Der Mythos von Megalopolis

Die Erweiterung der Ackerfläche, die Verbesserung der Landwirtschaft, die Zunahme der Bevölkerung und die Vervielfachung der Städte sind in der Geschichte stets Hand in Hand gegangen, aber niemals enger verbunden gewesen als im vorigen Jahrhundert. Jetzt treten viele Länder in ein Zeitalter ein, in dem nicht nur die Stadtbevölkerung zahlreicher ist als die Landbevölkerung, sondern die Fläche, die durch das Wachstum der Städte bedeckt oder dafür vorgesehen ist, es auch mit der Fläche des Kulturlandes aufnehmen kann. Einen Hinweis auf diese Veränderung gab die Zunahme der Großstädte nach Zahl, Fläche und Bevölkerung. Megalopolis setzt sich rasch allenthalben durch, und die vorherrschende Wirtschaftsform ist die großstädtische, in der es kein leistungsfähiges Unternehmen mehr gibt, das nicht eng an die große Stadt gebunden ist.

Ist das nun ein Endstadium der städtischen Entwicklung? Diejenigen, welche glauben, daß es zur gegenwärtigen Vermehrung großstädtischen Gewebes keine Alternative gebe, übersehen allzu leicht, wozu eine solche Konzentrierung städtischer Macht früher geführt hat; sie vergessen, daß dies schon mehr als einmal das letzte Stadium im klassischen Kreislauf der Zivilisation vor ihrem vollständigen Zerfall gewesen ist. Nichts spricht für die Stabilität einer Zivilisation, die innerhalb von vierzig Jahren zwei Weltkriege erlebt und, niedrig geschätzt, das Leben von etwa sechzig Millionen Menschen vorzeitig beendet hat – eine Zivilisation, die nunmehr droht, in künftigen Kämpfen, welche »den Kommunismus ausbreiten« oder »die Freiheit erhalten« sollen, die Bevölkerung ganzer Kontinente zu vernichten oder gar den ganzen Erdball unbewohnbar zu machen.

Vielleicht liegt einer der Gründe für den häufig wiederkehrenden Kreislauf von Wachstum, Ausweitung und Zerfall der Städte im Wesen der Zivilisation selber begründet. Die Stadt neigt in vielen Fällen dazu, das organische, vielseitige Leben des Gemeinwesens in versteinerten und überdifferenzierten Formen einzuschließen, die Dauer nur um den Preis der Anpassung und weiteren Wachstums erreichen. Eben die Struktur der Stadt selber, bei der das steinerne Gefäß den Magneten beherrscht, ist vielleicht in der Vergangenheit in nicht geringem Maße für diesen Widerstand verantwortlich gewesen. Zum Schluß hat sie dann bewirkt, daß der äußere Zerfall – durch den Krieg, Feuer oder wirtschaftliche Zersetzung und Verödung – der einzige Ausweg war, um die Stadt den neuen Anforderungen des Lebens zu erschließen.

Wenn das richtig ist, so bedarf die Stadt heute vor allem einer verstärkten kollektiven Kenntnis ihrer selbst und einer tieferen Einsicht in den Ablauf der Geschichte als ersten Schritt zu Zucht und Lenkung.

Unser Problem besteht darin, daß wir auf allen Gebieten die Kräfte, die uns jetzt bedrohen, bremsen oder zum Stillstand bringen müssen. Wir müssen den Kreislauf von Expansion und Zerfall unterbrechen, indem wir neue Prämissen schaffen, die uns in den Stand setzen, unsere Richtung zu ändern und an vielen Orten einen neuen Anfang zu machen. Die bloße Tatsache, daß es in England und Schweden die New Towns gibt, mögen sie auch das vorherrschende großstädtische Leitbild noch nicht verändert haben, legt dennoch Zeugnis ab für die Möglichkeit einer andern Art von städtischem Wachstum. Dieses kleine Anzeichen könnte der Vorläufer einer umfassenderen Umgestaltung sein.

Die Sklaverei der großen Zahl

Die großstädtische Ballung hatte ihre Ursache in der enormen Bevölkerungszunahme während des 19. Jahrhunderts. Diese übertraf wahrscheinlich relativ und absolut jene Bevölkerungszunahme in der Jungsteinzeit, welche das erste Vordringen des Urbanismus ermöglicht hatte. Die Völker europäischer Abstammung vermehrten sich von rund zweihundert Millionen zur Zeit der Freiheitskriege auf rund sechshundert Millionen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diese Völker, die zu Malthus‘ Zeit nur etwa ein Sechstel der Erdbevölkerung ausmachten, stiegen in wenig mehr als hundert Jahren auf fast ein Drittel an, obwohl manche andere Völker, die unter ihren Einfluß kamen, beispielsweise die Bewohner von Niederländisch-Indien, sich inzwischen gleichfalls vermehrten wie nie zuvor.

Um 1800 hatte nicht eine einzige Stadt in der westlichen Welt auch nur eine Million Einwohner; selbst London als die größte Stadt hatte nur 959 310 Einwohner, während Paris nur reichlich eine halbe Million zählte, weit weniger als Amsterdam heute. Um 1850 hatte London mehr als zwei Millionen, Paris über eine Million Einwohner, und beide hatten noch keine ernstlichen Rivalen, obwohl auch andere Städte sehr rasch wuchsen. 1900 aber gab es elf, dreißig Jahre später als Frucht einer fieberhaften Konzentration von Kapital und Finanzmacht und infolge der einträglichen maschinellen Möglichkeiten städtischen Wachstums und zunehmender Ballung 27 Städte mit mehr als einer Million Einwohner. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts haben wir eine Fülle neuer großstädtischer Zentren mit wachsenden, weit ausgedehnten Vorstadtkränzen, so daß die Zahl der Millionenstädte ständig wächst.

Nicht minder auffällig ist der Aufstieg der Städte von mehr als hunderttausend Einwohnern, und auch diese kleineren Großstädte sind von Vorstädten umringt. Um 1930 lebte fast die Hälfte aller Einwohner der Vereinigten Staaten im (30 bis 80 Kilometer betragenden) Umkreis von Städten mit mehr als 100000 Einwohnern, und 1950 lebten insgesamt 89 929 863 in 168 Stadtgebieten von mehr als 50000 Einwohnern. Ähnlich verlief die Entwicklung anderswo, und 1950 lebten 13,1 Prozent der Menschheit in Städten von über 100000 Einwohnern gegenüber 1,7 Prozent im Jahre 1800.

