Die arabische Ambivalenz

Die Araber hadern mit ihrer Lage in der heutigen Welt. Zeichen einer radikalen Unzufriedenheit entgehen kaum einem Besucher ihrer Länder. Seine Gesprächspartner fühlen sich so gut wie immer »unverstanden«. Sie wollen ihren Standpunkt erklären, zumeist in der Überzeugung, als Mitglieder einer Unrecht leidenden »Nation« anerkannt zu werden, wenn ihr Gegenüber sie nur zu verstehen vermöchte. Zugleich aber wächst von Jahr zu Jahr mehr der Verdacht, daß er sie gar nicht verstehen wolle. »Die Europäer können und wollen nicht sehen, wie sehr sie uns unrecht tun, weil es ihren materiellen Interessen widerspräche, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen« – dies ist der allgemeine Standpunkt der jungen Generation unter den arabischen Nationalisten.

Symbol dieses so empfundenen Unrechtes ist Israel. Symbol heißt, daß man zwar den materiellen Verlust der »palästinensischen Heimat« als einen Verlust für alle Araber empfindet, viel tiefer jedoch die Schmach, diesen Verlust überhaupt erlitten zu haben. Und eben darum weigert man sich, wie die politische Entwicklung seit dem Sechstagekrieg des vorigen Jahres immer deutlicher zeigt, die Lage so oder so hinzunehmen – selbst wenn man als Gegenleistung für eine Anerkennimg des israelischen Staates die Freigabe der im letzten Krieg besetzten Territorien eintauschen könnte. Letztlich geht es dabei nicht so sehr um Grund und Boden wie um das Eingeständnis einer Inferiorität: gerade weil die Welt sich nicht bequemen will, den Standpunkt der Araber in der Israelfrage zu teilen, sehen sie sich um so mehr darauf angewiesen, starr auf ihm zu beharren. Weil sie sich ungerecht behandelt oder nicht verstanden fühlen, antworten sie mit Kompensationen ihrer Selbstachtung.

Die Symbolhaftigkeit des Konfliktes bedingt auch die Besonderheiten der Reaktion auf Erklärungen der Umwelt in bezug auf Israel. Wer den arabischen Standpunkt in der Theorie – sei es auch nur rhetorisch – anzuerkennen gewillt ist, wird als ein Freund empfunden, selbst wenn er, wie de Gaulles Frankreich, noch unmittelbar vor dem Krieg Waffen an Israel lieferte. Und umgekehrt: Mag ein Staat sich in den praktischen Fragen des Streites noch so sehr der Neutralität befleißigen, gilt er den Arabern doch als Feind, wenn er sich weigert, ihren Standpunkt als den allein richtigen anzuerkennen. An diesem Verhalten wird besonders deutlich, daß die Existenz des Staates Israel für die Araber vornehmlich Ausdruck eines Mißverstehen-Wollens durch den Westen ist. »Hätten die Länder des Westens uns nicht so gering geachtet, im Grunde als nicht-existent angesehen, dann hätten sie unser Land (Palästina) nicht an den Zionismus verschenkt« … so ungefähr lautet das allgemeine Urteil. Man kann sich als Europäer dieses Gefühl der Araber, von ihrer Umwelt nicht ernst genommen zu sein, kaum radikal genug vorstellen. Es zwingt sie dazu, sich beständig mit einer gewissen Aggressivität als Araber zu affirmieren. Und deshalb muß jeder Versuch zu einer Analyse des modernen arabischen Selbstverständnisses von der Frage ausgehen: »Was bedingt dieses Grundgefühl, unverstanden zu sein, und was das ihm entsprechende Bedürfnis, sich selbst Achtung zu verschaffen und sich selbst zu achten?« Man kann antworten: ein Ungenügen, das unter dem doppelten Aspekt mangelnder Leistung im Verhältnis zu den eigenen Erwartungen wie im Verhältnis zu ihrer Umwelt steht. Die Spannungsdifferenz zwischen beiden Aspekten ist dadurch gegeben, daß die Forderungen der Araber an sich selbst nicht identisch sind mit denen, die die moderne Welt an sie stellt.

 

Was fordern die Araber von sich selbst?

Wie die Araber selbst sein möchten, ist durch ihre Vergangenheit gegeben: durch eine Kultur, die im Namen einer Religion, des Islam, im Hochmittelalter so scharf umrissene Lebensformen und Ideale ausgebildet hat, daß man diese nicht aufgeben kann, ohne sich selbst aufzugeben. So trägt etwa die Zeit seit dem Zerfall ihrer Vitalität im Spätmittelalter, das im Nahen Osten bis zur Kolonialzeit reicht, kurzerhand den Namen »Zerfallszeit«.

Bekanntlich kennt der Islam, streng genommen, keine Trennung zwischen »weltlichem« Staat und »geistiger« Religion. Die Religion verpflichtet, schonauf dieser Welt eine unter Gottes Gesetz gestellte »Gemeinschaft der Gläubigen« zu bilden. Gerade weil ihr Aufstieg meteorengleich war, gilt dem Muslim der Erfolg dieser Gemeinschaft als der beste Beweis für die Wahrheit seiner Religion. Und umgekehrt ist für ihn in dem Augenblick, in dem sich seine Gemeinschaft als erfolglos erweist, etwas radikal verkehrt. Es gibt in diesem Fall keine tragkräftigen Erklärungen im Sinne einer Hiobsgeschichte – und noch viel weniger im Sinne eines Diesseits aus niederem Erdenstoff, von dem man nichts anderes als Böses erwarten könne. Man sieht sich vielmehr gezwungen, vor sich selbst einzugestehen, daß mit den Muslims, mit einem selbst, die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten – oder dieses Eingeständnis zu verdrängen. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem jüdischen und dem islamischen Staatsgefühl, das ja in der gleichen Idee eines »Gottesstaates« gründet – nur eben im Zeichen einer ganz anderen historischen Entwicklung steht.

