Von den Wichtelmännern oder vom Vorteil der Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital und der Nützlichkeit der Mystifikation (Archiv)

Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist am Samstag im Alter von 92 Jahren gestorben. Er war ein wichtiger Autor des Merkur, jedenfalls bis in die Mitte der achtziger Jahre. Was nicht unbedingt heißt, dass Karl Heinz Bohrer ihn aus dem Heft gedrängt hätte. Der redaktionelle Briefwechsel reicht bis ins Jahr 2009 und bleibt respektvoll und freundlich. Es hat sich wohl einfach nicht mehr ergeben. Zwischen dem März 1962 (Asien im Lichte des Marxismus) und dem Januar 1985 sind 28 Texte von Fetscher im Merkur erschienen, kurze Rezensionen ebenso wie lange Essays (etwa Widersprüche im Neokonservatismus aus dem Februar 1980) und verdammt lange Essays wie der 19-Seiter Die Sicherung des Friedens aus dem Juli 1967 (das würden wir uns heute nicht mehr trauen, solche Epen zu veröffentlichen). Der folgende Text Von den Wichtelmännern ist im Juli 1973 erschienen – und wurde in eine spätere Auflage von Fetschers sehr erfolgreichem Märchenbuch Wer hat Dornröschen wachgeküsst? (ursprünglich 1973 veröffentlicht) aufgenommen.

Von Iring Fetscher

Die Geschichte von den Wichtelmännern erzählt in mystifizierter Form vom Nutzen der (niedrig oder gar nicht bezahlten) Lohnarbeit und der Rückverwandlung des Mehrwerts in Kapital. Diese ganz offen auf der Hand liegende Tatsache ist vermutlich bisher nur deshalb übersehen worden, weil die meisten Literatur- und Volkswissenschaftler das „Kapital“ nicht kannten.

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung der Armut eines Schusters, der nur noch das Material für ein Paar Schuhe hatte. Man muß freilich annehmen, daß es ihm auch an einer Werkstatt und den notwendigen Arbeitsinstrumenten nicht fehlt. Kurzum, es handelt sich um einen „kleinen Warenproduzenten“, der mit eignen Produktionsmitteln, aber auch mit seiner eignen Arbeitskraft für den (kleinen, traditionell begrenzten) Warenmarkt arbeitet. Der Warenumschlag ist auf Grund seiner beschränkten Arbeitskraft außerordentlich langsam, und er muß – ähnlich wie der Lohnarbeiter – zunächst Arbeit leisten, bevor er Geld einnehmen kann; er schießt sich selbst als Unternehmer eigne Arbeitsleistung gleichsam vor. So geschieht es auch mit dem letzten Stück Leder, das er noch hat, oder so sollte es vielmehr geschehen.

Und hier setzt nun die Mystifikation ein. Während sich der „Meister“ mit dem Zuschneiden des Leders begnügt, wird bei Nacht von „unsichtbar bleibenden“ Wichtelmännern die Arbeit vollendet, so daß schon am nächsten Morgen die fertige Ware verkauft werden kann. Der Meister hat also eigne Arbeitskraft „gespart“, weil „fremde“ für ihn tätig wurde. Obendrein ohne Bezahlung. Ein Käufer findet sich rasch und mit dem Verkauf der Ware kann ohne weiteres Leder für zwei Paar Schuhe gekauft werden. Seine Profitrate ist also (wenn man den Wert der Werkstatt und die eigne Tätigkeit einmal als geringfügig außer Betracht läßt) 100 Prozent. Die Höhe der Mehrwertrate kann deshalb nicht berechnet werden, weil er (idealer Weise) für die Arbeit der „unsichtbaren Wichtelmänner“ nichts bezahlen muß. Das Verhältnis zwischen notwendiger Arbeitszeit (die bezahlt wird) und Mehrarbeitszeit ist also 0:8! oder unendlich! Man erkennt hierin leicht die Utopie des von der billigen Manufakturware bedrängten Kleinbürgertums. “Wenn doch Lohnarbeiter gratis zu haben wären und so gut arbeiten würden wie Wichtelmänner“, so mochten sie denken, „dann könnte uns auch die Konkurrenz von Manufaktur oder Fabrik nichts anhaben“.

Mit dem verdoppelten Lederquantum geschieht das gleiche wie mit dem kleinen Rest, den wir als „Anfangskapital“ bezeichnen können. Am nächsten Morgen stehen zwei Paar Schuhe fertig da, die abermals verkauft werden, so daß mit dem Erlös Leder für vier Paar erworben werden kann. Es ist übrigens beachtlich, daß der in äußerster Armut lebende Schuster dennoch nicht daran zu denken scheint, auch nur einen Teil der Einnahmen für seinen privaten Konsum zu verwenden. Er benützt offenbar den gesamten Erlös für den Erwerb neuer Rohstoffe (Kapital in Rohstoffgestalt), um auf diese Weise den Akkumulationsprozeß zu beschleunigen. Die Rückverwandlung von Mehrwert (bzw. Profit) in Kapital nennt man seit Marx „Akkumulation des Kapitals“. Um Kapital aber handelt es sich deshalb, weil mit der Benützung von fremder Arbeitskraft – in ständig wachsendem Umfang – unser kleiner Warenproduzent allmählich aufhört „Kleinbürger“ zu sein, um sich in einen Kapitalisten zu verwandeln. „Und so ging’s immer fort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder zu einem wohlhabenden Manne ward mit ehrlichem Auskommen.“