Diese Änderung von Zahl und Ausmaß der städtisch genutzten Fläche führte zu qualitativen Veränderungen in allen diesen Orten und dehnte zudem den städtischen Einflußbereich aus. Dadurch gelangten städtische Waren, Gewohnheiten und ideologische Wertmaßstäbe in bis dahin gänzlich abgeschlossene Dörfer, deren Tageslauf inhaltlich im Grunde immer noch demjenigen der jungsteinzeitlichen Kultur entsprach. Selbst die wichtigsten Werkzeuge des primitiven Dschungellebens, die Axt und die Machete der südamerikanischen Indianer, wurden nicht mehr in der nächsten Umgebung hergestellt, sondern in Newark oder Sheffield. Vor allem veränderte diese Vervielfältigung der Städte vollständig das Gleichgewicht zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung. Früher waren Städte verstreute Inseln in einem landwirtschaftlichen Meer gewesen. Jetzt aber werden in den stärker besiedelten Teilen der Erde die Gebiete landwirtschaftlicher Erzeugung eher zu einzelnen grünen Inseln, die allmählich von einem Meer von Asphalt, Beton, Ziegeln und Steinen verschlungen werden.

Mit diesem Wandel verbunden war der Übergang zu entfernten Nachschubquellen sowie von den produktiven Städten zu den Mittelpunkten der finanziellen Macht, wo der Markt manipuliert und der Gewinn ausgezahlt wurde. Der »freie Wettbewerb«, der als Schlagwort die alten feudalen und städtischen Monopole gebrochen hatte, wich immer mehr vor den riesigen Anstrengungen zurück, die neue Monopole oder sogenannte Oligopole schufen, aufgrund derer eine kleine Zahl von Organisationen den Markt kontrollieren und die Preise fast ebenso wirksam festsetzen konnte, als handelte es sich tatsächlich um eine einzige Stelle. Die große Metropole war zugleich Teilhaber dieser Entwicklung und Symbol ihres überwältigenden Erfolges.

Diese Bewegung führte die verschiedenen Teile der modernen Gesellschaft in demselben großen städtischen Behälter zusammen und trug damit in erheblichem Maße dazu bei, die Schranken zwischen den verschiedenen herrschenden Gruppen und Klassen einzureißen. Grundbesitz, Industrie, Finanz, Wehrmacht und Beamtentum bildeten in den führenden westlichen Ländern eine Koalition, um ein Höchstmaß an finanzieller Ausbeutung und politischer Macht zu erlangen. Die Regierungen begannen mehr und mehr, die »nationalen Interessen« in den Dienst der Industriellen und Finanzmagnaten zu stellen, da, wie Cecil Rhodes bemerkte, »Expansion alles ist«. So wurden die besonderen Kräfte, die von Natur aus die Expansion der Metropole förderten, noch durch einen allgemeinen Schub in derselben Richtung verstärkt.

War die ursprüngliche Form der Stadt durch das Zusammenwirken der Wirtschaftsformen der älteren und jüngeren Steinzeit entstanden, so erscheint die Endgestalt der Großstadt als Ergebnis zweier Kräfte, die sich bald nach dem 17. Jahrhundert in institutioneller Form selbständig machten: eine produktive Industriewirtschaft, welche Energien in einem vorher niemals verfügbaren Ausmaß nutzte, und eine händlerische Verbraucherwirtschaft, die sich einstmals auf Hof und Adel beschränkt hatte, dann aber rasch die Annehmlichkeiten und Luxusgüter vervielfachte, die bis dahin nur wenigen zugänglich gewesen waren, und allmählich den ganzen Kreis der Verbraucher ausweitete. Beide Wirtschaftsformen wurden unter dem Druck anhaltender Erfindungen überaktiv. Kraft, Geschwindigkeit, Quantität und Neuheit wurden zu Selbstzwecken, und niemand versuchte ernstlich, Kraft und Quantität im Hinblick auf andere menschliche Bedürfnisse zu lenken als allein zum Zwecke einer Steigerung von Produktion und Konsum. Daher vereinigten die großen Metropolen die Industriestadt, die Kaufmannsstadt, die Königsstadt und die Adelsstadt in einem einzigen riesigen Komplex, wobei jede ihren Einfluß auf die andere zu stärken und auszudehnen suchte. Das größte Museum, die größte Universität, das größte Krankenhaus, das größte Warenhaus, die größte Bank und die größte Handelsgesellschaft zu haben, befriedigte das letzte Verlangen einer Stadt; und die größte Zahl von Erfindungen, die größte Zahl wissenschaftlicher Arbeiten oder die größte Zahl von Büchern zu produzieren, wurde ebenso zum Wahrzeichen städtischen Erfolges wie die größte Tonnenzahl Roheisen in Pittsburgh oder Essen. Kurzum, jede erfolgreiche Institution der Großstadt wiederholt in ihrer eigenen Struktur das sinnlose Gigantentum des Ganzen.

Zitadelle und Mauer waren in den großen Hauptstädten längst in Verfall geraten. In dem Augenblick aber, als sie verschwanden, trat ein ganzes Netz von organisatorischen Kontrollen, die ihren Mittelpunkt in der alles beherrschenden Hauptstadt hatten und von dort alsbald überallhin ausstrahlten, an ihre Stelle und übte ihre Funktionen viel wirksamer aus. Je schattenhafter die neuen Mächte waren, um so wirkungsvoller waren sie. Man konnte wohl eine Stadtmauer durchbrechen oder einen König töten, wie aber sollte man gegen ein internationales Kartell Sturm laufen?

Wachstum und Vervielfältigung großer Metropolen waren sowohl Beweise für diese allgemeine Neigung zu monopolistischer Konzentration als auch die Mittel zu deren Herbeiführung. Selbst in den schläfrigsten Provinzstädten nahm das institutionelle Leben immer mehr die Gestalt der Metropole an. Die Götzen der Machtpoltik, die wüsten Orgien des Nationalismus, das allgemeine Hinnehmen der kommerziellen und kulturellen Standardwaren aus der Hauptstadt sowie die schamhafte Verbannung örtlicher Erzeugnisse waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast allenthalben anzutreffen.