Das Volk Israel hat immer mit anderen Völkern, die nicht »Gottes Volk« waren, zusammenleben müssen, oft sogar unter ihnen. Die islamische »Gemeinschaft der Gläubigen« hingegen hatte sich innerhalb zweier Generationen zu einer weltbeherrschenden Stellung hinaufkatapultiert, dominierte damals »Rom« (Ostrom) und »Iran« (Perserreich), praktisch also die ihr seinerzeit bekannte Welt. Die nicht zu dieser Gemeinschaft gehörenden Christen, Juden, Parsi, Buddhisten usw. wurden gegen Tributzahlungen als dem Islam unterworfene »Völker« mitaufgenommen, die außerhalb stehenden als marginal an gesehen, als »äußere Barbaren«. Aber auch in diese Außenbereiche hat sich der Islam noch während Jahrhunderten ausgedehnt: Spanien, Zentralasien, Indien, Indonesien, Kleinasien, Byzanz, der Balkan, Zentralafrika wurden nacheinander erobert. Der Muslim entwickelte so das Gefühl, nicht nur wie die Juden das Volk Gottes zu bilden, neben dem es andere Völker gab (denen Gott die Macht über Israel gewährte, wenn es von Ihm abfiel); er fühlte sich als Mitglied eines die Welt umfassenden und praktisch in ihr allein zählenden Reiches der »in Gott Befriedeten« (»Dar al-Islam«).

Aus dieser islamzentrischen Weltsicht hat ihn erst Europas Einbruch – direkt und indirekt durch Techniken und Organisationsformen – im 19. Jahrhundert unsanft emporgescheucht. Erst seitdem sind Ansätze in Erscheinung getreten, den Islam als eine unter mehreren Religionsgemeinschaften zu verstehen; doch kann man, wie etwa das Schicksal von Muhammed Abduh beweist, nicht sagen, daß sie sich durchgesetzt hätten. Auch der heutige Staat, den die Araber für sich gründen möchten, bezieht ein gut Teil seiner Charakteristika von jenem vergangenen Ideal her, selbst wenn er nicht mehr als »Gottesstaat« gesehen wird. Dies gilt vor allem für das Verhältnis zu den Außenseitern: den Nicht-Arabern also, die möglichst fernzuhalten sind, außerhalb des privilegierten Bezirkes, sofern sie nicht als Bürger Zweiter Klasse dominiert werden können. Hier wirkt nicht einfach der – uns auch in Europa nur zu bekannte – Nationalismus als Religionssurrogat. Statt von Ersatz muß man vielmehr von einem Ineinanderfließen dieser beiden gemeinschaftsbildenden Kräfte sprechen. Ein islamisches Solidaritätsgefühl besteht seit Jahrhunderten; die aus Europa importierte nationalistische Solidarität hat sich darübergelagert. In der Praxis sind die Araber in einem arabischen Land eben die Muslime; und machen sie im Namen ihres Arabertums gemeinsame Sache, so tun sie es in der altüberlieferten Art der Gottesstaatsbildung.

Auch die Welt, gegen die sie Front machen, fällt mit den religiösen Grenzen aus der Vergangenheit zusammen. Man fühlt sich – zu recht oder zu unrecht – von einem christlichen Abendland her in Frage gestellt und von einem jüdischen Zionismus angegriffen, ob man diese Gemeinschaften nun unter den neuen nationalen Namen der europäischen Staaten und der USA oder unter der halb religiösen, halb nationalen Bezeichnung »Israel« faßt. Man reagiert auf sie, als handle es sich um fremde Religionsgemeinschaften, von denen sich abzuheben man seit Jahrhunderten gewöhnt ist: als ein Staat oder eine Nation par excellence, so wie einst die Gemeinschaft der Gläubigen die Gemeinschaft par excellence war.

Fassen wir zusammen: Was die Araber von sich selbst fordern, ist im Grunde ein Staat, der aus seiner islamischen Vergangenheit wie ein Phönix aufsteige, so strahlend, daß vor ihm der Rest der Welt in den Schatten sinke. Mit einem Staat, der ähnlich ist wie alle anderen, können sie sich im Grunde nicht begnügen. Die islamische Wurzel drängt auf Alleinrichtigkeit. Insofern formulieren die nationalistischen Doktrinen ihren Anspruch vor allem im Hinblick auf Exklusivität: daß die Araber nur als Araber voll ihr eigenes Leben zu leben vermöchten.

Damit dies geschehen könne, so sagt z. B. die Baath-Partei ausdrücklich – der Name bedeutet »Auferstehimg« und auch »Sendung« –, müßten alle arabischen Länder »vom Atlantischen Ozean bis zum Arabischen (gemeint ist der Persische) Golf« in einer Nation zusammenleben. Dabei wird impliziert und allgemein auch so verstanden, daß dann zum mindesten für die Araber (und wer zählt für sie außer den Arabern?) eine Art Millenium hereinbräche. Der Anspruch ist ungeheuer. Religiöse Vorstellungen und Verhaltensweisen amalgamieren sich hier mit aus Europa übernommenen politischen Begriffen. Und die Realität ist um so enttäuschender, je höhere Erwartungen man auf sein Arabertum setzt. Die Folge ist ein fanatisches Festhalten an den Ansprüchen selbst, die als echtere Realität die Alltagsrealität ersetzen: sie müssen sich erfüllen, denn sonst hätte die Welt keinen Sinn.

 

Die Forderungen der Umwelt

Natürlich lassen sich die Alltagsrealitäten nicht ignorieren. Sie drängen sich auf – und zwar in immer wachsendem Maße seit der Zeit, in der Napoleon den Mamluken Ägyptens die Überlegenheit der französischen Waffen demonstrierte. Das ist nun schon über anderthalb Jahrhunderte her. Doch noch immer und immer neu machen die Araber die Erfahrung, daß sich die Waffen des Westens, seine Maschinen, seine Produktions- und Organisationsmethoden, sogar die Moden und Vergnügungen als die stärkeren erweisen.

Schon bald nach dieser ersten Erfahrung der europäischen Überlegenheit entstanden die Grundlagen einer arabischen Reformbewegung, die sich bezeichnenderweise »Nahda« (d. h. Wiedergeburt) nannte. Ihr Hauptziel lag von Anfang an nicht in der Modernisierung, die man durch eine Europäisierung zu erreichen glaubte, sondern in der Selbstbehauptung gegenüber Europa. So begann man es zuerst auf dem Gebiet des Heereswesens zu imitieren. Schritt für Schritt sah man sich dann gezwungen, durchaus wider Willen weit darüber hinauszugreifen: zu Formen der Wirtschaft (weil auf sie allein Armeen europäischen Stils aufzubauen waren) und des Staates (weil er allein den europäischen verwandte Wirtschaftsunternehmen ermöglichte). Und schließlich mußte man sogar die religiösen Gesetze des Islam, auf denen die Gemeinschaft der Muslims eigentlich sich gründen sollte, mehr und mehr einschränken, sofern sie mit den Notwendigkeiten eines modernen Lebens nicht in Übereinklang zu bringen waren; Zinsverbot, Vielehe, Alkoholverbot, Schächtverpflichtung, Fastenvorschriften usw. wurden uminterpretiert oder de facto ignoriert.

Zu dieser Zwangsentwicklung, die überdies von dem inneren Widerspruch durchsetzt war, die Methoden und Gebräuche der Fremden nachzuahmen, ohne diesen gleichen Fremden zu erliegen, gesellte sich über ein Jahrhundert lang ein militärischer Zwang von außen, der entweder Besetzung oder, indirekt, politische Abhängigkeit zur Folge hatte. Am Ende des Ersten Weltkrieges waren es im Grunde nur noch die Länder der arabischen Halbinsel, die ihre Abgelegenheit und Unfruchtbarkeit vor dem europäischen Einfluß schützte – und auch das sollte bald vorüber sein. Das ursprüngliche Hauptziel der »Nahda«, mittels Übernahme europäischer Techniken die arabischen Länder vor dem Verlust ihrer muslimischen »Unabhängigkeit« zu schützen, hatte sich nicht erfüllt, ja sogar ins Gegenteil verkehrt: am Ende der Erneuerungsanstrengungen stand Fremdherrschaft, die zugleich Ungläubigenherrschaft, d. h. Grund für schwere religiöse Anfechtung bedeutete. Diese Tatsache ist für die gegenwärtige arabische Situation ebenso grundlegend wie die zweite, daß eine gewisse Unabhängigkeit erst kam, als es im Gefolge des Zweiten Weltkriegs möglich wurde, den einen europäischen Staat gegen den anderen auszuspielen: England gegen die Franzosen; die Vereinigten Staaten gegen England; die Sowjetunion gegen die Vereinigten Staaten. Beide Tatsachen wirken zusammen, um das Palästina-Problem zu einem der schwerstlösbaren unserer Zeit zu machen. Daß Palästina bis heute durch keinen Feldzug »befreit« werden konnte: trotz der Überzahl der Araber, trotz ihrer immer wachsenden Unabhängigkeit von europäischen Bindungen, trotz den erzwungenen Opfern der Palästina-Flüchtlinge, die Jahrzehnte lang in den Lagern ausharren mußten, ohne zur Gründung neuer Existenzen ermutigt zu werden; daß alle Modernisierungsanstrengungen (man sagt besser: alle Europäisierungsopfer, denn es handelt sich um ein ständig fortschreitendes Opfern der eigenen Eigenart auf dem Altar der Zweckmäßigkeit) ihr eigentliches Ziel noch immer nicht zu erreichen vermochten – all dies bedingt das Gefühl, man habe sich durch die Ubernahmen aus Europa nur immer mehr von sich selbst entfernt. Je leidenschaftlicher man die Moderne bejaht, insoweit man Tanks will, Kampfflugzeuge, Fabriken und Hochseeflotten, um so unbefriedigter sucht man danach, wie man trotz der Modernisierung, ob sie nun Europäisierimg, Amerikanisierung oder Russifizierung bedeutet, Araber bleiben kann.

 

Ambivalenz und Plurivalenz

Die beiden Inbilder des heutigen Arabertums, die wir hier kurz umschrieben, widersprechen sich in allen wichtigen Elementen. Zum Ideal, wie die Araber als Nation sein sollten, gehören Modelle einer großen, aber weitentfernten Vergangenheit: das Damaskus der Omayyaden, das Bagdad der Abbasiden; außerdem wirkt in ihm entscheidend der islamische Exklusivitäts-Impuls. Zur Notwendigkeit, die Methoden des Westens in immer wachsendem Maße nachzuahmen, gehört unvermeidlich die Europäisierung des gesamten Lebens – auch und gerade des Geisteslebens; und das führt ebenso unvermeidlich von den Idealen der großen muslimischen Zeit fort.

 

Diesem Grundwiderspruch ist es zuzuschreiben, daß die Araber erst sehr spät sich selbst als Nation entdeckt haben. Der wichtigste Anstoß kam nicht von dem Druck der Kolonialmächte, sondern von dem kurz vor dem Ersten Weltkrieg sich entfaltenden radikalen Nationalismus der Jungtürken. Später hatte Atatürk sein Volk klar vor die Entscheidung gestellt: wollte es modern und »zivilisiert« werden, mußte es zumindest in der öffentlichen und staatlichen Sphäre vom Islam ablassen und sich Europas Geist bedingungslos öffnen. »Es gibt nur eine Zivilisation« lautete sein Wahlspruch. – Die Araber sind dieser Entscheidung ausgewichen. Für sie gibt es einwandfrei zwei Zivilisationen: die eigene, heute schwach, aber morgen wieder die erste der Welt; und die des Westens, heute scheinbar stark, im Grunde jedoch schon innerlich gebrochen.

Warum waren die Türken, ein ebenso islamisches Volk wie die Araber, in der Lage, die europäische Zivilisation als die Zivilisation anzuerkennen? Und warum haben die Araber sich auf die Doppelgleisigkeit verlegt? Die Antwort darauf gibt wieder die geschichtliche Entwicklung: die Türken konnten sich, nach dem Sieg über die griechischen Invasoren, von einer Position der Stärke aus frei für eine Verwestlichung entscheiden; die Araber fanden sich demgegenüber in einer Situation der Schwäche, unter dem Druck gerade jenes Westens, für den sie sich entscheiden sollten. War die Oberherrschaft der Türken zunächst durch die Mandatsherrschaft der Westmächte abgelöst, so blieb auch nach der Erlangung der Unabhängigkeit das Palästinaproblem mit seinen drückenden Ressentiments; und diese konnten sich auf die Dauer nur gegen den Westen entladen, weil sich der Staat Israel nun einmal politisch, militärisch, finanziell, technisch und organisatorisch auf den Westen und seine Methoden stützt. Selbst wenn es den Arabern nicht an einer historischen Figur von der Größe des türkischen Staatsgründers gefehlt hätte, wären sie seinem Rufe nicht gefolgt. Denn die Entwicklung verlief hier genau umgekehrt, und wer zu entschieden für den Westen und seine Lebensformen eintrat, sah sich alsbald zum Verräter gestempelt; mancher – wie etwa Nuri as-Said – mußte das mit dem Leben bezahlen.

Aus dieser Lage ergab sich ein geistiges Sowohl-als-Auch, das für die innere Lage der Araber bestimmend werden und bis heute bleiben sollte. Überall, in der arabischen Gesellschaft wie im Leben und Denken der Einzelnen, tritt diese Ambivalenz zutage. Der Sozialkörper ist sozusagen doppelt gespalten: horizontal in die traditionell lebenden, das altherkömmliche orientalische Gewand tragenden Schichten der Bauern, Basarhandwerker und Grundbesitzer auf der einen, die in Hemd und Hose umhergehenden städtischen Klassen, vom Subproletariat bis zum Ingenieur und Fabrikherrn auf der anderen Seite; vertikal in die Schicht jener, die eine (oder mehrere) europäische Sprachen beherrschen, und derer, die auf Übersetzungen angewiesen sind. Eine echte Bildung im modernen Sinn kann man heute praktisch nur mit Hilfe einer europäischen Sprache erlangen.

 

Über diese, kreuzweise sich überschneidenden gesellschaftlichen Trennungslinien von traditionell und modern, arabisch-sprachig und gemischt-sprachig hinweg gibt es fast keine Kommunikation. Man verachtet einander. Mag der Bauer und Basarhändler Respekt für den ihm an Einfluß übergeordneten Hosenträger empfinden, so gilt dieser doch als Verräter am Traditionsgut des Islam, das von dem Gebildeten und Halbgebildeten modernen Lebensstils oft als »abergläubisch« verlacht wird, weil es noch viele Elemente des Volksglaubens mit umfaßt. Und zwischen dem arabisch sprechenden, jedoch sich modern wollenden Halbgebildeten und dem teilweise in einer Fremdsprache denkenden und arbeitenden Gebildeten wiederum herrscht eine ausgesprochene Feindschaft, die eher wächst. Denn der Prototyp des aufs Arabische beschränkten Halbgebildeten ist der Armeeoffizier, der seine Unfähigkeit, zu regieren und Kriege zu gewinnen, im Debakel des vorjährigen Sechs-Tage-Krieges nur zu deutlich erwiesen hat. Dennoch hält er dank der Bajonette die Macht in vielen arabischen Staaten nach wie vor in der Hand. Um sich gegen den voll europäisch Gebildeten zu behaupten, bedient er sich bei jeder Gelegenheit in denunziatorischer Absicht des Vorwurfs eines Verrats am Arabertum.

 

Sprachprobleme

Ebenso deutlich wie im Gesellschaftskörper treten die Spaltungen in den Individuen hervor. Den besten Maßstab dafür gibt, weil mit dem Denken eines jeden Einzelnen intim verbunden, die Muttersprache. Insbesondere unter den Gebildeten besteht ein außerordentlich komplexes Ausdrucksproblem. Denn sie leben gleichzeitig auf nicht weniger als drei Sprachebenen, von denen zwei einen direkten Zusammenhang mit der Wirklichkeit ihres Lebens besitzen, die dritte jedoch ihre Loyalität als Araber in Anspruch nimmt. Da ist zum einen der Dialekt, zum anderen die Fremdsprache ihrer Bildung und Ausbildung (Englisch, Französisch und neuerdings in einigen Fällen Russisch); dazwischen steht das Schriftarabisch.

Im Dialekt geht das tägliche Leben vonstatten; alle gesprochene Sprache ist Dialekt, mit Ausnahme von Vorträgen ex cathedra, die schriftarabisch meist abgelesen werden. Man kann schlechterdings mit einem anderen Araber kein Schriftarabisch sprechen, ohne bis zur Lächerlichkeit gespreizt zu wirken; man ist auf den Dialekt angewiesen und an ihn gebunden[1]. Umgekehrt ist der Dialekt nicht schreibbar; und die Konventionen zwingen dazu, die Schriftsprache zu schreiben, die sich in der grammatikalischen Struktur nicht von der Sprache des Korans unterscheidet – einer der Gründe, warum diese nicht abgeschafft werden kann.

