren Weiterentwicklungspotential nicht vollständig abschätzbar ist.
Die Leopoldina hat vor zwei Jahren eine Arbeitsgruppe gebildet, die über die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens diskutiert[9]. Die Aufgabenstellung war ursprünglich breit angelegt, aber es stellte sich schnell heraus, dass ein Schlüsselelement für Reformen in den Finanzierungsmodellen steckt. Zu diesem Thema hat die AG daher ein erstes Diskussionspapier veröffentlicht[10], gefolgt von einem Symposium in Halle und einer Synopsis der dortigen Diskussionen mit der Wissenschaftsgemeinde[11]. Frau Gehring diskutiert diesen Vorschlag ausführlich und stellt ihm Bedenken gegenüber. Tatsächlich drückt sie damit aus, was in den letzten Monaten in verschiedenen Diskussionsrunden vorgebracht wurde.
Sehr häufig wird angemerkt, dass die Publikationskultur in den Geisteswissenschaften ja eine ganz andere sei als in den Natur- und Ingenieurswissenschaften. In letzteren spielt die Sprache nur eine geringe Rolle, und tatsächlich gibt es viele naturwissenschaftliche Publikationen, die in einem eher fragwürdigen Englisch geschrieben sind. Letztlich zählen in den Naturwissenschaften vor allem die Experimente und Daten. Publikationen dienen dazu, die Ausgangslage, die Experimente und die Ergebnisse zu beschreiben, eine sehr einfache Sprache ist da sogar hilfreich. Frau Gehring bezeichnet dies als reine „Mitteilungskultur“ unter kleinen Gruppen von Spezialisten. Dem stellt sie den Anspruch der Geisteswissenschaft gegenüber, für eine größere Öffentlichkeit zu schreiben. Dabei ginge „es weniger um Ergebnismitteilung als vielmehr um eine Reflexion, die mindestens das interessierte nicht-wissenschaftliche Publikum, idealerweise sogar »die Gesellschaft« insgesamt miteinschließt“. Mit so einer Argumentation werden allerdings Ebenen vermischt. Auch in den Geisteswissenschaften gibt es ja wissenschaftliche Texte mit komplexen Argumentationen, die sich eher nur den Fachspezialisten erschließen. Das Schreiben für die breite Öffentlichkeit ist ein anderes Metier, das nicht an den Kern der Probleme des wissenschaftlichen Publizierens heranreicht. Im Übrigen liegt es im Wesen der Wissenschaft, dass selbst die Kommunikation unter Fachspezialisten praktische Konsequenzen für das öffentliche Leben haben kann. Einsteins Relativitätstheorie können nur wenige Spezialisten im Detail nachvollziehen, aber wir alle nutzen GPS-Systeme, die ohne diese Theorie nicht funktionieren würden. Wissenschaftliche Ansprüche und Arbeitsweisen sind universell für alle Fachgebiete vergleichbar, man sollte sie nicht fachspezifisch auseinanderdividieren. Alle wissenschaftlichen Tätigkeiten dienen letztlich der Fortentwicklung der Gesellschaft, auch wenn sie sich in ihrem Kommunikationsstil unterscheiden mögen.