Dieses negative Bild großstädtischer Organisation enthält, wie ich betonen möchte, nicht die ganze Wahrheit. Man muß das, was während der letzten hundert Jahre geschehen ist und was uns heute so schrecklich bedroht, nicht nur nach den Wandlungen beurteilen, die tatsächlich eingetreten sind, sondern auch nach den vielen rühmlichen Möglichkeiten, die jene auf lange Sicht aufwiegen und das ganze Leben auf ein höheres Niveau heben können. Einige dieser Möglichkeiten sind freilich bedauerlicherweise bereits beseitigt worden. So unternahm man leider für die Erhaltung und Vermittlung primitiver Kulturen erst dann etwas, als bereits unheilbarer Schaden angerichtet worden war; dabei hätten diese Kulturen manches zur Überwindung der Unfruchtbarkeit unserer eigenen, die uns heute so schmerzlich bewußt wird, beitragen können. Ferner warten viele humane Verfahren und Entdeckungen der Medizin und des Bildungswesens, die von der großstädtischen Zivilisation verderbt worden sind, immer noch darauf, daß sie sich in einer Kultur, die auf menschlichere Ziele gerichtet ist, voll auswirken können. Wenn die Geschichte der Stadt im 19. Jahrhundert, wie Lavedan so treffend gesagt hat, die Geschichte einer Krankheit ist, dann könnte man die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert die Geschichte einer seltsamen Krankenpflege nennen, bei der man die Symptome zu beseitigen versucht, aber sorgfältig genau die qualvollen Verhältnisse aufrechterhält, welche die Krankheit verursacht – und dazu noch Reaktionen ausgelöst haben, die ebenso schlimm sind wie die Krankheit selber.

Von wenigen bedeutenden Ausnahmen wie Patrick Geddes, Pjotr Kropotkin, Ebenezer Howard und Max Weber abgesehen, sucht man immer noch vergeblich nach ausreichendem Verständnis für die normalen Lebensvorgänge einer Stadt. Der historische Kern der Metropole hat immer noch eine Aufgabe zu erfüllen, sofern seine Bewohner begreifen, daß weder sein ehemaliges Monopol noch sein heutiger Zerfall bis in unabsehbare Zeit fortdauern können. Wenn man einen physikalischen Ausdruck entlehnen darf, so besteht heute die große Aufgabe darin, physische Masse in psychische Energie zu verwandeln. Wir müssen neue Mittel erfinden, um automatische Ballung in zielbewußte Beweglichkeit umzuwandeln, um den Behälter zu vergeistigen, um den Magneten neu zu laden und das Magnetfeld zu vergrößern. Diese Möglichkeiten rücken vielleicht in greifbarere Nähe, wenn wir die Fehlentwicklungen der Vergangenheit betrachten.

Die Beseitigung von Schranken

Betrachten wir einmal die Situation der Metropole in allgemeiner Hinsicht. Was manche Leute die Explosion der Stadt genannt haben, ist in Wirklichkeit nur das Symptom einer allgemeinen Tendenz: die Beseitigung von Schranken. Sie kennzeichnet den Übergang von einem organischen zu einem mechanischen System, von zielbewußtem Wachstum zu zielloser Expansion.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein setzte die Begrenztheit der örtlichen und regionalen Verkehrsmittel dem Wachstum der Städte natürliche Schranken. Selbst die größten Städte wie Rom, Babylon, Alexandria und Antiochia mußten diese Grenzen respektieren. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts aber trat neben die Tendenz zum großstädtischen Monopol infolge der wirksamen Nutzung von Kohle und Eisen und der Ausweitung der Eisenbahn ein neuer Faktor; denn hinsichtlich der rein äußerlichen Bedürfnisse deckte sich das Siedlungsgebiet mit den Kohlevorkommen, den Eisenvorkommen und dem Eisenbahnnetz. Patrick Geddes wies schon zu Beginn dieses Jahrhunderts darauf hin, wie aufschlußreich die Bevölkerungskarten seien, die eine allgemeine Ballung und Ausbreitung der städtischen Masse anschaulich machten. Er zeigte, daß ganze Provinzen und Grafschaften verstädterten, und schlug vor, solchen auseinanderfließenden Formationen einen neuen Namen zu geben, der sie von der geschichtlich gewordenen Stadt unterschiede: die Konurbation.

Inzwischen kamen den Kräften, die ursprünglich die Konurbation geschaffen hatten, das elektrische Stromnetz, die elektrischen Bahnen und noch später das Auto und die Autostraße zu Hilfe. Daher findet eine Bewegung, die zunächst hauptsächlich auf die der Eisenbahn zugänglichen Gebiete beschränkt war, heute überall statt. Während die erste Ausbreitung des Fabrikwesens eine Vielzahl von neuen Städten schuf und die Bevölkerung der vorhandenen Städte erheblich vermehrte, hat das jetzige Auseinanderfließen der Siedlungsgebiete diesem Wachstum weitgehend Einhalt geboten und dafür die Entstehung eines relativ undifferenzierten städtischen Gewebes gefördert, das in keinerlei Beziehung mehr zu einem innerlich zusammenhängenden Kern oder zu irgendeiner äußeren Begrenzung steht.

