Leserkommentar zu Ina Hartwigs „Reproduktionsmedizin als Metapher“

Ein Kommentar von Leser Manfred Schmidt zu Ina Hartwigs im Aprilheft erschienenem Beitrag Reproduktionsmedizin als Metapher.

Klinische Unikate

Das, was sie tut, kam mir schon immer so vor wie das Wort, mit dem wir sie bezeichnen: Reproduktionsmedizin. Sachlich, semantisch genau, kein Euphemismus, wie wir ihn sonst gern verwenden, wenn wir Ungeheures bezeichnen wollen. Ich denke an Joysticks und Männer mit Mundschutz, an keimfreie Forschungslabore und das kalte Metall der Rechtsmedizin, an säuselnde Stimmen, die Wunschkinder und Elternglück versprechen. Das sind die ersten Bilder. Denkt man aber genauer darüber nach, dann ist dieses kühle Wort doch ein Euphemismus. Denn es geht ja gar nicht um die Vervielfachung, die Reproduktion eines Originals, sondern tatsächlich um die Schöpfung dieses Originals selber. Was wir Reproduktionsmedizin nennen, ist in Wirklichkeit also eine Produktionsmedizin, ein innovativer Zweig der medizinischen Forschung, der menschliche Unikate mit den Mitteln avancierter Biotechnologie erschafft; anders kann man es nicht nennen, wenn man die Sache nüchtern betrachtet.  Aber kaum jemand tut das. Im April-Heft des Merkur analysiert die Literaturkritikerin Ina Hartwig Fotos von Susan Sontag und Annie Leibovitz‘ Tochter Sarah und schreibt dabei im Subtext eine seltsame Hymne auf die tröstenden Möglichkeiten jener Praxis des künstlichen Menschenmachens. Die Reproduktionsmedizin schließt sie kurz mit dem „euphorischen Möglichkeitsdenken vieler Amerikaner und vieler Homosexueller“ und freut sich daran, dass diese Technologie „der Natur ein Schnippchen schlägt“.

Wir müssen schon genauer hinsehen, um zu verstehen, was wir da tun und was da vor unseren Augen eigentlich geschieht. Die künstliche Menschenerzeugung mit kryokonservierten Ei- und Samenzellen ist ja längst zur Routine geworden. Weltweit leben schon mehr als fünf Millionen durch In-Vitro-Fertilisation entstandene Menschen. In vielen Ländern kann ein im Reagenzglas erschaffenes Baby fünf Elternteile haben: Die sozialen Eltern als Investoren, einen Samenspender, eine Eizellspenderin und die Tragemutter. Was heißt es, dass der Mensch im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit angekommen ist? – Das ist die Fragestellung, der wir uns stellen sollten. Hilfreich ist hier vielleicht ein Denken der menschlichen Mimesis, so wie es Walter Benjamin in seiner „Lehre vom Ähnlichen“ getan hat. Er gesteht dem Menschen im Vergleich zu allen Tieren die allergrößten mimetischen Fähigkeiten zu. Alles was den Menschen zum Menschen macht, sieht er im Kern durch diese Fähigkeiten bestimmt. Das Geheimnis unserer mimetischen Möglichkeiten und Begabungen erschließt sich Benjamin dabei weniger im bewußten Wahrnehmen von Ähnlichkeiten, sondern darin, wie wir uns unbewußt der Umgebung, in der wir leben, ähnlich machen. Denn „die mit Bewußtsein wahrgenommenen Ähnlichkeiten“, schreibt Benjamin, „sind verglichen mit den unzählig vielen unbewußt oder auch garnicht wahrgenommenen Ähnlichkeiten wie der gewaltige unterseeische Block des Eisbergs im Vergleich zur kleinen Spitze, welche man aus dem Wasser herausragen sieht“ (Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977, Bd. II, 205).

Wie können wir den aktuell sich vollziehenden mimetischen Prozess verstehen? Was ist hier in welchem Maße latent wirksam? Was ist denn nun das Grauslige, das uns Zittern macht angesichts von Begriffen wie Leih- und Tragemutter? Was begründet dieses numinose Erschrecken, das wir empfinden, wenn wir an anderer Stelle in einem Interview lesen, dass eine führende Münchner Reproduktionsmedizinerin vor dem Besuch einer Wagner-Oper noch schnell ein Kind machen geht, weil sie hofft, dass es dann mit mehr Musikalität begabt sein würde? Man muss nicht katholisch sein, um angesichts dessen den Blick gen Himmel zu richten und einen Moment innezuhalten. Mich erstaunt nicht so sehr die menschliche Hybris gegenüber der Natur, damit sind wir alle im Atomzeitalter großgeworden; mich ergreift vor allem ein Erschrecken über die langsame und unumkehrbare Anverwandlung des menschlichen Geistes an die von ihm selbst geschaffenen Apparaturen. Mit ihrer technischen Vollkommenheit kann kein Mensch mithalten und dem an der Warenstruktur des Kapitalismus geschulten Individuum erscheint es nur als sinnvoll und vernünftig, sich in seinem Innersten den Dingen anzunähern, die ihn beherrschen. Mit kühlem Blick zelebriert die New Yorker Fotografin Annie Leibovitz denn auch die Bilder von Susan Sonntag und der kleinen gemeinsamen Tochter Sarah als intellektuelles Spiel einer Mimikry des Lebendigen ans Tote.

Es ist dringend nötig, dass wir uns endlich leidenschaftlich und auf angemessener Diskurshöhe über die Reproduktionsmedizin und ihre Implikationen streiten. Dass alle unsicher sind und sich hinter fadenscheinigen Rechtfertigungen verbergen, hat zuletzt die heftige mediale Schreierei im Zusammenhang mit Sybille Lewitscharoffs nicht sonderlich durchdachter Rede gezeigt (So sieht sie etwa ein zentrales Problem der neuen Fortpflanzungstechnologien in der Selbstermächtigung der Frauen. Das Gegenteil ist der Fall). Doch macht wohl gerade unsere gesellschaftliche Denkhemmung in dieser Frage sichtbar, was Horkheimer und Adorno vor 70 Jahren in der Dialektik der Aufklärung und später Heidegger aus anderer Warte mit seismographischem Gespür als die erstaunlichste Bewegung unserer Zeit diagnostizierten: Dass der Mensch dabei ist, seinen Geist und sein Innerstes nach den Mechaniken derjenigen Technologien umzubauen, die er selbst entworfen hat. Es ist – im Stil jener Alten gesprochen – eine Bewegung der Auslöschung des Humanen, die sich mächtig und unaufhaltsam hinter dem Rücken unseres Bewusstseins vollzieht und der wir nicht mehr entgegensetzen können als eben dieses Reflexionsvermögen, das den ganzen Schlamassel verursacht hat. Sollten wir aber so weitermachen wie bisher, wirkt bald alles was lebt wie aus der Zeit gefallen.

  1. April 2015

Hans Manfred Schmidt, Köln, veröffentlichte u.a. Verlustobjekt Erde. Das Spiel mit der Schwerkraft, Köln 1993 (zus. mit Lisa Wilczok), Geschäftsführer einer Agentur für Wissenschaftskommunikation


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *