Jürgen Habermas zur Universität

Seit den späten 1950er Jahren hat sich Jürgen Habermas immer wieder mit Beiträgen im Merkur in die Diskussionen um die bundesdeutschen Universitätsreformen eingeschaltet. In Begleitung zu unserem Heftschwerpunkt „Zur Lage der Universität“ bringen wir Auszüge aus drei Habermas-Texten, außerdem ist sein Text Universität in der Demokratie – Demokratisierung der Universität” von 1967 freigeschaltet.

Über die Einheit von Forschung und Lehre schreibt Habermas 1957 in „Das chronische Leiden der Hochschulreform“:

„Diese Einheit gründet sich auf die Einsicht, daß Wissen sinnvoll stets nur in seiner Bewegung ergriffen und daher nicht in einer zu Zwecken der Lernbarkeit abgerichteten Gestalt schulmeisterlich wie eine Ware ausgeliefert werden kann. So soll sich die Lehre des Professors vom gewöhnlichen Unterricht dadurch unterscheiden, daß sie die mitgeteilten Inhalte auf die methodischen Grundlagen ihrer Ermittlung hin transparent macht. Die Wiederholung dessen, was andere erforscht haben, soll zurückstehen hinter der Entfaltung des Problemhorizontes und der Anleitung zur methodischen Arbeit. Wissensbesitz soll zurückstehen hinter einem Wissen, das der Lehrer in ‚Fluß hält’ und das den Studenten anregt teilzunehmen.”

Und zum Unzeitgemäßigen der Universität:

„Die Einsicht, daß Wissenschaft einer gewissen Unzeitgemäßheit institutionell sich versichern muß, bedarf strenger Nüchternheit. Sie hat sich auf das karge, jeden romantischen Schleiers bare und dabei einigermaßen abstrakte Argument zu beschränken, daß gegenwärtig die auf den Universitäten etablierten Wissenschaften zur Gesellschaft sich in Spannung halten müssen, sollen nicht deren Verhältnisse die kritischen Kräfte ganz in Fesseln schlagen. So mag der progressive Geist auch in den Universitäten ein Bündnis eingehen mit gewissen archaischen Elementen ihrer inneren und äußeren Verfassung (Vorlesungsstil, Senatsverfassung, Selbstverwaltungsprivilegien usw.), um für die Freiheit – die nur auf Umwegen ihren kürzesten Weg findet – verwaltungsfreie Reservate herauszuschinden.“

1963 versucht Habermas, den Begriff der „akademischen Bildung“ neu zu bestimmen; in „Vom sozialen Wandel akademischer Bildung“ heißt es:

„Der Anspruch des Neuhumanismus, die Orientierung im Handeln auf den Hochschulen zu institutionalisieren, damals schon legitim, ist heute dadurch, daß die praktischen Fragen durch Vermittlung der Wissenschaften selber motiviert sind, noch unabweisbarer geworden. Bei Strafe der von Vico vorausgesagten Barbarei der Reflexion dürfen wir die Rationalisierung nicht an den Grenzen des Bereichs technischer Verfügung stillstellen. Mit der Atombombe läßt sich nach den machtpolitischen Faustregeln einer dreitausendjährigen Militärgeschichte nicht leben, und das ist nur ein drastisches Beispiel. Der vorwissenschaftliche Horizont der Erfahrung wird infantil, wenn der Umgang mit den Produkten angespanntester Rationalität auf naive Weise in ihn eingelebt werden soll. Eine wissenschaftliche Orientierung im Handeln aber ist das, was man früher akademische Bildung nannte. Diese ist nicht als museumsreifer Bestand einer liebgewordenen Tradition der Pflege bedürftig, sondern ein von den objektiven Folgen des Forschungsprozesses erzwungenes und nur in ihm selber einlösbares Desiderat.”

In „Demokratisierung der Hochschule – Politisierung der Wissenschaft“ von 1969 schreibt Habermas über studentische Teilhabe:

„Studenten sind junge Erwachsene, die nicht Spielwiesen für Unmündige (nach dem Modell der Schülermitverwaltung) brauchen, sondern Mitbestimmung auf der Grundlage einer, sei es auch erst antizipierten Mündigkeit. Dieses Erbe der Humboldt-Universität sollten wir nicht vorschnell preisgeben.“


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