Was diese Beseitigung von Schranken bedeutet, versteht man wohl am besten am Beispiel historischer Städte. Als Rom im Jahre 274 v. Chr. von der Aurelianischen Mauer umgeben wurde, bedeckte es wenig mehr als 13 Quadratkilometer. Die heutige Fläche von London ist 130mal so groß, aber etwa 650mal so groß wie die Fläche des mittelalterlichen London, die rund 274 Hektar bedeckte. Noch ausgedehnter ist die Konurbation von New York, das etwa 6 511 Quadratkilometer bedeckt. Wenn kein menschlicher Wille eingreift, um das Auslöschen der Landschaft zu verhindern und dem kolonisierenden Wachstum der Städte Grenzen zu setzen, könnte der ganze Küstenstreifen von Maine bis nach Florida zu einer einzigen, unterschiedslosen Konurbation zusammenwachsen. Wer diese Masse eine »Regionalstadt« nennt oder behauptet, sie stelle den neuen Maßstab von Siedlungen dar, dem sich der moderne Mensch mit seinen Institutionen und Bedürfnissen anzupassen habe, der verschleiert die Wirklichkeit der menschlichen Situation und läßt zu, daß scheinbar automatische Kräfte an die Stelle menschlicher Zielsetzung treten. Die riesigen Stadtmassen sind eher einer geschlagenen und desorganisierten Armee vergleichbar, die ihre Führer verloren, ihre Bataillone und Kompanien ringsum verstreut hat und mit abgerissenen Abzeichen nach allen Seiten flieht. Will man mit dieser Lage fertigwerden, so muß man – abgesehen von der Errichtung einer obersten Leitung – neue Einheiten bilden, mit denen man wirksam operieren kann. Solange wir nicht die Aufgabe kleinerer Einheiten verstehen und diese wieder zur Ordnung rufen können, ist es unmöglich, die Armee als Ganzes zu kommandieren und in einem größeren Gebiet einzusetzen.

Obwohl die Beseitigung von Schranken eine der wichtigsten Erscheinungen der großstädtischen Wirtschaft ist, bedeutet das keineswegs, daß die verantwortlichen Führer der Macht entsagt hätten. Es gibt nämlich eine Bedingung, welche diese Beseitigung aufwiegt, und das ist die Methode, alle Operationen durch die Metropole und deren immer kompliziertere Einrichtungen zu leiten. Die Metropole ist ein Verarbeitungszentrum, wo eine ungeheure Vielzahl von materiellen und geistigen Gütern maschinell sortiert und auf eine begrenzte Zahl von genormten Artikeln reduziert wird, die einheitlich verpackt und durch überwachte Kanäle, mit dem anerkannten großstädtischen Stempel versehen, ihren Bestimmungsorten zugeleitet werden. »Verarbeitung« ist jetzt die wichtigste Form großstädtischer Kontrolle geworden. Die Notwendigkeit, sie ständig anzuwenden, hat eine ganze Kette von maschinellen und elektrischen Erfindungen hervorgebracht, von der Registrierkasse bis zum Elektronengehirn, die von der Buchhaltung bis zum Hochschulexamen alle Aufträge ausführen. Interessen und Begabungen, die sich nicht zur Verarbeitung eignen, werden automatisch abgelehnt. Alles, was ortsgebunden, klein, persönlich und unabhängig ist, muß unterdrückt werden. Wer die verarbeitenden Maschinen beherrscht, beherrscht mehr und mehr das Leben und Schicksal derer, die diese Erzeugnisse verbrauchen müssen und nach dem Willen der Großstadt keine andern mehr suchen dürfen. Verarbeitung und Verpackung enden nämlich nicht auf dem Fließband, sondern verändern schließlich die menschliche Persönlichkeit.

Kurzum, das Monopol von Macht und Wissen, das zuerst in der Zitadelle errichtet wurde, ist in stark vergrößertem Maßstab in die letzten Stadien der großstädtischen Kultur zurückgekehrt. Schließlich müssen alle Seiten des Lebens kontrolliert werden: kontrolliertes Wetter, kontrollierte Bewegungen, kontrollierte Vereine, kontrollierte Erzeugung, kontrollierte Preise, kontrollierte Phantasie und kontrollierte Gedanken. Der einzige Zweck aber, dem die Kontrolle dient, besteht darin, die Kontrolle selber zu beschleunigen. Die Hohenpriester dieses Regimes sind leicht zu ermitteln, beruht es doch in seiner Endphase auf der Ausbreitung geheimen und daher kontrollierbaren Wissens. Gerade die Arbeitsteilung, die eine spezialisierte wissenschaftliche Forschung ermöglicht, begrenzt zugleich die Zahl der Leute, die imstande sind, die Bruchstücke zusammenzusetzen. Der Kernreaktor ist der Sitz ihrer Macht, Rundfunkübertragung und Raketenflug sind ihre Himmelsboten, mittels derer sie miteinander in Verbindung treten. Jenseits dieser minderen Götterboten liegt der Kontrollraum selber mit seiner kybernetischen Gottheit, die ihre blitzschnellen Entscheidungen trifft und ihre unfehlbaren Antworten gibt. Angesichts dieses elektronischen Monopols über des Menschen größte Machtbefugnisse kann das Menschliche nur auf der primitivsten Ebene wieder seinen Einzug halten. Sigmund Freud hat die Anfänge schöpferischer Kunst im Stolz des Kindes über die Regungen seiner Eingeweide entdeckt. Ihre letzten Manifestationen können wir jetzt in Bildern und Skulpturen entdecken, deren Inhalt einen ähnlichen Stolz, ein ähnliches Maß von Selbständigkeit – und ein ähnliches Erzeugnis verraten. Sollten die anerkannten wissenschaftlichen Priester mit ihrem derzeitigen Wirken noch ein wenig weiter gehen, so wird auch der neue Homunkulus in Lebensgröße verarbeitet werden; schon heute kann man ahnungsvolle Modelle in unsern Kunstausstellungen betrachten. Er wird einem Mann in einem »Raumanzug« erstaunlich ähnlich sehen: äußerlich ein schuppiges Insekt. Das Gesicht im Innern aber wird keines Ausdrucks fähig sein, so wenig wie das Gesicht eines Leichnams. Und wer wird den Unterschied bemerken?

Räkelndes Riesentum

Man kreise einmal im Flugzeug über London, Buenos Aires, Chicago oder Sydney oder betrachte die Städte Stück für Stück anhand eines genauen Planes: Welches ist die Gestalt der Stadt und wie ist sie strukturiert? Der ursprüngliche Behälter ist vollständig verschwunden, die scharfe Scheidung zwischen Stadt und Land besteht nicht mehr. Während der Blick bis an die dunstige Peripherie schweift, kann das Auge keine klare Gestalt mehr wahrnehmen, soweit sie nicht von der Natur selber geschaffen ist. Man erblickt vielmehr eine fortlaufende, gestaltlose Masse, die bald von Gebäuden überragt oder ausgebeult, bald von einem Grünflecken oder einem gewundenen Betonband unterbrochen wird. Die Gestaltlosigkeit des Ganzen spiegelt sich in den einzelnen Teilen, und je näher sie dem Zentrum liegen, um so weniger lassen sich im allgemeinen die kleineren Teile unterscheiden.

