Nachfragen an András Bruck

Im aktuellen Heft schreibt der Schriftsteller András Bruck über die autoritären Strukturen, die Ministerpräsident Viktor Orbán in Ungarn errichtet hat – hier ist sein Text Hinterausgang online frei nachzulesen. Wir haben dem Autor noch drei Nachfragen gestellt:

Sie zeichnen in Ihrem Beitrag detailliert nach, wie Ungarn im Lauf der vergangenen Jahre unter der Regierung Orbán schleichend zur „Parodie einer Demokratie“ geworden sei. Folgt man Ihrer Schilderung, hat die Bevölkerung – und Sie schließen sich dabei, wenn ich Sie recht verstanden habe, ausdrücklich mit ein – dies nahezu widerstandslos hingenommen. Wie ist diese Duldsamkeit Ihrer Ansicht nach zu erklären?

Warum die Duldsamkeit? Der Mehrheit der Ungarn sind Demokratie und Freiheit nicht wichtig genug. Es ist beinahe sechs Jahrzehnte her, dass sie bereit waren, dafür zu kämpfen. Damals haben wir eine Niederlage erlitten, und vielleicht steckt uns diese bis heute in den Knochen. Heute lastet auf uns etwas, das härter ist als russische Panzer: Angst und Opportunismus. Warum die Menschen all das Schlimme ertragen? Es gibt keine einfache Antwort darauf. Was sich allerdings im vergangenen Vierteljahrhundert herausgestellt hat, ist, dass Ungarn einem westeuropäischen Land höchstens äußerlich ähnelt, psychisch entspricht es aber genau seiner geografischen Lage: am Ende des Westens, am Anfang des Ostens. Eine unglückliche Kombination. Dass nach der Wende rasch demokratische Institutionen eingerichtet wurden, hat Denken und Gewohnheiten der Menschen nicht westlich werden lassen. Das wird ein viel längerer Prozess sein. Die Demokratie muss jeden Tag geschützt werden, und wo die Menschen dazu nicht fähig sind, setzt sofort die Erosion ein. Alle haben viel von der Freiheit erwartet.  Aber aus Ungarn wurde nicht auf einmal Österreich, und deshalb sind die Menschen jetzt enttäuscht, man sucht den Fehler nicht bei sich selbst, sondern wie üblich bei anderen. Zum Beispiel bei der EU. Dann kam 2010 Viktor Orbán und nutzte Enttäuschung und Burnout der Menschen für seine Zwecke. Er hat gesagt, ihr müsst nicht die Verantwortung für euer Leben übernehmen, vertraut euch mir an, es reicht, wenn ihr mir folgt. Und das hat funktioniert. Die Diktatoren werden mindestens von der Hälfte der Menschen überall gemocht: in Kuba, in Venezuela, in Russland – und auch in Ungarn. Sie akzeptieren und ertragen beinahe alles von ihnen. Die Stille der ungarischen gemäßigten Rechten?  Heute kann man noch nicht wissen, wie lange sie bereit sind, ihrem Führer zu folgen. Und die Linke hat sich immer noch nicht von ihrer katastrophalen Niederlage 2010 erholt. Vorher hat sie acht Jahre lang regiert, und zwar sehr schlecht. Aber die Linke und überhaupt Orbáns Gegner tun nicht deshalb nichts, weil sie duldsam sind, sondern weil sie schwach und ohnmächtig sind. Oder weil sie sich so fühlen, und weil noch niemand gekommen ist, der ihnen glaubhaft machen konnte, dass sie es nicht sind. Auch dafür wird die Zeit kommen, aber noch haben sie offenbar nicht genug gelitten.

Angesichts des autoritären politischen Klimas in Ihrer Heimat fragen wir uns, was es für Sie persönlich aber auch für die Zeitschrift ÉLÉT ÉS IRODALOM, in der Sie Ihre Texte veröffentlichen, bedeutet, wenn Sie die Regierung derart scharf kritisieren. Müssen Sie staatliche Repressalien oder auch persönliche Anfeindungen fürchten?

Viktor Orbán interessiert heute nicht, dass es in Ungarn ein paar oppositionelle Zeitschriften gibt, dass noch ein oppositioneller Radiosender auf Sendung ist – ich bin mir nicht sicher, ob es ihn nicht in Zukunft interessieren wird. Dann wird er die Möglichkeit haben, etwas dagegen zu unternehmen. In Ungarn hat sich eine neue Form der Diktatur gebildet: die absolute Macht des Ministerpräsidenten. Parlament, Staatspräsident, Verfassungsgericht, öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen – alle dienen sie dieser absolut werdenden Macht. Ich weiß von keinem Fall, in dem Viktor Orbán seinen Willen nicht durchgesetzt hat. Er macht, was er will. Er wollte ein modernes Fußballstadion zwei Schritte von seinem Haus auf dem Dorf, und er hat es bauen lassen. Wie einst der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu. Bald stellt er auch den Bahnfahrplan zusammen. In Ungarn ist die Demokratie formal in Ordnung, aber inhaltlich tot. Wie ein Ei, dem man durch ein kleines Loch das Innere ausgesaugt hat.

Sie gehen in Ihrem Beitrag davon aus, dass die Zukunft Ungarns in einer engen Anbindung an den Westen besteht. Was macht Sie diesbezüglich so sicher oder anders gefragt: Glauben Sie, dass die Mehrheit Ihrer Landsleute – unabhängig von der Frage nach dem politischen System Ungarns – das auch so sieht?

Der ungarische Staatsgründer, König István, hat vor tausend Jahren erklärt, dass die Ungarn Teil Europas werden wollen. Europa oder der Westen, das sind in den Köpfen der Ungarn seither Synonyme. 1989/90 war die überwiegende Mehrheit der Ungarn glücklich, dass sie sich endlich für Bürger eines westlichen Landes halten durften. Ob dabei in ihren Augen weniger die Rechtsstaatlichkeit als die ersehnten Lichter von Paris wichtig waren, weiß ich nicht; jedenfalls hatte die Mehrheit genug von Einparteiensystem und Unterdrückung und entschied sich für den Westen. Aber jetzt ist das ungarische Volk tief enttäuscht, in erster Linie von den politischen Führern, denn es hat nicht begriffen, dass es selbst sein eigener Führer sein muss. Meiner Ansicht nach wissen die meisten Ungarn, dass unsere Zukunft im Westen liegt und die Lichter von Paris nicht erloschen sind. Ein kleiner Teil der Ungarn, eine unsichtbare extreme linke und eine sehr sichtbare extreme rechte Minderheit, will die Diktatur, die sie nur vom Osten, von Moskau, erhoffen dürfen. Dem größten Teil der Gesellschaft ist es in diesem Augenblick egal, von wo die Veränderung kommt. Diese Menschen sehen jetzt nichts anderes als den wachsenden Stapel unbezahlter Rechnungen auf ihrem Tisch.


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