Ein anderer Kritikpunkt betrifft das Peer Review-Prinzip. Der Vorschlag der Leopoldina AG läuft auf eine neu einzuführende Evaluierung der wissenschaftlichen Qualität von Fachzeitschriften heraus, durchgeführt durch die Peer Community der betreffenden Fächer. Die Begutachtung ganzer Fachzeitschriften war bisher nicht üblich, könnte aber eine ganz neue Dynamik in der „Wissenschaftsökonomie“ entfalten[12]. Insbesondere wäre auf der Basis so einer Begutachtung auch eine direkte öffentliche Finanzierung nach dem DOA-Prinzip möglich, vergleichbar mit der öffentlichen Finanzierung der Forschung. Von den Kritikern wird aber immer wieder angemerkt, dass so ein Peer Review-System viele Schwächen hat. Die Aufzählungen solcher Schwächen sind zwar im Kern richtig, verkennen aber, dass wir kein besseres System haben, um öffentliche Gelder für die Wissenschaft verantwortungsvoll auszugeben. Denn es muss eine vertrauenswürdige Methodik geben, auf die sich der Staat bei der Verteilung von Geldern verlassen kann. Wir wollen ja auch nicht zurück zu einem Gentlemen Science-System des 18. und 19. Jahrhunderts, in dem die agierenden Personen sich aus persönlichen Mitteln finanzierten (z. B.: Alexander von Humboldt finanzierte seine Forschung anfangs aus dem Erbe seiner Mutter, Darwin lebte von dem Vermögen seiner Frau). Und wir wollen sicher auch nicht mehr zurück zu einem Servilitätssystem, in dem Gehorsam gegenüber Lehrstuhlinhabern die Karrieren und Forschungsmöglichkeiten bestimmte. Begutachtungen durch die wissenschaftliche Fachgemeinschaft sind trotz ihrer Probleme ein entscheidender Schritt vorwärts und sollten als solche nicht immer wieder in Frage gestellt werden. Sie sind auch die einzige Abwehrmöglichkeit gegen politisch oder kommerziell motiviertes Eingreifen in die freie Forschung. Aber natürlich müssen solche Begutachtungen von erfahrenen Institutionen organisiert werden, um die bekannten Fallstricke so weit wie möglich zu vermeiden.
Ein dritter oft gehörter Kritikpunkt ist, dass ein staatlich organisiertes System nicht die innovative Kraft eines marktwirtschaftlichen Systems erbringen könne. In dieser Kritik werden aber auch unterschiedliche Konzepte durcheinander gewürfelt. Tatsächlich gibt es zwar auch einen Vorschlag, in dem eine staatlich organisierte Publikationsplattform das bisherige System ablösen soll – und so ein System wird auch bereits auf europäischer Ebene gefördert[13]. Der Vorschlag der Leopoldina AG geht aber in eine völlig andere Richtung. Er geht davon aus, dass der Staat ja auch jetzt schon das wissenschaftliche Publizieren bezahlt, sowohl durch die Etats der Bibliotheken für Anschaffungen und Abonnements als auch durch Übernahme der APCs von Open Access-Publikationen aus den Forschungsetats (bzw. in Deutschland inzwischen zentral über die DEAL Vereinbarungen[14]). Insofern handelt es sich beim wissenschaftlichen Publizieren von vornherein gar nicht um ein freies marktwirtschaftliches System. Die eigentliche Aufgabenstellung ist es, ein haushaltsgerechtes Verfahren zur Verwendung staatlicher Ausgaben auch für die Publikationsausgaben zu entwickeln. Das generelle Haushaltsrecht sieht vor, dass Firmen ihre Dienstleistungen über kompetitive Ausschreibungsverfahren erbringen sollen. Dieses Prinzip liegt auch dem Leopoldina AG-Vorschlag zu Grunde, wird aber mit der Autonomie der wissenschaftlichen Gemeinschaft verbunden, die zunächst Anträge auf Finanzierung stellen soll. Diese Anträge sollen dann im Peer Review-Verfahren begutachtet werden, wobei Faktoren wie die wissenschaftliche Verankerung und Beteiligung des Editorial Boards, die Offenheit der Entscheidungsprozesse und die Bedeutung für die jeweilige wissenschaftliche Disziplin zentrale Kriterien wären. Auch neue, innovative Formen des Publizierens könnten da als Kriterium einfließen. Mit dem so eingeworbenen Geld soll dann ein Dienstleister für die technischen Publikationsprozesse über eine öffentliche Ausschreibung beauftragt werden. Da im Prinzip jede wissenschaftliche Gruppe solche Anträge stellen kann, ist die Fachdiversität gesichert. Wissenschaftliche Gruppen organisieren sich in der Regel in Fachgesellschaften mit dem Status eines gemeinnützigen Vereins. In so einem Rechtsrahmen dürfen sie öffentliche Gelder empfangen und verwalten, weshalb sie in dem Leopoldina AG-Vorschlag als natürliche Adressaten des Verfahrens vorgeschlagen wurden. Aber natürlich sollte der Vorschlag auch jeder anderen Form der Vereinigung einer wissenschaftlichen Gruppe offenstehen, wenn sie den gesetzlichen Vorgaben zur Verwaltung öffentlicher Gelder nachkommen kann. Da Fachwissenschaftler aber in der Regel wenig Erfahrung mit dem Haushaltsrecht und öffentlichen Ausschreibungen haben, bietet sich an, dass die Universitätsbibliotheken als Projektträger für die Verwaltung der Drittmittel agieren, um diese rechtlichen Rahmenbedingungen zu sichern. Auf Dienstleisterseite könnten dann insbesondere auch kleine innovative Verlage oder haushaltsrechtlich eigenständig organisierte Universitätsverlage zum Zuge kommen. Damit wird Verlagsdiversität statt Oligopole gefördert.