Ohne ihre gesellschaftlichen Chromosomen zu teilen und neue Zellen zu bilden, wächst die Stadt unorganisch weiter, durchbricht wie ein Krebsgeschwür altes Gewebe und bildet ein Übermaß an neuem, gestaltlosem Gewebe. Hier hat die Stadt Dörfer und kleine Städte verschlungen und nur Ortsnamen übriggelassen, wie Manhattanville und Harlem in New York; dort hat sie vielleicht glücklicherweise einmal die Organe der Selbstverwaltung und Spuren eines unabhängigen Lebens übriggelassen oder gar zu ihrer Erneuerung beigetragen, wie etwa in den Londoner Stadtteilen Chelsea und Kensington. Aber auch dort hat sie diese Stadtgebiete in ihre äußere Organisation einbezogen und das freie Land bebaut, das einstmals deren Eigenart und Besonderheit erhalten half. Je weiter man sich vom Zentrum entfernt, um so planloser und unzusammenhängender, verworrener und haltloser wird das Wachstum der Stadt, soweit nicht ein überlebendes Stadtwesen Spuren eines geordneteren Lebens hinterlassen hat. Kein menschliches Auge vermag diese großstädtische Masse auf einen Blick zu erfassen. Kein einzelner Versammlungsort kann alle ihre Bürger aufnehmen, höchstens die Gesamtheit ihrer Straßen.

Diese Riesenhaftigkeit der modernen Metropole ist nicht allein das Ergebnis technologischen Fortschritts. Entgegen einer verbreiteten Auffassung begann das Wachstum der großen Städte vor den entscheidenden technischen Fortschritten der letzten zweihundert Jahre. Allgemein begann aber die großstädtische Phase erst, als die technischen Mittel, welche die Ballung bewirkten, dafür ausreichten – und als sich ihre Anwendung für diejenigen lohnte, welche sie herstellten oder einsetzten. Die moderne Großstadt ist vielmehr ein bemerkenswertes Beispiel für eine eigentümliche kulturelle Rückständigkeit innerhalb des technischen Bereichs selber, nämlich für die Fortsetzung der überholten Formen und Bestrebungen einer in sozialer Hinsicht rückständigen Zivilisation mit den fortschrittlichsten technischen Mitteln. Die Maschinen und Einrichtungen, die sich für die Dezentralisierung in einer lebendig zentrierten Ordnung eignen würden, werden hier entweder dazu verwendet, die Ballung zu vermehren, oder sie schaffen eine leichte zeitweilige Entlastung – aber um welchen Preis? Wer sich innerhalb der ideologischen Schranken dieses Regimes betätigt, hat von einer Verbesserung nur quantitative Vorstellungen und versucht die Gebäude höher, die Straßen breiter und die Parkplätze geräumiger zu machen. Er möchte Brücken, Landstraßen und Tunnel vervielfachen und die Einfahrt und Ausfahrt immer mehr erleichtern, beschränkt dadurch jedoch den Raum im Innern der Stadt, der für irgendwelche andern Zwecke als für den Verkehr zur Verfügung stehen sollte. Frank Lloyd Wrights Vorschlag, einen anderthalb Kilometer hohen Wolkenkratzer zu bauen, führte schließlich diese ganze Theorie der städtischen Entwicklung ad absurdum. Zuletzt käme in einer solchen Stadt ein Hektar bebauter Fläche auf fünf Quadratkilometer Schnellstraßen und Parkplätze. An vielen Stellen ist dieses Ziel bald erreicht.

Wenn das Leiden und sein Heilmittel nicht mehr deutlich voneinander zu unterscheiden sind, kann man annehmen, daß es sich um einen tief eingewurzelten Prozeß handelt. Eine expansive Wirtschaft, die nicht der Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten dient, sondern dem Gewinnstreben, muß natürlich ein neues Leitbild der Stadt schaffen: den ewig offenen und sich stetig weiter öffnenden Schlund, der dem Druck einer unablässigen Werbung gehorcht und die Auswürfe einer wachsenden industriellen und landwirtschaftlichen Erzeugung verschlingt. Vor zweihundert Jahren ließ sich die Notwendigkeit einer solchen Wirtschaft nicht abstreiten, und in vielen aus Armut notleidenden Ländern besteht dieses Bedürfnis heute noch, um die schlimmste Not der Bevölkerung lindern zu können. In den westlichen Ländern aber und zumal in den Vereinigten Staaten ist das Mangelproblem – abgesehen von der Befriedigung organischer Bedürfnisse – nur gelöst worden, um mindestens ebenso beunruhigende Probleme zu schaffen: Überdruß und Übersättigung. Daher ist heute die Expansion zum Selbstzweck geworden; um sie zu ermöglichen, greifen die Herren dieser Gesellschaft zu jeglicher Form von Pyramidenbau.

