Die Angst vor der Leitkultur

Ausgerechnet den Begriff »Leitkultur« für etwas an sich richtig Gedachtes zu wählen, hieß dem Pietismus der ideologischen Leisetreterei ein Geschenk zu machen. Daß die häßliche Metapher nun auch noch einhergeht mit dem größten Reizwort für den hiesigen Politmoralismus, nämlich »deutsch«, erklärt die wü- tende, die herablassende oder die moralisch erpresserische Reaktion. Aber auch wenn es nicht das Wort »Leitkultur« gewesen wäre, sondern »kulturelle Norm«, also der Hinweis darauf, daß in komplexen Gesellschaften bei aller privaten Liberalität so etwas wie eine historische und mentale Dominante vorherrschen müsse, wäre die Aufregung nicht minder gewesen. Denn eine solche Norm könnte hier nicht türkisch, arabisch, südamerikanisch oder russisch sein, sondern sie müßte eben deutsch sein. Daß Freundschaft mit Ausländern immer schon zum Reichtum einer Person gehörte, daß Internationalität das Salz einer nationalen Kultur ist, ändert an der Wichtigkeit des Normbegriffs nichts, sollte jedenfalls kein Anlaß sein, die Kategorien, um die es hier geht, zu verwechseln.

Was ist eine kulturelle Norm? Sie hat zweifellos zwei Seiten, eine funktionale, das ist die harmlose, und eine substantielle, das ist die gefährliche. Man verdeutliche es sich an einem weniger verdächtigen Beispiel: Wenn es in Frankreich gelingt, wenigstens eine Minderheit der arabischen und schwarzafrikanischen Einwandererkinder aus den ehemaligen Kolonien politisch und sozial zu integrieren, dann nur, wenn das republikanische Ideal prägend funktioniert. Dazu gehört nicht nur das Erlernen der französischen Sprache in den Schulen über das für den Supermarkt Notwendige hinaus, sondern dazu gehört ein bestimmtes mentales und rituelles Verhalten, dessen Ansprüche in dem Maße zunehmen, je ehrgeiziger die beruflichen Ambitionen sind. Bisher gelang es noch kaum einem Schwarzen oder einem »Beur«, in Politik, Journalismus, den freien Berufen oder den Wissenschaften Karriere zu machen − dafür bekanntlich im Sport und in der Unterhaltungsindustrie um so mehr. Aber der Aufstieg in die höhere gesellschaftliche Arena wird folgen, und dort wird sich der also Promovierte als »kultureller« Franzose darstellen. Er wird diese Karriere nicht, wie in der Unterhaltungsindustrie, als kultureller Schwarzer oder Araber machen können. Nicht, weil er seine Ursprungskultur als minderwertig anzusehen hätte, sondern weil die französische Kultur ein System darstellt.

Die Vorstellung von multikulturellem Miteinander war immer schon intellektuell naiv, in gewisser Weise sogar politisch fahrlässig, weil sie über den privaten Erfahrungsraum individueller Beziehungen nicht hinausdachte und deshalb nicht die strukturell gegebene Grenze des multikulturellen Ideals erfaßt. Die zur Zeit wieder zu hörende Berufung auf die Tradition der Aufklärung ist völlig irrig, denn die politische Aufklärung hatte keine zentrifugale multikulturelle Gesellschaft im Sinne, sondern ganz im Gegenteil eine homogene, die allerdings jedem bisher Fremden exklusiven Zutritt gewährte.

Was sich am französischen Modell der Republik erkennen läßt, zeigt sich genauso am britischen Beispiel: Wenn Teile der asiatischen oder westindischen Minoritäten zwar nicht zu Engländern, so doch zu Briten werden können, dann nur, wenn sie in Sprache und kulturellem Verhalten den britischen Zivilisationscode übernehmen. Infolge der derzeitigen Krise dieses Codes − als Folge der endgültigen Auflösung der letzten Reste dessen, was vom Empire blieb − ist diese Integration sehr viel schwieriger geworden, und ganze Teile englischer Städte verharren deshalb in ghettoartiger Fremdheit gegenüber der englischen Mehrheit; ein Beispiel dafür, was geschieht, wo kulturelle Norm nicht mehr funktioniert. Hierfür gibt es in der britischen Kolonialtradition schon die Vorgeschichte im Prinzip der »Home Rule«: daß die jeweiligen eingeborenen Untertanen ihrer britischen Majestät ihre inneren Angelegenheiten selbst ordnen, sofern kein Konflikt mit den Interessen der britischen Herrschaft entsteht − Inder sollten keine Briten werden. Ganz im Gegensatz hierzu das Prinzip der »France d’outre-mer«: So viele wie möglich, arabische, asiatische und schwarzafrikanische Kolonialkinder, wurden in französischen Schulen vor allem nach dem Zweiten Kaiserreich zur Idee der Republik erzogen, das heißt − die große Revolution wollte das schon − zu kulturellen Franzosen.

