• Carmen in Kattowitz

    Nach Belgien führte mich zunächst gar nicht die Oper. Ich war wegen des Gipfeltreffens der europäischen Staats- und Regierungschefs nach Brüssel gereist. Die Erwartungen waren diesmal, im Dezember 2012, besonders hoch. Aus der Sommerpause war die deutsche Bundeskanzlerin mit dem Entschluss zurückgekehrt, Griechenland in der Währungsunion zu halten, und zuletzt hatte sie für ihre Verhältnisse sehr euphorisch über ein enger vereintes Europa gesprochen. Doch von den großen Plänen blieb nichts übrig. Während der zurückliegenden sechs Wochen war die Idee für eine grundlegend erneuerte Wirtschafts- und Währungsunion ganz still verschwunden. Ich fuhr weiter zu einem erfreulicheren Termin. Im nahen Antwerpen stand Mozarts Zauberflöte auf dem Spielplan. Das Stück gehört zwar nicht zu den Raritäten des Repertoires, aber der Name des jungen deutsch-französischen Erfolgsregisseurs David Hermann weckte die Hoffnung auf eine originelle Inszenierung. Und tatsächlich: Sarastro trat als widerlicher Sektenführer auf, den Tamino am Ende mithilfe einer Pistole aus dem Weg räumte. Mir gefiel das. „Wen solche Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht ein Mensch zu sein“: Der Anspruch Sarastros galt mir stets als Inbegriff totalitären Denkens, jener Dialektik der Aufklärung, die zwei Philosophen aus Frankfurt sehr viel später als große Neuigkeit ausgaben. Auch das Antwerpener Publikum klatschte begeistert. Jung und wild zu sein, gesellschaftspolitisch liberal und für alles Neue auf der Welt empfänglich: Es war paradoxerweise diese Rhetorik der Offenheit, mit der sich flämische Nationalisten vom belgischen Staat und den vermeintlich konservativeren Wallonen abgrenzten. Die Spaltung des Landes spiegelt sich in der Oper, die Musiktheater sind wie alles im Land nach Proporz organisiert. Für die Frankophonen steht in Lüttich die Opéra Royal de Wallonie bereit, fürs Niederländisch sprechende Publikum spielt in Gent und Antwerpen das Ensemble der Vlaamse Opera. Die Brüsseler Hauptstadtregion schließlich verfügt über ein strikt neutrales Opernhaus, das in beiden Sprachen stets die gleiche Anzahl von Programmbüchern bereithält, auch wenn dank frankophiler Eurokraten die flämische Version kaum Anklang findet. Schon bei der Staatsgründung 1830 führte die Oper eine Spaltung herbei: Bei einer Aufführung von Aubers Die Stumme von Portici sah das Brüsseler Publikum die vermeintliche Unterdrückung durch die nördlichen Niederlande im Bühnengeschehen so sehr gespiegelt, dass es sogleich auf die Straße ging, Revolution machte und einen abermals prekären Staat namens Belgien gründete. Die sinnenfrohen und dementsprechend opernaffinen Katholiken im Süden trennten sich von den Puritanern im Norden, die erst 1986 ihr erstes festes Opernhaus in Amsterdam errichteten. Ganz falsch sind die Klischees über Flamen und Wallonen nicht. Wo in Antwerpen die Zauberflöte ihr Todesopfer fordert, bleibt Lüttichs Spielplan im Ganzen eher brav. Wo in den meisten Brüsseler Spesenrestaurants livrierte Kellner traditionelle französische Kost auftischen, fühlen sich die Szenerestaurants im schicken Antwerpener Süden wie ihre Verwandten in Berlin-Mitte an. Und wo die Wallonen in Belgien wie in Europa an überkommenen Institutionen festhalten, möchten die Flamen sie lieber umstürzen. Der neue Nationalismus kommt, beunruhigend genug, im Hipster-Gewand daher. (...)

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  • Lob der Bürokratie

    Der Verdacht, dass etwas nicht stimmen könne, kam mir im Bundestagswahlkampf 2002. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber wollte den Sozialdemokraten Gerhard Schröder im Kanzleramt beerben und tingelte zu diesem Zweck durch die tiefe ostdeutsche Provinz. Erstes Ziel war die Sektkellerei Rotkäppchen in Freyburg an der Unstrut, die als einziges Unternehmen aus den neuen Ländern zum gesamtdeutschen Marktführer wurde und daher Politikern auf Landpartie als bevorzugtes Ausflugsziel diente. (mehr …)