Alle Organismen besitzen eingebaute Kontrollen, die dazu dienen, die Handlungen zu koordinieren und das Wachstum zu beschränken. Die expansive Wirtschaft und das technologische System, auf dem sie so weitgehend beruht, kennen solche Beschränkungen nicht; sie stabilisieren sich, indem sie die Zahl der Verbraucher vervielfachen und deren Bedürfnisse vermehren. Um aber die Produktivität zu erhalten, beschränken sie diese Bedürfnisse auf solche, die von der Maschine mit Gewinn befriedigt werden können. Daher produziert diese Wirtschaft Autos und Kühlschränke in Massen, hat aber keinen Anlaß, Kunstwerke, schöne Gärten oder ungestörte Muße ohne Konsum zu liefern. Das Bild des modernen Industrialismus, wie Charlie Chaplin es aus der Vergangenheit in seinen Film Modern Times übernommen hat, ist gerade das Gegenteil der großstädtischen Wirklichkeit. Er schildert den Arbeiter als altmodischen Kuli, der an die Maschine gekettet ist und maschinell gefüttert wird, während er sie weiter bedient. Dieses Bild gehört nach Coketown. Dem heutigen Arbeiter in der Metropole ist das mühselige, kümmerliche Schuften, das die Fabrik im 19. Jahrhundert so fürchterlich machte, durch soziale Fürsorge und Sicherheit, durch technische Hilfsmittel und vollständige Automation von seinen Schultern genommen worden. Dafür muß man die Energie und Hingabe, die man früher auf den Produktionsvorgang verwendet hat, jetzt dem Verbrauch widmen. Durch tausend listige Bindungen und Kontrollen, teils sichtbar, teils unter dem Horizont verborgen, werden die Arbeiter in einer expansiven Wirtschaft an den Verbrauchsmechanismus gefesselt. Ihr Lebensunterhalt ist gesichert, sofern sie, ohne allzu wählerisch zu sein, alles verzehren, was die Maschine ihnen bietet – und nichts verlangen, was nicht von der Maschine produziert wird. Das großstädtische Gemeinwesen ist in seiner ganzen Organisation darauf eingerichtet, Eigenwilligkeit und Selbständigkeit abzutöten. Bei Rot bleibt man stehen, bei Grün geht man weiter. Auszuwählen, zu unterscheiden, Selbstbeherrschung bis zur Enthaltsamkeit zu treiben, andere Maßstäbe als diejenigen des Marktes zu besitzen und sich andere Grenzen als diejenigen des alsbaldigen Verbrauchs zu setzen – das alles sind Ketzereien, die den Mythos von Megalopolis in Frage stellen und ihre Wirtschaft zum Erliegen bringen würden. In einer solchen »freien« Gesellschaft muß Henry Thoreau als noch größerer Staatsfeind gelten als Karl Marx.

Ballung und Enthaltung

Die Tatsache der großstädtischen Ballung tritt in jeder Phase des städtischen Lebens hervor. Man begegnet ihr bei den ständigen Verkehrsstockungen, welche daher rühren, daß Fahrzeuge in Stadtteilen massiert werden, wo nur dann ein flüssiger Verkehr möglich ist, wenn die Menschen ihre Beine gebrauchen. Man begegnet ihr in den überfüllten Aufzügen der Kontorhäuser oder in den noch volleren Zügen der Untergrundbahn. Es fehlt an Kontorräumen, es fehlt an Schulräumen, es fehlt an Wohnraum, und es fehlt selbst an Raum auf den Friedhöfen. Was die Großstadt an Gestalt erreicht, ist Massengestalt: der überfüllte Badestrand am Meer oder die Masse der Zuschauer in der Boxarena oder im Fußballstadion. Je mehr Privatautos es gibt, um so mehr Straßen und Avenuen werden zu Parkplätzen. Um den Verkehr überhaupt zu ermöglichen, fressen sich riesige Schnellstraßen durch die Stadt und vermehren die Nachfrage nach Parkplätzen und Garagen. Indem die Ballungsplaner den Kern der Metropole zugänglich machen, haben sie diesen fast schon unbewohnbar gemacht.

Die Kosten der Ballung behindern nicht nur an sich schon das eigentliche Wirtschaftsleben der Großstadt, sondern werden noch vermehrt um die Kosten der rein mechanischen Mittel, die der Ballung abhelfen sollen. Diese Kosten hätte man, selbst wenn sie überhaupt menschlich erträglich wären, längst abgelehnt, wenn bei der Ausbildung des Mythos von Metropolis vernünftige wirtschaftliche Überlegungen irgendeine Rolle gespielt hätten. Der anfängliche Kapitalaufwand für unterirdische Anlagen, für Tunnel und Brücken und für Zubringerstraßen mit ihren schwierigen Erd- und Bohrarbeiten sind notwendigerweise hoch, doch bilden sie nur einen Teil der gesamten Last. Jahr für Jahr muß man die Kosten von Kohle und Strom hinzurechnen, die für den Transport von Menschen benötigt werden. Vor allem muß man den menschlichen Aufwand hinzurechnen, die Abnutzung, Langeweile und niederdrückende Anspannung, die mit diesem täglichen Hin und Her zwischen Schlafstelle und Arbeitsplatz verbunden sind. Dazu rechne man die Ermüdung durch die Reise, die Ansteckungsmöglichkeiten in überfüllten Wagen und die Anforderungen, die durch die Sorge, ob man Kontor oder Fabrik auch rechtzeitig erreiche, an das vegetative Nervensystem gestellt werden.

Das Mindesterfordernis, das man an jeden Plan stellen muß, der das Leben in Großstädten verbessern soll, ist eine Herabsetzung der Zeit und der Entfernungen, die täglich vom Verkehr bewältigt werden. Würde man in der großstädtischen Region kleinere Zentren schaffen, die auf Fußgängerverkehr beruhen, so ließe sich ein großer Teil der städtischen Verkehrsprobleme lösen. (In einer Stadt wie London, die viele Zentren hat und durch eine politische Neuordnung in halb selbstständige Stadtbezirke aufgeteilt worden ist, hatten, wie Westergard berichtet, etwa vierzig Prozent der dort schlafenden Bevölkerung Arbeitsstellen innerhalb ihres Verwaltungsbezirks.) Um die notwendigen Fahrten innerhalb der Großstadt schnell und zügig zu gestalten, müssen die unnötigen Fahrten nach Anzahl und Entfernung vermindert werden. Das ist nur zu erreichen, wenn man Wohnung und Arbeitsplatz näher zueinanderbringt. Insofern ist der Barbican-Plan in London eine notwendige Ergänzung des New-Towns-Programms, nur geht er leider von einer Wohndichte aus, die seinen Erfolg vereiteln kann.