 

Für den modern gebildeten Araber liegt darüber noch eine Bildungssprache, die eine europäische ist. In ihr denkt er weitgehend, soweit er beruflich denkt. Auf den Universitäten kann man häufig englische oder französische Ausdrücke, die mit den verschiedenen Dialekten vermischt sind, hören. Die Hochsprache des Koran erträgt jedoch keine Fremdwörter, sondern überträgt sie systematisch ins Arabische, indem sie neue Wörter aus arabischen Stämmen prägt – ein Verfahren, das z. B. naturwissenschaftlichen Unterricht auf Arabisch so gut wie unmöglicht macht[2]. Der Dialekt gebraucht also alle möglichen Fremdwörter, indem er den neuen Gegenstand mit neuem Namen übernimmt, sobald er sich in seinem Aktionsbereich bemerkbar macht. Abdel Nasser ist der erste arabische Politiker, der mit Volksreden in der Schriftsprache gebrochen hat; er spricht meist ein der Schriftsprache nur eben etwas angeglichenes Ägyptisch. Druckt man seine Reden in den Zeitungen, muß man sie noch weiter der Schriftsprache angleichen, um sie schreibbar zu machen, läßt jedoch in der Regel einige Dialektmerkmale in Vokabular und Grammatik bestehen. Wahrscheinlich handelt es sich bei Nassers Redestil um eine Not, aus der er eine Tugend zu machen verstand; denn er versteht sich nicht auf die recht schwierige, einer Volksrede in klassischem Latein vor einem italienischen Publikum vergleichbare Rhetorik in der Sprache des Koran. Die Erfolge seiner mehr direkten Ansprache haben ihn dann gelehrt, seinen eigenen Volksredestil beizubehalten und weiter auszubilden. Es ist deutlich, daß diese einigermaßen schizophrene Sprachsituation nicht bloß den Umgang mit der Sprache erschwert, sondern auch zum gespaltenen Denken verleitet. Man denkt anders in den verschiedenen Sphären seines Lebens: Dialekt in der affektiven, europäisch in der intellektuellen, schriftarabisch in der rhetorischen und religiösen Sphäre. Und der Verdacht liegt nahe, daß in dem Maße, in dem eine jede Sprache nur jeweils einen Sektor des Gesamtlebens eines Individuums artikuliert, Widersprüche zwischen den einzelnen Sektoren nicht oder nur wenig empfunden werden. So kann etwa im politischen Leben die Verherrlichung des Arabertumes (in rhetorischem Schriftarabisch) Hand in Hand gehen mit großer, ja zynischer Verachtung oder achselzuckendem Belächeln der Unfähigkeit, Rückständigkeit, Korruption usw. der eigenen Regierung (gesprächsweise im Dialekt vorgebracht) und mit einem (in der Fremdsprache ausgedrückten) Weltbürgertum oder einer Weltsolidarität mit der Arbeiterklasse, die vorübergehend allen Nationalismus außer Betracht läßt. Solche Symptome eines gespaltenen Denkens, das zur gleichen Zeit auf mehreren, einander kontradiktatorischen Geleisen operiert, sind in allen Bereichen des täglichen Lebens zu beobachten. Auf diese Gewohnheit dürfte vor allem die Unfähigkeit zu echter Selbstkritik zurückgehen. Nur wer kohärent denkt, vermag Widersprüche in seinem eigenen Betragen festzustellen, Abweichungen zwischen Realität und Ideal klar zu erkennen, eine praktische Aktion auf eine Vorschrift abzustellen und ihr gemäß durchzuführen. Statt dessen läßt sich bei den Arabern eine zur Denkgewohnheit gewordene Agilität der Betrachtungsweise beobachten, die beständig und leicht von einem aufs andere überspringt und die Widersprüche sogar vor sich selber zu verbergen neigt: so und so, einerseits oder andrerseits, von einem dritten und vierten Gesichtspunkt aus kann jede Leistung, jede Fehlleistung (auch und gerade die eigene) »verstanden« und entschuldigt werden. Wer je auf einer arabischen Universität unterrichtet hat, kennt das stundenlange, vollkommen ungehemmte, in einer seltsamen Mischung aus Schlauheit und von jeder Selbstkritik reinen Unschuld geführte Markten der Studenten darüber, ob ihr Fehler wirklich als ein Fehler anzusehen sei und auch diesmal, gerade dies einzige Mal, als ein solcher gerechnet werden müsse – wo es sich doch gerade um sie handle, Söhne dieses oder jenen Vaters (vor dem man sich besser in acht nehme!) und überhaupt um sympathische Persönlichkeiten, mit denen man Freund sein möchte (oder nicht?). Merkwürdigerweise sind dies die gleichen jungen Menschen, die aus ihrem nationalen Stolz einen Abgott machen; weil die Kolonialisten ihn verletzt haben, werden sie mehr gehaßt als wegen der angeblichen Verluste, die sie der einheimischen Volkswirtschaft zugefügt haben sollen.

 

Politisches Wunschdenken

Politisch besteht das für die arabischen Völker bezeichnendste Phänomen darin, daß sie auf diese Art und Weise immer von neuem zu Gefangenen ihrer eigenen Propaganda werden. Da Wort und Tat nicht ohne weiteres zusammengehen, macht und schreibt man Worte um des emotionalen Effektes wegen, den sie auslösen. Man kann diesen Effekt zwar politisch nützen, aber nur insoweit er Möglichkeiten bietet, den Massen zu schmeicheln und Rivalen zu überbieten. Daher das Aufgebot von möglichst aufreizenden Worten im innenpolitischen wie im interarabischen Kampf, während man kaum daran denkt, daß sie dem Politiker, der sie einsetzt, eine bestimmte Linie des Handelns auferlegen. Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre hat sich die Politik der arabischen Länder zu einem beträchtlichen Grade darauf konzentriert, Erfolge, die sich nicht wirklich (oder nur sehr teilweise) einstellten, propagandistisch vorwegzunehmen und im Glorienschein dieser vorausgenommenen Erfolge zu leben. Die Beispiele für diese Haltung, der ein Wunschdenken sozusagen immanent ist, sind zahllos. Zu ihnen gehört nicht nur der oft und immer neu prophezeite »Endsieg« gegen Israel, von dem – auch und gerade heute – behauptet wird, daß er am Ende eintreten müsse, weil er »im Sinne der historischen Entwicklung liege«. Ein Gleiches gilt von Anfang an für die pan-arabische Bewegung, ihren mit falschen Mitteln vorangetriebenen Drang nach Einheit. Wenn dieser Grundimpuls der Araber seit der Unabhängigkeit ihrer Länder immer mehr auf die schiefe Ebene eines Kampfes um die Hegemonie einzelner Machthaber gedrängt wurde, die den überall vorhandenen Wunsch nach »Einheit« dazu ausnutzten, um als Vorkämpfer eines arabischen Zusammenschlusses bei ihrem eigenen Volk und in den anderen arabischen Ländern Ansehen zu erwerben – am deutlichsten, jedoch nicht als erster von ihnen, Abdel Nasser –, so liegt der tiefere Grund nicht in sozialpolitischen Verschiedenheiten, sondern im Charakterologischen.