Diese Behauptung des Märchens muß man allerdings mit Vorbehalt aufnehmen. „Ehrlich“ kann ein Auskommen doch kaum genannt werden, das aus der kostenlosen Ausbeutung unsichtbar bleibender (von der Zunft nicht zugelassener) Nachtarbeiter bezogen wird. Aus diesem Grunde mögen wohl auch dem Schusterpaar in der Grimmschen Fassung der Erzählung schließlich Bedenken gekommen sein. Jedenfalls sagt die Frau eines Tages zu ihrem Mann: „Die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssen uns dankbar beweisen.“ Und sie schlägt vor, Kleider für die Helfer zu machen und sie am Abend anstatt des Rohleders hinzulegen. Die Heinzelmännchen wissen sich vor Freude über diese Geschenke kaum zu lassen, ziehen die Kleider an und kehren nie mehr zurück. Hier übernimmt das bürgerliche Märchen wieder – wie so oft – eine Warnfunktion. Es scheint zu sagen: Wer seine (Lohn)Arbeiter allzu großzügig beschenkt, der wird sie los, oder modern ausgedrückt: Hütet Euch vor übertariflicher Entlohnung, sie macht die Arbeiter nur übermütig. In der ersten Fassung der Grimmschen Märchen endet der Bericht ohne jeden weiteren Kommentar mit dem springenden und tanzenden Verschwinden der Wichtelmänner. In der zweiten Auflage fügt Wilhelm Grimm den Satz hinzu: „Dem Schuster aber ging es sein Lebtag wohl“ – eine Behauptung, an der man freilich allen Grund hat zu zweifeln.

Ohne die Arbeit der Wichtelmänner wäre der Schuster außerstande, weiter eine gleich große Menge guter Waren auf den Markt zu bringen. Quantität und Qualität seiner eignen Arbeitskraft würden dafür bei weitem nicht ausreichen. Es ist aber auch fraglich, ob er auf Grund der damals geltenden Zunftbestimmungen eine genügend große Anzahl von guten Gesellen hätte einstellen dürfen – ganz abgesehen davon, daß natürlich in der Zunftordnung auch Nachtarbeit verboten und ein bestimmter Lohn vorgeschrieben war. Wenn man aber daran denkt, daß Manufakturen und Fabriken schon früh von solchen Beschränkungen frei waren und sowohl unbegrenzte Arbeiterzahlen als auch Nachtarbeit kannten, wird die kleinbürgerliche Utopie noch begreiflicher. Unser Schuster wünscht sich ebenso viele und ebenso fleißige und obendrein auch noch handwerklich tüchtige Arbeiter, wie sie die Manufaktu-risten beschäftigen, aber natürlich dürfte niemand etwas davon wissen, keiner sie sehen.

Daß die Wichtelmänner unsichtbar bleiben müssen (weil sonst die Zunft einschreitet – heute würden wir sagen, daß Nachtarbeit geheimgehalten werden muß, weil sich sonst die Gewerkschaften und das Gewerbeaufsichtsamt einmischen), ist das Hauptargument der späteren Fassungen des Märchens (z. B. der von Kopisch). Während es bei Grimm das (inopportun) gütige Herz der Schustermeisterin war, das dem Geschäft ein Ende machte, ist es bei Kopisch die ebenso unangebrachte Neugier der Frau. Die vom Märchen ausgesprochene Warnung vor der Neugier kann auch generell als Warnung vor dem Versuch einer Ergründung des Ursprungs von Profit und Mehrwert verstanden werden. Wer anfängt, über die Herkunft der Einnahmen zu grübeln, die ihm als Unternehmer dank der Gesetzmäßigkeiten der warenproduzierenden Gesellschaft zufließen, verliert die Fähigkeit, sich in ihr erfolgreich zu behaupten. Das Märchen erinnert in mythischer Form an die Unentbehrlichkeit der Mystifikation oder an die Unvereinbarkeit von kapitalistischer Ausbeutung und analytischer Durchdringung dieses Wirtschaftssystems.

Die Sehnsucht nach den Heinzelmännchen aber ist inzwischen zur verkitschten Gestalt unserer Gartenzwerge geronnen, denen ohne Gefahr für die Profitrate Wohlwollen und Neugier entgegengebracht werden dürfen. „Die kleinen Männer haben uns reich gemacht“ – wir tun gut daran, uns nicht allzu dankbar zu erweisen und nicht zu genau hinzusehen. Ist es nicht das, was das Märchen eigentlich sagen wollte? Sind vielleicht die Gastarbeiter unsere Heinzelmännchen? Freilich, dem kleinen Schustermeister können sie nicht mehr helfen, auch sie gehen in die Fabrik.


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