Beware of the Dogs: Fokus Lyrik in Frankfurt

Ah ok, die deutschsprachige Lyrikszene ist also doch älter, als sie alt ist, täusche ich mich bei der „idealen Eröffnung“ des Festivalkongresses Fokus Lyrik zur Lage und Zukunft der Gegenwartslyrik. Aber es ist ja erst der Anfang, der Auftakt und die cool kids kommen immer zu spät. Ich bin jedenfalls schon hier, im großen Saal, beim Käsespieß-All-you-can-eat. Ich kenne niemanden, erkenne nur ein paar bekannte Gesichter, denn ich bin keine betriebsinterne Lyrik-Spezi, sondern ein bisschen verlegen und vor allem neugierig, während ich versuche, mich beim Atmen angesichts der aktiven Wortschätze der Anwesenden nicht zu verschlucken.

Eine „ideale Eröffnung“ ist eine, die man* sofort wieder vergisst, sagen Monika Rinck und Tristan Marquardt vorne, on stage, sagen Hallo zu den Gästen, hätten gerne noch mehr eingeladen, aber das Budget war zwar groß, doch nicht unerschöpflich. Sie sprechen vom Lyrikboom der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre, und davon, dass es trotzdem knirscht im Business, denn es mangelt an ideeller Förderung, aber vor allem an Geld. In der letzten Reihe, off stage, quengelt ein Lyrikboom-Baby, das seine Brezel nicht will und ich finde das ein gutes Statement, wenn es eines ist und ich glaube es ist vielleicht eines zum Thema Mund aufmachen: – ja?/nein? Ja!! Mund auf! Sagt zumindest die Agenda des Kongresses: Es soll gesammelt, bilanziert, und vor allem gefordert werden. Und, klar, gelesen. Denn es sind nicht nur verschiedene Missstände zu beklagen, die das Schreiben bedrohen und die Gesundheit gefährden, sondern auch durch die Texte hindurch soll  geschaut werden, denn “die Gedichte sind durchlässig auf die Wirklichkeit hin”. Das sagt auch die synchrone Begrüßungsgeste, die dann folgt, charmant, ein bisschen awkward auch, bei der durch den Daumen-und-Zeigefinger-Berühren-sich-Kreis geschaut wird, wie eben das Gedicht auf die Wirklichkeit.

2014 sagt die Lyrikerin Juliana Spahr in einem Interview:

We keep talking about poetry as aquivalent of the riot dog, the greek riot dog, that would go to the riots and bark at the police. That’s kind of the thing that poetry might do, it might accompany you into the streets, but it will not reshape oppressive structures. It may be more shaped by, eh, so that what happens in the streets kind of enters into the poem rather than the poem entering into the streets.

Es ist Freitagmittag, der 8.März, und die Demo zum Frauen*kampftag zieht nicht unweit vom Fokus-Lyrik-Veranstaltungsort vorbei. Drinnen auf den Podien gibt es mehrfach Plädoyers für radikale Vielfalt in der Lyrik, für eine Reflexion der Ausschlusskriterien des Betriebs, der Inhalte, der Sprachen. Die Lyrik sei “zwar in ihrer Struktur seismographischer und aktivistischer geworden”, sagt Max Czollek, trotzdem sei die Szene nicht ausreichend divers, immer noch sehr weiß und akademisch. Es geht auch um die Wichtigkeit von Übersetzung und Nachdichtung, und darum, dass in Deutschland, Österreich und der Schweiz eben nicht nur auf Deutsch geschrieben wird. Es geht um die Möglichkeit von Lyrik, Sprache nicht allein auf grammatikalische Richtigkeit hin zu lesen, um Vielsprachigkeit als Ressource, nicht als Hindernis. Fiston Mwanza Mujila spricht über Dichtung als Auseinandersetzung mit dem Versuch, Sprache zu dekolonisieren, in der nicht alles verstanden werden muss – entgegen dem kolonialistischen Versuch der Vereinheitlichung. Und es wird mehrfach daran erinnert, dass es mal die Frage gab, ob Dichtung in deutscher Sprache überhaupt legitim ist.

Am Samstag im Fahrstuhl Uneinigkeit darüber, ob eigentlich noch mehr Lyriker*innen da sind, als die, die zum Sprechen oder Lesen eingeladen wurden. Vorne sitzt jetzt unter anderem Ann Cotten, und auf meiner Stirn steht FAN. Und deshalb ist der Boden klebrig, und ich versuche mir einen Platz zu suchen, ohne hinzufallen. Das Panel heißt Lyrik zwischen Pluralismus und Kanonisierung. Es hätte aber auch Tokenism und das naive Bedürfnis nach Biografischem heißen können. Ramy Al-Asheq spricht von einer deutschen Sehnsucht nach authentischem Erleben. Dessen Beschreibung kann offenbar als ein neues Kanonisierungsargument herangezogen werden, und nicht unbedingt die Qualität der Texte. Es wird über „falschen Pluralismus“ gesprochen, der nicht so sehr auf die künstlerischen Qualitäten schaut, sondern auf die Repräsentation bestimmter Positionen. Und auch die Veranstalter*innen von Fokus Lyrik kommen da nicht raus: Ramy Al-Asheq wurde auch hier eingeladen, um einen Standpunkt zu einem Diskurs zu vertreten, „den er aus Freundlichkeit übernimmt“, wie Ann Cotten sagt. Solidarität kann ein Gegengewicht zur Kanonisierung von oben sein, sagt sie weiter, „als intellektuelles Spiel mit Witz, mit Schaukämpfen aber nicht bis aufs Blut, sondern mit Anstand wie im Rap Battle.“

Abends beim Rahmenprogramm wird eine Anthologie junger europäischer Lyrik präsentiert. Grand Tour ist der Titel. Verschiedene Dichter*innen lesen ihre Gedichte in den Sprachen, in denen sie sie jeweils verfasst haben. Vorne auf der Bühne wird gesagt: One should not expect too much from poetry, but still: What is it, that a poem can do? Und ein Mix der Antworten, die mir am besten gefallen geht so: Lyric opens up thought, but it is always in a prison of language. It can take you to a world of uncertainties and this freedom to doubt things can be a weapon.

Das Projekt „Constellation of Debt“ wird vorgestellt, ein kollektiver poetischer Dialog, der seit 2016 zwischen deutschen und griechischen Dichter*innen geführt wurde. Es geht um das (Selbst-)Verhältnis zu Schulden, die nicht nur ökonomische sein müssen, und um damit verbundene Affekte im Nachvollzug mit künstlerischen Mitteln. Nathalie Karagiannis und Brigitte Oleschinski präsentieren einen Ausschnitt ihres Dialogs. Der beginnt mit einem langen, hohen Ton, und ich denke an das, was Juliana Spahr zu Poesie und Politik gesagt hat und an Louk, den bekanntesten griechischen riot dog. Laut Wikipedia ist er 2014 verstorben. Das Einatmen von Tränengas und anderen chemischen Substanzen hatte seiner Gesundheit arg zugesetzt. Angeblich liegt er nun auf einem Hügel im Zentrum Athens begraben.

 


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