Der Weg eines erhandelten Zusammenschlusses ist langwierig, der eines Zusammenschlusses unter eigener Hegemonie der scheinbar kürzere. So ergibt sich eine Art Wettbewerb um die Hegemonie, der dazu führt, daß praktisch alle arabischen Länder vor allen übrigen auf der Hut zu sein haben – besonders vor jenen, die aus dem Panarabismus einen der Hauptpunkte ihrer Politik und Propaganda machen. Seit dem Auseinanderbrechen der »Einheit« Syriens mit Ägypten (1958–1961) geht es dabei gar nicht mehr so sehr darum, selbst einen neuen Zusammenschluß durchzuführen als vielmehr zu verhindern, daß er einem Konkurrenten gelänge; jeder Machthaber hätte von solchem Prestigegewinn eines andern Rückwirkungen für seine eigene Stellung zu befürchten.

Nach wie vor sind es vor allem drei Länder, die sich um die Hegemonie streiten: das Regime Abdel Nassers mit seinem offen ausgesprochenen Ehrgeiz, den »arabischen Sozialismus« aus Ägypten in die anderen arabischen Länder zu exportieren; das syrische Baath-Regime mit seinen noch nationalistischer gefärbten pan-arabischen Ambitionen, denen sich auch das neue Regime im Irak wieder stärker zuzuwenden scheint – freilich in einem scharfen Konkurrenzverhältnis zum sog. Linksbaath in Syrien, aber jedenfalls auf Kosten des »Nasserismus«; und – in vorsichtigerer Form – Saudi-Arabien, das diesen Bestrebungen eine eigene Politik islamisch-universalistischer Ausrichtung entgegensetzt. Nach dem letzten Israelkrieg offiziell beigelegt, besser: stillgelegt, wird dieser Konkurrenzkampf hinter den Kulissen um so heftiger geführt. Dies zeigt sich darin, wie heute jedes arabische Land sich in unversöhnlichen Gesten gegenüber Israel zu überbieten sucht – in der Erwartung wie der Furcht, daß ihm einer der Konkurrenten im Namen der arabischen Solidarität in den Rücken falle. Die Lage König Husseins, der die meisten Gründe hat, zu einem wirklichen Friedensschluß mit Israel zu gelangen, und der deshalb als der versöhnlichste Vorkämpfer der Araber im Ringen um die »politische Lösung« aufgetreten ist, illustriert das sehr deutlich. Heute ist Hussein gezwungen, sich vor allen anderen mit der palästinensischen Terrororganisation »Al-Fatah« zu identifizieren. Nicht einmal Israel hat es fertiggebracht, eine wirkliche arabische Einheit zu bewirken – es sei denn im Negativen.

 

Einst war nur Abdel Nasser stark genug gewesen, um sich als einziger arabischer Führer den Ausspruch erlauben zu können, die Araber seien »noch nicht stark genug«, um einen Krieg mit Israel zu wagen. Und es war ein Zeichen der wachsenden Schwächung seines Regimes, daß er dies seit dem Frühjahr 1967 nicht mehr zu sagen vermochte[3]. Er sah sich vielmehr gezwungen, auf den syrischen Alarm hin seine Truppen marschieren zu lassen, wobei er aller Wahrscheinlichkeit nach hoffte, Israel herausfordern zu können, ohne wirklich einen Waffengang wagen zu müssen[4]. Um so mehr freilich besteht für ihn seit dem verlorenen Krieg Anlaß, immer wieder den Slogan von der »Ausmerzung der Folgen der Aggression« zu lancieren und die nicht in Erfüllung gegangenen Versprechen der Vergangenheit durch noch größere zukünftige Erfolge in den Schatten zu stellen. Handelte es sich in den ersten Wochen nur darum, zu überleben, so wurde es anschließend von Monat zu Monat schwieriger, den arabischen Völkern die Notwendigkeit eines Friedensschlusses darzulegen; man zog es vor, ihnen »die politische Lösung« zu versprechen. Inzwischen ist man bereits darauf angewiesen, diesem Spiegelbild eine weitere Fata Morgana folgen zu lassen: Ruhm und Erfolg des Partisanenkampfes der »Al-Fatah«. Schon vor dem Krieg hat man die arabische Öffentlichkeit daran gewöhnt, die Taten der »AI Fatah« gewaltig herauszustreichen: sie werde die Armee Israels in Atem halten, seine Wirtschaftsgrundlage untergraben und so mit der Zeit die Befreiung Palästinas durch die Palästinenser selbst bewirken[5]. Gern beruft man sich dabei auf alte islamische Traditionen im Grenz- und Infiltrationskrieg: die Seljuken z. B., die ihren Glaubenskrieg in einem weiten verwüsteten Grenzland zweihundert Jahre lang als Kleinkrieg vorgetragen haben, bis sie Byzanz zerstörten. (Ähnliche Beispiele von islamischen Glaubenskämpfen kennt man aus Zentralasien und von den Almoraviden in Nordafrika.) Die Unterschiede in den Zeitverhältnissen und dem Zeittempo werden dabei verschwiegen, stattdessen die einzelnen Aktionen in ihrer unmittelbaren Wirksamkeit in den Zeitungen mächtig aufgeblasen. Worüber man sich indessen kaum Bechenschaft gibt, sind die politischen Folgen dieser seit Monaten betriebenen Propaganda: daß sie nicht mehr aufzuhalten sind; daß nun die Gelegenheit verpaßt ist, in einem Frieden mit Israel einen Teil der besetzten Gebiete für die Araber zu retten; daß man sich israelischen Gegenschlägen aussetzt, die eine desorganisierende Wirkung auf das verbleibende arabische Gebiet haben, wie dies Jordanien zur Zeit deutlich zeigt.