Was für das tägliche Hin und Her der Menschen gilt, gilt nicht minder für den Güterverkehr; denn die Ballung verlangsamt nicht nur den Güterverkehr auf den Straßen, sondern verlängert auch die Zeit, die zum Entladen benötigt wird, und beides erhöht die Kosten. Je mehr schnelle Kraftwagen die Straßen füllen, um so langsamer und teurer wird der Verkehr. Einer Untersuchung aus dem Jahr 1907 zufolge bewegten sich Pferdefuhrwerke in New York mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,7 Kilometern. Heute kriechen die Autos mit einem Tagesdurchschnitt von zehn Stundenkilometern durch die Straßen. Je dichter die Bebauung pro Hektar wird, um so weiter wird auch diese Geschwindigkeit noch absinken. Die Kosten dieser Ballung wurden in den zwanziger Jahren bei einer vorsichtigen Schätzung auf 150 Millionen Dollar im Jahr veranschlagt. Jetzt muß man für Waren, die von einem New Yorker Bezirk in einen andern transportiert werden, eine besondere Gebühr entrichten – zu der dann noch die Abgaben an die von Gangstern unterstützten Gewerkschaften treten, welche das Transportwesen und die Häfen beherrschen, so daß die Gesamtkosten astronomische Ausmaße erreicht haben.

Wenngleich die Kosten der großstädtischen Ballung ungeheuer sind, so sind auch die Kosten der Entballung kaum minder eindrucksvoll. In den Vereinigten Staaten breitet sich mit eifriger Unterstützung der städtischen Behörden ein immer größerer Teil der Bevölkerung über das Land aus, wo man die Möglichkeit eines häuslichen Lebens sowie den Baum und die Bewegungsfreiheit sucht, die im Stadtkern nicht mehr vorhanden sind. Diese Art von städtischer Steuerung vollzieht sich heute allenthalben in der Welt in immer rascherem Tempo. In dem Bemühen, die Ballung zu überwinden, haben die für diese Streuung Verantwortlichen so gehandelt, als wäre schrankenloser Baum ein wirksamer Ersatz für ein gut geplantes und organisiertes Gemeinwesen. Der wichtigste Faktor, der diese Streuung davor bewahrt, gänzlich maßlos zu werden, sind die Schnellstraßen mit ihren Anschlußstraßen, die sie überhaupt erst ermöglicht haben. Sie sind Trichter, die dazu beitragen, den Staub der Stadt weiter vom Stadtkern fortzublasen, wenn erst einmal der Humusboden eines gemeinsamen Lebens abgetragen worden ist.

Der platzende Behälter

Allmählich sollte klar sein, daß Ballung und Expansion zwei Bewegungen der Großstadt sind, die sich gegenseitig ergänzen, wiewohl sie Anfang und Ende des großstädtischen Kreislaufs bilden. Die führenden Metropolen der Welt stellten gewaltige Ballungen politischer, finanzieller und technologischer Macht dar, die sich hauptsächlich in dieser Reihenfolge entwickelten, wobei sie zu gegebener Zeit noch durch ebenso mächtige Ballungen religiöser und bildungsmäßiger Art gefördert wurden. So wirkungsvoll waren diese Metropolen, so sicher diese Art der Herrschaft und so reich ihr Ertrag, daß sie eine Zeitlang die menschliche Kehrseite der städtischen Ballung vergessen ließen: Zustände, die ein Schandfleck hätten sein sollen, wurden beinahe zu einem Ehrenzeichen.

Seltsamerweise ist das, was die großstädtische Ballung am meisten rechtfertigt, bisher kaum beachtet worden. Infolge des Wirkens dieser Kräfte diente die Großstadt im 19. Jahrhundert eben dank ihrer Größe und der Mannigfaltigkeit ihrer Bevölkerung dazu, Funktionen zu fördern, die es bis dahin in annähernd gleichem Umfang überhaupt nicht gegeben hatte: Vereinigungen und Verbände von gleichgesinnten Personen, welche besondere Ziele verfolgten, die sich auf alle Seiten des menschlichen Lebens erstreckten. Bisher waren Kirche und Universität, Schule und Zunft, abgesehen von der Stadt als solcher, die wesentlichen Mittelpunkte gemeinsamer Tätigkeit gewesen. Seit der Frühzeit der Renaissance jedoch begannen diese Vereine sich zu entwickeln und nahmen tausenderlei Gestalt an: wissenschaftliche Gesellschaften, Museen, gesellige Vereine, Versicherungsvereine, politische Parteien, Wirtschaftsverbände, historische Gesellschaften und Gruppen jeglicher Art. (Man sehe sich nur einmal in dem Branchentelefonbuch einer amerikanischen Großstadt das Verzeichnis der Klubs und Vereine an; man wird feststellen, daß die riesige Anzahl von zweckgebundenen Vereinigungen teilweise das Abfallprodukt großstädtischer Konzentration ist.) Wie die Konzentration politischer und wirtschaftlicher Macht in der Zitadelle städtische Einrichtungen und gesellschaftliche Vorteile schuf, an die zunächst die Herrscher nicht gedacht hatten, so hatte auch die Vielzahl solcher Klubs und Vereine die gleiche Wirkung. So riesig die Metropole auch sein mochte, so ließ sich in ihr doch mindestens eine Handvoll gleichgesinnter Leute finden, die irgendein denkbares Interesse zu fördern und zu stützen bereit waren. Das war ein wertvoller Beitrag zur menschlichen Entwicklung, und die schöpferische Kraft und Produktivität, die man unsern technischen Erfindungen und industriellen Organisationen zu verdanken glaubt, lassen sich zu einem nicht geringen Teil auf diese mannigfaltigen Vereinigungen zurückführen. Das hat auch für die künftige Erneuerung von Städten und Regionen große Bedeutung.

Wir stehen jetzt vor einer Situation, die meines Wissens in der Geschichte kein Vorbild hat. Zwar ist der großstädtische Behälter geplatzt, aber die institutionellen Magneten behalten noch in erheblichem Umfang ihre frühere Anziehungskraft. Im Bereich jeder Großstadt ergießt sich die Bevölkerung viel schneller über neue vorstädtische, randstädtische und ländliche Gebiete, als sie sich in dem zentralen Reservoir sammeln kann. Das Reservoir selber, der Stadtkern der Metropole, entleert sich gleichwohl nicht. Dem ist in technisch entwickelten Ländern eine allgemeine Verlagerung von den landwirtschaftlichen und industriellen Berufen auf Dienstleistungsberufe zu Hilfe gekommen. In gewissen Fällen, beispielsweise in London, hat die stärkere Beschäftigung in der Verwaltung die modische Anziehungskraft des Zentrums vermehrt, weil sich dort mehr Gelegenheit für einen Wettlauf im Geldausgeben und für reizvolle Möglichkeiten des Verbrauchs bietet. Das hat der Neigung vieler Industrien, sich ins Land hinaus zu begeben, nachdrücklich entgegengewirkt; in England hat es sogar dazu beigetragen, Industrien aus den nebligen Industriestädten in Lancashire und West Riding abzuziehen, und wäre es auch nur zum Vergnügen der technischen und kaufmännischen Angestellten – und ihrer Frauen.

