Die Causa „Gutmensch“

Eine Jury, von der nicht klar ist, ob die Welt sie wirklich braucht, hat das Wort „Gutmensch“ zum „Unwort des Jahres“ erklärt. Auch Unwörter haben ihre Schicksale. Als erster prominenter Fundort jüngerer Zeit gilt (wohl zurecht) der folgende Text von Karl Heinz Bohrer aus dem Merkur 514, Januar 1992. Es handelte sich dabei um einen Kommentar zu den Reaktionen auf Bohrers viel beachtete Serie von Marginalien zum deutschen „Provinzialismus“. Die Stoßrichtung war dabei sprach- (oder wie Bohrer selbst in dem Beitrag schreibt) wörterkritisch.
Ausdrücklich verortete Bohrer diese Kritik eher im linksliberalen Spektrum – das hier eher ironisch in Aussicht gestellte „Wörterbuch des Gutmenschen“ gab es dann 1998 tatsächlich: Es erschien in Klaus Bittermanns dezidiert linkem Verlag Tiamat. Den Wandel zum niederträchtigen Kampfbegriff der Rechten hat das Wort dann erst seit der Jahrtausendwende durchlaufen. Das Wort „Gutmensch“ selbst hat damals übrigens Kurt Scheel als Redakteur in den Text gebracht – in Bohrers Manuskript war noch vom „Wörterbuch des guten Menschen“ die Rede gewesen. Wir dokumentieren im Folgenden den Text von Karl Heinz Bohrer. Er trägt den schönen Titel:

 

***

P.S.

Karl Heinz Bohrer

Zur publizistischen Reaktion auf die »Provinzialismus«-Marginalien habe ich mich, abgesehen von einer kurzen Replik, nicht geäußert. Auch wenn Intensität und weitgestreuter Umfang dieser Reaktion den Merkur überraschte, blieb ich bei dem Prinzip, gewisse Pointen, gewagte Perspektiven, ja Provokationen nicht im nachhinein durch schützende Erläuterungen auszustaffieren. Die Form der Marginalie impliziert stilistisch und inhaltlich, daß man nicht alles sagt, was man sagen möchte – bis zum Risiko, von Begriffsstutzigen (und deren gibt es hierzulande mehr als anderswo) mißverstanden zu werden. Von diesem Prinzip, nicht noch einmal anders zu sagen, was längst gesagt worden ist, will ich auch am Ende dieser Reihe nicht abweichen, sondern nur zwei Eindrücke formulieren, die mir einige der kritischen Reaktionen aufdrängten.

Zum einen: Offenbar hatten solche, die sich besonders provoziert fühlten, übersehen, daß es bei diesen sechs thematisch sehr unterschiedlichen Marginalien, die sich natürlich fortsetzen ließen, nicht um irgendeine nationale Frage ging, sondern um die Frage, wie urban dieses Land ist. Der hartnäckige Versuch, eben diese Frage geflissentlich zu übersehen und statt dessen mit ideologisch durchschaubaren Ablenkungsmanövern das Haupt einer »konservativen« Konspiration zu entdecken, stieß ins Leere, da der Merkur, wie so häufig, von konservativer Seite gerade keine Unterstützung bekam (eher das Gegenteil). Vielmehr traf er sich mit einigen linksliberalen oder unabhängigen Intellektuellen in wesentlichen Punkten. Daß Verlust an Urbanität etwas zu tun haben könnte mit dem Einfluß der Provinz auf die politische Zentrale, etwa mit der regionalistischen Mentalität einiger einflußreicher Ministerpräsidenten, ganz zu schweigen von dem Verlust an politischer Potenz im Parlament, ist jenen, die so notorisch die Moral für sich in Anspruch nehmen, als zentrales Motiv dieser Marginalien nicht deutlich geworden. Es wäre ihnen auch nicht klarzumachen, daß dieser Regionalismus auch in der Asylfrage einiges erklärt: Es sind ja beileibe nicht bloß die ost- und westdeutschen Jugendlichen, die ihr kriminelles Unwesen treiben. Vielmehr orientieren eine schweigende Mehrheit, nicht zuletzt aber prominente westdeutsche Politiker ihre Vorstellung von deutscher Nationalität an ethnischen Kriterien anstatt an kulturell-politischen. Dann haben natürlich Rußland-Deutsche mehr Anspruch auf bundesrepublikanische Unterstützung als die hierher geflohenen Südländer. Wie aber soll diesen eine »deutsche Identität« überhaupt erreichbar sein, wo ihnen hierzulande nicht einmal, wie in Frankreich oder den USA, eine kulturelle Identifikation höherer symbolischer Ordnung angeboten wird? Mit Regionalismus geht das nicht.

Eine andere Quelle des Anstoßes war, wo er heftig wurde, der angebliche Ästhetizismus dieser Marginalien. Daß Ästhetik eminent etwas mit Ethik zu tun hat – wenn auch nicht mit dem in der Bundesrepublik verbreiteten larmoyanten‘ selbstbezogenen Moralismus –, daß ästhetische Kriterien deshalb dringend vonnöten sind und sich gerade hierzulande nicht als Vorwurf, ja Verdächtigung eignen – diese Einsicht hat jene Ästhetikverächter nicht einmal von ferne gestreift. Und so verwundert es denn auch nicht, daß unsere Reflexionen über Phänomene des Ausdrucks bzw. der Ausdruckslosigkeit (der Reklame, des journalistischen Stils oder des Filmsehauspielers) gar nicht begriffen wurden, geschweige die Bedeutung des Äußeren einer Architektur für die Mentalität von Großstadtbewohnern.

Aus beiden Aspekten möchte ich eine letzte Einsicht in die Provinzialität ziehen: Sie hat kein Organ für Ironie, für Zweideutigkeit, für Ambivalenzen. Die breiige Betulichkeit der bei uns vorherrschenden öffentlichen Sprache ist ja längst von dem Quartier, wo wir sie auch früher vornehmlich vermuteten, dem Kanzleramt, hinüber gewandert zu einer gewissen Sorte von Intelligenz in Universität, Medien und Literaturbetrieb. Vornehmlich in Medien, so, wenn in einer Runde öffentlich-rechtlich Diskutierender die besorgte Frage aufkam, ob denn der Autor dieser Marginalien »noch dazugehöre« – man denkt nicht, sondern man ist besorgt und gehört dazu. In den Worten eines Liedes, das auf einem Kirchentag gesungen wurde: »Ich hab Angst und Du hast Angst, große Angst und kleine Angst, meine Angst und Deine Angst …« Wer dieses Lied als intellektuell und moralisch unsäglich bezeichnen wollte, der müßte solchen Leuten sofort beteuern, daß er natürlich auch gegen Krieg und Umweltverseuchung sei. Verzichtete er auf solch eine Versicherung, zur Partei der Guten zu gehören, sei es nun aus Stolz oder sei es ganz einfach aus der Logik, daß diese Versicherung mit der Einschätzung jenes Polit- oder Religionskitsches gar nichts zu tun habe, der würde bei der vorherrschenden öffentlichen Diskursmentalität zum Unhold erklärt. Der Aufschrei darüber, daß ich die Angelsachsen als »Herren der Geschichte« charakterisierte, war ein besonderes Beispiel für diese Begriffsstutzigkeit. Diese Metapher zielte auf nichts als auf einen Sachverhalt. Sie enthielt natürlich den Gedanken, daß die angelsächsischen Bomberkommandos im Falle des Zweiten Weltkriegs keineswegs eine schuldlose Zivilbevölkerung als Opfer trafen, daß der Krieg der Alliierten gegen Nazideutschland keineswegs unmoralisch war, daß sie sich nichtsdestotrotz schmutzige Hände machten. Daß »sich schmutzige Hände machen« also nicht notwendigerweise politisch und moralisch verwerflich sei, sondern umgekehrt manchmal notwendig. Zum Beispiel im Golfkrieg. Die Pointe, die diese Metapher enthielt, war schließlich die sich aufdrängende Gewißheit, daß die Angelsachsen insofern »Herren der Geschichte« waren, als sie eine Handlungsethik besaßen und besitzen, die der der Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht bloß graduell, sondern prinzipiell überlegen war und ist.