Man ist heute, da die »Al-Fatah« und die anderen Infiltrationsgruppen der PLO (Volksbefreiungskräfte) bestimmte Grenzzonen weitgehend beherrschen[6], gar nicht mehr in der Lage, gegen die Terroristen wirksam einzuschreiten, wie das die Dirigenten Jordaniens im Grunde ihres Herzens (oder soll man sagen: in einem der Gründe ihres Herzens) wohl möchten. Nachdem man lange Zeit ihre Bedeutung gewaltig übertrieb und sie als einzige Hoffnung für die Bettung Palästinas hingestellt hat, würde es sich in der Tat wie ein »Verrat an der arabischen Sache« ausnehmen, wollte man sie nun am Benützen jordanischen Territoriums hindern. Die Tatsache, daß solche leicht vorhersehbaren Folgen nicht im voraus bedacht wurden, erklärt sich natürlich daraus, daß man sich selbstkritiklos Emotionen hingab, um dem verletzten Stolz zu schmeicheln und die Scham der Niederlage für den Augenblick zu lindern. Dahinter steht jedoch eine weitgehende Unfähigkeit, einzusehen, daß eine bestimmte Propaganda auch bestimmte Folgen haben muß. Dies entspricht einfach nicht den Erfahrungen der arabischen Alltagspsychologie. Einmal so, ein anderes Mal umgekehrt, kontradiktorisch und zusammenhangslos verläuft das Leben – das ist der Erfahrungsschatz, den man in sich selbst vorfindet.

 

Wirtschaftliche und soziale Konsequenzen

In das gleiche Kapitel gehört die Zusammenhangslosigkeit zwischen Wirtschaftsplanung und der daraus in Wirklichkeit entstehenden Wirtschaft. Der Plan an sich gilt, einmal formuliert, bereits als Leistung, die man vollbracht zu haben glaubt. Bekanntlich ist Planen eine bürokratische Aktivität, die nur dann auch zu einer produktiven führt, wenn nicht nur technisch, sondern auch soziologisch die Transmissionsbedingungen stimmen. Und das ist unter allen klassisch orientalischen Gesellschaften – den »hydraulischen Staaten« in Karl Witfogels Definition – in den Ländern des Nahen Ostens am wenigsten der Fall. Seit den historischen Anfängen und bis in die heutige Zeit ist hier bürokratisches Verteilen und Arbitrieren eine Prestige bringende Arbeit, das Produzieren hingegen (des Bauern, Handwerkers, Händlers) de facto weitgehend mit einem »sich durch die Bürokraten ausbeuten lassen« gleichzusetzen. Diese Grundstruktur hat auch auf die Art der Übernahme europäischer Techniken eingewirkt. Es war die seit jeher dirigierende Klasse der Schreiber, die zuerst auf die Notwendigkeit aufmerksam machte, von Europa zu lernen: typisch etwa in der Form der Memoranden an die Hohe Pforte, wie in Anlehnung an europäische Vorbilder die Organisation des ottomanischen Beiches zu ändern sei[7]. Nur in wenigen atypischen Ausnahmefällen lernten die produzierenden Schichten die neuen Techniken direkt[8], im Allgemeinen vollzog sich der Lehrprozeß über theoretisierende Vermittlerschichten hinweg.

Schon früh wurde diese über die Theorie geleitete Modernisierung ergänzt durch den »ausländischen Experten«, wie ihn schon das Ägypten Muhammed Alis kannte und wie er heute noch immer Mode ist[9]. Die Häufigkeit dieser Experten ist bezeichnend für das Fehlen von Praktikern der Beform im Nahen Osten selbst. Auch der andere Weg, den man schon früh von Istanbul und von Kairo aus (den beiden ersten Zentren der Beform im Nahen Osten) zu gehen versuchte: die Entsendung eingeborener Schulmissionen nach Europa – hat daran entscheidend nichts geändert[10]. Jedermann, der sich mit diesen Fragen befaßt hat, kennt das Problem der heimkehrenden Auslandsstudenten: sie pflegen sich möglichst rasch einen administrativen Posten zu suchen, von dem aus sie andere zum produktiven Arbeiten anleiten möchten, »ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen«. Ob sie selbst wollen oder nicht, die noch immer wirkende altherkömmliche Gesellschaftstradition zwingt sie buchstäblich dazu, nicht Praktiker der Modernisierung, sondern Bürokraten der Modernisierung zu werden. Dabei muß man zugeben, daß ein junger, in Europa ausgebildeter Akademiker im Durchschnitt überfordert wird, wenn man von ihm verlangt, sich aufs Land zu begeben, wo er wirklich gebraucht würde. In der Praxis müßte er dort in geistiger Isolierung leben, unter harten finanziellen und sonstigen Lebensbedingungen, die ihn als deklassiert erscheinen lassen. So ist es so gut wie unmöglich, unter diesen Umständen eine Frau aus einigermaßen gebildeten Kreisen zu finden. Es gibt dieses Problem in allen Entwicklungsländern, aber nirgends so stark wie im Nahen Osten, und zwar wegen der enormen Differenz zwischen städtischen und ländlichen Lebensbedingungen. Im Großen gesehen bewirkt dieser Prozeß, daß die Modernisierung nicht nur immer von neuem gelernt, sondern auch eingeführt werden muß. Generation auf Generation künftiger Universitätslehrer reist nach Europa, kommt mit ihren Doktoraten nach Hause und lehrt dort nach den Kollegnachschriften der Studentenjahre.