Eine generelle Kritik am Open Access-Prinzip zielt auch auf die Befürchtung, dass man damit die Rechte am eigenen Text aufgibt, insbesondere in Hinsicht auf Trainingsmaterial für Künstliche Intelligenz. Aber auch das ist eine zu pauschale Kritik. Zunächst ist ja einmal festzuhalten, dass in dem oft genutzten Lizensierungssystem CC BY die Rechte nicht mehr an gewinnorientierte Verlage abgegeben werden, so wie das sonst lange Zeit üblich war[15]. Und auch die freie Weiternutzung des Materials unter der CC BY-Lizenz steht unter der Maßgabe, dass das Original zitiert werden soll, also die ursprüngliche Autorenschaft explizit anerkannt wird. Wenn die Texte zum KI-Training genutzt werden, fällt die Zitierung zwar weg, aber die Rolle von wissenschaftlichen Publikationen für das sprachliche KI-Training ist ohnehin vernachlässigbar. Aber wenn es um die Wiedergabe inhaltlicher Aussagen geht, haben die KI-Entwickler inzwischen verstanden, dass sie nur mit dem Verweis auf die Originalliteratur Glaubhaftigkeit erzeugen können, d.h. sie geben inzwischen relevante Links an. Wenn solche Links hinter einer Gebührenschranke stehen würden, könnten sie nicht berücksichtig werden, was den Urhebern der Texte auch nichts nützt. Auch bei diesem Punkt der „eigenen Rechte“ läuft die Kritik am Open Access eigentlich ins Leere.
Als letzter Kritikpunkt soll hier noch die Frage nach der Resilienz der Systeme behandelt werden. Angesichts zunehmend schamloser Übergriffe der Politik auf das Wissenschaftssystem, die wir inzwischen auch in scheinbar gefestigten Demokratien erleben, liegt es nahe anzunehmen, dass ein staatlich finanziertes Publikationssystem dafür besonders anfällig wäre. Aber das verkennt, dass die heutige freie Wissenschaft ja in jedem Fall ein staatlich finanziertes System ist, egal, ob profitorientierte Unternehmen dazwischengeschaltet sind, oder ob es durch die Wissenschaft selbst getragen wird. Tatsächlich haben wir ja sogar erlebt, dass gerade die großen Unternehmen sich sehr schnell unter politischer Einflussnahme ducken, wenn sie ggf. auf die staatlichen Gelder verzichten müssten. In einem rein wissenschaftsgesteuerten System liegt der eigentliche Mehrwert in dem unabhängigen Agieren einer großen Zahl von Editoren, Gutachtern und Autoren, die selbst bei Entzug der finanziellen Mittel für den Betrieb von Zeitschriften Wege finden würden, um die Inhalte weiter zu verbreiten. Die Gefahr mangelnder Resilienz liegt also eher in kommerziellen Oligopol-Strukturen als in der Selbstorganisation des wissenschaftlichen Publizierens. Auch, wenn ein DOA-System staatlich finanziert wird, kann es daher als Puffer gegen politische Einflussnahme wirken. Dazu kommt, dass DOA auch direkt über die Etats wissenschaftlicher Institutionen finanziert werden kann und damit eine Diversität von Finanzierungsquellen möglich ist, die eine zusätzliche Resilienz darstellen würden.
