Aus dem Archiv: Ulrich Beck: Der anthropologische Schock

Zum Tod von Ulrich Beck schalten wir seinen  Text Der anthropologische Schock. Tschernobyl und die Konturen der Risikogesellschaft  bis Mitte des Monats frei. Es ist einer von drei Texten Becks im Merkur (veröffentlicht in Heft 450, August 1986, also zeitgleich mit dem Erscheinen des Klassikers Die Risikogesellschaft). Der erste von Becks Merkur-Texten, Jenseits von Stand und Klasse Auf dem Weg in die individualisierte Arbeitnehmergesellschaft, wurde im Mai 1984 (hier als kostenpflichtiges pdf), der letzte, Die Selbstwiderlegung der Bürokratie Über Gefahrenverwaltung und Verwaltungsgefährdung, im August 1988 (hier als kostenpflichtiges pdf) veröffentlicht.

 

I

Die Ausnahme bringt die lange verdrängte Regel zu Bewußtsein: den Alltag im Atomzeitalter. Woran unsere Lebensformen einen historischen Augenblick lang zerschellt sind, soll hier von drei Seiten beleuchtet werden: die Enteignung der Sinne; die Weltendifferenz zwischen Sicherheit und wahrscheinlicher Sicherheit; und die absolute, alle Grenzen und Schutzzonen aufhebende Zugewiesenheit der Gefahr.

Was wäre geschehen, wenn die Wetterdienste versagt, die Massenmedien geschwiegen, die Experten sich nicht gestritten hätten? Niemand von uns hätte etwas bemerkt. Wir sehen, hören weiter, aber die Normalität unserer sinnlichen Wahrnehmung täuscht: Vor dieser Gefahr versagen unsere Sinne. Wir, alle, eine ganze Kultur sind auf einen Schlag erblindet im Sehen (taub geworden im Hören usw.). Was beides meint: die Unfaßlichkeit einer für unsere Sinne unveränderten Welt und die hinter den Dingen steckende, unserem Blick, unserer ganzen Aufmerksamkeit verschlossene Verseuchung und Gefahr. Mit dem Atomzeitalter entsteht eine Verdoppelung der Welt. Die Welt hinter der Welt, die uns unvorstellbar bedroht, bleibt unseren Sinnen ein für allemal unzugänglich. Dies gilt auch dann, wenn der Grad der Verseuchung „ungefährlich ist. Die Universalität der Bedrohung und die pauschale Entwertung der Sinne in der Gefahr geben der Debatte um Grad und Gefährlichkeit der Verseuchung, die nun öffentlich tobt und sich noch ganz in die Magie physikalischer Formeln verirrt hat, erst ihren tiefen kulturellen Hintersinn und ihre soziale Brisanz.

Tschernobyl hat von einem Tag auf den anderen bewußt werden lassen, was schon längst gilt: Nicht nur im Atomzeitalter, auch im Umgang mit chemischen Giften in Luft, Wasser, Nahrungsmitteln usw. haben sich die Besitzverhältnisse im Zugriff auf Wirklichkeit grundlegend verändert. In einer berühmten Analogie gesprochen: Die private Verfügung über die Wahrnehmungsmittel ist aufgehoben. Die Sinne sind – in der vollen Pracht ihrer Wirklichkeitsbilder – enteignet worden. Uns geht es nicht anders als den Salatköpfen, warum auch: Ebenso wie der Salat (grün, frisch und knackig wie immer), der verseucht ist oder als verseucht gilt (dieser Unterschied wird unerheblich), in den Händen seines Besitzers ökonomisch und sozial verdorrt ist, ebenso sind unsere Sinne im Angesicht der atomaren Gefahr nutz- und funktionslos geworden. Worüber wir uns durch ihre volle Funktionstüchtigkeit nur zu leicht und gerne hinwegtäuschen lassen.

Die Freischaltung des Textes war, wie angekündigt, befristet. Für 2 Euro lässt sich der komplette Text als pdf jederzeit im Volltext-Archiv abrufen.


1 Kommentare

  1. Michael sagt:

    Vergelt’s Gott!

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