Infolgedessen ist es, abgesehen von der vorübergehenden Zerstörung oder Räumung im Kriege, nicht zu einer nennenswerten Abnahme der großstädtischen Bevölkerung gekommen, eher im Gegenteil. Das schnellste Wachstum findet man jedoch in den Außenbezirken. Um den ganzen Umfang der städtischen Problematik noch zu vergrößern, sind Provinzstädte und regionale Mittelpunkte, die häufig bessere Wohnmöglichkeiten, geräumigere Parkplätze und leichter erreichbare Erholungsgebiete aufwiesen als Großstädte, nun selber zu Brennpunkten eines weiter fortschreitenden großstädtischen Wachstums geworden. Diese Städte fangen an, die gleichen Umweltmängel und ein ebenso unausgeglichenes Budget aufzuweisen wie ihre größeren, historisch gewachsenen Rivalen. So wird die Form der Megalopolis rasch allgemeingültig.

Was es bei dem ganzen Prozeß zu erkennen gilt, ist dieses: Rasche Verkehrsmittel und sofortige Nachrichtenverbindungen haben die städtische Entwicklung zwar in ihrem Ausmaß, nicht aber in ihren Grundzügen verändert. Vielmehr hat sich dieser ganze riesenhafte Wandel im Rahmen der überholten städtischen Form vollzogen. Schnelle technologische Fortschritte bei der Verfolgung von überholten oder menschlich primitiven Zielen – das ist das eigentliche Wesen der Schlußphase großstädtischer Auflösung; sie sind im Alltag der Stadtplanung nicht weniger deutlich sichtbar als in den weitreichenden Plänen für den nuklearen, bakteriologischen und chemischen Völkermord. Selbst die hohe Geburtenzahl könnte ein Symptom dieses Abstiegs sein; denn W. M. Wheeler hat bei Insektenstaaten festgestellt, daß außergewöhnliche Vermehrung die Begleiterscheinung des Stillstandes anderer Formen von biologischer Entwicklung ist.

Die anhaltende Expansion der Großstadt zur gestaltlosen Konurbation der Megalopolis und die Vervielfachung und Ausbreitung dieser Konurbationen enthüllen das ganze Ausmaß der Verlegenheit, in der sich heute jede Gesellschaft befindet. Es ist daher hoffnungslos zu meinen, dieses Problem lasse sich von örtlichen Instanzen lösen, selbst wenn diese so riesig und tüchtig sind wie der Londoner Grafschaftsrat. Ebensowenig läßt sich dieses Problem dadurch meistern, daß man die politischen Zuständigkeiten erweitert und Großstadtregierungen schafft. In Philadelphia hat man schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine solche Verwaltungseinheit geschaffen, indem man eine große Grafschaft in eine Stadt umwandelte, als die dort befindlichen Städte noch nicht viel mehr als kleine Dörfer waren. Dieses Großstadtregiment läßt sich heute nicht mehr von den Verwaltungen der unvereinigt gebliebenen Städte unterscheiden, oder höchstens insoweit, als diese sich glücklicherweise ein größeres Maß von Individualität und Selbstverwaltung erhalten haben. Die inneren Probleme der Großstadt und ihrer zugehörigen Gebiete spiegeln nur die Problematik einer ganzen Zivilisation, welche auf Expansion gerichtet ist – auf eine Expansion mit streng rationalen und wissenschaftlichen Methoden für Zwecke, die in fortschreitendem Maße immer leerer und trivialer, kindischer und primitiver, barbarischer und bedrückend irrationaler geworden sind.

Diese Sache muß man an der Wurzel anpacken. Statt dessen gleichen die meisten heutigen Pläne, auch soweit sie eine umfassende Verwaltungsorganisation für immer riesigere städtische Bereiche schaffen wollen, dem Versuch, den Inhalt des Vesuvs nach einem Ausbruch in den Krater zurückzustopfen; oder sie geben, nicht weniger wirklichkeitsfremd, vor, die von der Lava zerstörte Erde brauche man nur zu größeren Äckern zusammenzufassen, um dadurch einen neuen Anbau ertragreich zu gestalten. Man kann eine Erneuerung der Stadt nicht dadurch erreichen, daß man alte Gebilde durch neue Bauwerke ersetzt, welche nur die überholte Form städtischen Wachstums bestätigen und ausschließlich auf ebenso überholten ideologischen Fundamenten des »mechanischen Fortschritts« ruhen. Solange die heutigen Kräfte wirksam bleiben, wird sich der Bereich städtischer Desorganisation weiter ausbreiten, und im Verlauf dieser schrankenlosen Expansion, die dem »Drängen der Technologie« und dem Verlangen nach schnellen Gewinnen entspricht, wird eine Großstadt mit der nächsten verschmelzen. Bei diesem Prozeß wird jede Großstadt die ihr benachbarte Landschaft, die ihr zu Erziehungs- und Erholungszwecken diente, verlieren – und dazu den letzten Rest ihrer städtischen Individualität.

So versperrt gerade der Versuch, aus Megalopolis zu entfliehen, alle Straßen. In diesem neuen Typ einer zwischenstädtischen Gesellschaft kann nichts geschehen, was nicht durch eine Massenorganisation geschehen kann, die durch einen gleichförmigen, von der Zentrale aus bedienten Apparat tätig wird. Da es nicht mehr darauf ankommt, wo sich diese Fernlenkungszentrale befindet, wird der letzte Daseinsgrund der Stadt in dem Augenblick verschwinden, wenn sie die Gestalt einer grenzenlosen Konurbation annimmt. Dann fällt das Stichwort für den »nachgeschichtlichen Menschen«.


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