Abgesehen von diesen einzelnen Kritikpunkten scheint der Kern der Kritik am DOA-Prinzip aber oft darin zu liegen, dass sich geisteswissenschaftliche Formen des Publizierens darin nicht ausreichend wiederzufinden scheinen. Frau Gehring hebt dabei in ihrem Artikel das „redaktionelle Engagement“ hervor, das sich „programmatisch-kreativen Herausforderungen“ stellt und dabei auch „avantgardistischen Experimenten“ einen Raum verschafft. Dies soll sich dann am freien Markt behaupten, also genügend zahlende Leserinnen und Leser finden, worüber sich dann der wissenschaftliche Mehrwert definiert. Tatsächlich steht ein solches redaktionelles Engagement oft am Anfang der Gründung neuer Zeitschriften, wenn es darum geht, ein ganzes wissenschaftliches Feld neu zu definieren. Aber das ist keine Besonderheit der Geisteswissenschaften, sondern passiert ebenso in den Naturwissenschaften. Ich war als Biologe selbst an mehreren solcher Projekte beteiligt. Aber nach einer Gründungsphase gibt es eine Konsolidierungsphase, nämlich dann, wenn das Projekt wissenschaftliche Anerkennung erfährt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt könnte es sich auch gefahrlos einem Begutachtungssystem stellen, da es ja dann seine besondere Bedeutung für die Disziplin bereits bewiesen hat. Tatsächlich könnte man wahrscheinlich auch in einer Gründungsphase bereits Gutachter davon überzeugen, das Vorhaben zu fördern, wenn es plant, einen erkennbaren Mehrwert zu liefern. Dass dies zwischen „diskursiv und kontrovers publizierenden“ Denkschulen zerrieben werden könnte, ist natürlich möglich, aber es gehört zur Kunst der erfahrenen Institution, die die Begutachtung durchführt, dies zu vermeiden.
Tatsächlich ist das DOA-Verfahren ja besonders gut geeignet, auch neue Formen des Publizierens zu erproben, da man nicht an pauschale Verlagsvorgaben gebunden ist. Zum Beispiel ist man nicht gezwungen, eine bestimmte Anzahl an Publikationen in einer gegebenen Zeit zu produzieren, da man nicht bestimmte Bandumfänge erreichen muss. Oder man kann mit Living Documents experimentieren, bei denen eine Arbeit auf der Basis von Rückmeldungen aus der Wissenschaftsgemeinde und/oder durch Bereitstellung neuer Daten und Erkenntnisse weitergeschrieben werden kann[16]. In einem APC-System, in dem pro Artikel abgerechnet wird, ist das nicht möglich.
Es gibt inzwischen gerade im geisteswissenschaftlichen Bereich sehr viele DOA-Zeitschriften, die sich durch großes redaktionelles Engagement auszeichnen, aber ohne nennenswerte Finanzierung für die technischen Abläufe dastehen. Sie vertrauen auf die Selbstausbeutung der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die neben ihrem wissenschaftlichen Engagement auch den technischen Betrieb übernehmen[17]. Sobald sie einigermaßen erfolgreich werden, bekommen diese Zeitschriften oft Angebote von Großverlagen, die sie dann in ihr kommerzielles Portfolio übernehmen. Wäre es da nicht viel sinnvoller, solchen DOA-Initiativen den Zugang zu einer auskömmlichen Finanzierung über Anträge zu ermöglichen, wie es die Leopoldina AG vorschlägt?
Ein DOA-System, bei dem eine Finanzierung der technischen Abläufe über begutachtete Verfahren sichergestellt ist, erscheint daher als eine tragfähige Antwort auf die gegenwärtige Krise des wissenschaftlichen Publizierens. In der Umsetzung eines solchen Systems stecken zwar noch viele Fragen, die gelöst werden müssen. Aber dieser programmatisch-kreativen Herausforderung sollten wir uns alle stellen, um das über Jahrhunderte gewachsene wissenschaftliche Publikationssystem weiterzuentwickeln.