Es wird hier auch deutlich, daß das Verhältnis von Integration und kultureller Norm ein Verhältnis innerhalb der Minorität bleibt. Insofern läuft das Fuchteln mit dem Argument, daß die Masse der modernen Konsumgesellschaft ohnehin nicht nach kulturellen Normen lebe, ins Leere: Die kulturelle Prägung blieb und bleibt unbeeinflußt von den Unterschichten. Das gilt nicht bloß für die Kinder der ehemaligen Kolonien, sondern ebenso für die weiße Unterschicht. Trotzdem unterliegen selbst diese Schichten bei jeder sozialen Handlung, die sie begehen, dem generellen kulturellen Regulativ.

 

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Soweit die funktionale Seite der kulturellen Norm. Mit der substantiellen betreten wir das eigentlich verminte Gelände. Man könnte denken, daß das, was die kulturelle Norm allen Franzosen funktional abverlangt, nichts anderes sei als die Ausübung eines Verfassungspatriotismus, den erstmalig die Soldaten der Ersten Republik praktizierten, bevor dann Napoleon den revolutionären Auftrag, die Menschheitsideale in allen Ländern zu verbreiten, im Sinne eines autochthonen französischen Patriotismus (um nicht zu sagen: Chauvinismus) ver- änderte. Es wäre aber naiv anzunehmen, der ursprüngliche Stolz auf die neue republikanische Verfassung und ihre Ideale der Gleichheit und Brüderlichkeit sei jemals losgelöst gewesen von einem historisch tieferliegenden Nationalbewußtsein im vorrevolutionären Frankreich. Und selbstverständlich läßt sich die Idee der aktuellen Fünften Republik nicht auf den Katechismus der Verfassungsbestimmungen reduzieren, sondern die ganze französische Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts, ihre Mythen und Symbole, sind in der Vorstellung von der Republik vorhanden, wo es denn noch die Vorstellung von Republik gibt. Hier, an der substantiellen Seite, zeigt sich dann abermals, wie schwierig der Weg der jungen Schwarzen und Nordafrikaner ist, der kulturellen Norm zu entsprechen, und es ist absehbar, daß nur wenige dazu bereit sein werden.

Will man die deutsche Situation pointieren, so muß man zuallererst feststellen, daß sie gerade deshalb prekärer ist als die französische oder selbst die englische, weil die fremdländischen Minderheiten hierzulande − die ohnehin in keiner kolonialen Beziehung zu Deutschland stehen − nur noch mit einer Schwundstufe von kultureller Norm, dem einzigen Horizont der Integration, konfrontiert werden, und diese, das hat die Polemik gegen das Wort »Leitkultur« gezeigt, soll auch noch zum Verschwinden gebracht werden. Lassen wir beiseite, daß die zentripetale Gewalt in Deutschland schon immer durch die zentrifugale Tendenz geschwächt war und fragen einfach: Was ist die Schwundstufe einer kulturellen Norm? Dazu müßte man wissen, was die kulturelle Norm in ihrer vollen Entfaltung einmal war. Nach Ansicht internationaler Kultursoziologen gehörten etwa die in Deutschland entstandene Wissenschaft und ihre Institutionen, gehörte die deutsche Sprache als deren weltweit geltendes Medium zu den zwei, drei die zivilisierte Welt prägenden Kulturen. Diese internationale Wertung hat nicht gezögert, sie als »Leitkultur« zu bezeichnen. Was seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts an philosophischen Systemen, an Naturwissenschaft und Technik sich in Deutschland entwickelte, hat das internationale Denken bis heute zutiefst geprägt.

Solche Eminenz wurde begleitet von der weltweiten Wertschätzung der Musik, die − selbst ohne ihre spätere Ideologisierung − in den Tonphantasien Bachs, Beethovens und Wagners auch als Ausdruck der neu entstehenden kulturellen Norm und ihres Anspruchs verstanden werden kann. Um so mehr, als ihr von der Generation der Schiller, Hölderlin, Fichte und Schlegel schon die Idee einer intellektuellen Suprematie der deutschen Sprache geliefert wurde, spezifischer: die Idee von einer Vorherrschaft des »Geistes«, dem die deutsche Sprache als das historische Medium diene − eine Idee, die selbst noch der gegenüber dem politischen Deutschland kritisch-ironische Heinrich Heine in seiner Weise weiterentwickelte, indem er aus der Überlegenheit der deutschen Philosophie die deutsche Weltrevolution prophezeite. Das war alles anmaßend genug, aber eben doch auch eine Self fulfilling prophecy, eine Anmaßung, der Epochen stupender intellektueller Brillanz folgten. Die zahlreichen Nobelpreise für Physik und Chemie für die Forscher aus Göttingen, Berlin und anderen Universitäten zwischen 1901 und 1933 waren der objektive Ausdruck dafür, bis die Nazis dem ein Ende bereiteten. Die derzeitige Misere der Naturwissenschaften in den Schulen ist die letzte Entwicklung.

Wenn dieser Tatbestand mehr oder weniger verdrängt wird − so verdrängt wie zunächst das Dritte Reich selbst − oder auf die Karikatur der kleinbürgerlichen Fetischisierung dieses Ruhmes (»am deutschen Wesen soll die Welt genesen«) verengt wurde, dann hängt das natürlich mit dem vermuteten Zusammenhang der Weltgeltung deutscher Wissenschaft einerseits und dem sogenannten Griff nach der Weltmacht andererseits zusammen: Kultur contra Zivilisation and all that. Daß es überhaupt zu der hypertroph formulierten Kulturidentität kam, hat etwas zu tun mit dem Defizit an politischen Institutionen im frühen 19.Jahrhundert, mit dem Mangel an politischem Bewußtsein überhaupt. »Geist« statt politischer Praxis. Deshalb aber diesen Anteil am deutschen Selbstverständnis, also den Geist, zu verleugnen, wie das von einer pädagogisierenden Elite aus ideologiekritischen Gründen oder neuerlich aus egalitären Gründen (»die Mehrheit versteht nichts von Kultur«) versucht wird, heißt, die komplexe jüngere deutsche Geschichte nicht zu akzeptieren, sie durch eine simplizistische Einfahrt in die gesamteuropäische Zukunft zu ersetzen.

Und damit ist auch das Phänomen der Schwundstufe kultureller Norm berührt: Viele Erscheinungen des derzeitigen deutschen Kulturausdrucks − die schwindende internationale Attraktivität der deutschen Universitäten, die Nichtexistenz einer dem Niveau der angelsächsischen Popmusik vergleichbaren Musikszene, die Provinzialität der bundesrepublikanischen Filmproduktion − würden in ihrem Ausmaß erst sichtbar, wenn man sie mit den früheren Kapazitäten in Wissenschaft, Musik und Film vergliche. Aber das geschieht nicht. Daß eben dieser Vergleich nicht stattfindet, ist der triumphale Ausdruck solchen Genügens. Und da man glaubt, die einstige Größe auf deren Perversion reduzieren zu können, bleibt für die Situation vor allem eins charakteristisch: daß jede Form von kulturellem Paradigma als des Teufels erklärt wird. Es ist die falsche gedankliche Konsequenz, die aus dem einstigen Glanz einer deutschen Kulturidentität gezogen wird. Daß man einmal die deutsche Identität über eine anma- ßende kulturelle Norm definierte, sollte keine Begründung dafür liefern, heute den Rang jener Kultur zu verschweigen und gleichzeitig Mittelmäßigkeit zur Norm zu machen.

Strukturell ist diese Art von Kulturpolitik eine Variante der amerikanischen Universitätsdebatte um die Verbindlichkeit der großen angelsächsischen Literaturtradition der Shakespeare, Donne und Milton. Machen wir es kurz: Wenn an den Universitäten Kaliforniens − dessen Bevölkerung inzwischen mehrheitlich nicht mehr angelsächsisch-europäischer, sondern lateinamerikanischer, asiatischer und schwarzer Herkunft ist (was nicht bedeutet, daß ähnliche Relationen in absehbarer Zeit für die Vereinigten Staaten als ganzes gelten) − diese gesamte Tradition angezweifelt würde, wäre das verständlich, aber kein Argument dafür, daß an amerikanischen Universitäten schlechthin der Code der angelsächsischen Literaturtradition entwertet werden sollte. Nämlich deshalb nicht, weil er nicht durch ein intellektuell gleichrangiges − was sollte das sein? −, sondern durch ein intellektuell unterlegenes Modell ersetzt würde. Alles weitere dazu ist bei Harold Bloom nachzulesen.