Die eigene wissenschaftliche Produktion ist minimal. Und damit fehlt auch der wirksamste Ansporn, sich gegenüber dem Fortschritt der Wissenschaften auf dem Laufenden zu halten. Bald schon muß eine neue Generation nach dem Westen entsandt werden, womit sich ein Generationskonflikt ergibt, der für die nahöstlichen Universitäten nicht erst seit heute, sondern seit vielen Jahrzehnten bezeichnend ist. Die älteren, seit Jahren improduktiven Bürokraten der Wissenschaft und des Unterrichts fühlen sich durch die moderner ausgebildeten jungen Heimkehrer in Frage gestellt und ziehen alle durch Seniorität und langjährige Beziehungen vertrauten administrativen Hebel, um das Hochkommen der Neuheimkehrer zu verlangsamen oder ganz zu verhindern. Dieser Generationskonflikt wirkt sich schon seit dem Ende des Ersten Palästinakrieges auch ideologisch aus. Damals machte die erste Generation der Revolutionäre für einen »Arabischen Sozialismus« ihren Vätern den nicht ungerechtfertigten Vorwurf, sie hätten von der westlichen Demokratie die liberalen Grundanschauungen nur übernommen und sie als Instrument eingesetzt, um ihre eigenen »bürgerlichen« oder »feudalen« Privilegien zu bewahren und mit »patronal« ausgeübter Demokratie das »Vaterland« zu »verraten«. Freilich sahen sich diese arabischen Revolutionäre selbst bald darauf angewiesen, die geistigen Grundlagen ihrer neuen Regime ebenfalls in Europa zu suchen. Dies gilt für den säkularisierten, aus dem westlichen Staatsdenken entwickelten »Nationalismus«, der sich für die arabischen Regime aber nur so lange als tragfähig erwies, als es ausländische Kolonialisten gab, gegen die anzukämpfen zum Hauptzweck der jungen Staatswesen erklärt werden konnte. Es gilt ebenso für das aus Europa übernommene Konzept der sozialen Gerechtigkeit, das im Zuge der Polemik gegen die »altmodischen« Liberalen der Vätergeneration Schritt für Schritt von einem demokratisch verstandenen Sozialismus abrückte und sich einem autoritär orientierten Vulgär-Marxismus verschrieb.

[1] Der Unterschied zwischen Dialekt und Schriftsprache läßt sich ungefähr mit dem zwischen Italienisch und Lateinisch vergleichen; es gibt jedoch keinen zur gehobenen Allgemeinsprache ausgebauten Einzeldialekt, wie es das Florentinische seit Dante ist.

[2] Türkisch und Persisch inkorporieren im Gegensatz dazu ungehemmt englische, französische und deutsche Fachausdrucke und Fremdwörter.

[3] Diese Schwäche war die Summe einer längeren Reihe von Mißerfolgen, die um so schwerer wogen, als sie durch die Staatspropaganda bereits lange vorher als Erfolge gepriesen worden waren: die Lostrennung Syriens nach dem Triumphgeschrei über die bereits erlangte arabische Einheit; die Mißerfolge der ägyptischen Truppen im Jemen, trotz allen Behauptungen, das Land sei endgültig befriedet; die doch sehr weitreichenden Fehlleistungen, die bei der Industrialisierung und Erfüllung der zu weit gespannten Wirtschaftspläne eintraten.

[4] Der Krieg des Vorjahres wurde bekanntlich ausgelöst durch Drohungen der israelischen Behörden gegenüber Syrien, für den Fall weiterer Infiltrationen. Die Drohungen waren von Falschmeldungen begleitet, nach denen die Israeli »11 Brigaden« an der syrischen Grenze konzentriert haben sollten. Solche Falschmeldungen gelangten über Moskau nach Ägypten. Doch gilt inzwischen als unwahrscheinlich, daß die Sowjets sie absichtlich lancierten, um den Krieg zu entfachen. Sie sprachen mehrfach, noch kurz vor Kriegsausbruch, Warnungen an Ägypten aus. Eine andere Frage wäre, ob sie nicht die Spannung zu erhöhen suchten, um Kairo so oder so enger an sich zu binden.

[5] Neuere israelische Berichte sprechen von einem erstaunlichen Solidaritätsmangel unter den einzelnen Gruppen, die aus den verschiedenen arabischen Ländern stammen und über die jordanische Grenze eingeschleust werden. Angriffe auf Einheiten der israelischen Armee seien äußerst selten, und häufig stellten sich gefangene Mitglieder der »AI Fatah« als Begleiter den israelischen Helikoptern zur Verfügung, um die Infiltrationswege ihrer Organisation im Grenzgebiet auszukundschaften.

[6] Der im Sommer 1968 neugebildete Rat der offiziellen Organisation für die Befreiung Palästinas in Kairo zählt 100 Mitglieder, von denen erstmals 38 die »AI Fatah«, 10 die PLO direkt vertreten. Bisher vermochte der Rat sich nicht auf einen gemeinsamen »Exekutivausschuß« zu einigen.

[7] Vgl. Bernhard Lewis Buch: The Emergence of Modern Turkey, Oxford 1960.

[8] Solche Ausnahmen waren Libanons an Lyon liefernde Seidenraupenzüchter, die die Prosperität der Maroniten und ihr Übergewicht über die Drusen im frühen 19. Jahrhundert hervorriefen. Sie standen unter dem Einfluß von in Rom erzogenen Priestern, die eine Europäisierung der maronitischen Gemeindeorganisation durchgeführt hatten; wobei es rasch zu sozialen Spannungen kam, weil die maronitischen Priester als Helfer der anti-feudalen Kräfte eine bedeutende Rolle spielten.

[9] Der heutige Typus des Experten ist freilich dem früheren »Apostaten« insofern unterlegen (man denke an Figuren wie den französischen Offizier Sèvres, der als Sulaiman Pascha Muhammed Alis Truppen organisierte), als er leicht reist und nicht wirklich gezwungen ist, sich der Welt anzupassen, in der er wirkt. Die internationalen Organisationen tun ein übriges dazu, daß er nie die Behaglichkeit einer Privileg-Atmosphäre missen muß.

[10] Eine detaillierte Schilderung gibt Heyworth Dunne in seinem vorbildlichen Buch: Muhammes Alis Educational Policy. London 1938.


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