Diethard Tautz ist Director Ephemeridum der Leopoldina und Emeritus Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Plön
tautz@evolbio.mpg.de
[1] Shining Diamond? Zum Publizieren bei Bibliotheken als Ausweg aus der Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems, in Merkur 80 (2026), Heft 920 (Januar), S. 20-32.
[2] https://www.coalition-s.org/diamond-open-access/
[3] Maclean (2022): Publishers, book fairs, academies, journals: the dissemination of English medicine and natural philosophy in the second half of the seventeenth century. Acta Historica Leopoldina 81, S. 37-67.
[4] Im Archiv der Leopoldina befindet sich nicht nur das Original Exemplar der ersten Miscellania Curiosa, sondern auch ein Exemplar eines Raubdrucks.
[5] Vollständiger Titel: Miscellanea curiosa medico-physica Academiae Naturae Curiosorum sive Ephemeridum medico-physicarum Germanicarum curiosarum
[6] Petersen A, Fortunato S, Pan R et al (2014). Reputation and impact in academic careers. Proc Natl Acad Sci USA 111(43):15316–15321.
[7] Definitionen und Kritik des impact factor finden sich im Blogbeitrag von Alexandra Schütrumpf (Universitätsbibliothek TU Berlin): https://blogs.ub.tu-berlin.de/publizieren/2019/08/der-journal-impact-factor-ein-geeignetes-mass/
[8] Deutsche Forschungsgemeinschaft | AG Publikationswesen. (2022). Wissenschaftliches Publizieren als Grundlage und Gestaltungsfeld der Wissenschaftsbewertung. https://doi.org/10.5281/zenodo.6538163
und Strategie der Allianz für die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Publikationswesens 2026-2030: https://www.allianz-der-wissenschaftsorganisationen.de/themen-stellungnahmen/strategie-der-allianz-fuer-die-weiterentwicklung-des-wissenschaftlichen-publikationswesens-2026-2030/
[9] https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/politikberatung-in-deutschland/zukunft-des-wissenschaftlichen-publizierens
[10] Tautz D, Holzer A, Schmidt KM, Buchner J, Grötschel M, Jurburg S (2025) A new concept for the direct
funding and evaluation of scientific journals. Discussion No 38. https://doi.org/10.26164/leopoldina_03_01262
[11]https://www.leopoldina.org/fileadmin/user_upload/Dokumente/Diskussionspapier_Finanzierung_und_Evaluation_wissenschaftlicher_Zeitschriften_Synopsis.pdf
[12] Tautz D, Rainey PB. An evaluation system for scientific journals. EMBO Rep. 2026 Jan;27(1):3-4. doi: 10.1038/s44319-025-00649-5.
[13] https://open-research-europe.ec.europa.eu/
[14] https://deal-konsortium.de/
[15] Bevor die Open Access-Idee aufkam, war es der gängige Standard, dass Autorinnen und Autoren die Rechte an ihren Artikeln an die Verlage weitergaben, vorgeblich mit dem Argument, dass die Verlage dafür sorgen, dass die Veröffentlichungsrechte im Sinne der Autoren gewahrt werden. De facto war das aber nur ein Mechanismus, um das eigene Geschäft abzusichern. Inzwischen stehen wir vor der grotesken Situation, dass ältere Publikationen, für die die Verlage bereits Abonnementgebühren kassiert haben, weiterhin nicht freigegeben werden, obwohl es im Sinne der Wissenschaft wäre, freien Zugang zu haben. Die Verlage wollen weiter kassieren, ohne Autoren daran zu beteiligen.
[16] Die Leopoldina experimentiert derzeit mit so einem Format (NAL-live: https://public.bibliothek.uni-halle.de/index.php/nal-live/index ), das nach dem DOA-Prinzip betrieben wird.
[17] Henkes, L. M., Wrzesinski, M., & Holscher Blackman, K. (2025). Open Access gemeinsam gemacht: Kollaborative Ansätze des wissenschaftlichen Publizierens. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.14800427