Die deutsche Parallele liegt darin, daß das Paradigma einer grandiosen kulturellen Kapazität mit den Mitteln des politischen Verdachts erledigt werden soll. Dabei sind die sozialpsychologischen und politischen Umstände allerdings gravierend andere als in den USA. Dort gibt es viele Institutionen, wo Eminenz gefördert, strategisch herangebildet wird. In Deutschland fehlen sie. Und es ist hier auch nicht so, daß es nur die Erben jener kulturellen Norm sind, die diese nun aufkündigen, sondern daß es solche Erben überhaupt nicht mehr gibt. Daß die Entwicklung dahin kam, intellektuelle Elitebildung nicht zu fördern, an Universitäten das Mittelmaß zu züchten, Eminenz nicht zu belohnen, das alles hat zweifellos eine ideologische Ursache, die mit dem kulturellen Selbsthaß der älteren linken Intelligenz zusammenhängt, unter der viele, gerade auch in akademischen Karrieren, aus nationalsozialistischen Elternhäusern stammen. Es hängt aber auch mit der inzwischen sich durchsetzenden Dominanz von Abkömmlingen nichtbürgerlicher Schichten in Politik und Wissenschaft zusammen. Die auffallende Abwesenheit historischen Bewußtseins innerhalb der jetzigen Bundesregierung ist Ausdruck dessen, daß man aus einem kulturellen Niemandsland kommt. Kenntnisse erwachsen nicht mehr aus der kulturellen Norm und der von ihr gesättigten kulturellen Erfahrung, sondern aus Kurzfassungen ideologischer Soziologie. Es liegt auf der Hand, daß die kulturelle Norm in Deutschland angesichts der zwei verlorenen Weltkriege nicht nur in ihrer Außenwirkung, sondern mehr noch in ihrer Innenwirkung auf der Strecke blieb, zunächst moralisch, dann sozial. Das ist vielleicht die verheerendste und wichtigste Konsequenz, die aber in Folge der Moralisierung jener Kriege unbenannt blieb. Der Moralisierung mußte es auch entgehen, welch faszinierender Widerspruch sich darin eröffnet, daß unsere einstige kulturelle Norm in Gestalt von Philosophie und Kunsttheorie seit zwanzig Jahren die anspruchsvolle amerikanisch-französische Diskussion beherrscht, während die aktuelle kulturelle Norm Deutschlands − das ist die Leugnung des kulturellen Paradigmas − international ohne jegliches Interesse geblieben ist. Aber nicht nur die mangelnde Außenwirkung hätte alarmieren sollen, sondern die eigene Erkenntnis, was kulturelle Norm denn bedeutet. Das Bedauern über ihr Verschwinden statt frenetischer Akklamation hätte ein befreiendes Nachdenken hervorrufen können. Das Verschwundensein dessen, was einmal deutsche Kultur und ihre normative Wirkung genannt wurde, ist kein Anlaß zum Jubel, sondern zur Besorgnis, weil man beim Andauern dieser Lage (im Falle eines großen europäischen Wirtschaftsstaats mit der größten europäischen Bevölkerung) in politische Schieflage geraten könnte. Staaten ohne kulturelle Norm, und das heißt ohne den Anspruch auf deren Wirkung, sind wie eine Schiffsbesatzung, die aus Angst vor dem Wind nicht segeln will.

Das Wort »Leitkultur« sagt im Unterschied zu vielen Begriffsbastarden, was es meint. Der beliebteste Kultur-Bastard ist seit einiger Zeit der Begriff »Streitkultur«: In ihm kommt die ganze Neurotik des deutschen kulturellen Mittelmaßes verheult zu ihrem Ausdruck, denn der Begriff will gerade den Streit, den er ankündigt, vermeiden. Man will nicht Streit, sondern Versöhnung. Charakteristischerweise ist »Streitkultur« das eigentliche Erkennungswort derjenigen, die den Begriff »Leitkultur« zu skandalisieren versuchten. Erbärmliche Aussichten.


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