Vielleicht wäre es am besten, der Merkur legte in Zukunft ein kleines »Wörterbuch des Gutmenschen« an. Dahinein gehörten »die Mauer im Kopf niederreißen« oder »Streitkultur« oder »eigensinnig« oder »Querdenker«. (Aber schon konventionell-idiomatische Wendungen wie »ich bedanke mich« oder »alles klar« haben jenes sich Abduckende, Neutralisierende, was dem durchschnittlichen westdeutschen Tonfall sein neurotisches Moment, jenen Mangel an wirklichem Ausdruck gibt, jene Angst vor Genauigkeit und die Flucht ins Vermittelnde).

Um bei unseren vier aktuellen Kandidaten notorischer westdeutscher Schaumsprachigkeit zu bleiben. Erstens: Der Ausdruck »die Mauer im Kopf niederreißen« ist deshalb unerquicklich, weil es den Tatbestand verunklärt, daß zwischen West- und Ostnation Abgründe der Mentalität liegen und nicht etwa ein äußeres Hindernis, das Verstehen verhindert. Das Bild der »inneren Mauer« ist also eine Lüge des sentimentalenJargons, der die aufJahrzehnte fatale Situation didaktisch überschminken soll. Ich gestehe in diesem Zusammenhang einen Irrtum ein, nämlich geglaubt zu haben, die Vereinigung würde den westlichen und östlichen Provinzialismus, diesen Abgrund an urbanen Defiziten, überwinden helfen. Das Gegenteil ist eingetroffen.

Zweitens: »Streitkultur«, der Lieblingsausdruck unserer Stadtdezernenten und Kulturfunktionäre, wäre ganz undenkbar in einer ihrer öffentlichen Disputtradition sicheren Gesellschaft. Im englischen Parlament fliegen, wenn es darauf ankommt, seit jeher die Fetzen, während bei uns die letzten, die das noch zuwege brachten, mit den Zunamen »Urgestein« oder »Schnauze« qualifiziert wurden, um deutlich zu machen, daß ihr polemisches Vermögen eigentlich nicht die Regel sein könne. Das Wort »Streitkultur« paßt also zur neueren Garnitur von netten Politikern, die den Streit sich nur leisten, wenn am Ende die bügelfreie Gewißheit eines »Konsenses« liegt. Daß der Streit fortdauere und Ausdruck eines unauflösbaren Gegensatzes sein könnte, muß schon im Begriff vermieden werden. Das Doppelwort verliert so dramatisch an poetischer und begrifflicher Qualität, an dem, was das aufgeklärte l8.Jahrhundert »Körnigkeit« nannte.

Drittens: Wendungen der achtziger Jahre wie »eigensinnig« oder »Querdenker« liegen auf demselben semantischen Feld: Anstatt zu sagen, daß einer Position bezieht, um möglichst als Gewinner der Debatte zu enden, betonen solche Wörter in geradezu konformistischer Weise einen milden Nonkonformismus, der niemandem weh tut; es ist die etwas psychologisierende, verstehende Aberkennung dessen, um was es hier geht, daß nämlich jemand etwas ganz anderes und möglicherweise Besseres denkt als die Mehrheit. Man kann diese Wörter auch kürzer charakterisieren: Sie sind so kitschig wie jene mit Rokokopolstern geschmückten schlechten Restaurants.

Wörter-Kritik mit solcher Stoßrichtung – ich nenne dies nicht Sprachkritik – gerät hierzulande leicht in den Verdacht, sozusagen »fundamental« zu sein und die fortschreitende westdeutsche Zivilisierung ins notwendigerweise Harmlosere nicht zu akzeptieren. Dieser ernst zu nehmende Einwand sei abschließend knapp darauf verwiesen, daß die genannte Schaumsprache nicht mit dem zweifellos positiven Aspekt der erfolgreich säkularisierten westdeutschen Gesellschaft zu erklären ist. Wäre dem so, dann müßte sie ein stilistisches und expressives Merkmal aller westeuropäischen Gesellschaften sein. Sie ist aber nur als singuläre Eigenschaft der westdeutschen Gesellschaft erkennbar. Also muß es mit etwas anderem zu tun haben: Und eben dies war das Thema dieser Marginalien.

 


1 Kommentare

  1. UntoterOstgote sagt:

    Der Text von Kurt Scheel, in dem er diese Geschichte erzählt, ist für alle frei zugänglich auf der Merkurseite zu finden: https://volltext.merkur-zeitschrift.de/article/pdf/55360a98546f88a5268d9c3e/mr_2011_12_1104-1115_1104_01.pdf

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