Sehr geehrter Herr Marquard

Als vorgestern die Nachricht vom Tod Odo Marquards kam, fragte ich mich, warum er – der dafür doch eigentlich prädestiniert gewesen wäre – nie im Merkur veröffentlicht hat. Im folgenden Auszüge aus dem Redaktionsbriefwechsel, die zeigen, dass man ihn durchaus als Autor zu gewinnen versuchte. Mit Dank an Kurt Scheel für die Genehmigung zur Veröffentlichung seiner Anfragen.

16.7.1982

Sehr geehrter Herr Marquard,

Sie haben noch nie im MERKUR veröffentlicht – das finde ich bedauerlich. Ich möchte mit der Tür ins Haus fallen (die Endlichkeit des Lebens…) und Sie fragen, ob Sie Lust (und Zeit) haben, für uns die Bücher von Karl Heinz Bohrer (Plötzlichkeit) und Manfred Frank (Der kommende Gott. Vorlesungen zur Neuen Mythologie) zu rezensieren.

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort,
mit freundlichen Grüßen,
Redaktion MERKUR
(Kurt Scheel)

15.11.1982

Sehr geehrter Herr Marquard,

ich hoffe, Sie haben sich gut im Wissenschaftskolleg eingelebt und festgestellt, daß Sie gar nicht so viele Verpflichtungen vor sich haben, demzufolge für eine Rezension der avisierten Bohrer-Bücher (Plötzlichkeit, Moderne und Mythos) – und eventuell des Buches von Frank (Der kommende Gott) – Zeit und Lust hätten…

Hier wie im weiteren gibt es (mit einer späten Ausnahme) leider keine schriftlichen Reaktionen, Kurt Scheel und Odo Marquard haben jeweils telefoniert.

22.6.1983

Lieber Herr Marquard,

noch ist Polen nicht verloren – lassen Sie uns unser gestriges Telefongespräch in diesem Sinne interpretieren. Ich habe mich sehr gefreut, die Verbindung mit Ihnen, wenn auch möglicherweise zu spät für meine eigenen Zwecke, wieder aufgenommen zu haben und hoffe, daß wir einander so oder so nicht aus den Augen verlieren.

Zwei Briefe von Karl Heinz Bohrer, vom 19.7.1993 und vom 14.10.1996 bleiben ebenfalls ohne Erfolg. Dann ein letzter Versuch.

23.01.2002

Sehr geehrter Herr Marquard,

ich möchte Sie für einen Beitrag zu unserem kommenden Doppelheft gewinnen. Der Arbeitstitel lautet „Lachen. Zivilisation“.

Diese Anfrage sagt Marquard mit dem Verweis auf seinen Schlaganfall ab.


4 Kommentare

  1. ralf frodermann sagt:

    während unserer unheilvollen (überflüssigen) sog. studienjahre in giessen war marquard der stichwortgeber dürftigster denkungsart. (vgl. günter rohrmoser e tutti quanti)
    ein reaktionär und freund affirmativer kritik, wie ihn sich die damaligen kohl-jahre nur wünschen konnten.
    ein vorgängermodell des sloterdjik zudem, der ihn vor seinem durchbruch als berufsquassler auch öffentlich schätzte.
    marquard etablierte sich als akademischer pausenclown und genoss allenthalben narrenfreiheit.
    als libero des bundesdeutschen konservatismus war er früh entbehrlich geworden, als universitätsloriot nicht.-

    RIP

  2. Ekkehard Knörer sagt:

    Wenn Marquard und Sloterdijk für Sie die Dürftigen sind, dann möchte ich die Nicht-Dürftigen vielleicht eher nicht kennenlernen.

    1. Dietrich Thieden sagt:

      Volltreffer!! Von Herzen Dank für diese Antwort!!
      Gruß
      Dietrich Thieden

  3. Franz Zeder sagt:

    Die Ritter-Schule und Karl Heinz Bohrer? Odo Marquard konnte wohl aus prinzipiellen Gründen nicht gut sein Projekt der Entdramatisierung der Moderne mit Bohrers todernster Theorie der Plötzlichkeit konfrontieren. Das Endlichkeitssignal eines jähen Schlaganfalls war so gesehen doch eine Antwort auf die Lockrufe der MERKUR-Redaktion.

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